Die chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz

    Wir können auf dieses Werk, das 1616 in Straßburg erschienen ist, hier nur vom Gesichtspunkt unseres Themas eingehen, da es sonst den hier gegebenen Rahmen überschreiten würde. Das deutsch-lateinische Titelblatt der Erstausgabe nennt keinen Verfasser. Freilich wurde er bald bekannt. Er war der später berühmt gewordene reformatorische Theologe Johann Valentin Andreae, der 1586 im württemberischen Herrenberg geboren, später Dekan in Vaihingen/Enz, Prälat in Calw, Hofprediger und Konsistorialrat in Stuttgart wurde und der am 27. Juli 1654 in Stuttgart gestorben ist. In drei Schriften erzählte er die Lehre sowie die Geschichte der Rosenkreuzer, wovon die >Hochzeit< die früheste, aber am spätesten veröffentlichte Schrift ist. In Kassel erschien 1614, ebenfalls anonym, die >Fama Fraternitatis<, die >an die Häupter, Stände und Gelehrten Europas< gerichtet ist und welche über die Entdeckung des Ordens der Rosenkreuzer berichtet. 1615 erschien in lateinischer und deutscher Sprache die >Confessio Fraternitatis<. Vom Begründer des Rosenkreuzerordens erfahren wir, daß 1486 im Alter von 106 Jahren gestorben sei und im Jahre 1459, also über achtzigjährig, jene Einweihung durchgemacht habe, durch der er zum Ritter des güldenen Steins und damit zum Kurator der modernen Esoterik des Abendlandes erhoben worden sei. Vorher habe er in jungen Jahren weite Reisen bis ins Heiligen Land und nach Arabien unternommen, wobei er zur Erkenntnis gekommen sei, daß der christliche Glaube mit der Erkenntnis der Welt zu einer Harmonie gebracht werden müßte. Er begründete dann in Deutschland die Bruderschaft der Rosenkreuzer, deren Ziel eine durchchristete Naturerkenntnis sowie eine neue soziale Ordnung war. Zahlreiche Impulse sind von diesem rosenkreuzerischen Wirken ausgegangen, wobei es allerdings schwer ist, den historischen Strom auf seine Quellen hin zu erforschen.

  Die wissenschaftliche Forschung betrachtet daher das Rosenkreuzertum als eine Erfindung des Tübinger Studenten Valentin Andreae. Sie kann sich dabei auf ihn selbst berufen, da er als würdiger Konsistorialrat sich von seinen Jugendschriften distanzierte. Wenn das Ganze nur ein >Studentenstreich< gewesen wäre, so bliebe es unbegreiflich, welche Wirkungen auf die gesamte abendländische Kultur davon ausgegangen sind! Wurden doch aus derselben Wurzel bedeutende Denker wie Jakob Bähme, Friedrich Oetinger, Saint Martin, Baader, ja selbst der junge Goethe befruchtet, der während seiner Krankheit in Frankfurt von dem herrnhutischen Fräulein von Klettenberg in die Rosenkreuzerweisheit eingeführt wurde, die er dann in seinem Fragment >Die Geheimnisse< dichterisch dargestellt hat.

  Wenn der Verfasser der >Chymischen Hochzeit< sein Jugendwerk später als >Posse voll abenteuerliche Auftritte, die sich zum Verwundern erhielt<, bezeichnete, so geht daraus hervor, daß er im eigentlichen Sinne nicht der Verfasser war. Wir haben es hier, wie oft, mit einem Werkzeug zu tun, dessen sich die geistigen Führungsmächte bedienten, um die Kultur mit einem neuen Impuls zu befruchten. Daher geht der Inhalt seines Werkes über seinen geistigen Horizont hinaus. Die moderne Geisteswissenschaft bestätigt die Realität der rosenkreuzerischen Impulse, als deren Träger Christian Rosenkreuz bezeichnet werden kann (11. Rudolf Steiner: Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz.. Hrsg: Dr.Walter Weber; vgl. auch Dr.Karl Heyer: Rosenkreuzerimpulse in der französischen Revolution, beide Freies Geistesleben Stuttgart).

  In der >Chymischen Hochzeit< wird der Weg beschrieben, der zu einer geistigen Verbindung der menschlichen Seele mit dem Geist der Welt führt. Doch handelt es sich hier nicht um die >Mystische Hochzeit<, wie sie im Mittelalter in der >communio mystica< gesucht wurde, um sich im Innern mit Gott zu verbinden, sondern um die Vermählung mit dem Makrokosmos, der als Weltengeist in der Natur gefunden werden kann. Damit schlägt die neuere Esoterik des Abendlandes denselben Weg ein, den die Naturwissenschaft heute beschreitet. Das Buch ihres Studiums ist für die Rosenkreuzer das >liber mundi<, das >Buch der Welt<. In allen äußeren Naturprozessen erblickten sie sinnbildliche Vorgänge für die Wandlungsprozesse der menschlichen Seele. Wie diese inneren alchemistischen Vorgänge zur Vermählung mit dem Weltengeist führen, das eben ist der Inhalt der >Sieben Tage< der >Chymischen (d.h. chemischen) Hochzeit<.

  Wir greifen einige der wesentlichsten Vorgänge hier heraus, um an ihnen die markantesten Symbole der Rosenkreuzer zu besprechen.

  Das Vorspiel, welches die Einleitung bildet, beginnt am Vorabend des Osterfestes. Während sich Christian Rosenkreuz in seiner Meditation darauf vorbereitet, erbraust auf einmal ein so heftiger Wind, >daß ich nicht anders meinte, als würde der Berg, darin mein Häuschen gegraben war, vor großer Gewalt zerspringen<. Da führt er sich auf den Rücken angerührt und erblickt, als er sich wendet, ein >herrlich schönes Weib, dessen Kleid ganz blau und mit güldenen Sternen wie der Himmel zierlich besetzt war<. - Sie überreicht ihm einen Brief, worauf das Symbol des Merkurs steht, welches die Einladung zur Teilnahme an des Königs Hochzeit enthält:

 

"Heut - heut - heut ist des Königs Hohe Zeit.

Bist du hierzu geboren, von Gott zur Freud erkoren,

Sollst auf den Gipfel gehn, darauf drei Tempel stehn, und selbst das Wunder sehn.

Halt Wacht! Auf deine Reinheit sei bedacht! Wirst du nicht fleißig baden, die Hochzeit kann dir schaden.

Wer nicht beherzt ergreift sein Glück, der wiegt zu leicht und bleibt zurück.<

  Darunter stand: Sponsus et Sponsa (Bräutigam und Braut).


   Mit den >drei Tempeln< ist auf jene drei Altäre gewiesen, die in Goethes Märchen von der grünen Schlange vorkommen, an denen der goldene, der silberne und der eherne König stehen als Repräsentanten des kosmischen Denkens (Weisheit), Fühlens (Kunst und Religion) und Wollens (soziale Impulse). Im Sinne der rosenkreuzerischen Gedanken, die zum Teil in das Freimaurertum eingeflossen sind, soll der Mensch das Schaffen der Natur fortsetzen. Zu den drei vorhandenen natürlichen Reichen des Mineralischen, Pflanzlichen und Tierischen fügt er durch Umwandlung seiner niederen Kräfte die Weisheit, den schönen Schein und die Staatenbildungen hinzu. In der Französischen Revolution traten diese Ideen als die Ideale von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit für das moderne Leben auf. (Vgl. hierzu die Idee der >Dreigliederung des sozialen Organismus< von Rudolf Steiner, welche auf den gleichen Impulsen und Einsichten beruht.)

  Der Mensch selbst also ist es, der durch sein geistiges Schaffen das Werk der Götter fortsetzt, wie es im rosenkreuzerischen Kultus zelebriert wurde. Und hier folgt als Intoitus zu diesem kultischen Geschehen die Turm-Imagination, die den rosenkreuzerischen Weg einleitet. Nach einem inbrünstigen Gebet, zwischen Hoffnung und Furcht schwebend, ob er sich reif zu dieser Hochzeit fühlt, legt er sich zur Ruhe. Darauf wird ihm ein symbolisches Traumbild zuteil: Er sieht sich in einem finsteren Turm mit unzähligen anderen Menschen an großen Ketten gefangen: >Wir waren ohne alles Licht, und es schien, als krabbelten wir wie die Bienen übereinander, wobei wir einer dem andern die Trübsal noch schwerer machten.< Darauf wird von oben eine Spalte aufgemacht, und es erscheinen ein eisgrauer Mann und eine alte Frau: sie verkünden, daß ein Seil zu sieben Malen hinabgelassen werde in den Turm, um diejenigen zu befreien und heraufzuziehen, welche sich daran festhalten können: >O wollte Gott, ich könnte richtig beschreiben, welche Aufregung uns da ergriff; denn jeder wollte das Seil erhaschen, und dabei hinderte doch nur einer den andern.< Da alle das Seil zuerst erhaschen wollen und sich dabei im Wege stehen, gelingt es nur wenigen, sich zu retten. >Ja, es wurde sogar noch mancher von einem der selbst nicht hinaufreichte, heruntergerissen. So waren sie also in ihrem großen Elend noch neidisch aufeinander. Die aber taten mir am allermeisten leid, deren Gewicht so schwer war, daß ihre Hand von ihrem Leib gerissen wurde.<

   Beim fünften Mal (!) wird sogar das Seil leer aufgezogen. Erst beim sechsten Mal gelingt es ihm, das Seil zu erfassen und hinaufgezogen zu werden, >bis ich mit andern Erlösten den siebten und letzten Zug tun geholfen. Da sah ich erst, daß mir das Blut bei der Arbeit über mein ganzes Kleid geflossen war, was ich vor Freude nicht beachtet hatte.<

  Diese Turm-Imagination stellt sich auf dem Rosenkreuzerweg ein, wenn der Mensch in der Meditation sich außerhalb seines Leibes erlebt und sein Verhältnis zu diesem vom Geistigen aus erkennt. Sie ist verwandt mit der besprochenen Imagination des Totengerippes, die ebenfalls das Wesen des physischen Leibes vom Geistigen aus offenbart.

  Der zweite Tag schildert die Reise zum königlichen Schloß, die er nun, gestärkt durch sein Traumbild, antritt. Als Wegzehrung nimmt er Brot, Salz und Wasser mit sich und vier rote Rosen. Er sieht sich nun vor einer Tafel am Wege, worauf vier Wege angegeben sind, von denen er einen wählen soll. Der erste Weg ist kurz und gefahrvoll, denn er ist voller Klippen (es ist die Überwindung des Intellekts). Der zweite Weg ist länger, weil er auf Umwegen geht (er führt nur durch Geduld ans Ziel); der dritte Weg ist der wahrhaft königliche: >Allein, er ist bis auf diesen Tag kaum einem unter Tausenden geglückt< (er erschließt sich nur dem, der die Lebensreife dazu sich erworben hat). Der vierte Weg ist nur unzerstörbaren Leibern bekömmlich (da er die Widerstände der Gegenkräfte herausfordert).

  Als er schwankend vor der Tafel steht, welchen Weg er wählen soll, erscheint eine schneeweiße Taube, welcher er von seinem Brote gibt. Als darauf ein schwarzer Rabe auf die Taube niederfährt, eilt er dem Raben nach, um ihn zu verjagen. Dabei hat er, ohne es zu beachten, bereits einen der vier Wege eingeschlagen, und als er zurückkehren will, erhebt sich ein solcher Gegenwind, daß es ihm unmöglich ist, zurückzugehen. - Mit diesem Bild ist auf die tiefe Wahrheit hingewiesen, daß die Wahl unseres Weges nicht aus dem Intellekt erfolgen kann, sondern aus den tieferen karmischen Impulsen. Wir werden auch hier aus den unterbewußten Schicksalskräften geführt.

  So erreicht er das Schloß, an dessen Pforten ihn zwei Hüter erwarten, welche eine Wegzehrung von ihm erbitten, wofür er eine goldene Münze empfängt. Dem ersten Hüter reicht er von seinem Wasser, als Zeichen seiner Läuterung und Standhaftigkeit (>Wasserprobe<), dem zweiten gibt er von seinem Salz, wodurch der >grausame Löwe< an der Schwelle gebändigt wird. Das Salz ist das Sinnbild für die Frucht des denkerischen Studiums. Deshalb steht auf der Münze: >Dem Würdigen im Studium, Unterpfand des Bräutigams, Mineralsalz, Salz der Reinigung.<

  Er findet nun im Schloß ein wüstes Treiben. Die Gäste ergehen sich in Prahlereien und Übertreibungen: der eine behauptet, die platonischen Ideen schauen zu können, der andere hört die Himmel rauschen - womit auf die falschen Rosenkreuzer gedeutet ist.

  Nun folgt die Imagination der Fesselung. Den Gästen wird es durch die aufwartenden Diener freigestellt, zurückzutreten, wenn sie sich den Proben nicht gewachsen fühlen, während denjenigen, die die Prüfungen nicht bestehen, schwere Strafen bevorstehen. Im Gefühl seiner Schwäche und Ohnmacht tritt er mit einigen wenigen zurück, welche darauf gefesselt werden und im Saal die Nacht bleiben müssen. >Da fing bei manchem erst das Wasser über den Rand zu laufen, und auch ich selber konnte mich des Weinens nicht mehr erwehren.<

  Das Empfinden der eignen Ohnmacht, wie es in der Imagination der Fesselung zum Ausdruck kommt, entbindet im Willen Kräfte, die die Seele in die geistige Welt tragen, während diejenigen, die leichtfertig weiterdringen und auf die eigne Stärke pochen, am folgenden Tag zurückgeworfen werden.

  Dies wird dann als Inhalt des dritten Tages geschildert. Nur wenige können die Probe auf der Waage bestehen und allen sieben Gewichten standhalten. Als man ihn auffordert, die Probe auch zu wagen, besteht nicht nur für sich, sondern kann noch einen Gefangenen erlösen.

  Für die Richtung des Rosenkreuzerweges sind vor allem der vierte und der fünfte Tag von Bedeutung. Im vierten Tagwerk wird die Enthauptung der Könige beschrieben: >Gleich darauf wurde ein Glöcklein geläutet; darüber erbleichten alle königlichen Gäste so sehr, daß wir gar verzagen wollten. Sofort legten sie ihre weißen Kleider ab und zogen kohlschwarze hervor. Ebenso wurde auch der ganze Saal mit schwarzem Samt verhängt...< Nachdem die Jungfrau den sechs königlichen Gästen die Augen verbunden hatte, werden sechs verhüllte Särge hineingetragen. >Endlich trat in den Saal herein ein kohlschwarzer langer Mann, der trug in der Hand ein scharfes Beil. Nun wurde zuerst der alte König auf den Sessel geführt und ihm das Haupt flugs abgeschlagen. Dann wurde er in ein schwarzes Tuch eingewickelt, sein Blut aber in einem großen goldenen Pokal aufgefangen... So erging es auch den andern, so daß ich schließlich glaubte, die Reihe werde auch an mich kommen... Da erschien mir wahrlich eine blutige Hochzeit.<

  Nachdem auch der Henker geköpft worden ist, spricht die Junfrau zu ihnen: >Dieser Leben steht nun in eurer Hand, und da ihr mir folget, so soll ihr Tod noch viel Leben zeugen!< Man versteht den tieferen Sinn dieser Imagination erst, wenn man die anschließende Imagination, die sich um Mitternacht einstellt, damit in Zusammenhang bringt. Als er in seiner Kammer im Schlosse schlaflos liegt, gewahrt er um Mitternacht plötzlich ein großes Feuer:

  >Nun war meine Kammer auf den großen See hinaus gerichtet, so daß ich ihn gut überschauen konnte, Auch waren die Fenster nahe beim Bett. Um Mitternacht nun, kaum daß es zwölf Uhr geschlagen hatte, da gewahrte ich plötzlich auf dem See ein Riesenfeuer, so daß ich voll Furcht eilends das Fenster aufriß, um zu sehen, was daraus werden wolle. Da sah ich ferne sieben Schiffe daherfahren, die alle mit Lichtern voll besteckt waren. Über jedem schwebte zuoberst eine Flamme, die hin- und widerflackerte, sich zuweilen sogar niedersenkte, so daß ich sofort den Verdacht schöpfte, es müßten der Enthaupteten Geister sein. Diese Schiffe nahten gemächlich dem Ufer, obschon jedes nicht mehr als einen Schiffsmann trug.<

  >Sobald sie nun an Land gestoßen waren, sah ich unsere Jungfrau den Schiffen mit einer Fackel entgegeneilen, während man ihr die sechs verhüllten Särge samt dem Kästlein nachtrug... Die sechs Flammen aber schwebten miteinander über den See dahin, so daß also mehr nicht denn ein Lichtlein in jedem Schiffe Wache hielt...<

  Hierin offenbart sich das Wesen des Rosenkreuzerweges: es ist der Ersterben des toten, intellektuellen Denkens, das in der Tat >enthauptet werden< muß, damit die ihm zugrunde liegenden geistigen Lebenskräfte auferstehen können. Als Lichtwahrnehmungen treten sie zuerst auf, die die geistige Dunkelheit erhellen. Ganz exakt ist dies in der Sprache der Imagination hier beschrieben, wenn nach der Enthauptung der Könige das Lichterlebnis sich in der darauffolgenden Nacht einstellt.

  Das Opus des vierten Tages ist das entscheidende: es stellt den Durchbruch dar in die eigentlich übersinnliche Sphäre, womit die Wandlung beginnt. >Das große Magisterium< der Alchimisten, der Stein der Weisen, erweist sich als Folge dieser Transsubstantiation, die zuerst im Denken einsetzen muß. Daher sind die Vorgänge des fünften, sechsten und siebten Tages Konsequenzen, die sich als notwendige Folge einstellen, nachdem der mystische Tod sich vollzogen hat. (Die Reihenfolge der einzelnen Tage entspricht dem mystischen Zahlenwert, wonach die Vier die Zahl des Todes, die Fünf die der Entscheidung und des Bösen, die Sechs die Zahl des Logos und die Sieben die Zahl der Gottseligkeit ist.)

  Die Bedeutung des fünften Tagewerkes versteht man in seiner vollen Bedeutung erst, wenn man das Wesen der Kräfte der Wiedergeburt und der Regeneration im Menschen sowohl vom geistigen wie vom physischen Blickpunkt erfaßt. Im Sinne der Genesis des Moses wurde sie im Bilde des Lebensbaumes dargestellt. Dieser wurde im Beginn der Erdenschöpfung dem Bewußtsein des Menschen entzogen, nachdem der Mensch durch den >Sündenfall< in den Bereich der luziferischen Versucherkräfte gekommen war, die seine Seele den egoistischen Trieben und Leidenschaften ausgeliefert hatten. Die ätherischen Bildekräfte (besonders: der Lebens- und chemische Äther) durften von diesen Kräften nicht auch erfaßt werden, wenn der Mensch der Gottheit nich völlig entfallen sollte. Deshalb werden Adam und Eva aus dem Paradies ausgestoßen. >Damit er nicht aber seine Hand ausstreckte und esse auch von dem Baume des Lebnes...< (1.Mose3,22).

  Diese Kräfte sind es, die im Bilde des Lebensbaumes den Menchen jede Nacht erneuern. Sie wirken im unteren Menschen, dem sogenannten Solarplexus (Sonnengeflecht), und bilden den Gegensatz zu den oberen Kräften, die im Bilde des Erkenntnisbaumes im Sinnesnervensystem des Hauptes lokalisiert sind. So wie diese ihm das Bewußtsein verleihen, durch welches er ein freier, selbständiger Mensch werden kann, so verdankt er den ersteren die Wiedergeburt seiner verbrauchten Kräfte, wie sie ihm durch jeden Schlaf zuteil werden. Doch nur im bewußtlosen Schlafzustand kann er in diese Lebensquellen tauchen, deren Helligkeit er mit seinem Bewußtsein nicht berühren darf. Wiederum haben wir einige bedeutsame Symbole vor uns hingestellt, in denen der Rosenkreuzer lebte und die durch die moderne Geist-Erkenntnis in ihrer Tiefe erst wieder erschlossen werden können.

  Nun bezeichneten die Rosenkreuzer Christus als den >Verus Luziferus<, das heißt, Christus ist erst der wahre Lichtträger, der den Menschen zu den Lebensquellen führt. Der Weg zum Lebensbaum geht seitdem durch die Überwindung des Todes, denn Christus hat den Lebensbaum (>das ewige Leben<) den Menschen wiedergegeben. Wo ist er zu finden? Im Kreuz von Golgatha! Wer sich mit ihm verbindet, dem werden die Kräfte des ewigen Lebens auch für sein Bewußtsein zuteil. Diese Zusammenhänge symbolisiert das Bild der liegenden Frau, aus deren Haupt der Lebensbaum wächst und die mit der Hand auf den Totenkopf weist.

  Hierin besteht der Unterschied zwischen dem alchemistischen Weg und den östlichen Jogawegen. Diese beginnen im Zentrum des unteren Menschen, dem Solarplexus, wo die schlummernde Kundalinischlange erweckt wird, um durch das astralische Feuer, das dadurch entzündet wird, die Chakras zu wecken und darauf vom unteren Lebenspol zum oberen Bewußtseinspol hinaufzusteigen.

 

 

 

 

Die Erneuerung der Kräfte des Lebensbaumes führt durch den Tod, der sich im Mysterium von Golgatha vollzogen hat. Hier in einer Abbildung aus dem >>Kodex Ashburn<< wächst der Lebensbaum aus einer Eva-Gestalt, die auf den Totenkopf hinweist (Jung: Psychologie und Alchimie. Rascher Verlag, Zürich, Seite 366)

  Dieser Weg ist für die abendländische Schulung nicht mehr gangbar, seitdem sich das Ich-Bewußtsein im oberen Menschen vertieft hat. Nur am Stabe des Ich (der >Ehernen Schlange< -Anmerkung Kaesebier: Bei Emil Bock-Moses und sein Zeitalter, findet sie der Hinweis, daß die Schlange am Kopf ergriffen werden muß - mit der zweiblättrigen Lotusblume -, dann wird sie zum "Stab") kann heute der Weg von oben nach unten beschritten werden, wobei der Schüler, nachdem der Durchbruch durch sein totes Denken sich vollzogen hat, im fünften Tagwerk an die >verbotene Tür< (hinter der die Kundalinischlange ruht) kommt. Auch er muß durch diese gefährliche Region hindurch, gefährlich, weil hier auch die sexuellen Kräfte der Leidenschaften schlummern. Aber er kann diese Fahrt bestehen, weil die Läuterung vorausgegangen ist und sein Ich durch die vorangehenden Prozesse erstarkt ist (12. Fred Poeppig: Joga und Meditation, östliche und westliche Schulungswege. Verlag Die Kommenden, Freiburg i.Br.).

  Dies ist der Inhalt des fünften Tagwerkes, an dem Christian Rosenkreuz die verbotene Tür entdeckt (es ist die >vierblättrige Lotusblume<, die Wurzel des Lebensbaumes) und in dem verborgenen Gemach die nackte Venus im Bette schlafend findet. Cupido bestraft ihn für seinen >Fürwitz<, indem er ihn mit seinem Pfeil verwundet. Man könnte sagen: hier ist die Achillesferse auch des modernen Schulungsweges, da die Überwindung dieser Kräfte die größte Wachsamkeit voraussetzt. In feiner Art wird zum Schluß darauf hingewiesen, indem Christian Rosenkreuz zur Strafe, daß er die Venus belauscht hat, im Schloß zurückbehalten wird, um >Türhüter< zu sein: >Hierauf nahm er (der König) mich in seine Arme und küßte mich, was ich alles dahin auslegte, als müßte ich morgen zu meinem Tore sitzen...<

  So muß jeder der >Türhüter< und >Wächter< seines eignen Seelenlebens werden, damit er dieser Versuchung nicht anheimfällt!

  In allen alchimistischen Schriften spielt der >Stein der Weisen< eine ebenso geheimnisvolle wie auch schwer zu durchschauende Rolle. Es wird behauptet, daß der Besitzer des >lapis philosophorum< die Kunst beherrsche, Gold zu machen. Gerade diese Wendungen in der alchimistischen Literatur haben diese mißkreditiert, so daß man die ganze Alchimie als einen Schwindel und ihre Adepten als Betrüger angeprangert hat. Und in der Tat kann nicht geleugnet werden, daß es auch zahlreiche Abenteurer und Betrüger darunter gab.

   Wenn man das >Große Magisterium<, die Herstellung des >Steins der Weisen< verstehen will, so muß man sich mit einigen grundlegenden Begriffen der Alchimie befassen, die zum Teil auf Aristoteles und Plato zurückgehen. Es ist zunächst der Begriff der Wandelbarkeit der Materie. Dieser wurde ja von Thomas von Aquin von Aristoteles übernommen, um eine philosophische Grundlage zur Erklärung der >Transsubstantiation< beim Abendmahl zu haben. Nun glaubte man, daß die vier Elemente als Grundstoffe sich auf eine Urmaterie zurückführen lassen. Diese wurde als >Quinta essentia< bezeichnet, sie bildet die Muttersubstanz, aus welcher die vier anderen Elemente hervorgegangen sind. Doch ist sie in allen Elementen vorhanden und bildet darin die eigentliche geistig-ätherische Substanz.

  Man versuchte nun die >Materia cruda<, die grobe äußerliche Materie, aktiv zu machen, indem man sie mit einem wirksamen Agens durchdrang, so daß sich unedle Metalle in edle verwandeln können: >Nach alchemistischer Auffassung ist Rost sowohl wie Grünspan die Krankheit des Metalles. Aber eben dieser Aussatz ist die >vera prima materia<; die Basis zur Bereitung des philosophischen Goldes. Das >Rosarium Philosophorum< sagte: >Unser Gold ist nicht das gemeine Gold. Du hast aber nach dem Grünen (viriditas, vermutlich Grünspan) gefragt, in der Annahme, daß das Erz aussätziger (leprosum) Körper sei wegen der Gründe, die es an sich hat. Daher sage ich dir, daß alles jenes, das vollkommen ist am Erze, nur jene Grüne ist, weil jene Grüne durch unsere Methode (magisterium) alsbald in unser wahrstes Gold gewandelt wird.< (13. C.G.Jung: Psychologie und Alchimie. Rascher-Verlag Zürich).

  Diese geheimnisvolle Substanz, die also der Materie beigefügt werden muß, um diesen Umwandlungsprozeß zu bewirken, wird verschieden geschildert: >Hören wir einmal, was alte Eingeweihte und wirkliche Alchemisten, die den Lapis selbst hergestellt haben oder zumindest aus eigener Anschauung kannten, über ihn aussagten: 

  Caetano spricht vom Lapis als von einem blaßroten Pulver. Die Tinktur soll von weißer Farbe sein. Ein ins Rötliche spielendes, hellglänzendes Salz soll auch als Ergebnis vorkommen.

  Helvetius beschreibt drei etwa nußgroße Stücke des kristallinischen Lapis al schwere, glasartige Stücke von bleichschwefelgelber Farbe.

  Van Helmont beschreibt das Große Elixier als safranfarbiges, schweres Pulver, das wie grob gestoßenes Glas schimmerte.

  Paracelsus, der ganz auf des Arabers Geber Ansichten fußte, bekannte vom Lapis: >Es ist Gold und Silber durch einen sogar kleinen und geringen Griff und Weg der Alchymie zu machen, daß es gar nicht not ist oder wert, einigerlei Lehr und Buch davon zu schreiben, noch zu reden, so wenig, als vom fertigen Schnee zu schreiben ist. Er bezeichnet den Lapis in kristallinischer Art als lebhaft rot, wie in Rubin leuchtend, dabei durchsichtig klar wie ein Kristll, zudem biegsam wie ein Harz und dennoch spröde wie Glas. Die pulverisierte Art bezeichnet er als safranfarbig.< (13.s.o.).

  Aus allen diesen Beschreibungen geht hervor, daß es sich hier um eine geheimnisvolle Substanz handelt, die zwar äußerlich vorhanden ist, aber doch erst auf dem >mystischen Weg< erzeugt werden kann. So heißt es in der Einleitung zu Schmieders >Geschichte der Alchimie<: >Immer war sie auch eine Philosophie des Stoffes und eine phantasievolle Deutung seiner Konfiguration, den Blick auf das letzte große Ziel einer Metaphysik gerichtet, die sich zur Lehre vom Zusammenhange des Kosmos, der Planeten und von allem Lebendigen der Erdoberfläche bekannte. Das Weltall ist ein Lebewesen! Auch die Alchimisten sind Universalvitalisten. Ihre Lehre ist mehr als die allegorische Verbrämung metallurgischer Technik. Das vom Handwerk und Legierungsverfahren Losgelöste, die von der Goldmacherkunst abgelöste Idee, ihr eigentlich Transzendentes und metaphysische Richtungweisendes war ihre geistige Macht.< (14. Waltharius: Das große Mysterium (Adepten, Rosenkreuzer, Alchimisten) Hermann Bauer Verlag Freiburg).

  Es geht also im wesentlichen um den inneren Aspekt, der bei der Zubereitung des >Lapis< in Frage kommt. Das geht aus zahlreichen symbolischen Darstellungen hervor, wobei besonders das Ziel des Opus als die Putrefactio bezeichnet wird. Nach alchimistischen Begriffen ist die Putrefaction (oder Putrefaktion) der Läuterungsprozeß, der durch eine Fäulnis bewirkt wird (Grünspan). Es muß also im Menschen selbst etwas als Gärungsprozeß hervorgerufen werden, wodurch das Untere mit dem Oberen vermengt wird. Die >prima materia< muß zerstört, sublimiert und verwandelt werden, da der Keim des Todes ihr innewohnt, damit der unsterbliche Geist auferstehen kann.

Im >Vividarium Chymicum des Stolcius de Stolcenberg, das 1624 in Frankfurt erschien, finden wir den Läuterungsprozeß, die Putrefactio, im Bilde wiedergegeben (Jung: Psychologie und Alchimie Rascher Verlag Zürich S153

  Diese Putrefactio ist in diesem Bilde als umfassender Prozeß wiedergegeben. Im Vordergrund sehen wir das Sämannsgleichnis aus dem Evangelium dargestellt: nicht alle Samen gehen auf, die Raben des Intellekts fressen vieles davon weg. Der Same selbst muß in der Seele einen Todesprozeß durchmachen: >Wahrlich ich sage euch: Wenn das Samenkorn, das in die Erde gelegt wird, nicht erstirbt, so bleibt es, was es ist. Erstirbt es aber, so bringt es viele Frucht. Wer seine Seele liebt, der wird sie verlieren, wer aber haßt, was vergänglich ist in ihr, der bewahrt sie für das ewige Leben (Joh.12,24).

  Diesen Stirb- und Werde-Prozeß efährt hier der Mensch, dessen Leichnam hinter dem Kreuz auf dem Acker liegt. Er macht diese Umwandlung der Putrefactio durch: denn hinter ihm ersteht sein Geist aus dem Grabe. Das Samenkorn hat sich in viele sprossende Garben verwandelt, es hat reiche Frucht gezeitigt. Der Posaune blasende Engel im Vordergrund hat ihn erweckt.

  Den Schlüssel zum Ganzen bildet die Scheibe im Hintergrund mit dem Ziel, auf welches die beiden Schützen schießen. Ein Pfeil hat ins Schwarze getroffen. Das Ziel ist erreicht. Das Bild ist von einer kreisförmigen Arena umgeben in Form eines Mandala-Symbols, in dem sich dies alles abspielt. Wir denken dabei unwillkürlich an die Kunst des Bogenschießens in der Zen-Schulung, die nicht nur auf der Ausbildung der äußeren Technik beruht, sondern auf der seelischen Fähigkeit, durch zielsichere Gelassenheit das geistige Ziel zu treffen, indem sich der Mensch im Einklang weiß mit seinem höheren Selbst. - Mehr als Worte und Begriffe auszudrücken vermögen, ist in solchen symbolischen Darstellungen das Wesen dieses Weges wiedergegeben und kann uns als echtes Meditationsbild dienen!

  Was aber hat dies alles mit der Kunst der Goldmacherei zutun, dem Stein der Weisen?

 Rudolf Steiner hat auch hier >ins Ziel getroffen<, wenn er auf das geistige Ziel der alchimistischen Kunst hinweist. Korum, der Dichter der >Jobsiade<, war noch im 18. Jahrhundert ein Adept der Alchimie, die bis dahin in Deutschland verbreitet war. So konnte man im >Deutschen Staats- und Reichsanzeiger< über Alchimie lesen: >Den Stein der Weisen zu suchen ist sehr schwer - aber er ist überall, denn Ihr begegnet ihm jeden Tag und kennt ihn sehr gut, wißt aber nicht, daß es der Stein der Weisen ist!<

 Das Geheimnis der Zubereitung des >Steins der Weisen< liegt in der Umwandlung der menschlichen Natur, wie wir sie oben beschrieben haben. Der Mensch verwendet wie das Tier den Sauerstoff aus der Luft zu seiner Atmung. Wir würden keinen Sauerstoff mehr in der Luft finden, sondern nur noch Kohlenäure, wenn die Pflanzen nicht die Kohlensäure aus der Luft assimilierten und dafür den Sauerstoff abgäben, den der Mensch für seine Atmung gebraucht. Deshalb kann der Mensch wie das Tier nicht ohne das sie umgebende Pflanzenreich leben.

  Nun besteht Kohlensäure aus Kohlenstoff und Sauerstoff. Den Kohlenstoff behalten die Pflanzen für sich, womit sie ihren Körper aufbauen, wohingegen sie den Sauerstoff ausatmen. Der Mensch jedoch nimmt den Sauerstoff auf und vermehrt ihn durch den Kohlenstoff, da die ausgeatmete Luft im wesentlichen aus kohlenstoffhaltiger Kohlensäure besteht. Mit diesem Kohlenstoff aber bauen die Pflanzen gerade ihren Körper auf, den sie deshalb aus der Luft zurückbehalten.

  Wie bekannt, sind die Steinkohlenlager Zeugen von untergegangenen Pflanzenreichen. Dadurch überzog sich die Erde mit einer Torfschicht, die von den Leichnamen der Pflanzen übrigblieb. So entstanden aus den zugrunde gegangenen Wäldern die Kohlenlager der Erde. Die Steinkohle war also einmal eine Pflanze.

  Der Mensch ist heute ein empfangendes Wesen, das ganz abhängig ist von seiner Umgebung. Er soll jedoch ein gebendes Wesen werden, das sich seinen Leib selbst aufbaut. Dies wird in einigen Jahrtausenden der Fall sein, wenn das Geschlechtsprinzip überwunden sein wird und im Sinne der Alchimie der androgyne (zweigeschlechtliche) Mensch als >neuer Merkur< die Fähigkeit besitzt, sich selbst geistig zu befruchten und ätherische Leibeshüllen aus sich hervorgehen zu lassen, worauf in der indischen Mystik mit dem Begriff: >Kryashakti< hingewiesen wird, als Kraft der Selbsthervorbringung. Diese Fähigkeit hängt mit den Umwandlungsprozessen der Atmung zusammen. Der Mensch wird dann seinen Körper genauso aufbauen können wie die Pflanze. So wie die Pflanze heute Kohlensäure aus der Luft aufnimmt und aus dieser den Kohlenstoff zum Aufbau ihres Leibes zurückbehält, so wird auch der Mensch seinen Leib aufbauen, indem er denselben Prozeß in bewußter Art durchmacht. Dann hat das Geschlechtliche aufgehört, so daß der Mensch seinen Leib aus eigner Produktivität erzeugen kann. Darauf wollten die Alchimisten hinweisen, das war das Ziel ihrer magischen Kunst. Was also ist der Stein der Weisen? - Die Kohle! Denn aus ihr wird sich der Mensch seinen Leib erzeugen. - Rudolf Steiner beschreibt den Körper des androgynen Menschen, der wie ein >weicher Diamant< sein wird. Hiermit hängen auch manche Beschreibungen der Alchimisten zusammen, die den Lapis als einen Diamanten wiedergeben.