Kreuz und Schlange

  In welcher Art die Symbole sich aus dem Kultus entwickelt haben, hat Rudolf Steiner anschaulich dargestellt in der Entstehung des korinthischen Säulenkapitells aus dem kultischen Tanz. Er tritt damit der materialistischen Auffassung energisch entgegen, die das korinthische Kapitell als eine Nachbildung des Akanthusblattes (Bärenklaue) auffaßt, wie es in der sog. >Korbhypothese< geschieht, die sich auf die Anekdote von Vitruv stützt. Vitruv, der Bearbeiter der künstlerischen Traditionen des Altertums, erzählt, daß Kallimachos, der korinthische Bildhauer, ein Körbchen gesehen habe, und am Grunde dieses Körbchens seien rings herum Akanthusblätter gewachsen. Daraus habe er das korinthische Kapitell gemacht.

  Nun weist Rudolf Steiner darauf hin, daß das Wesentlichste bei dieser Legende heute ausgelassen wird. Denn Kallimachos erlebt dieses auf dem Grabe eines korinthischen Mädchens. >Das ist das Allerwichtigste. Denn das besagt nichts Geringeres, als daß Vitruv, wenn er es auch weise verschweigt, andeuten will, daß Kallimachos ein Hellseher war, der über dem Grabe eines Mädchens aufstreben sah das Sonnenmotiv im Kampfe mit dem Erdenmotiv und darüber das Mädchen sah, schwebend in reinem ätherischen Leibe... Wenn man hellseherisch über dem Grabe einer jungfräulich Verstorbenen sieht, was ihm Ätherischen wirklich vorhanden ist, kann man verstehen, daß davon die Palmette geworden ist, rings herum wachsend um den sonnenmäßig sich erhebenden Ätherleib des jungfräulichen Mädchens< (2,Friedrich Kempter: Akanthus. Die Entstehung eines Ornamentenmotivs. Leipzig-Straßburg-Zürich 1934).

Auch in den griechischen Kapitell-Motiven leben geistige Wirklichkeiten in symbolhafter Art. Das sonnenhaft Strahlende und das erdhaft sich Abschließende wurde einst im kultischen Reigen dargestellt, so wie es diese Skizze Rudolf Steiners wiedergibt. Kempter: Akanthus - Die Entstehung eines Ornamentmotivs, Heitz&Cie Straßburg


  Was dem korinthischen Kapitellmotiv zugrunde liegt, geht auf innere Erlebnisse zurück, die mit den ätherischen Strömungen zusammenhängen und welche als das Sonnen- und Erdenmotiv im kultischen Reigen einstmals dargestellt wurden. Mit Hilfe von Pflanzen wurde dies dann später in der Kunst wiedergegeben, wobei man einerseits Palmen als Entfaltung der kosmischen Sonnenkräfte verwandte, andererseits nach oben sich zuspitzende Knospen als Ausdruck für die Erdenkräfte. Daraus ist dann die Palmette der korinthischen Säule geworden.

  >Man produzierte sozusagen, indem man fühlen lernte das Hineingestelltsein in den Kosmos als Mensch in gewissen Formenzusammenhängen, und man benützte nur die pflanzlichen Mittel zur Darstellung. Man griff dabei, um das nicht künstlerisch erst fabrizieren zu müssen, zu den pflanzlichen Mitteln. Aus dem lebendigen Erfühlen des Weltenzusammenhanges heraus ist das künstlerische Schaffen entstanden, das deshalb auch entspricht einem Entfalten des Schaffensdranges, der im Menschen liegt, und nicht einer bloßen Nachahmung irgendeines bloß Äußerlichen< (2.). Drei Stufen lassen sich auf diesem Wege im Bewußtseinsprozeß der Menschheit unterscheiden: Die erste Stufe ist der kultische Tanz, bei welchem das Hineingestelltsein des Menschen in den Kosmos noch unmittelbar erlebt wird. Die zweite Stufe ist das künstlerische Schmuckmotiv, zu dem das Tanzmotiv erstarrt. Dann erst auf der dritten Stufe entsteht daraus das Symbol. Daher lassen sich die meisten Symbole zurückführen auf das Hineingestelltsein des Menschen in den Kosmos. Indem man diesen lebendigen Zusammenhang verloren hat, sind die Symbole zu willkürlichen Zeichen geworden, die keinen Bezug mehr zum Menschen haben.

  Das mythische Bilderbewußtsein, das am Ausgangspunkt der Menschheitsentwciklung stand, sah die äußere Welt nicht als konturierte Sinneswelt, sondern erlebte sie in ihrem urbildlichen Charakter. Davon lebt noch eine Erinnerung in den chinesischen Symbolen von Yang (Himmel) und Ying (Erde). Der Himmel als Götterheimat wurde in Form eines Kreises vorgestellt, während die dunkle Erde das Prinzip des Vierecks bildete.

  Nun gibt es im menschlichen Bewußtsein einen Zustand, in dem das mythenbildende Bewußtsein als Erinnerung an diesen vorhistorischen Zustand der Menschheit noch vorhanden ist. Und zwar im Traumbewußtsein. Der Traum ist der große Symboliker, der alle Vorgänge zu Bildern umwandelt. Wir träumen von einer Feuersbrunst und entdecken beim Erwachen, daß wir zu stark zugedeckt sind. Die Wärme des Körpers hat sich in die Feuersbrunst verwandelt. Oder wir träumen von einem Zaun, wovon eine Latte schadhaft und morsch ist - und erwachen mit Zahnschmerzen. Der Traum wirkt stets in symbolischen Bildern. Er ist der große Zauberer, einem Künstler vergleichbar, der alle äußeren Vorgänge in künstlerische Bilder umwandelt.

  C.G.Jung spricht von den >Initial- oder Einweihungsträumen<, von denen er in seinem Buch >Psychologie und Alchimie< verschiedene Beispiele bringt. So sieht sich der Träumer in einer Höhle, in welcher ein Goldschatz von einer Schlange bewacht ist. Der Träumende sieht sich vor die Aufgabe gestellt, den Schatz zu erbeuten. Das bedeutet, daß er die Schlange überwinden muß. Es ist ein Motiv, das an alte Sagen erinnert, wobei es sich um bestimmte Prüfungen und Proben handelt, die der Mensch auf seinem Einweihungswege zu bestehen hat. Diese letzteren Träume haben oft einen prophetischen Charakter. Sie wollen den Menschen auf eine Gefahr oder eine Lebenskrise hinweisen, bei der er alle seine Kräfte zusammennehmen muß, um sie zu bestehen. Sie stammen daher aus einer tieferen Seelenschicht, einer Schicht, in welcher noch eine tief verborgene Weisheit waltet.

  Hiermit haben wir bereits ausgesprochen, welche Kraft dem mythenbildenden Bewußtsein zugrunde liegt. Es ist die Kraft einer waltenden Weisheit, die tief verborgen in unseren unterbewußten Seelengründen vorhanden ist. Von dieser Weisheit hat uns das individuelle Kopfbewußtsein getrennt. Dennoch lebt diese Weisheit noch in uns und kommt uns in bestimmten Augenblicken zum Bewußtsein.

  War der frühere Mensch in dieser Art noch mit der großen Weltenmutter verbunden, die er als Demeter, Isis, Kwanon oder Shakti in weiblicher Gestalt erlebte, so ist die Nabelschnur zu dieser verborgenen Weltenweisheit mit der Entwicklung des Ich-Bewußtseins gerissen, das sich vor diese Traumweisheit gestellt hat. Das Kind lebt noch ganz in dieser Welt, solange es noch nicht durch das intellektuelle Schulwissen getrübt ist. Die ganze Welt wird ihm zu symbolischen Bildern, zu einem Märchen, das ja den letzten Rest von dieser mythenbildenden Welt enthält. Die lichtumflossene Waldwiese wird ihm zum Paradiese, jener dunkle Ort in der verhangenen Schlucht zur Stätte des Grauens, ja zur Hölle! Somit lebt das Kind noch auf der Stufe des mythenbildenden Bewußtseins, dem Ausgang der Menschheitsentwicklung.

  Nun kann der Mensch in bewußter Art die Bewußtseinsstufen, die er auf seinem Individuationsweg verlassen hat, wieder erringen und dadurch bewußt in die verborgene Traumweisheit der Welt wieder hineinwachsen. Dies geschieht auf der zweiten Stufe des rosenkreuzerischen Schulungsweges, der Stufe der Imagination. Durch einen inneren Seelenakt, der dem Erwachen zu einer höheren Anschauung entspricht, kann der Mensch die Welt >sub specie aeternitatis< - vom Gesichtspunkt des Ewigen - betrachten. Dann wird ihm alles Vergängliche zum Gleichnis, die großen Urbilder des Daseins gehen ihm auf, und die Welt erhält einen gleichnishaften Charakter.

  Zum Sinnbild kann in dieser Beziehung jeder Vorgang und jedes Objekt uns werden: Säen und Ernten, Blühen und Verwelken, Wachen und Schlafen, Leben und Tod, Fischen und Jagen. Wüste und Oase, Land und Meer, Brunnen und Berg. Besonders die vier Ur-Elemente von Erde, Wasser, Luft und Feuer spielen eine große Rolle in der gleichnishaften Sprache der Symbole. Wir dringen in diese Urbilderwelt ein, wenn wir die Natur mit solchen Augen betrachten und sie gleichsam durchseelen. Dann kann uns jede Blume zum Gleichnis und Sinnbild werden, die Herbstzeitlose als Sinnbild für ein melancholisches Gemüt, das Veilchen für ein stilles, frommes Gemüt und so fort.

  >So betrachte man alles als Sinnbild für die geistige Welt.Man kommt dann dahin, in jeder Tiergattung das Symbol zu sehen für eine Eigenschaft. Man lernt nicht mit flüchtigem Blick, sondern Schritt auf Schritt so die Welt zu betrachten. Nehmen wir nur unsere Sprache. Die ganze Sprache ist ein Sprechen in Symbolen. Jedes Wort ist ein Symbolum. Auch in der Wissenschaft muß man sich der Sprache bedienen, und die Worte wirken sinnbildlich< (3. R.Steiner: Der Erkenntnispfad und seine Stufen. Der rosenkreuzerische Erkenntnisweg. Berlin Oktober 1906).

  Die durch Typhon zerstückelte Welt der Sinneswahrnehmung, der nach der Legende Osiris tötete und die einzelnen Leichenteile vergrub, kann durch das Horusbewußtsein wieder zusammengefügt werden, wenn Isis die zerstückelten Teile der Sinneswahrnehmung in ihrem Schoß birgt und aus der waltenden Weisheit der Welt neu gebiert. Diese Metamorphose des Bewußtseins muß der heutige Mensch im Schmelztiegel seiner Seele vollziehen, um wieder den Anschluß an die verlorene Welt der geistigen Urbilder zu finden. Dadurch wird >das Erz der Wissenschaft in das Gold der Weisheit verwandelt< (Rudolf Steiner).

  Schon der griechische Name für Symbolum = symbolos deutet auf diesen geheimen Akt der Wiederherstellung des verlorenen Einheitsbewußtseins hin. Es bedeutet >Vorzeichen, Vorbedeutung<, die als Stimme des Himmels aus den Naturerscheinungen gelesen wurde. Das Verbum dazu ist: symballein = zusammensetzen. Es deutet auf den alten Gebrauch, daß der Bote als Erkennungszeichen das abgebrochene Stück eines Ringes oder einer Tafel vorweisen mußte, das mit dem fehlenden Teil zu einem Ganzen zusammengefügt wurde. Der Mensch wird so zu einem Erkenntnisakt aufgerufen, um die getrennten Stücke der Sinneswahrnehmung mit dem Geist zu einem Ganzen zusammenzufügen. Und eben auf diesen Erkenntnisakt kommt es bei der Entzifferung der Welt als einer verborgenen symbolischen Schrift an. Damit betreten wir bereits das höhere imaginative Bilderbewußtsein, das die ins bewußte Erkennen verwandelte Stufe des alten mythenhaften Bewußtseins ist.

  Als die spanischen Conquistadores nach Amerika kamen, trat ihnen dort bei der indianischen Bevölkerung das Kreuz entgegen. Sie sahen dies als ein Teufelszeichen an, das von den Indios in verräterischer Weise zu bösen Zwecken mißbraucht und entheiligt worden sei, und bestraften sie für diese schwarzmagischen Künste. Sie wußten nicht, daß das Symbol des Kreuzes so alt wie die Menschheit auf Erden ist und sich in allen alten Überlieferungen findet. Weist doch schon das astronomische Zeichen der Erde (Kreis mit obenstehendem Kreuz) auf diese Tatsache hin, worin sich die Mission der Erde als Kreuzträgerin offenbart! Das Kreuz ist die Ur-Rune des Menschen in seinem Verhältnis zur Erde, dem Umkreis und dem Kosmos.

  Stellt sich der Mensch aufrecht hin und erlebt in dieser senkrechten Richtung sein Ich-Bewußtsein und breitet dann die Arme nach beiden Seiten in die Waagerechte aus, dann hat er sein inneres Wesen in harmonischer Gleichgewichtung erfaßt. Er ruht in sich, bevor er in eine äußere Aktion zur Umwelt tritt. Es ist der Mensch (ecce homo), der sich in seiner dreifachen Beziehung zur Umwelt erfaßt: In seinem Haupt erlebt er die kosmische Sphärenwelt, von der die runde Form seines Hauptes ein Spiegelbild ist, denn es ist ein Abbild des Kosmos. In den beiden ausgestreckten Armen fühlt er die Weite des Umkreises, dem er sich hingibt und öffnet. In seinen Beinen kann er die Tiefenkräfte der Erde spüren, die in ihn hineinkraften. Denken, Fühlen und Wollen als das Abbild des Himmels (Tierkreis), des Umkreises (Planeten) und der chthonischen Tiefenkräfte der Erde offenbaren sich in dieser Gebärde. Es ist zugleich der Ausdruck für die dreifache Offenbarung des Göttlichen, die sich in der Haltung des Kreuzes manifestiert: der Vaterwelt, welche den Leib aus der Tiefe erkraftet; der Sohneswelt, die in seinem Herzenslungenschlage ihn mit dem Weiten des Umkreises verbindet; und der Welt des Geistes, die aus der Höhe sein Denken erleuchtet und in seinem Ich-Bewußtsein sich spiegelt. So ergeben sich die drei zeichenhaften Symbole für das dreifache Verhältnis des Menschen zur Welt:

Sein Haupt ist des Himmels Spiegelbild (Fixsterne).

Seine Brust ist das Abbild des Umkreises (Planeten).

Seine Glieder sind ein Bild der Erdenkräfte.

  In dieser Stellung ist der Mensch eine Rune des Geistes. Erfassen wir das Kreuz vom seelischen Aspekt aus, dann erleben wir die Not und Nötigung der Schicksalsgewalten. Stets kreuzen sich im Schicksal zwei widerstrebende Kräfteströmungen, an denen der Mensch gekreuzigt ist und woran er >sein Kreuz< erlebt. Stellt er sich aufrecht in die Senkrechte hinein, so erfaßt er sich in seiner Selbständigkeit und Freiheit. Breitet er die Arme in Hingabe aus, dann opfert er sich der Menschheit. Verharrt er in der ersten Gebärde, so droht er im Egoismus zu verhärten. Verliert er sich in der zweiten an die Umwelt, so droht er sich selbst zu verlieren. Nur dort, wo die beiden Linien, die waagerechte und die senkrechte, sich kreuzen, ist der Kreuzungspunkt, der das Gleichgewicht bringt. Es ist auch der Kreuzpunkt unseres Schicksals. Hier muß immer ein Opfer gebracht werden, hier ist stets die Gleichung, die nicht ganz aufgeht, und der Rest, der bleibt, ist der Passionsweg unseres Lebens.

  Daß dieser Passionsweg aber dennoch zur Erlösung und somit zur >Kreuzabnahme< führt, das verdanken wir dem, der das Kreuz zum Symbol der Erlösung für die Erdenmenschheit gemacht hat. Und damit hat Er es zur Erfüllung der Mission der Erde gemacht. Im Zeichen des Kreuzes erfüllt sich der Sinn der Erde.

  >Mit einer solchen für die ganze Menschheit hingestellten Imagination wie das Kreuz auf Golgatha, mit einer solchen Imagination ist der Menschheit ein Unendliches gegeben. Hingestellt ist es vor nahezu zwei Jahrtausenden, dieses Symbolum, das zugleich reale Wirklichkeit war - und noch müssen wir es immer mehr und mehr verstehen lernen in der Menschheitsevolution der Zukunft. Das sind einfache, primitive Gedanken, aber sie sind nicht dazu da, um in uns einen metaphysischen Charakter anzunehmen, sondern Empfindungen anzunehmen, die uns geeignet machen, in der richtigen Weise uns hineinzustellen in die ganze Menschheitsentwicklung.< - >Die Blätter, der Stamm der alten Menschheitskultur, sie werden abfallen müssen; die Blüte, das Mysterium von Golgatha, wird wie eine Erinnerung bleiben müssen. Und dieser Keim... wird in sich tragen müssen das Bewußtsein, diese Blüte immer mehr und mehr zur Entfaltung zu bringen auf eine neue und immer wieder neue Weise. Dann wird in Vielform der Christusimpuls durch die Menschheitsevolution leben und doch immer wieder derselbe sein, wie jede Blüte die Kraft und die Schönheit der alten Blüte in sich trägt.< (4. Rudolf Steiner: Der Zusammenhang des Menschen mit der elementarischen Welt. Kalewala. Das russische Volkstum. GA 1968).

  So wandelt sich das Kreuz vom Zeichen des Todes zum Symbol des Lebensbaumes, aus dem immer wieder neue Zweige und Sprossen hervorgehen. Das Kreuz stammt ursprünglich aus der Welt der Mysterien. Dort wurde es zu Zwecken der Einweihung verwandt. Der Myste wurde an das Kreuz geheftet, um in dieser Lage den mystischen Tod zu durchleben, wobei das Seelisch-Geistige sich vom Leibe löste und zum hellseherischen Bewußtsein hinaufsteigen konnte. Der >römische Wolf<, der allen Mysterien feindlich gesinnt war und sie zu seinen Machtzwecken mißbrauchte, verwandte das Kreuz der Einweihung, das er in den phönizischen Mysterien fand, zum Marter- und Hinrichtunsgpfahl. So ragten Tausende von Kreuzen zum Himmel bei der Hinrichtung der römischen Söldner, die Spartakus-Aufstand gegen Rom rebelliert hatten, ein grausiges Zeichen für das Untermenschentum, dessen dunkle Abgründe sich bereits hier öffneten. Und dennoch waren die aufgerichteten Kreuze des Spartakus-Aufstandes das Signal für die Aufrichtung des Kreuzes auf Golgatha, worin sich der heilige Mysteriensinn des Kreuzes erst erfüllen sollte, wie ihn Plato schaut: Die Weltseele in Kreuzesform auf den Weltenleib gekreuzigt. Als das Kreuz auf Golgatha aufgerichtet und über den Menschen erhöht wurde, verband sich der Logos als innerste Substanz der Weltseele mit der Menschheit. Prophetisch weist das Kreuzeszeichen als astronomisches Zeichen der Erde auf diese Tat hin, wodurch die Erde erst ihren Sinn erhielt. Seither ist die Erde der Stern der Liebe und der Erlösung!

  Auf den okkulten Aspekt des Kreuzes werden wir noch eingehen. - Ist das Kreuz die Rune des Menschen als Ich-Träger, so deutet das Schlangensymbol auf die Bewußtseinszustände, welche vor dem Ich-Bewußtsein liegen und die nach der Ich-Entwicklung dem Menschen wieder mit dem Geistbewußtsein verbinden. Obwohl die Schlange innig mit der Entstehung des Ich-Bewußtseins zusammenhängt, so spiegelt sie in den symbolischen Bildern des Alten Testamentes doch die vor-ichhaften Bewußtseinsstufen und erscheint in den östlichen Tempelsymbolen als Symbolum der Weisheit, die der Mensch in Zukunft sich wieder erringen soll. Daher ist sie mit den astralischen Kräften des Menschen verwandt, wie sie in der Schlange des Paradieses zum Ausdruck kommen.

  Es ist charakteristisch für die Blickrichtung des Alten Testamentes, daß am Ausgangspunkt der Menschheitsentwicklung die Schlange als Versucherin erscheint, die den Menschen in den Sündenfall treibt. Dieser Aspekt hat sich dann im mittelalterlichen Christentum tief in die abendländische Menschheit eingelebt, so daß das Symbol der Schlange zum Zeichen des Bösen geworden ist. Dadurch ging der andere Aspekt als Weisheitsträgerin immer mehr verloren. Und doch empfängt Adam durch die Schlange die Gabe der Erkenntnis, so daß er fähig wird, gut und böse zu unterscheiden: >Und Gott der Herr sprach: Siehe, Adam ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist!< (1.Mos.3,22). Die typische Blickrichtung des Alten Testaments geht einem besonders bei einem Vergleich mit der griechischen Kultur aus. Hier erscheint das Schlangensymbol vorwiegend als Sinnbild der Weisheit und Erkenntnis, weshalb es sich wie im Orient in den Mysterienstätten findet. Im Dionysos-Mythos lebt die vorwärtsdringende Kraft, die den Menschen zum Ich-Bewußtsein führt und damit zur Selbständigkeit und Freiheit. Dionysos, der jüngste der Götter, befreit den Menschen aus dem dumpfen Traumbewußtsein und schenkt ihm die freie Schöpferkraft. Daher ist er der Liebling, der jüngere Bruder der Götter und Menschen.

  Dieser luziferische Impuls, welcher der ganzen griechischen Kultur ihre Schöpferkraft verlieh, gilt vor Jahwe als Sünde. Daher wird die Schlange als listige Verführerin des Menschen geschildert, die den Menschen aus dem dumpfen Traumbewußtsein des Paradieses erweckt und zur Freiheit der Erkenntnis führt. Wir werden noch sehen, daß das Schlangensymbol in der Welt des Alten Testamentes stets in diesem Licht erscheint, wie in der Schlangenbeschwörung der ägyptischen Priester bei der Auseinandersetzung mit Moses sowie auch im Neuen Testament (Luk.3,7,-Matth.3,7): stets erscheint die Schlange als eine Kraft, die überwunden werden muß.

  Nun liegt diese Auffassung darin begründet, daß das israelitische Volk dazu auserwählt war, den reinen Mondenspiegel des göttlichen Ich-Bin in seinem Ich-Bewußtsein auszubilden und durch das Blut der Generationen zu vererben. Jahwe, der Mondengott, wollte durch die Kraft der Bluts- und Gattungsliebe seinen Stempel der Menschenform aufprägen, um sein Volk zum Instrument des Götterwillens zu erziehen. Daher wird es von außen durch das Gebot, nicht durch die eigene Erkenntnis geprägt. Dieser Einseitigkeit widersetzen sich die luziferischen Mächte, die nicht wie die oberen Götter Herrscher über die Menschen sein wollen, sondern die sich ihnen als Brüder nahen. Sie geben der Menschheit den Impuls zu selbständigem Handeln und eigenem Erkennen. Daher erscheinen sie im Alten Testament als Widersacher der Götter.

  Heute, im Anbruch der michaelischen Geist-Erkenntnis, muß der Mensch diesen Götterkampf, in den er hineingestellt ist, in einem neuen Lichte durchschauen. Dann offenbart sich ihm das Schlangensymbol in seinem zweifachen Aspekt. Luzifer, der Träger des Lichtes, der sich in diesem Symbol ausspricht, will den Menschen von aller >Weltenknechtschaft< befreien und ihn ganz auf sich selbst stellen. So verdankt ihm der Mensch die Wissenschaft, die Freiheit und die Selbständigkeit. Diese Gaben verdanken wir Luzifer, dem Lichtträger, der uns zur Freiheit geführt hat. Doch gerade in diesen Gaben liegt die Gefahr, die Einheit des göttlichen Weltengrundes zu verlieren. Eine Wissenschaft, welche sich nur auf die Sinneswahrnehmung beschränkt, führt den Menschen in die Täuschung, indem sie den Geist verliert. Die Selbständigkeit kann zum bilden Egoismus verhärten, so wie die Freiheit zur Willkür wird ohne die Liebe.

So muß dem luziferischen Prinzip das Christus-Prinzip zur Seite treten, damit der entwurzelte Mensch sich wieder in die Einheit des Ganzen stellen kann. Dann erst wird uns das Schlangensymbol zum Sinnbild der Weisheit und Liebe. Dann wird die Wissenschaft in Weisheit, die Freiheit in Opferwilligkeit, und die Selbständigkeit in Selbstlosigkeit verwandelt, wodurch der Mensch sein Sondersein überwindet und sich mit der Menschheit zu einer Einheit verbindet.

  In dieser Weise ist Christus der Überwinder der Schlange, der die Schlange >erhöht< und zur Weisheit die Liebe spendet. Darauf weisen die Worte im Johannesevangelium: >Und wie Moses in der Wüste die Schlange erhöht hat, also muß des Menschen Sohn erhöht werden, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verlorengehen, sondern das ewige Leben finden< (3,14-15): Dieser Aspekt des Schlangensymbols, der durch Christus seine Erfüllung findet, soll uns im folgenden Kapitel beschäftigen.