Der neue Mercurio als Ziel der Alchimisten

  Aus der verwirrenden Fülle der alchimistischen Symbole können hier nur einige der wesentlichsten herausgegriffen werden. Blicken wir noch einmal auf die Zeichen von Wasser und Feuer, die sich in den beiden Dreiecken mit der Spitze nach unten und mit der Spitze nach oben aussprechen. Es liegt im Wesen des rosenkreuzerischen Schulungsweges, in den äußeren Elementen zugleich seelische Qualitäten zu sehen, da ja der Mensch die Elemente von Erde, Wasser, Luft und Feuer in sich trägt. Der Schulungsweg führt auch heute durch dies ätherische Zwischenreich, das das Bindeglied zwischen Mensch und Welt, Innen- und Außenwelt bildet.

  Unter dieser Voraussetzung kann es verständlich erscheinen, daß das Zeichen für das Wasser auch das Sinnbild für die lebendigen Bildekräfte des Menschen ist, welche die Träger des unpersönlichen Weisheitselementes sind (Spitze nach unten). Jeder Blick in die Welt kann uns lehren, wie die Welt aus dieser objektiven Weisheit erschaffen wurde, die aus jedem Wesen uns entgegenkommt. Diesem Kosmos der Weisheit soll der Mensch einen neuen Kosmos der Liebe hinzufügen. Er ersteht aus der Kraft seines Ich, das sich zuerst in den niederen seelischen Trieben, in seinen Leidenschaften und Begierden, darlebt. So ist sein seelisches Wesen dem Feuer verwandt, das zuerst im Egoismus alles verzehrt, um sich dann in der läuternden Flamme zum selbstlosen Werkzeug des Geistes zu verwandeln. Diese Kraft spricht sich in dem anderen Dreieck mit der Spitze nach oben aus.

  Nun ist es ein Weltengesetz, daß sich Wasser und Feuer gegenseitig aufheben, indem sie sich bekämpfen wie zwei feindliche Brüder. Dies bestätigt sich auch im Menschen: Liebe und Weisheit sind zunächst unvereinbar in der Seele, das persönliche Liebesfeuer löscht die unpersönliche Weisheit au, und diese wiederum läßt keinen Raum für das Ausleben unserer persönlichen Triebe. Wer hierüber einmal nachdenkt und sich daraufhin prüft, der wird entdecken, wie in der Tat zwei Kräfte in der Seele sich ständig bekämpfen, die schwer zu vereinen sind. Es gibt Zeiten in unserem Leben, in denen wir mehr der unpersönlichen Weisheit hingegeben sind, während dann wiederum solche Perioden kommen, wo das persönliche Element seine Rechte fordert.

Die Vereinigung von Feuer und Wasser ist die eigentliche Aufgabe der Menschheit. Das Element der Weisheit, dargestellt im Wasser, soll sich mit dem Element der Liebe, das sich aus dem Feuer heraus läutert, verbinden (Jung: Psychologie und Alchimie, Rascher Verlag Zürich S224)

Wie sich Liebe und Weisheit, das persönliche und das unpersönliche Element, im Menschen vermählen können, das drückt das Zeichen des Hexagrammes aus:

 

 

 

 

  Es ist der Schlüssel für die Menschheitszukunft, die sich in der sechsten nachatlantischen Kultur erfüllen soll, welche wir gegenwärtig vorzubereiten haben. Nicht zufällig ist das Symbol des Hexagrammes, der >Davidstern<, der salomonischen Tempelweisheit entnommen. Stammen doch viele Symbole der Rosenkreuzer, wie sie heute noch im Freimaurerkult gebraucht werden, aus der Tempelsymbolik des Alten Testamentes, welche die zukünftigen Menschheitskräfte vorzubereiten hatte. Wie sich Weisheit und Liebe miteinander zu einer harmonischen Einheit verbinden können, das kann uns jedes Wort des Christus lehren. Während die vorchristliche Weisheit das unpersönliche Element pflegte, das gleichsam noch über dem Menschen schwebt (Wasser), ist jedes Wort des Christus Jesus von einem inneren Feuer durchpulst, das die unpersönliche Weisheit durchglüht und mit dem Ich verbindet, so daß sie ins Menschenherz einziehen kann. Diese Verbindung wurde im Symbol des >Ehernen Meeres< dargestellt, das neben der Bundeslade einen wichtigen Bestandteil des salomonischen Tempels bildete. Es war das Sinnbild für den Menschen, in dessen Seele die Verbindung zwischen Wasser und Feuer, Weisheit und Liebe zu einer dauernden geworden ist.

  Indem der Mensch die zwei Seiten seines Wesens, die man auch den männlichen und den weiblichen Seelenpol nennen kann, harmonisiert, gebiert er den neuen Merkurius (Paulus nennt ihn den >Neuen Adam< - KK), das Ziel der Menschheitsentwicklung. Das war das geheime Ziel der alchimistischen Verwandlungskünste. Hiermit ist zugleich auf das Geheimnis des androgynen Menschen hingewiesen, der die Geschlechtertrennung wieder aufhebt und zu ihrem Ursprung vor dem Sündenfall zurückführt, als der Mensch noch männlich-weiblicher Natur war (1.Moses 1,27, 10. Vgl. Gerhard Wehr: Der androgyne Mensch. Die Kommenden Freiburg i.Br.).

  Überall ergeben sich weite Weltperspektiven der Menschheitsentwicklung, wenn man die einzelnen Symbole zu lesen versteht; sie bilden eine Schrift, die mehr auszusprechen vermag als die begriffliche Sprache. Durch das rechte Zusammenfügen einzelner Symbole entsteht eine inhaltvolle Hieroglyphe, wie in der folgenden Zusammenstellung, die das Wesen des Menschen nach seinem physischen, lebendigen, seelischen Leib und seinem Ich darstellt, wie er aus der Erde vorangehenden Entwicklungszuständen entstanden ist:

Ich              Erde

Seelenleib     alter Mondenzustand

Lebensleib     alter Sonnenzustand

Physischer Leib     alter Saturnzustand

  Die vier Elemente bilden die Grundlage bilden die Grundlage des physischen Menschen nach Erde, Wasser, Luft und Feuer. In den drei Substanzen Schwefel, Merkur, Salz drückt sich das Wesen der lebenserfüllten Bildekräfte aus, wobei Schwefel im Stoffwechselprozeß, Merkur in den rhythmischen Prozessen und Salz im Sinnesnvervensystem wirksam ist. Die Dualität des Seelischen im männlichen und im weiblichen Seelenpol wurde immer als Sonne und Mond dargestellt, während das Ich der Erde zugehört. Die ganze kosmische Weltevolution kann aus einer solchen Hieroglyphe gelesen werden.

  Wem alles Vergängliche zum Gleichnis des Ewigen wird, für den wird die Welt durchsichtig, und er erblickt in allen Wesen die Urbilder des Geistigen. Der Schlüssel dazu liegt in der Weisheit seines Herzens. Dieser Schlüssel schließt die geheime Schatzkammer auf, deren Licht wie eine geheime Sonne ihm alles durchleuchtet. Dieser Weg nach innen muß sich dem äußeren Weg hinzugesellen. Im Grunde sind beide nur ein Weg, denn sie münden beide in die mütterlichen Quellkräfte der geistigen Wiedergeburt. Daher stellten sich auf dem inneren Wege der Meditation auch die gleichen Sinnbilder ein, doch jetzt al transparente Seelenbilder (Imaginationen), welche in der Meditation, wenn >Windstille< eingetreten ist, am Seelenhorizont auftauchen. Durch diese Bilder offenbaren sich die Wesen und Vorgänge in der geistigen Welt, sobald das Denken sich soweit erkraftet hat, daß es die in ihm waltenden Lebenskräfte ins Bewußtsein zu heben vermag. In der >Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreuz<, von Johann Valentin Andreae, auf die wir im nächsten Kapitel noch eingehen werden, sind eine Fülle solcher Imaginationen beschrieben. Auch sie tragen einen sinnbildlichen Charakter und müssen erst >gelesen< werden, um die durch sie sich offenbarenden übersinnlichen Kräfte und Wesen zu erkennen.

  Der Rosenkreuzerweg ist heute in der alten Form nicht mehr zeitgemäß. Nachdem das Denken sich in den letzten Jahrhunderten durch die naturwissenschaftliche Entwicklung soweit verselbständigt und erkraftet hat, daß es ein wirksames Werkzeug zum Erfassen auch geistiger Vorgänge geworden ist, kann das Übersinnliche durch das Denken aufgenommen werden, wenn dieses sich zur Selbstlosigkeit erzieht. In der modernen Geisteswissenschaft werden die geistig-übersinnlichen Gesetzmäßigkeiten in der Sprache des begrifflichen Denkens wiedergegeben. Der Weg allerdings, der zur eigenen geistigen Erfahrung führt, kann al die Fortsetzung des Rosenkreuzerweges bezeichnet werden, da er von denselben Voraussetzungen ausgeht. Daher ist die Beschäftigung mit den Symbolen der Rosenkreuzer eine Hilfe und Unterstützung für die dritte Stufe dieses Weges: das Lesen der okkulten Schrift. Denn auch heute erscheint die geistige Welt dem Schüler auf diesem Wege zuerst in der sinnbildlichen Zeichensprache der Imaginationen, die noch die gleichen Werte besitzen wie vor Jahrhunderten und Jahrtausenden.