UA-34182763-1
Die Mission des hebräischen Vokels

   Es hängt mit der spezifischen Mission des hebräischen Volkes zusammen, das, durch Jahwe von oben gelenkt, die Weisheit und Erkenntnis nur durch das Gebot und Gesetz, also von außen, empfangen sollte, nicht aber durch den dionysischen Trieb sich selber aneignen sollte. Während andere Völker, wie das alt-indische und zum Teil auch das griechische, schon frühzeitig zu hohen Erkenntnisstufen aufstiegen, sollte das Jahwevolk als Abelvolk das Göttliche nur wiederspiegeln und bewahren im treuen Gehorsam zu seinem Gott. Es sollte ein reines Gefäß für das Göttliche Ich-Bin werden, in das dereinst das kosmische ICH des Christus einziehen konnte. Aus diesem Grunde sehen wir, wie Luzifer von der Jahwegottheit der Krieg erklärt wird: Alle luziferischen Eigenschaften werden ausgemerzt, sehr im Gegenteil zum griechischen Volk, dessen Größe und Kunst ja gerade auf diesen luziferischen Eigenschaften beruht. Diese luziferischen Eigenschaften leben nun gerade im weiblichen Teil. >Heve<, die Urmutter alles Lebendigen, verkörpert den produktiven Teil des androgynen Urmenschen, der am Anfang noch beide Geschlechter in sich vereinigte und dann erst beim Sündenfall in die Differenzierung eintritt. Dadurch wird der ursprüngliche Schöpfergeist, der weibliche Erkenntnisträger, vom männlichen Teile abhängig und sinkt zum bloß dienenden Prinzip herab; damit allerdings auch alle eigenschöpferischen Fähigkeiten, die auch heute noch mit dem weiblichen Prinzip im Menschen verbunden sind.

  Wir blicken hier in das Mysterium einer Volkserziehung, die sich in der Art der biblischen Darstellung des Sündenfalls manifestiert. Muß es nicht charakteristisch für diese Auffassung erscheinen, daß eine Verbotstafel vor dem Genuß der Erkenntnis aufgerichtet wird: >Du sollst nicht essen vom Baum der Erkenntnis...< Das heißt: Du sollst nicht nach eigener Erkenntnis streben, du sollst im naiv-unschuldigen Bewußtseinszustand verbleiben und alles deinem Gott anheimstellen! Wird hiermit nicht jede eigene Aktivität des Ich herabgelähmt und abhängig gemacht von einem außerirdischen Gott, der den Menschen auf der Kindheitsstufe zurückhalten will? -

  Wir werfen diese Fragen hier auf, um sie zu kontrastieren mit dem Grundimpuls des Neuen Testamentes. Der grundlegende Unterschied zum Alten Testament ergibt sich aus der Einstellung des Johannes-Evangeliums. Das große Leitmotiv des Christusimpulses offenbart sich aus dem Wort: >Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen!<, ein Wort, das gerade den größten Protest unter den Juden hervorruft (vgl. Joh.8). Und leuchtend steht in diesem Evangelium, alles überstrahlend, das Wort, das den größten Gegensatz zum Judentum darstellt: >>Ihr seid Götter!<< (10.34).

  Man muß sich die Fähigkeit aneignen, solche Gegensätze in ihrem ganzen Gewicht zu erkennen und nachzuerleben. Im Alten Testament heißt es: >Wer Gott sieht, der stirbt!< - Im Johannesevangelium heißt es: >Wer mich sieht, der sieht den Vater!< (14.9). Ja, die Erkenntnis des Vaters wird hier als das >ewige Leben< von Christus gepriesen, wenn er im letzten Gebet beim Abschied von seinen Jüngern sagt: >Das aber ist das ewige Leben, daß sie Dich, o Vater, als den einheitlichen Gottesgrund erkennen und Jesus Christus als den, den Du zu ihnen gesandt hast!< (17.3).

  Dadurch aber wird das luziferische Erkenntnisprinzip, wie es als Schlange der Weisheit bei allen Völkern verehrt wurde, erhöht. Im Sinnbild der am Kreuz erhöhten Schlange, wie es sich in Michaelsheiligtümern wie im Monte Gargano findet (29. Adalbert Graf von Keyserling: Monte Gargano, Verlag Hilfswerk Elisabeth Stuttgart), wird diese Erhöhung des luziferischen Prinzips durch den Christus dargestellt. Wir können auch sagen: Nur durch das luziferische Erkenntnisprinzip und seine Erhöhung kann der Mensch den Weg zu seiner Freiheit finden, den Christus ihm bereiten will.

  Wenn diese Gegensätzlichkeiten hier einander gegenübergestellt werden, so geschieht es deshalb, weil das moderne Bewußtsein, auch der christlichen Konfessionen, das Unbefriedigende der alttestamentarischen Überlieferungen lebhaft empfindet, wie es aus der neuen Fassung des katholischen Katechismus hervorgeht. Wenn die Menschheit schon durch den Sündenfall >schuldlos-schuldig< geworden ist, so kann das Gleichgewicht der Weltgerechtigkeit nur durch eine andere Tat wiederhergestellt werden. Und dies ist die Tat des Christus, durch welche der Mensch ohne sein Verdienst der Gnade wieder teilhaftig werden kann. Jetzt aber nicht mehr als >Knecht Gottes<, sondern als Freund und Mitarbeiter Gottes, wozu Christus seine Jünger adelt: >Ich sage hinfort nicht, daß Ihr Knechte seid, denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt: denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan< (Joh.15.15).

  Mit der richtigen Würdigung des luziferischen Erkenntnisprinzips hängt auch die richtige Würdigung der Frau zusammen. Auch in dieser Beziehung stehen wir noch weitgehend unter dem Schatten der alttestamentarischen Auffassung, die die Frau nur als Gebärerin zur Fortpflanzung des Geschlechtes würdigt. Sie sinkt durch den Sündenfall im Grunde noch tiefer als der Mann. Man denke daran, welche Rolle die Frau bei den Germanen als Priesterin und Seherin spielte! Deutlich geht aus der Tempellegende hervor, wie das Rosenkreuzertum die einseitige jüdische Auffassung überwindet, indem die Kainsströmung in die Christusmysterien aufgenommen wird.

  Gerade wenn man die tiefe Weisheit, die wie kostbare Edelsteine in der Schatztruhe des Alten Testamentes verborgen sind, im Licht einer neuen Geisteserkenntnis wieder zu würdigen versteht, wird man unterscheiden lernen zwischen dem ewigen Gehalt seiner Bildersprache und der zeitlich und volksmäßig bedingten Form, in welche diese Bilder gekleidet wurden.

  Wir werden nun sehen, wie im Symbol des >Ehernen Meeres<, das ja nicht aus der Jahweströmung, sondern aus der Strömung der heidnischen Mysterien stammt und das von Hieram Abiff, dem Phönizier, im Vorhof des Salomonischen Tempels errichtet wurde, die Harmonisierung beider Strömungen im Menschen und in der Weltentwicklung dargestellt worden ist.