Das Symbol des >>Ehernen Meeres<<


  Während die imaginativen Bild-Darstellungen der Propheten, wie die Vision des Ezechiel, der übersinnlichen Anschauung noch nahestehen, verliert sich die unmittelbare übersinnliche Anschauung  im Laufe der Zeiten, je mehr das irdische Bewußtsein das geistige Anschauen zum Verlöschen bringt. Daher treten in dieser Periode Zeichen und Symbole auf, die auf die übersinnliche Anschauung nur hinweisen.

  Es ist charakteristisch, daß verschiedene Symbole des Salomonischen Tempels nicht aus der jüdischen Überlieferung, sondern aus heidnischen Quellen stammen. Dadurch konnte der Salomonische Tempel in seiner reichen Symbolik später zum Schulungsobjekt für das Rosenkreuzertum und die Freimaurerei werden. Das >Eherne Meer< (1Kön7.23ff) bestand aus einem auf zwölf Stieren ruhenden großen Behälter. Stiere galten im alten Orient als die volkstümlichen Sinnbilder für die Fruchtbarkeit und werden auch sonst im Zusammenhang mit lebenspendenden Wassern von Flüssen erwähnt... Das >eherne Meer< hatte einen Durchmesser von fünf Metern und eine Höhe von 2,5 Metern und faßte etwa 45000 Liter. Es war mit Wasser angefüllt und diente den Priestern für ihre Waschungen; dieser praktische Zweck dürfte jedoch etwas Sekundäres sein. In ihrem Ursprungsland Mesopotamien hatten Becken dieser Art eine kosmische Symbolik gehabt. Sie weisen auf den Ozean als Lebensspender hin. Der Zusammenhang zwischen JHWH und dem Meere erscheint gelegentlich in der Mythologie: >Die Herrlichkeit des Gottes Israel war von Osten her mit dem Rauschen großer Wasser gekommen< (Ezechiel43,1ff)... Die zehn fahrbaren Becken ruhen auf mit Rädern versehenen Gestellen (1.Kön.2,27f), die reich mit Tier-, Pflanzen- oder Linienmotiven verziert waren (Stiere, Löwen, Keruben, Palmetten, Spiralfiguren). Ursprünglich sollten diese symbolischen Wagen wohl die Regenjahre darstellen und mögen in einem Ritus zur Herbeizwingung des Regens verwendet worden sein< (30. Ernst Ludwig Ehrlich: Symbolik der Religionen). Daß es sich bei diesem Symbol um eine tiefere Bedeutung handelt, geht schon aus der Tempellegende hervor, in der es eine zentrale Rolle spielt. Hängt doch vom Guß des >Ehernen Meeres< alles ab. Wenn die >drei üblen Gesellen< den Guß vereiteln, der durch eine Mischung der sieben Metalle eine harmonische Einheit bewirken soll, so wird damit auf den esoterischen Hintergrund hingewiesen. Denn diese >drei üblen Gesellen<, die den Guß verhindern, leben im Menschen selbst. Es sind der Aberglaube, die Illusion und die Überschätzung der eignen Persönlichkeit. Sie sind es, welche den Meister Hieram töten!

  Sind die Symbole des Salomonischen Tempels wie die über der Bundeslade schwebenden Cherubimgestalten der saturnischen Vergangenheit zugewandt, alles betonend, was mit dem Jahwedienst zusammenhing, die Geburtsmysterien, so blicken die aus den Sonnen-Mysterien der heidnischen Völker hinzugefügten Symbole in die Zukunft. Sie sollten sich erst im Laufe der Menschheitszukunft erfüllen. Daher wohnt ihnen ein prophetischer Charakter inne. Das gilt vor allem vom >Ehernen Meer<. Es stellt das Symbol des Menschen dar, der die gegensätzlichen Seelenkräfte in sich zur höheren Einheit läutert und harmonisiert. Daher spielt dieses Symbol eine so bedeutsame Rolle in der Tempellegende der Rosenkreuzer, wie sie dann durch das Freimaurertum übernommen wurde.

  Zwei Kräfte beherrschen den Menschen: Die eine Kraft ist die Weisheit, die in ihrer abgeklärten Form einen unpersönlichen Charakter trägt. Die andere Kraft ist die Liebe. Sie offenbart sich zuerst im Trieb der Geschlechterliebe, in der Gattungs- und Familienliebe. Solange der Mensch als Gattungswesen im Schoße der Blutsgemeinschaft geborgen war, wie e im alttestamentlichen Volke der Fall war, unterstand dieser Trieb einer höheren Lenkung. Mit der Emanzipierung des Menschen aus den alten Rassebanden trat das Ich in seine unumschränkten Rechte: Es durchbrach alle Schranken, um sich durchzusetzen. Und doch lebt in diesem dionysischen Trieb der Freiheitsdrang des vorwärtsstürmenden Menschen, der nicht von oben geleitet sein will, sondern der sich die Erkenntnisfackel selbst erobern will: >der sich die Wahrheit leidend erst erhandelt<...


(Gedicht von Christian Morgenstern: "Lucifer" - >Ich will mein Licht vor eurem Licht verschließen, ich will euch nicht, ihr sollt mich nicht genießen, bevor ich nicht ein Eigenlicht geworden. So bring ich wohl das Böse in Erscheinung, als Geist der Sonderheit und der Verneinung, doch neue Welt erschafft mein Geisterorden. Aus Widerspruch zum unbeirrten Wesen, aus Irrtum soll ein Götterstamm genesen, der sich aus sich – und nicht aus euch – entscheidet. Der nicht von Anbeginn in Wahrheit wandelt, der sich die Wahrheit leidend erst erhandelt, der sich die Wahrheit handelnd erst erleidet.“)

 

  Diese Gegensätze leben in jedem Menschen. Gibt sich der Mensch selbstlos nur der Weisheit hin, die er von oben empfängt, so droht ihm die Gefahr, im Gebot und Gesetzeszwang zu erstarren. Die eigene Persönlichkeit verkümmert und verhärtet, wie es im Pharisäertum der Fall war. Das jüdische Volk beschritt diesen Abelweg der von den Vätern überkommenen Weisheit, die ihm durch das Gesetz von außen gegeben war.

  Geht der Mensch den anderen Weg und will nur anerkennen, was er aus sich selbst erringt, indem er den dionysischen Funken zur Flamme entzündet, so droht ihm die Gefahr des ungehemmten Egoismus, der sich die Welt erobert, sie aber nur seinem Eigennutz unterwirft.

  Der erste Weg mündet in die Unterwerfung unter das kirchliche Dogma und macht den Menschen abhängig von der Priesterschaft, die ihm zuletzt die Mündigkeit des eigenen Geistes abspricht, wie es im Konzil von Byzanz 869 geschah, das dem Menschen die Autonomie seines Geistes aberkannte. Fortan verwaltet die Kirche den Geist de Menschen und nimmt ihn für sich in Anspruch. In dieser von oben gelenkten Weisheit kann sich der Mensch niemals zur Freiheit entfalten. Bis in die intimste Sphäre seines privaten Lebens bleibt er abhängig von den Geboten der Kirche und deren Leitung. Die Kainsströmung hingegen, die den Menschen zur Freiheit führt, mündet zuletzt in die Zerstörung ein: Es ist der Weg, den die moderne Naturwissenschaft beschritten hat. Beide Wege führen in ihrer Einseitigkeit in eine Sackgasse und werden dem Menschen zum Verhängnis. Sie stehen sich als Glauben (Abel) und Wissen (Kain) gegenüber.

  Eine Lösung dieses Menschheitsproblems ist nur durch eine Synthese beider Gegensätze möglich. Die Abel- und Kainsströmung müssen sich verbinden. Was in der Tempellegende angedeutet wird, sich aber damals zur Zeit Salomos noch nicht erfüllen konnte, weil die dritte Kraft noch nicht auf Erden wirksam war, das sollte sich durch das Christusopfer erfüllen. Lazarus, der Kainssohn, wird vom Christus selbst eingeweiht und als Jünger, den der Herr liebt, aufgenommen in die Abelströmung der andern Jünger. Diese Vermählung wird im Zeichen des Sechsecks versinnbildlicht. 

 

 

 

 

   Von dem irischen Steinkreuz in Killinaboy, das bis in die Bronzezeit datiert wird, wird gesagt, daß es eine Versinnbildlichung des Gegensatzes von Kain und Abel sei, die zusammengehören, aber noch nicht sich gegenseitig wahrnehmen können. Erst die Geschehnisse von Golgatha ermöglichten die Wiederverbindung der Gegensätze.