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Der Zeichencharakter der Rosenkreuzersymbole

Welche erzieherische Wirkung hat die Beschäftigung mit Symbolen

Die >>Putrefactio<<

Die >>Prima Materia<<

   Wenden wir uns noch einmal zur Rosenkreuzersymbolik, um ihren kosmischen Hintergrund zu erkennen. Die Rosenkreuzersymbolik nimmt eine Mittelstellung ein zwischen der alten Symbolik der vorchristlichen Zeit, wie sie in den Symbolen des Salomonischen Tempels enthalten ist, und der begrifflichen Sprache der Geisteswissenschaft, die sich keiner Symbole mehr bedient. Sie ist in mancher Hinsicht eine Zeichensprache, die anstelle der symbolischen Bilder geometrische Zeichen und Figuren verwendet, welche erst entschlüsselt werden müssen, um ihr Wesen erfassen zu können. Daher bereitet die rosenkreuzerische Symbolik die begriffliche Sprache der Bewußtseinsseele vor, die aus rein geistigen Erkenntniskräften durch das Denken den Menschen in die übersinnlichen Zusammenhänge einführt.

  Hieraus ergibt sich schon, daß der Rosenkreuzerimpuls, so wie er hier gemeint ist, tief verwurzelt ist in der abendländischen Geschichte kurz vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges in der Schrift >Die Chymische Hochzeit Christiani Rosenkreutz Anno 1459< von Valentin Andreae auf (1604 geschrieben, 1616 in Straßburg im Druck erschienen). Schon in diesem Titel kündigst sich der Gegensatz zu dem mystischen Weg des Mittelalters das spezifisch Neue dieses Impulses an. Dieser Weg führte den Menschen zu einer rein mystisch-innerlichen Vereinigung mit dem Göttlichen, wie er von vielen Mönchen und Nonnen des Mittelalters beschritten wurde. Es ist der asketische Weg, der die Natur ausschaltet.

  >Durch die mystische Hochzeit der Nonnen wurde nur etwas getan für die Subjektivität des Menschen; durch die chymische (chemische) Hochzeit gab sich der Mensch der Welt hin, durch ihn sollte etwas für die ganze Welt geleistet werden, so wie durch die Naturvorgänge etwas für die ganze Welt geleistet wird. Dies ist nun wiederum im eminent christlichen Sinne gedacht. Begriffe wollten die Menschen, die realer dachten - sei es nun selbst in dem einseitigen Sinne der alten Alchimisten -, durch die sie die Wirklichkeit in richtiger Art meistern könnten, durch die sie die Wirklichkeit richtiger ergreifen könnten... Die materialistische Zeit hat zunächst über solche Begriffe einen Schleier geworfen; und die Menschen, während sie heute meinen, gerade recht über die Wirklichkeit zu denken, leben viel mehr in Illusionen, als die von ihnen verachteten Menschen z.B. der Alchimisten-Zeit, welche Begriffe anstreben, durch die die Wirklichkeit gemeistert werden kann.< (35. Rudolf Steiner: Kosmische und menschliche Metamorphose, Vortrag vom 27. Februar 1917, GA 175).

  Was durch das Rosenkreuzertum in Wirklichkeit angestrebt wurde, war eine vergeistige Naturwissenschaft, wie sie der erwachenden Bewußtseinsseele im Anbruch der neueren Zeit entspricht. Gerade aber durch dies Streben, die Naturvorgänge durch Begriffe zu erfassen, wie sie bei den Alchimisten in den drei Grundelementen Salz, Merkur und Schwefel zum Ausdruck kommen, entstand das Mißverhältnis, daß mit diesen Begriffen das gleiche gemeint sei wie in der heutigen Chemie. Um dies Mißverständnis zu bereinigen, bedarf es eines tieferen Einblickes in das Streben der Rosenkreuzer sowie in die Entwicklungsbedingungen der menschlichen Organisation.

  Drei Stufen lassen sich in der Entwicklung des menschlichen Bewußtseins unterscheiden. Die erste reicht zurück bis in die vorchristlichen Zeiten, in denen der Mensch noch mit dem geistigen Mutterschoß (der >Materie<) verbunden ist und seine geistigen Fühlhörner in die Wandlungsgeheimnisse der Naturvorgänge erstreckt. Im hellseherischen Bild erlebt er diese zugleich als innere Wandlungsprozesse seiner eigenen Wesenheit. Was er so erlebt, kleidet sich für ihn in Weltenbilder, wie sie im Mythos aller Völker ihre Ausgestaltung erfahren haben. Man denke an den Osiris-Mythos der Ägypter: Osiris wird von seinem Bruder Typhon zerrissen, und die Teile seines Leichnams werden an verschiedenen Orten vergraben, welche Isis, seine Schwester und Gemahlin, dann birgt, um sie zu neuem Leben zu erwecken.

  In diesem Mythos offenbart sich ein zweifacher Aspekt: ein kosmischer und ein menschlicher. Der kosmische zeigt, wie in der Natur und in allen natürlichen Prozessen eine geheime göttliche Kraft waltet. Sie ruht verzaubert in Stein, Pflanze und Tier. Nur der Mensch kann sie aus ihrer Verzauberung erwecken. Es ist Osiris, der sich als Demiurgos (Weltenschöpfer) in seine Schöpfung hinein ergossen und geopfert hat. Wir sehen nur seinen zerstückelten Leichnam rings um uns her. Aber der Mensch kann den zerstückelten Leichnam des Osiris in seiner Seele zu neuem Leben erwecken.

  Und damit gelangen wir zu dem mystischen Aspekt, wie er durch die Einweihung in den Mysterien erlebt wurde: >Der wahre Osiris ist in der Menschenseele. Diese ist zunächst die vergängliche. Aber ihr Vergängliches ist bestimmt, das Ewige zu gebären. Der Mensch muß sich als das Grab des Osiris betrachten. Die niedere Natur (Typhon) hat die höhere in ihm getötet. Die Liebe in seiner Seele (Isis) muß die Leichenteile hegen und pflegen, dann wird die höhere Natur, die ewige Seele (Horus), geboren werden, die zum Osiris-Dasein fortschreiten kann. Den makrokosmischen Osiris-Weltprozeß muß der zum höchsten Dasein strebende Mensch in sich mikrokosmisch wiederholen. Das ist der Sinn der ägyptischen Einweihung, der Initiation. Was Plato beschreibt als kosmischen Prozeß, daß der Schöpfer die Weltseele in Kreuzesform auf den Weltleib gespannt hat und daß der Weltprozeß eine Erlösung dieser ans Kreuz geschlagenen Weltenseele ist, das mußte mit dem Menschen im kleinen vorgehen, wenn er sich zum Osiris-Dasein befähigen sollte. Der Einzuweihende mußte sich so entwickeln, daß sein Seelenerlebnis, sein Osiris-Werden, mit dem kosmischen Osiris-Prozeß in eins zusammenschloß< (36. Rudolf Steiner: Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums).

  Auf dieses Einswerden von äußeren und inneren Vorgängen kam es hier an. Auf der Stufe der Empfindungsseele, die besonders in der alt-ägyptischen Kulturepoche zur Entfaltung kam, erlebte der Mensch die äußeren Naturprozesse zugleich als seelische Prozesse in hellsichtigen Bildern, und eben darauf beruht das Wesen der Alchimie. Sie hat ihren geistigen Ursprung in der ägyptischen Kulturperiode. Während aber in dieser Zeit auf der Grundlage der Empfindungsseele der Mensch noch hellsichtig war und der Mythos vom Eingeweihten in seinem okkulten Zusammenhang noch durchschaut wurde, verblaßten die Symbole in der Gemüts- oder Verstandesseele der darauffolgenden Zeit zu bloßen Sinnbildern und Zeichen. Dies ist auch der tiefere Grund, weshalb die Freimaurersymbolik sich vorwiegend ägyptischer Symbole bedient, ohne sie in ihrem geistigen Zusammenhang noch zu durchschauen.

  Dann erst erfassen wir das Wesen der Rosenkreuzersymbolik, wenn wir sie als Übergang von der alten, hellseherisch wahrgenommenen Symbolik zur Zeichensprache der Gemüts- oder Verstandesseele auffassen. Das ergib sich besonders aus den drei Grundbegriffen der Alchimisten: Sal (Salz) - Merkur (Quecksilber) - Sulphur (Schwefel). Mit diesen drei Begriffen sind nicht wie in der modernen Chemie bloß äußere Naturprozesse oder >Elemente< gemeint, sondern zugleich seelische Vorgänge, die sich auch im Menschen abspielen.

  1. Mit der Salzbildung war alles ins Auge gefaßt, was sich im Kristallisationsprozeß aus einer Auflösung als fester Stoff niederschlägt und verdichtet: >Wenn aber der mittelalterliche Rosenkreuzer diese Salzbildung sah, war seine Vorstellung davon ganz verschieden von der des heutigen Menschen. Denn der Anblick eines solchen Prozesses mußte wie ein Gebet wirken in der Seele desjenigen Menschen, der ihn betrachtete. Der mittelalterliche Rosenkreuzer suchte sich deshalb klarzumachen, was in seiner eigenen Seele vorgehen üßte, wenn in ihr diese Salzbildung auch vorgehen sollte. Er dachte: Die menschliche Natur vernichtet sich fortwährend durch ihre Triebe und Leidenschaften. Unser Leben wäre eine fortwährende Zersetzung, ein Fäulnisprozeß, wenn wir uns nur den Begierden und Leidenschaften hingeben würden. Wenn der Mensch sich wirklich schützen will gegen diesen Fäulnisprozeß, so muß er sich fortwährend reinen, nach dem Geistigen hintendierenden Gedanken hingeben... Der Prozeß der Überwindung der zur Verwesung führenden Kräfte durch Spiritualität, das ist: mikrokosmische Salzbildung.< (37. Rudolf Steiner: Das rosenkreuzerische Christentum, Neuchatel, 27.+28.9.1911 GA130).

  Wir haben es also mit Bildbegriffen zu tun, die aus einer imaginativen Anschauung Mensch und Welt noch umspannen und gerade dadurch eine spirituelle Naturanschauung vorbereiten, indem sie den Menschen möglichst nah an die äußeren Weltprozesse angliedern. Was als Kristallisationsvorgang sich draußen in der Salzbildung abspielt, das vollzieht sich im Menschen, wenn er sich reinen Gedanken hingibt.

  2. Mit dem zweiten Begriff des Merkur war der Prozeß der Auflösung ins Auge gefaßt, der sich draußen in der Natur in allen Tropfenbildungen abspielt. Alles, was etwas anderes auflösen kann, nannte der Rosenkreuzer: Quecksilber oder Merkur. Was diesem Prozeß seelisch im Menschen entspricht, ist die Liebe in allen ihren Formen: >Und so wurde der Anblick des Auflösungsprozesses wieder zu einem frommen Gebete, und der mittelalterliche Rosenkreuzer sagte sich: Es hat die Liebe des Gottes draußen jahrtausendelang so gewirkt, wie in meinem Inneren die Liebe wirkt.< (37. Rudolf Steiner GA130).  

  3. Der dritte Prozeß, Sulphur oder Schwefel, deutet auf den Verbrennungsvorgang, der sich im unteren Menschen sowie in der Natur abspielt. Wo immer er draußen Verbrennungsprozesse sah, sagte er sich: >Jetzt opfern Götter den höheren Göttern. Und wenn dann der mittelalterliche Theosoph selbst in seinem Laboratorium den Verbrennungsprozeß hervorbrachte, dann empfand er. Ich tue, was die Götter tun, wenn sie sich höheren Göttern opfern< (37. Rudolf Steiner GA130).

  Wir werden auf die geometrische Zeichensprache der alchimistischen Symbolik noch näher eingehen. Zunächst ist es nötig, daß wir den entwicklungsgeschichtlichen Hintergrund ins Auge fassen für das Entstehen der Rosenkreuzersymbolik aus der alten vorchristlichen Bilderschau. Gerade durch die letztgenannten symbolhaften Begriffe bereitete das Rosenkreuzertum die Begriffssprache der Bewußtseinsseele vor, welche die dritte Stufe bildet. Daß die moderne Geisteswissenschaft, die als Weioterführung des rosenkreuzerischen Impulses betrachtet werden muß, sich der Begriffssprache bedienen kann, um übersinnliche Vorgänge zu beschreiben, verdankt sie der Entwicklung des naturwissenschaftlichen Denkens, das in den letzten Jahrhunderten sich zu dieser Selbständigkeit und Objektivität erzogen hat.

  Bevor wir nun auf einzelne Symbole der Rosenkreuzer eingehen, sei noch eine prinzipielle Frage näher ins Auge gefaßt. Es ist die Frage:

 

Welche erzieherische Wirkung hat die Beschäftigung mit Symbolen

  Im Sinne jener zwei Wege, auf welchen der Mensch sich mit den göttlichen Quellkräften verbinden kann, dem mystischen Innenweg und dem alchimistischen Außenweg, ergeben sich auch zwei Hemmnisse, die als Versucherkräfte auf jedem dieser Wege sich dem Menschen entgegenstellen. Auf dem mystischen Weg, der ihn in die unterbewußten Seelengründe führt, begegnet er allen ungeläuterten Leidenschaften seiner Natur: Alles, was zu Hochmut, Eitelkeit, Ehrgeiz und überspannter Schwärmerei führen kann, ergreift die Seele. Zur Überwindung dieser luziferischen Versucherkräfte dienten die mittelalterlichen Klosterregeln und Ordensgelübde, die den Menschen zu Demut, Enthaltsamkeit, Hingabe und Frömmigkeit erziehen sollten. Rudolf Steiner erzählt von dem Beispiel einer seelischen Schulung, die der Pater Antonius einem Schüler angedeihen ließ, der als >Paulus der Einfältige< bezeichnet wird. Antonius ließ ihn Wasser tragen in durchlöcherten Gefäßen. Er ließ ihn Kleider nähen, die er hinterher wieder auftrennen mußte, und Steine schleppen auf einen Berg, die auf der anderen Seite wieder herabrollten: >Die Folge davon war, daß Paulus der Einfältige eine ungeheure Vertiefung seines Gemütes durchmachte...; aus Paulus dem Einfältigen wurde Paulus der Weise< (38. zitiert nach Otto Palmer: Mystik, Okkultismus, Anthroposophie. Die Pforte Basel).

  Nicht so leicht sind die Gefahren und Hindernisse auf dem alchimistischen Wege zu überwinden, da dieser ja nicht nur eine innere Gottseligkeit anstrebt, sondern zugleich objektive Erkenntnisse, worin sich diese beiden Wege als Mystik und objektiver Okkultismus unterscheiden. >Echte Mystik ist bestrebt, das nach dem menschlichen Innern zu gelegene geistig Wesenhafte des Menschen, das von der Sinneswahrnehmung für das gewöhnliche Bewußtsein überdeckt wird, zu erleben. Echte Alchimie macht sich unabhängig von der sinnlichen Wahrnehmung, um das außerhalb des Menschen vorhandene geistig Wesenhafte der Welt zu schauen, das von der Sinneswahrnehmung verdeckt wird< (39. Rudolf Steiner über die Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreuz. Herausgegeben von Dr. Walter Weber. Dr. Karl Heyer: Rosenkreuzerimpule in der französischen Revolution, beide Freies Geistesleben Stuttgart).

  Hier sind es die ahrimanischen Wesen, die das Bewußtsein trüben und verwirren, wenn der Mensch das Geistige hinter der Sinneswelt schauen will. Wir haben in dem Kapitel über die >Tempellegende< schon auf die Schrift von Otto Palmer über: >Mystik, Okkultismus, Anthroposophie< hingewiesen, die einen klaren Einblick in diese Gefahren vermittelt:

  >Auf beiden Wegen drohen Gefahren. Man gelangt nicht ohne weiteres in eine dem Menschen gemäße Geistigkeit. Man muß, wenn dieses Bild gestattet ist, Vorhöfe durchschreiten. Hinter der Sinneswelt haben die ahrimanischen Wesen ihren Sitz. Dort lauern sie auf den Menschen, um ihn für ihr Reich zu gewinnen. Wer unvorbereitet, das heißt ungeschützt, in diese Sphäre dringt, den packen diese Wesen an dem Teil, der ihnen wesensverwandt ist: am Verstande. Sie durchdringen ihn mit ihren Kräften, die zerstörender Art sind, denn ihre Aufgabe ist ja die Zerstörung. Wer ihnen anheimfällt, wird zum Zerstörer - nicht um dieses oder jenes Vorteils willen, nicht zu diesem oder jenem Zweck, sondern um des Zerstörens willen. Zu zerstören ist solchen Seelen höchste Lust.

  Diese Gefahren waren den alten Orden sehr wohl bekannt. Und um den Menschen zu schützen, gab man ihm die Symbolik, ließ ihn an dieser Symbolik herumrätseln. Dabei wurden die Kräfte, vergleichsweise gesprochen, gebunden, deren sich Ahriman bedienen kann, wenn sie ungebunden sind. Ohne solche Bindung werden sie seine Beute< (40. s.Anmerkung 38).

  In der modernen Geisteswissenschaft tritt anstelle der Symbolik die Stilisierung in der geisteswissenschaftlichen Darstellung: >Sie ist so gehalten, daß der Leser alle seine intelligenten Kräfte in einem solchen Maße anzuspannen hat, daß sie dadurch gebunden werden und keine freien vorhanden sind, die den ahrimanischen Gewalten als Angriffsfläche dienen können< (40. s.Anmerkung 38).

  Die Beschäftigung mit Symbolen hat außerdem die Bedeutung, den Schüler in das Wesen der Imagination, der zweiten Erkenntnisstufe auf dem Rosenkreuzerweg, einzuführen, sowie in das >Lesen der okkulten Schrift<, welches die dritte Stufe darstellt.

  Nun kann man zwei Ebenen in der Rosenkreuzersymbolik unterscheiden. Eine, die noch auf ein unmittelbares imaginatives Bild-Erleben zurückgeht und auch in Bildform erscheint, und eine andere, die wir als die Zeichensprache der Alchimisten bereits erwähnten. Und auch diese beiden Ebenen der Rosenkreuzersymbolik dienen als Erziehungsimpulse zur Überwindung der luziferischen und ahrimanischen Kräfte, die den Menschen als Hemmnisse entgegentreten, sobald er seine Seelen- und Geisteskräfte verstärkt. Und zwar wirkt die Bild-Symbolik harmonisierend auf seine Seelenkräfte, so daß der Mensch die luziferische Sonderungstendenz eines überspannten Individualismus überwindet, während die Entschlüsselung der Zeichensprache die freiwerdenden Intelligenzkräfte bindet. - Beginnen wir zunächst mit einigen Grundsymbole de imaginativen Bildersprache, aus zunächst mit einigen Grundsymbolen der imaginativen Bilderschrift, aus denen uns das Wesen der Rosenkreuzerströmung am klarsten entgegenkommt.

 

Die >Putrefactio<

  Auf vielen rosenkreuzerischen Bildern sehen wir den Phönix dargestellt. Er ist das Ziel des rosenkreuzerischen Weges: So wie der Phönix verjüngt aus der Asche hervorsteigt, so kann der Rosenkreuzerschüler sein Ziel nur erreichen, wenn er sich im Feuer läutert, zur Asche verbrennen läßt, aus der sein ewiges Geistwesen aufersteht. Mit dem Symbol des Phönix verwandt ist der Pelikan, der seine Jungen mit seinem eigenen Blute speist, indem er sich die Brust aufreißt, um sie zu ernähren. Deshalb ist der Pelikan die höchste Stufe auf diesem Wegen. Vier Stufen hat dieser Weg, die in der Symbolsprache dargestellt werden durch den Raben, den Pfau, den Schwan und den Pelikan.

Die vier Grade der inneren Entwicklung, abgebildet in den Stufen des Raben, des Pfaus, des Schwanes und des Pelikans (Walter Johannes Stein: Weltgeschichte im Lichte des Heiligen Gral, Mellinger Verlag

 

Auf der ersten Stufe gleicht der Schüler dem Raben: Sein Geist ist noch unerleuchtet, daher schwarz wie der Rabe, seine Aufgabe ist es, ein Vermittler zu sein zwischen der Außenwelt der Sinne und der Innenwelt des Geistes. Die >Raben< waren die Boten in den Mysterien, die den Verkehr mit der Außenwelt aufrechterhielten. (Daher die Raben, die >Barbarossa< in seinem Zauberschlaf im Kyffhäuserberg Botschaft bringen.)

Der Pelikan, der sich opfert und seine Jungen mit dem eigenen Blute speist, charakterisiert die höchste Stufe des rosenkreuzerischen Entwicklungsweges (C.G.Jung: Psychologie und Alchimie)

  Beginnt in seiner Seele die farbige Imagination aufzuleuchten, so erreicht er die Zweite Stufe des Pfau. Hier droht ihm die Gefahr der Eitelkeit und Überheblichkeit: sich in seine Bilderschrift zu verlieben und eitel wie der Pfau sich damit zu brüsten.

  Nur durch Hingabe und Entsagung kann er die dritte Stufe der Inspiration erlangen: So wie der Schwan erst im Tode singt, so muß er bis an die Schwelle des Todes herankommen, um das göttliche Wort zu vernehmen.

Der Pelikan, der sich opfert und seine Jungen mit dem eigenen Blute speist, charakterisiert die höchste Stufe des rosenkreuzerischen Entwicklungsweges (Jung: Psychologie und Alchimie, Rascher Verlag, Zürich, Seite 256).


  Dann erst wird er reif, die höchste Stufe zu erreichen, die durch den Pelikan oder Phönix symbolisch dargestellt wird. Es ist die restlose Hingabe, die sich selbst in den Flammen der Aufopferung verzehrt, woraus der wiedergeborene Geist aufersteht! - (Vgl. die Rosenkreuzersymbolik im Werk von Hieronymus Bosch von Wertheim Aimès).

  Aus diesen Symbolen spricht der Grundnerv des Rosenkreuzerweges. Es ist der durch die seelische Läuterung, Hingabe und Opferung bewirkte Umwandlungsprozeß, der nur durch die Vernichtung und Verbrennung des >alten Adam< verwirklicht werden kann, ein Prozeß, der durch das Erlebnis des Todes führt. Diese Verbrennung, Vernichtung des eigenen Wesens ist die >putrefactio<, wie sie uns aus vielen symbolischen Bilddarstellungen der Rosenkreuzer entgegenkommt.

  In der morgenländischen (persischen) Einweihung unterschied man sieben Grade oder Stufen, die ebenfalls in Symbolen dargestellt sind:

1. Grad: der Rabe

2. Grad: der Okkulte

3. Grad: der Streiter

4. Grad der Löwe

5. Grad: der Heimatlose

6. Grad: der Sonnenhelt

7. Grad: der Vater


 

 

 

 

Basilius Valentinus schildert in seinem Werke >>Zwölf Schlüssel << jene Imagination, welche sich beim Freiwerden vom Leibe ergibt (Stein: Weltgeschichte im Lichte des Heiligen Gral, Mellinger Verlag, Seite 274).


  Der erste Grad des >Raben< soll die Vermittlung zwischen dem okkulten und dem äußeren Leben bilden! Er ist verwandt mit der ersten Stufe des christlichen Pfades, wobei der >Rabe< auf die noch nicht erleuchtete Denkkraft deutet, die erst in der zweiten Stufe des >Pfaus< zu farbiger Imagination erwacht.

  Der zweite Grad des >Okkulten< diente der Ausbildung des okkulten Lebens und entspricht in dieser Beziehung der zweiten Stufe des christlichen Weges.

  Der dritte Grad des >Streiters< hatte die Aufgabe, für die okkulten Lehren nach außen einzutreten.

  Der vierte Grad des >Löwen< sollte nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten dafür eintreten und durch innere Kraft das geistige Leben verwirklichen.

  Im fünften Grad befreit sich der Mensch von den persönlichen Bindungen seiner Rassen- und Familienzugehörigkeit: er verwirklicht als >Heimatloser< sein menschliches Urbild.

  Der sechste Grad, der >Sonnenheld<, deutet auf die Logoskraft, so wie der siebte Grad des >Vaters< auf die höchste Kraft des Vatergottes weist, die sich im Menschen verwirklicht (Atman).

  Nun wäre es allerdings zu einseitig, hierin nur moralische Anweisungen zu sehen. Im Gegensatz zum mystischen Weg sind die Stationen auf dem Rosenkreuzerweg zugleich kosmische Seinsstufen, die realen Prozessen entsprechen, wie sie in der äußeren Natur walten. Davon sprechen die Bildsymbole des Skeletts, das oft auf einer leuchtenden Kugel abgebildet ist oder aus dem Sarg hervorsteigt, womit auf das Freiwerden der ätherischen Bildekräfte hingewiesen ist. Auf dem Rosenkreuzerweg soll das Denken verwandelt werden: Indem es sich seiner Todeskräfte, wie sie im Intellekt walten, entreißt, erblickt es sich selbst als Totengerippe. Das ist die erste Stufe auf dem imaginativen Weg: Das unerleuchtete intellektuelle Denken verwandelt sich in eine Feuerkugel, das heißt in die leuchtenden Auferstehungskräfte, und sieht sich selbst als Totengerippe, das es auf diesem Wege zurückläßt.  

  Ein anderes Bild, wie es C.G.Jung in seinem Buch >Psychologie und Alchimie< wiedergibt, betitelt >Der Wolf als 'prima materia' frißt den toten König<, stellt den ähnlichen Prozeß dar. Im Vordergrunde liegt ein König auf der Erde, den ein Wolf frißt. Im Hintergrunde steigt derselbe König aus den Flammen, die den Wolf verzehren. Hiermit wird auf die Sublimierung der <prima materia< hingedeutet, die ein wichtiger Begriff der Alchimisten ist.

 

 

 

 

Der Wolf als >>Prima Materia<< frißt den toten König, ermöglicht aber dann, indem er in den reinigenden Flammen verbrannt wird, seine Wiedergeburt (Jung: Psychologie und Alchimie. Rascher Verlag, Zürich Seite 462).

 

Die >Prima Materia<

  Was haben wir uns darunter vorzustellen?

>Nach alchimistischer Auffassung ist Rost sowohl wie Grünspan die Krankheit des Metalles. Aber eben dieser Aussatz ist die >vera prima materia<, die Basis zur Bereitung des philosophischen Goldes. Das >Rosarium Philosophorum< sagt: >Unser Gold ist nicht das gemeine Gold. Du hast aber nach dem Grünen (viriditas, vermutlich Grünspan) gefragt, in der Annahme, daß das Erz ein aussätziger (leprosum) Körper sei wegen der Grüne, die es an sich hat. Daher sage ich dir, daß alles jenes, das vollkommen ist am Erze, nur jenes Grüne ist, weil jene Grüne durch unsere Methode (magisterium) alsbald in unser wahrstes Gold verwandelt wird.<<.

  >Des Thales paradoxe Bemerkung, daß erst der Rost der Münze den richtigen Wert gebe, ist eine Art von alchimistischer Paraphrase, die im Grunde nichts anderes besagen will, als daß es kein Licht ohne Schatten und keine seelische Ganzheit ohne Unvollkommenheit gibt. Das Leben bedarf zu seiner Vollendung nicht der Vollkommenheit, sondern der Vollständigkeit. Dazu gehört der >Pfahl im Fleisch<, das Erleiden der Mangelhaftigkeit, ohne welche es kein Vorwärts und kein Aufwärts gibt.< (41. - C.G.Jung: Psychologie und Alchimie, Zürich).

  Oder mit den Worten des Apostel Paulus ausgedrückt: >In meine Schwäche liegt meine Stärke!< Darin unterscheidet sich der rosenkreuzerische Weg von dem katholischen: Dieser sucht alles zu unterdrücken und auszumerzen, was ihn Sünde dünkt. Damit werden aber zugleich wertvolle Schöpferkräfte eliminiert oder unterdrückt, die mit den niederen Kräften unserer Natur eng verwandt sind. Der Mensch beraubt sich so jener Kräfte, die ihn zur geistigen Wiedergeburt führen. Anders der Weg der Alchimisten. Sie setzen gerade beim >Grünspan< ein, um die >prima materia< durch Sublimierung und Veredlung in pures Gold zu verwandeln. Nur durch die Verwandlung der niederziehenden Kräfte kommt der Mensch zu den höheren, die ihn zum Geiste emporziehen. Hier also muß er ansetzen, um das >opus< und sein Ziel zu erreichen. Der alte König wird vom Wolf aufgezehrt, damit der >neue Adam< aus dem Feuer geläutert auferstehen kann. Der Wolf ist das Symbol für die ahrimanischen Kräfte der Zersetzung. Hierin spricht sich eine tiefe Weisheit aus: Auch das Böse hat seine Berechtigung und seine Bedeutung für die Erziehung des Menschen. Erst derjenige, der es in seiner Abgründigkeit und Tiefe erfahren hat, wird den neuen Menschen, den Hermaphroditen >Mercurius<, gebären. Denn das ist das Ziel dieses Wege: der Mensch in der Vollständigkeit und Harmonie aller seiner Seelenkräfte! -

Der Wolf als >Prima Materia< frißt den toten König, ermöglicht aber dann, indem er in den reinigenden Flammen verbrannt wird, seine Wiedergeburt (C.G.Jung: Psychologie und Alchimie)

  Dieses Ideal kommt uns auf verschiedenen symbolischen Bildern entgegen, wie dem >Jungbrunnen<, mit Sonne und Mond auf beiden Seiten, dem der neue Hermes oder Merkurius, der hermaphoditische Mensch, entsteigt, der die Einseitigkeiten des männlichen und weiblichen Prinzips (Sonne und Mond) überwunden und die Vereinigung beider auf höherer Stufe verwirklicht hat. Wir haben auf diese höhere Synthese in den Darstellungen über die Tempellegende bereits hingewiesen bei der Beschreibung des >Ehernen Meeres< und des Hexagramms. Darin zeigt sich das geistige Streben der Rosenkreuzer, den Menschen als Abbild des Makrokosmos zu betrachten, in dem sich alle Himmelskräfte spiegeln. Die Harmonisierung der sich widerstreitenden Seelenkräfte war das eigentliche Ziel der Alchimisten, wenn sie in ihrem Laboratorium sich ihren Versuchen hingaben: nicht aber, Gold zu machen. Diese Abirrung konnte erst bei den falschen Alchimisten entstehen, die ihr ursprüngliches Ziel aus dem Auge verloren hatten. Daher stellt Goethe den drei Idealen der wahren Alchimisten: Gott, Tugend und Unsterblichkeit, die Idole der falschen Alchimisten gegenüber: Gold, Gesundheit und langes Leben.

  Dem heutigen Menschen scheint dies eine fremde Welt zu sein. Für ihn besteht eine unüberbrückbare Kluft zwischen den physikalischen, rein materiellen Naturkräften und der inneren moralischen Welt. Diese Kluft trachteten die Alchimisten gerade zu überwinden, indem sie in allen natürlichen Prozessen das Wirken kosmischer Sternenkräfte nachzuweisen suchten - oder wie es Goethe, ein wahrer Rosenkreuzer und Alchimist, in die schönen Worte geprägt hat:

 

>> Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,

Als daß sich Gott-Natur ihm offenbare;

Wie sie das Feste läßt zu Geist verrinnen

Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre <<

 

  Erst wenn diese Schranke zwischen Gott und Natur, Geist und Materie, moralischer Welt und physikalischer Naturgesetzmäßigkeit überwunden wird, kann der Mensch im Buch der Natur die Himmelsschrift seines eigenen geistensprungenen Wesens lesen!

  >So sonderbar es erscheinen mag<, schreibt Rudolf Steiner in seiner ganz aus rosenkreuzerischer Inspiration hervorgegangenen Schrift >Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit<, >künftig werden Chemiker und Physiker kommen, welche Chemie und Physik nicht so lehren, wie man sie heute lehrt, ...sondern welche lehren werden: >Die Materie ist aufgebaut in dem Sinne, wie der Christus sie nach und nach angeordnet hat! >Man wird den Christus bis in die Gesetze der Chemie und Physik hinein finden. Eine spirituelle Chemie, eine spirituelle Physik ist das, was in der Zukunft kommen wird. Heute erscheint das ganz gewiß vielen Leuten als eine Träumerei oder Schlimmeres. Aber was oft die Vernunft der kommenden Zeiten ist, das für die vorhergehenden Torheit.< -

  Das geistige Streben der rosenkreuzerischen Alchimisten spricht sich am reinsten in jenem Symbol aus, das Christian Rosenkreuz seinen Schülern zur meditativen Versenkung gab: das schwarze Kreuz, aus welchem sieben rote Rosen erblühen. Schon in diesem Symbol drückt sich der tief christliche Charakter des Rosenkreuzertums aus. Kein anderer hatte den Wandlungsimpuls des aus dem Tode neu erblühenden Lebens so tief erlebt wie der, welcher im Felsgrab von Bethanien als erster vom Christus selbst eingeweiht wurde (Joh.11). Und fragen wir, was uns die sieben Rosen künden, die Christian Rosenkreuz dem schwarzen Kreuze hinzufügte, so erhalten wir die Antwort: Es ist der Auferstehungsimpuls des Geistes, der im Licht der wiedererstandenen Mysterien den Menschen durch Erkenntnis zur Wahrheit führen will, im Sinne jenes Wortes, das uns die Richtung des johanneisch-rosenkreuuzerischen Christentums weist:

  >>Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen!<<  

(Joh. 8,32).