Die Tempellegende

   Ist der Stein der Weisen das geheime Ziel der Alchimisten gewesen, wovon die Goldmacherkunst und alle damit verwandten Metallverwandlungen zum Teil nur eine geschickte Tarnung darstellen, um den kirchlichen Behörden zu entgehen, die sie zu täuschen wußten, so bildet die Tempellegende den esoterischen Kern der Rosenkreuzersymbolik, die später in die Freimaurerei übergegangen ist, wie so wieles alte Wissen des Abendlandes und des Vorderen Orients in das Sammelbecken des Freimaurertums eingeflossen ist.

   Noch vor einigen Jahrzehnten wäre es unangebracht gewesen, über die esoterischen Hintergründe dieser Legende etwas zu veröffentlichen, ohne damit Anstoß zu erregen. Auch darin drückt sich der Wandel der Zeit aus, daß die Freimaurer selbst ihre Tore heute öffnen und um neue Mitglieder werben und in jedem Handbuch der Freimaurerlogen die bis dahin streng geheim gehaltenen Riten und Symbole veröffentlicht werden. Das gleiche gilt auf anderen Gebieten der okkulten Überlieferung. Da allerdings für die meisten dieser esoterischen Schätze die allgemein menschliche Grundlage fehlt, um ihre veredelnden Wirkungen auf weitere Kreise auszuüben, so führen sie in okkulten Zirkeln und Vereinigungen (gibt es heute doch an die 50 Rosenkreuzer-Vereinigungen und -Orden!) ein von der allgemeinen Zeitbildung getrenntes, fragwürdiges Dasein.

   Der erste große Veröffentlicher der antiken Mysterien ist der Christus Jesus. Und es liegt im Wesen des Christusimpulses, daß dem Rosenkreuzertum die Aufgabe zufiel, die bis dahin geheimgehaltene Mysterienweisheit in die allgemeine Menschheitskultur einfließen zu lassen. Dies zeigte sich gerade an der Tempellegende. Ihre menschheitliche Bedeutung erfaßt man am besten, wenn man sich zwei Strömungen vors Auge stellt, die bis zur Zeitenwende getrennt voneinander gehen und die sich durch den Christusimpuls zu einer höheren Einheit verbinden sollen. Die eine hat das Bestreben, das aus der Urweisheit Überlieferte zu bewahren, so daß es in der Befolgung von Sitte und Gesetz der Menschheit erhalten bleibt. Es ist die Priesterströmung, wie sie sich im Alten Testament zu ihrer Höhe entwickelte. Die andere Strömung ist dem prometheischen Impuls verwandt, indem sie die Zukunft durch aktives Eingreifen in die Erdengeschicke vorbereiten will.

   In den Mythos von Kain und Abel, den wir schon im ersten Kapitel erwähnten, sind diese beiden Strömungen in ihrer Urbildlichkeit dargestellt (1. Buch Moses). Abel, der Hirte, konserviert die alte Welt, er weidet die Herde, während Kain, der Ackerbauer, die Erde umwandelt, um den Acker der Zukunft zu bestellen. Dem blutigen Tieropfer des Abel stellt er das unblutige Früchteopfer entgegen als prophetisches Zeichen, das sich erst in einer späten Zukunft erfüllen soll. Schon daraus geht hervor, daß beide Brüder einer verschiedenen Weltenordnung angehören: Kain der Sonnenordnung, Abel dem Monde.

   Die Bibel deutet in verschwiegener Art auf diese Gegensätzlichkeit, wenn es heißt, daß Kain nicht von Adam, sondern von Jehova selbst gezeugt worden ist: >>Zum Manne erworben habe ich mir Jahwe<< (1. Moses 4,1), was gewöhnlich übersetzt wird: >>Ich habe einen Mann gewonnen mit dem Herrn<<, da man mit dem rätselhaften Wort heute nichts mehr anfangen kann. (Albert Steffen: Hiram und Salomo (Drama), Verlag für Schöne Wissenschaften, Dornach). Kain also ist der letzte Sproß der vor der Geschlechtertrennung hermaphroditischen Zeugung, von der wir bereits gesprochen haben (vgl. Gerhard Wehr: Der androgyne Mensch. Verlag Die Kommenden, Freiburg i.Br.).

   Dies spricht der Anfang der Tempellegende, die heute noch den Kern der Freimaurersymbolik bildet, aus: Sie sagt, daß Heva, die Urmutter alles Lebendigen, sich mit einem der sieben Elohim, den Schöpfergeistern der Sonne, verband und daß aus dieser Verbindung Kain hervorging, während der später geborene Abel der Sohn von Adam und Eva ist und daher schon der geschlechtlichen Zeugung als Erdenmensch entstammt. Hierin enthüllt sich der Gegensatz der beiden Brüder. Kain, der der alten Sonnenordnung noch angehört, ist der magische Mensch, der magische Willenskräfte in sich trägt, doch die Gesetze von Gut und Böse noch nicht kennt, da er nicht durch den Sündenfall gegangen ist. Abel hingegen ist der erste religiöse Mensch, der durch sein Opfer die Religio als Wiederverbindung mit der Gottheit anstrebt. Dadurch wird der Brüdermord aus einer bloß menschlichen Sphäre in eine menschheitliche Höhe gehoben und muß von dieser verstanden und beurteilt werden. Die magische Willenskraft Kains will die alte Weltordnung durchsetzen, obwohl die Menschheitsführung bereits übergegangen ist an die Mondenordnung des Jahwe. So tötet der prometheische Blitz aus Kains Brust den schwächeren Abel.

   >>Die Tragik, auf die Kain stößt, enthüllt sich um so mehr, je mehr man darauf aufmerksam wird, daß durch Kains unzeitgemäß gewordene Gaben dennoch ein wichtiger Fortschritt des kulturellen Lebens zum Ausdruck kommt. Kain ist gerade durch seine Zugehörigkeit zu einem bereits versunkenen Weltzustand der schöpferische Mensch gegenüber Abel, der zwar der Gegenwartsmensch ist, aber statt der Kraft, Neues hervorzubringen, nur die Fähigkeit entwickelt, das Alte zu pflegen und zu bewahren. Rudolf Steiner stellt einmal dar, daß in der Darbringung der Früchte des Feldes durch Kain eine wichtige Umstellung in der Ernährung des Menschen zum Ausdruck kommt: Zu der Milch als der alten Mondennahrung fügt sich hinzu die Ernährung durch die unter Sonnenwirkung stehenden oberen Teile und Früchte der Pflanzen. Das Sonnenmäßige tritt im Geistgebiet zurück, aber in der Gestaltung des äußeren Lebens bringt es einen neuen Einschlag hervor<< (Emil Bock: Urgeschichte. Das Alte Testament und die Geistesgeschichte der Menschheit).

   Daß die Menschheitsführung mit Kain rechnet, geht daraus hervor, daß Jahwe dem Mörder Kains einen siebenmal schwereren Fluch androht als dem Mörder Abels. Kain wird mit dem Kainsmal gezeichnet: Es ist das Siegel der Erkenntnis, das Tao-Zeichen (T). Kain wird unstet, er ist der erste heimatlose Mensch. Von ihm stammen die Techniker und Künstler ab, diejenigen, welche die Erze bearbeiten und die Erde abbauen: >>Jubal, der erste der Lamech-Söhne aus dem Kainsgeschlecht, bringt der Menschheit die Kunst des Häuserbauens und der Tierzüchtung, der Viehzucht im eigentlichen Sinne des Wortes (4,20).<< - Thubal-Kain ist der Meister >>in allerlei Erz- und Eisenwerk<< (4,22), und Jubal-Kain erschafft Instrumente, >>von dem sind hergekommen die Geiger und Pfeifer<< (4,21). Das Bedeutsame der Kains-Strömung ist, daß aus ihr die Mysterien hervorgegangen sind: >>Kain erkannte sein Weib und wie wurde schwanger und gebar ihm seinen Sohn Henoch. Und er baute eine Stadt, die nannte er nach seines Sohnes Namen Henoch<< (4,17).

   Emil Bock weist darauf hin, daß Henoch soviel wie >>der Eingeweihte<< heißt und daß in diesem namen das ägyptische Wort >>anch<< mitschwingt, die Hieroglyphe des Lebens, >>die als Lebensschlüssel, als Siegel des jenseitigen Lebens, von den Strahlen der Sonne dargereicht, tausendfältig auf den altägyptischen Kunstwerken wiederkehrt.<<

   Durch die Mysterien, die in der Stadt Henoch begründet werden, wird dem Tode seine Waffe entrissen und umgewandelt in das Organ der Erkenntnis. >>Der Einweihungstod nimmt dem physischen Tode den Stachel, weil er ihm die Kraft der Auferstehung entringt.<<

   Auf den Mysterien beruhte der Fortschritt der antiken Kulturen. Im dreitägigen Tempelschlaf, der den Mysten hart an die Grenze des Todes brachte, wird der Tod verwandelt zum Licht der Auferstehung. Was vor Christus nur einzelnen Auserwählten zuteil wurde, das sollte durch Christus allen Menschen, die sich im Glauben an den Erlöser mit ihm verbinden, erschlossen werden, damit der Menschheitstempel (Johannes 2,19) neu errichtet werden könnte. Dieser Tempel stand im Tempel Salomons als Urbild des menschlichen Leibestempels da. Zu seinem Bau vereinigten sich die beiden Strömungen, indem Salomo, ein Abelkind, den Plan entwarf, doch zu seiner Ausführung den phönizischen Baumeister Hieram Abiff, das Kainskind, berief. Die Legende berichtet, wie durch die >>drei üblen Gesellen<<, die den Meistergrad nicht erhielten, ein Anschlag gegen Hieram verübt wurde, um ihn zu töten. Obwohl Salomo davon unterrichtet war, schwieg er aus Eifersucht, da Balkis, die Königin von Saba, die sie mit ihm verlobt hatte, ihre Hand Hieram geben wollte, den sie als den Zukunftsmenschen erkannte. In Balkis spiegelt sich die Menschenseele, die zwischen Vergangenheit und Zukunft schwankend steht, bis sie sich für Hieram, dem die Zukunft gehört, entscheidet. In anschaulicher Art findet man die Tempellegende in der Erzählung von Gérard de Nerval >>Die Geschichte von der Königin aus dem Morgenland und Soliman, dem Fürsten der Genien<< (Mellinger Verlag, Stuttgart).

   Tiefe Weisheiten drücken sich in diesem Mythos aus. Die drei üblen Gesellen, wie sie Goethe im letzten Akt seines Fausts als die >>drei Gewaltigen<< auftreten läßt, spiegeln die Hemmnisse der menschlichen Seele, die als Aberglaube, Zweifel und Illusion den Menschen verführen. Sie bewirken, daß der Guß des >>Ehernen Meeres<< im Tempel mißlingt, welcher die Harmonisierung der Seelenkräfte verwirklichen soll. Als Feuer aus dem Guß heraufschlägt und alles flieht, tönt eine Stimme aus der Tiefe und fordert Hieram auf, sich in das Flammenmeer zu stürzen. Es ist Kain, sein Urahne, der im Mittelpunkt der Erde ist. Er überreicht Hieram das Zeichen der neuen Einweihung, die fortan durch die Kräfte der Erde errungen werden soll, den Hammer und das goldene Dreieck, das Symbol des höheren Menschen. Hieram will das Symbol nocht retten, indem er es in einen Brunnen wirft, da niemand würdig ist, es zu empfangen, bevor er von den drei üblen Gesellen erschlagen wird. Seither muß das >>verlorene Wort<< gesucht werden, um den Schlüssel für die Mysterien wieder zu erlangen...

   Diese Legende, die auf Christian Rosenkreuz zurückggeht, deutet an, wie die Mysterienströmung des Kain in das Verborgene untertauchen mußte, bis sie wieder ans Tageslicht emporsteigen konnte. Rudolf Steiner sagte, daß Christian Rosenkreuz im Besitz des >>Goldenen Dreiecks<< sei. Er inaugurierte die Mysterien für das Abendland, doch nun vom Kainsfluch entsühnt durch den Christusimpuls. Wir können diesen geheimnisvollen, unterirdischen Strom, der durch die Geschichte geht, an einzelnen Stellen verfolgen, wenn wir ihn bei der Einweihung des Lazarus (Johannes 11) wieder auftauchen sehen, den der Christus selbst im Felsengrab von Bethanien erweckt und initiiert. Hier werden die alten Mysterien in den Christusstrom aufgenommen und geheiligt, um dann in der Morgenröte zur neueren Zeit die abendländische Initation zu inaugurieren. Daher taucht heute im Anbruch der Ära des >>Johanneischen Christentums<< der Mysterienstrom in der modernen Initiations-Wissenschaft wieder neu aus der Verborgenheit hervor, um beide Strömungen, die Priester- und die Erkenntnisströmung, miteinander zu vereinigen.

   Wer die hier in kurz gedrängten Bildern wiedergegebene Tempellegende überdenkt, der wird zur Einsicht gelangen, wie die Kainssöhne, die Techniker und Künstler, die Könner (Kain heißt soviel wie >>der Könner<<), am tiefsten auf dem Individuationsweg hinabsteigen mußten, bis in die Kainsschlucht des Bösen, um aus der Tiefe die Kräfte der Erlösung zu holen. In diesen Symbolen sprechen sie die großen Aufgaben der Gegenwart und der Zukunft aus, die nur erfüllt werden können, wenn die Kainssöhne den Geist nicht verleugnen und an die Materie verraten, sondern ihn in den Dienst zu ihrer Verwandlung und Erlösung stellen. Deshalb ist diese Legende der Kern des Rosenkreuzertums, das seine Aufgabe in der Umwandlung und Vergeistigung der Erde erblickt...

   Das Symbol des Rosenkreuzes, das auf den Begründer der Rosenkreuzerströmung zurückgeht, vereinigt die Kainsströmung mit der des Abel, wenn beide sich brüderlich miteinander verbinden: Dann wird Abel aus seiner unerlösten Höhe herabsteigen, um sich mit den Todeskräften zu verbinden, und Kain, der Töter und Tötende, er wird im Christus die Kräfte der Auferstehung finden. So vereinigt das schwarze Kreuz, das Zeichen des Todes, mit den sieben roten Rosen der Auferstehung die Abel- und die Kainsströmung und kann zum Zeichen der Wiedergeburt für jeden Menschen werden, der den Rosenkreuzerweg in diesem Sinne beschreitet...

 

 

 

 

Rosenkreuz, aus Drei-Königs-Motiv von Rudolf Steiner

Siehe auch:  A5 Steiner: Tempellegende