Die Symbole des Salomonischen Tempels
Jachin und Boas

  Wir sind in unseren Ausführungen über die Symbole an einem Punkt angelangt, wo wir den Blick von der Vergangenheit in die Richtung der Zukunft wenden müssen. Hieran krankt ja die Jungsche Schule, von der jetzt ein populäres Werk mit zahlreichen Bildern erschienen ist: >Der Mensch und seine Symbole<, das noch von Carl Gustav Jung vorbereitet wurde. Alle Symbole sind nach der Auffassung von Jung und seinen Schülern im >Unbewußten< des Menschen verankert und stellen ein Vermächtnis aus der Menschheitsgeschichte dar, das sich im kollektiven Gattungsbewußtsein abgelagert hat - so etwa wie der Mensch nach dem biogenetischen Grundgesetz von Haeckel in seiner embryonalen Entwicklung alle Stufen der Menschwerdung durch die verschiedenen Tiergattungen durchläuft. Obwohl die meisten Symbole als Runenzeichen eines früheren Bewußtseinszustandes aufgefaßt und gedeutet werden können, so bilden sie doch gleichzeitig einen Januskopf, der nicht nur zur Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft weist. Deshalb stellen sie uns die Erkenntnisaufgabe: sie zu entsiegeln. Dies kann allerdings nur vom bewußten Geist aus geschehen, der weder aus dem >Unbewußten< aufsteigt noch aus dem Bereich des kombinierenden Intellektes, sondern der in seiner Allgegenwart vom Ich aus erfaßt und erlebt werden muß. Er bildet das genaue Gegenteil und somit die Ergänzung zu dem sogenannten >Unbewußten<. Der Versuch, die Ergebnisse der Jungschen Schule heute populär zu machen, so daß sich ihre Vorstellungen und Begriffe weiteren Kreisen einverleiben, kann einiges Bedenken erregen und scheint nicht ganz ungefährlich zu sein. Wird der Mensch nicht in eine immer größere Abhängigkeit zu dem undurchschauten >Unbewußten< getrieben, wenn er es nicht vom vollbewußten Geist aus richtig zu deuten und in ein weisheitsvolles Ganzes zu stellen vermag? Dies aber lehnt Jung ab, weil er diesen >oberbewußten< Geist entweder leugnet oder für nicht erkennbar hält. So fehlt seiner Forschung jede Erkenntnisgrundlage, weshalb seine Traumsymbole, die in alle religiösen Dokumente, vom chinesischen Taoismus bis zum Christentum, hineinprojiziert werden, den Menschen an das undurchschaubare Unbewußte binden, dort, wo er noch nicht als Ich ein vollbewußter Mensch ist.

  Etwas Ähnliches vollzieht sich in gewissen Orden und Gesellschaften, die wie die Freimaurer mit Symbolen und Zeichen arbeiten, welche nicht ins geistige Bewußtsein aufgenommen und richtig durchschaut werden. Die Symbole haben die Eigenschaft, das unterbewußte Seelenleben zu verstärken und es an das Gattungshafte seiner Vergangenheit zu binden. Gerade dadurch bindet es den Einzelnen an eine Gemeinschaft und damit an eine Gruppenseele, da den Symbolen eine starke gemeinschaftsbildende Kraft innewohnt. Das könnte ja als etwas Positives betrachtet werden, wenn dadurch gleichzeitig auch das bewußte Seelenleben, wie es sich im Ich konzentriert, erstarken würde. Das aber ist eben nicht der Fall. Geisteswissenschaftlich ausgedrückt werden der Ätherleib und die unbewußten Partien des Seelenleibes (Astralleib) gestärkt, indem gewisse Kräfte durch Zeichen, Wort und Griff in die Seele einfließen, so daß der Mensch sich als Glied eines Größeren empfindet, während das bewußte Seelenleben davon kaum tangiert wird, ja oft sogar abgeschwächt wird und jedenfalls genauso philiströs bleibt wie zuvor. Da heute aber alles auf die Erkraftung und Vergeistigung des Denkens ankommt, um als bewußter Mensch sich ins Dasein zu stellen, so kann dieser Weg nicht zur Heranbildung einer wirklich auf geistiger Erkenntnis beruhenden Bruderschaft führen. Welche Macht Symbole gerade auf das Unterbewußte des Menschen haben und welche gefährlichen Kräfte sie entbinden können, wenn sie nicht von der Erkenntnis, sondern vom Trieb des Blutes und der Macht des Staates gelenkt werden, das haben wir zur Genüge am Symbol des Hakenkreuzes erlebt!

  Gerade deshalb aber ist eine Entsiegelung der Zeichen und Symbole so wichtig, denn dann können sie uns nicht schaden, sondern nur ihre aufbauenden Kräfte schenken. - Wer hier einwendet, daß die Freimaurer sich es ja doch sehr angelegen sein lassen, in ihren Instruktionsstunden sich mit den Siegeln und Symbolen zu beschäftigen, so muß erwidert werden, daß es nicht genügt zu wissen, was ein einzelnen Symbol bedeutet, wenn es nicht richtig eingefügt wird in den ganzen Hintergrund der spirituellen Menschheitsentwicklung. Und eben dieser Hintergrund fehlt. Versuchen wir deshalb noch einmal, mit wenigen Strichen diesen Hintergrund zu skizzieren.

  Wie aus unserem ersten Beitrag schon ersichtlich wird, ist die Menschheit, um zu ihrem heutigen Ich-Bewußtsein zu kommen, von einem früheren hellsichtigen Welterleben herabgestiegen zu ihrem gegenwärtigen Bewußtseinszustand, der nur die Sinneswelt noch zu erkennen vermag. Als das alte hellsichtige Erleben erlosch und der menschliche Wille sich auf diesem Wege vom göttlichen Willen emanzipierte, entstand das Bestreben, sich durch den Kultus in der >Religio< wieder mit ihm zu verbinden. Daraus erwuchs die Zwiesprache mit dem Kosmos, um aus den Wirkungen der Sonnenstrahlen bestimmte Gesetze für den Anbau der Pflanzen usw. abzulesen und so den Willen der Götter zu erforschen. Solange der Druidenpriester vor seinem Altare stand, um das Geistige der Sonnenwirkungen zu erforschen, brauchte er kein Symbol von der Sonne: er hatte es mit der wirklichen Sonne zu tun. Erst als die Fähigkeit verlorenging, eine unmittelbare Zwiesprache mit den Naturelementen zu halten, entstand das Symbol für die Sonne. Es ist heute noch in der Monstranz bei der katholischen Messe enthalten, in der die Sonne mit ihren Strahlen, auf der Sichelschale des Mondes ruhend, symbolisch dargestellt ist - ein Zeichen, daß der Meßkult auf uralte (ägyptische) Mysterienbräuche zurückggeht.

  So kann man drei Stufen auf diesem abwärtsführenden Individuationsweg unterscheiden: Die ursprüngliche Gottverbundenheit durch die Geistesschau, mit deren allmählichem Erlöschen das Bedürfnis nach Religion im Kultus entsteht, um das Weltenwort aufzunehmen und zu befragen, bis das Symbol als letzter Rest des alten hellsichtigen Erlebens übrig bleibt. So stellen Zeichen und Symbole die gleichsam erfrorenen Reste eines ehemaligen lebendigen Bild-Erlebens dar, durch welches sich die Welt dem Menschen offenbart, bis der Schatten des Intellektes alles verdunkelte und auch zu den Symbolen keinen Zugang mehr fand.

Parabel als Symbol der Bewußtseinsentwicklung
   Heute befinden wir uns wieder auf dem aufsteigenden Ast. Die Rosenkreuzerströmung bereitete dies im Mittelalter dadurch vor, daß sie durh bewußte Geistesschulung ihren Schülern Anleitung gab, in neuer und bewußter Art die Welt wieder in ihren Urbildern zu erfassen. Daher spricht man in der Rosenkreuzerschulung von dem >Lesenlernen der okkulten Schrift<. (3. Rudolf Steiner: Der Erkenntnispfad und seine Stufen. Der rosenkreuzerische Geistesweg. Berlin Oktober 1906 Steiner Verlag Dornach). Denn die geistige Welt offenbart sich auf dieser Stufe in einer Bildgestalt, die viel Verwandtschaft zu den Symbolen hat. Auf diese Weise steigt das menschliche Bewußtsein in der Zukunft wieder auf zum Erfassen der Bildgestalt (Imagination), des Weltenwortes (Inspiration) und des göttlichen Willens (Intuition). Das ist der tiefere Grund, weshalb die verborgenen Geheimnisse in der Rosenkreuzerschule in Bildern und Symbolen wiedergegeben worden sind. Denn das Bild steht der geistigen Wirklichkeit viel näher als der Begriff.

  Hiermit aber hängt ein innerer Akt des Bewußtseins zusammen. Die natürliche Welt bietet zwar zahlreiche Symbole dar, doch nur für den, der sie zu lesen vermag. Für das intellektuelle Bewußtsein gibt es nur ein Nebeneinander der Dinge - ohne Erhöhungen und Vertiefungen -, ohne Qualitätsunterschiede. Um das Wesenhafte der einzelnen Erscheinungen zu erfassen, bedarf es einer bewußten Erhebung und Erhöhung des sinnfälligen Bewußtseins. Dann kann ihm alles zum Symbol und Zeichen einer höheren Wirklichkeit werden, das einzelne wird durchlässig für eine geistige Realität. Und eben diese Kraft kann der Mensch nur selbst in sich erwecken, dann wird ihm alles Vergängliche zum Gleichnis. Dann erst aber ergreift er die Welt nicht nur in ihrer Vielfalt, wie sie sich den Sinnen darbietet, sondern in ihrer konzentrierten Wesenhaftigkeit, so wie es der Mystiker Cardanus ausspricht: >Die Welt ist unendlich; es ist dem Menschen nötig, sie in Symbolen zu ergreifen.<

  Die Kraft, um zu dieser Bewußtseinserhöhung und damit auf den aufsteigenden Ast der Entwicklung zu gelangen verdankt der Mensch dem Impuls, der an dem Tiefpunkt der Menschheitsentwicklung durch das Christusereignis der Menschheit eingepflanzt wurde. Deshalb ist der Christus der große Veröffentlicher der alten Geheimsymbole, der sogar das tiefste und verborgenste Symbol, das vorher nur im abgeschlossenen Tempelbezirk entsiegelt werden durfte - die Auferstehung der Seele durch Tod und Neugeburt -, öffentlich vor allem Volke vollzog (Joh.11). Und darauf stand als Mysterienverrat die Todesstrafe. Seitdem konnte er sich nicht mehr frei in Israel bewegen, sondern zog sich zurück in die Einsamkeit der Wüste (11,54).

  Bevor wir auf die Bildersprache der Evangelien eingehen, die heute unverständlich geworden sind, weil man den Schlüssel zu ihrem Verständnis verloren hat, sei zunächst auf die Symbolsprache des Salomonischen Tempels eingegangen. Denn diese enthält einen durchaus prophetischen Charakter auf den Messias, und damit auf die apokalyptische Zukunft der Menschheit. Obwohl die einzelnen Symbole aus der Vergangenheit stammen, wollen sie doch auf Ereignisse hinweisen, die sich erst in der Zukunft enthüllen und erfüllen. Aus diesem Grunde sind die Symbole des Salomonischen Tempels zur Grundlage der Freimaurer geworden.

  Zur historischen Orientierung sei zunächst das Folgende kurz vorgebracht: Der Tempel, den die Jünger vom Ölberg aus bewunderten (Mt.24) und in dem der Christus Jesus lehrte, ist nicht der ursprüngliche Salomonische Tempel, sondern bereits der dritte Tempelbau auf dem Zionsberg von Jerusalem. Der Tempel Salomons wurde um 950 vC gebaut von syrisch-phönizischen Bauarbeitern, die Bibel nennt als Architekten Hieram Abiff aus Phönizien, auf dem höchsten Punkt (744m) des östlichen Teiles des Morijaberges. Wir müssen ihn uns viel schlichte und schmuckloser vorstellen, als man es von einem Tempel erwartet: >Der salomonische Tempel bestand aus einen rechteckigen Gebäude, das sich auf einer leicht erhöhten Terrasse in Ost-West-Richtung erhob. Der Tempel war in eine Vorhalle (elam) und zwei hintereinanderliegende Säle (hekal und debir) aufgeteilt. Vor der Vorhalle waren zwei eherne Säulen aufgestellt... Die Säulen hatten eine Höhe von 12 Metern. Sie flankierten den Eingang, ohne irgend etwas zu tragen. Die rechte Säule hatte den Namen Jachin, die linke hieß Bo'as. Die eigentliche Bedeutung dieser Säulen ist ungeklärt (!)< (18. Ernst Ludwig Ehrlich: Symbolik der Religionen, 3.Band: Kultsymbolik im Alten Testament und im nachbiblischen Judentum. Verlag Anton Hiersemann Stuttgart).

  Aus der Skizze eines Rekonstruktionsversuches von Kurt Möhlenbrink, die wir dem Buch von Emil Bock über >Könige und Propheten< entnehmen, ist der burgartige, schmucklose Charakter sichtbar. Er war von glanzvollen Palästen umgeben, die wesentlich imposanter waren, mit dem Wohnhaus Salomons und dem angebauten Serail für die ägyptische Gemahlin, der Thron- und Gerichtshalle und anderen Gebäuden. Da der Tempel etwas über 20 Meter lang war, 7 Meter breit und etwas über 8 Meter hoch, so entsprach er einem >einstöckigen Bauernhaus<, das schmal und langgestreckt daliegt, oder einer Dorfkirche, die, wenn man sich die Gliederungen und Abgrenzungen des Innenraumes wegdenkt, wenig mehr als 100 Menschen fassen würde. Er war dreigeteilt: >Der im Osten gelegene Eingang führte zunächst in eine Vorhalle..., dann schloß sich zunächst der Langraum an, der sich auf zwei Quadraten in der Breite des ganzen Tempels erhob und den Räucheraltar sowie zu beiden Seiten den siebenarmigen Leuchter und den Tisch mit den Schaubroten enthielt. Der dritte, innerste Raum, ganz im Westen, das Allerheiligste (Debir), war durch eine Holzwand, in der sich eine fünfeckige Pforte befand und die von dem vierfarbigen Vorhang bedeckt war, verhüllt. Vor diesem Vorhang zu stehen und dahinter die Bundeslade mit den Cherubimgestalten als den Thron des unsichtbaren Gottes zu ahnen, war der nur wenigen Menschen vorbehaltene Höhepunkt des kultischen Lebens in Israel. Von Philo an bis hin zu Thomas von Aquin und Martin Luther finden wir stets als gesicherte Erkenntnis ausgesprochen, daß der Tempel in seiner Dreigliederung den vollkommenen Menschen, den >Menschen Gottes<, nach Leib, Seele und Geist abbilde. Der in Gedanken vollzogene Gang durch die drei Teile des heiligen Baues führte, das Geheimnis des dreigliedrigen Menschenwesens aufhellend, von der Körperwelt durch die Seelenwelt bis hin an die Schwelle der Geisteswelt.< (19. Emil Bock: Könige und Propheten. Das AT und die Geistesgeschichte der Menschheit III. Verlag Urachhaus Stuttgart).

  Da die Gottheit im Dunkeln wohnt, blieb der Innenraum des Allerheiligsten finster ohne Fenster, in das nur einmal im Jahre der Hohpriester eintrat und den unaussprechlichen Namen anrief, während das Volk draußen vor dem Tempel die Nähe des Gottes schaudernd erlebte.

 

 

 

 

  >Licht fiel nur hinein, wenn die Türen offenstanden: JHWH wohnte im Dunkeln! Im Allerheiligsten befand sich die Lade, zu ihren Seiten standen zwei goldüberzogene Keruben aus Ölbaumholz von fünf Metern Höhe mit einer Flügelspanne von fünf Metern. Die Keruben symbolisierten im Allerheiligsten die Wächte. Es waren Mischwesen, das heißt geflügelte, aber ein Menschengesicht tragende Tiergestalten.< (20. s.18).

  Der zweite Tempel wurde um 515 vC nach der Zerstörung des salomonischen Tempels durch Nebukadnezar (586vC) gebaut. Diesen entweihte Antiochus (167vC), indem er dort den Kult des >Zeus Olympos< einführen ließ. Drei Jahre später konnten die Makkabäer den Tempel wieder einweihen. Sie stellten aus diesem Anlaß einen Altar aus unbehauenen Steinen auf.

  Herodes, der Sohn des Idumäers Antipater (37-4vC), hat dann den Tempel erst zu seinem späteren Glanz durch große Ausbauten gebracht, in dem er um die Zeitwende vom Zionsberg herabstrahlte. >Obwohl die Hauptarbeiten nach zehn Jahren abgeschlossen waren, zog sich die endgültige Fertigstellung des Heiligtums noch bis zum Jahre 64 nC hin. Die Hoffläche des früheren Tempels wurde beinahe verdoppelt. Die gesamte Fläche des geweihten Bezirks hatte einen Umfang von 1380m. Sie besaß die Form eines Trapezes, und man gelangte durch acht Tore in den Tempel... Der Eingang zum inneren Bezirk (dem Priestervorhof) war Fremden verwehrt. Die trennenden Schranken trugen die Inschrift: >Verbot für jeden Fremden, die Abschrankung zu überschreiten und in den Bezirk des Heiligtums einzudringen. Wer immer ergriffen wird, der soll selbst für den daraus folgenden Tod verantwortlich sein.> (20. s.18).

  Das Allerheiligste war durch magische Kräfte geschützt. Der Unberufene verwirkte dadurch sein Leben, wie es in tibetischen Tempeln noch der Fall war. Dieser Tempel wurde dann das Opfer von Titus (70nC), dessen Soldaten ihn durch Fackeln verbrannten. Titus konnte mit Mühe noch den goldenen Tisch der Schaubrote und den siebenarmigen Leuchter retten, die in seinem Triumphbogen in Rom abgebildet sind.

 

  Wenden wir uns zu den wesentlichsten Symbolen.

Es gehört zum Schicksalsauftrag des >auserwählten Volkes<, daß es in seiner Mission lag, dem Messias den Leib zu bereiten, der die Zeichen des Todes wie jedes vom Weibe geborene Geschöpf an sich trug und der durch die Führer des Volkes auch zum Tode geführt wurde. Der Tempel Salomons war ein Abbild des physischen Leibes. Alle Symbole in diesem Tempel weisen auf die Geheimnisse des physischen Leibes hin. Lastend und schwer wie die scharze Ka'aba der Mohammedaner zu Mekka lag das Tempelmassiv da und erinnerte an die saturnischen Tiefen der Erdenschöpfung. In den zwölf Schaubroten auf dem goldenen Tische leuchtete das Licht der Fixsternwelt in das irdische Dunkel; die sieben Lichter des Leuchters symbolisierten die sieben Planeten, während die vier Farben auf dem Vorhang zum Allerheiligsten die vier Elemente darstellten: Byssus = die Erde, Purpur = das vom Blut der Fische gefärbte Meer, Hyazinth = die Luft, und Scharlach = das Feuer: >Der Tempel entspricht der ganzen Welt und der eine kleine Welt darstellenden Schöpfung des Menschen (Tanhuma).

  Bei der Lichtzeremonie sollte das Wiederentzünden des kosmischen Lichtes vom Urbeginn der Schöpfung symbolisch dargestellt werden. Man erlebte noch die geistige Wirkung des Kultus bis in die Naturelemente hinein: >Nach Meinung der jüdischen Legende hätte die Existenz des Tempels eine segensreiche Wirkung auf die Naturkräfte gehabt. Nachdem Salomo den Tempel gebaut hatte, hörten flutartige Regengüsse auf, und die ganze Welt wurde erst fest gegründet. Die Riten des Tempels sichern das Gedeihen des Korns, das Wachsen der Früchte, den Segen des Regens, und solange die Opfer im Tempel dargebracht wurden, hatte Israel eine fruchtbare Vegetation. Bereits im AT wird der Zusammenhang zwischen dem Tempel und dem Wachstums in der Natur angedeutet. Das Urbild des irdischen Tempels befand sich, nach Auffassung der jüdischen Tradition, im Himmel: Gott zeigte Mose den himmlischen Tempel und sagte zu ihm: Mache ein Abbild davon auf der Erde!< (20. s.18)

  Alles im Tempel von Jerusalem deutet auf die saturnischen Geheimnisse der Leibesschöpfung, wie sie in der Genesis beschrieben wird. Daher nennt Christus den physischen Leib, den er nach drei Tagen wieder aufrichten wird, einen Tempel (Joh.2), indem er auf das Abbild des Tempels von Jerusalem weist: >Brecht diesen Tempel ab, und nach drei Tagen werde ich ihn neu errichten!< - Die Kraft aber zu dieser Wiederaufrichtung des Leibestempels erfloß nicht aus dem ganz unter der Last des Sündenfalles und unter dem Zorn Gottes stehenden jüdischen Tempel. Daher wurde er zerstört und verbrannt, nachdem er seine Aufgabe verrichtet hatte, 37 Jahre nach dem Mysterium von Golgatha. Denn nun war der neue Tempel erbaut. Der Vorhang im Allerheiligsten zerriß: das Gottes-Ich war in die Menschheit getreten und nicht mehr verhüllt im Allerheiligsten. Und wie zum Zeichen, daß diese Kraft nicht aus dem jüdischen Volk kam, sondern in innigem Zusammenhang mit den Sonnenmysterien der heidnischen Völker stand, erbaute Hieram der Phönizier, der wie Thubalkain als >ein Meister im Erz, voller Weisheit, Verstand und Kunst< geschildert wird (1.Kön.7.16) zwei Symbole, die vor dem Tempel standen: die beiden Säulen Jachin und Boas und das >Eherne Meer<.

 

Jachin und Boas

  Die beiden Säulen von einer Höhe von 12 Metern, die zu beiden Seiten des Tempeleingangs standen, waren nicht wie das Innere des Tempels den Blicken des Volkes entzogen und müssen einen ehrfurchtgebietenden Eindruck wie zwei Schwellenwächter gemacht haben. Die eine Säule war licht und leuchtete wie Gold, die andere war dunkel, und ihr Anblick löste Schauer des Todes aus, worauf die Bibel hinweist (1.Kön7,15ff;2.Chron3.15,.2;Jeremia52,17ff).

  >Und er machte vor dem Hause zwei Säulen, 35 Ellen lang und der Knauf obendrauf 5 Ellen und machte Ketten zum Gitterwerk und tat sie an die Ketten und richtete die Säulen auf vvor dem Tempel, eine zur Rechten und die andere zur Linken, und hieß die zur Rechten Jachin und die zur Linken Boas<. (2Chron3.15). ->Und es stand also oben auf den Säulen wie Lilien. Also ward vollbracht das Werk der Säulen< (1Kön7.22).

  Die Lilienverzierung auf den Knäufen deutet auf die reine Mondesschale, die als Gefäß für den Geist Jahwes bereitet werden sollte. Was aber war der tiefere Sinn dieser beiden Säulen?

  Es ist bezeichnend für den rein wissenschaftlich-intellektuellen Geist der modernen Forschung, wenn in dem Sammelwerk über die >Symbolik der Religionen<, herausgegeben von Ferdinand Herrmann, das von vielen Fachleuten bearbeitet ist, im 3. Band über die >Kultsymbolik des Alten Testaments< zu lesen ist, daß die Bedeutung dieser beiden Säulen >ungeklärt< sei, obwohl sie in allen Freimaurerlogen noch heute eine zentrale Rolle spielen. Jachin, die lichte Säule, war der Ausdruck des Tages sowie des Lebens; Boas, die dunkle Säule, deutete auf die Nacht wie auf den Tod. Die Ursymbole des menschlichen Lebens sprechen aus der Dualität und Polarität dieser beiden Säulen, durch die der Mensch den Tempel in Jerusalem betrat. Sie sollten als Wächter und Bewahrer uralt heiliger Weisheit den Menschen mahnen, daß sein sein Leben von zwei Urkräften beherrscht wird, dem lichten, dem Tage zugewandten Element und dem dunklen, in dessen undurchdringlichem Schleier Jahwe wohnt, das ihn im Tode zurückruft in das große Geheimnis.

  Wir finden diese beiden Säulen als Hinweis auf die Dualität der Welt in den verschiedenen antiken Mysterien, wie in den alt-irischen von Hybernia, an welche die Schüler herangeführt wurden, um durch Betasten mit den Händen bestimmte Erlebnisse in ihrer Seele wachzurufen. Während die eine Säule aus einem elastischen Material gebaut war, so daß die Eindrücke, die in ihr hervorgerufen wurden, sich wieder herstellten, war die andere Säule aus einem weichen, plastischen Stoff, so daß die hervorgerufenen Eindrücke in ihr blieben. >Es war die zweite Statue so, daß man den Eindruck bekam: sie steht ganz unter dem Einfluß von Mondenkräften, die den Organismus durchziehen und die aus dem Organismus das Haupt hervorwachsen lassen. Die Schüler bekamen einen außerordentlich mächtigen Eindruck von dem, was sie da erlebten. Diese Statue wurde immer wiederum ausgebessert. Und sie wurden oftmals, eine Gruppe von Schülern, in nicht zu großen Zeiträumen vor diese Statue geführt. - Wenn sie vor diese Statue geführt wurden, herrschte ringsherum zunächst bei den ersten Malen eine lautlose Stille. Sie wurden geführt bis vor diese Statue von den schon Initiierten, wurden dann verlassen, das Tor wurde hinter dem Tempel zugemacht. Sie wurden ihrer Einsamkeit überlassen.< (21. Rudolf Steiner: Mysteriengestaltungen 7.12.23).

  Die ganze Empfindungsskala der Weltengegensätzlichkeit wurde so in den Schülern der Hybernischen Mysterien angeregt und aufgewühlt: >Das alles waren Empfindungen, die zum Teil in dem Schüler das Bewußtsein hervorriefen, er sei über manche Täuschungen und Enttäuschungen der physischen Welt hinausgelangt. Es waren aber auch Empfindungen, die bisweilen wiederum wie innerlich wirkende Feuerflammen waren. So daß man sich wie verzeht von innerem Feuer, wie innerlich vernichtet fühlte. Und die Seele schwankte von der einen Empfindung zur anderen herüber und wiederum zurück.< (21.)

  Das war ja der tiefere Sinn dieser Prüfungen: die volle Wucht der Weltendualität auf den Schüler wirken zu lassen, jener Dualität, die nicht von außen überwunden werden kann, die nur vom Menschen selbst zur Harmonie und Lösung gebracht zu werden vermag. So erklang dem Schüler zuletzt aus der einen Säule, über der die Sonne erschien, das Wort:

 

>Ich bin die Erkenntnis,

Aber was ich bin, ist kein Sein!<

 

  Und dadurch bekam der Schüler das >schreckausstrahlende Gefühl<: In unseren Ideen ist kein Sein - sie sind nur Schein! - Und dann sprach die andere Bildsäule zu seinem Geistgehör:

 

>Ich bin die Phantasie,

Aber was ich bin, hat keine Wahrheit!<

 

  Dieser erste Akt der hybernischen Einweihung endete damit, daß dem Schüler am Ausgang des Tempels von zwei Priestern ein Bild gezeigt wurde. Es war das Bild des Jachos, der prophetische Hinweis auf Christus. Und der Priester, der dies Bild ihm vorhielt, sagte zu ihm: >Nimm das Wort und die Kraft dieses Wesens in dein Herz auf<. Und der andere Priester sprach: >Und von ihm empfange, was dir die beiden Gestalten geben wollten: Wissenschaft und Kunst!<

  Das alttestamentarische Volk hatte keine Eingeweihten und keine Myster<ien. Es ging den Abelweg der priesterlichen Tradition, des Gesetzes und des Gehorsams. Was den <heidnischen Völkern als Weisung und Wegzehrung durch die Mysterien erfloß, das wurde Israel durch seine Propheten gegeben. Durch sie sprach die Gottesstimme und führte das Volk. Jahwe sprach aus dem Dunkel der Nacht, wo er seine Stätte aufgeschlagen hatte in der saturnischen Finsternis. Und so ging Israel seinen vorgezeichneten Weg durch alle Klippen, Übertretungen und Gefahren wie ein Kind, das von seinen Eltern geführt wird. Mächtige Blitze leuchteten in das Dunkel herein durch die mahnende Donnerstimme seiner Propheten. Die Bundeslade barg das große Geheimnis der göttlichen Verheißung und Überlieferung seit der Moses-Zeit. Wie eine Wolke schwebte diese Verheißung über dem Tempel, der der Wohnsitz Jahwes war. In den >Brandopfern< am Altar, auf dem das Fleisch der geschlachteten Tiere verbrannt wurde, erlebte das Volk das >Sühneopfer<, das den Zorn Jahwes beschwichtigen und versöhnen sollte - ein prophetischer Hinweis auf das große >Sühneopfer< des Sohnes, der als der Kommende mit Inbrunst und apokalyptischer Spannung erwartet wurde. Doch eine unübersteigbare Kluft trennte das Volk von seinem Gott, das zu Moses sprach: >Sprich du mit Gott, damit wir nicht sterben. Denn wer Gott sieht, der stirbt!<

  Man kann sich keinen größeren Gegensatz denken als denjenigen, der zwischen dem Jahwe-Volk und der heiteren Welt der Hellenen bestand, die ihren Gott mit dem Ruf begrüßten: >Du bist!<, in welchem die Hoffnung erklang, dereinst selbst zum Göttlichen erhoben zu werden. Die Vergottung des Menschen lebt als das hehre Ziel in der griechischen Mysterienwelt.

  >Der griechische Weise warf die Frage gar nicht auf, ob es ein Ewiges im Menschen gebe... Denn von vornherein war es für ihn klar, daß der Mensch als Mittelgeschöpf zwischen Irdischem und Göttlichem lebt... Das Göttliche lebt in dem Menschen; es lebt eben da nur auf menschliche Weise. Es ist die Kraft, die den Menschen treibt, sich selbst immer göttlicher und göttlicher zu machen. Nur wer so denkt, kann reden wie Empedokles:

>Wenn du den Leib verlassend zum freien Äther dich schwingst,

Wirst ein unsterblicher Gott du sein, dem Tode entronnen!<

(22. Rudolf Steiner: Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums)

 

  Von dieser Welt strahlt ein helles Licht in das Johannesevangelium, das ganz auf griechischem Mysteriengeist beruht. Aus diesem Geist spricht der Christus im Johannesevangelium: >Steht nicht geschrieben: Ihr seid Götter!< (10.34). Und eben aus diesem Geist, der über den griechischen und vorderasiatischen Mysterien schwebte, die in ihren Adonis- und Tammuz-Kulten alljährlich die Auferstehung des Gottes feierten, baute der phönizische Eingeweihte Hieram vor dem Tempel die beiden Säulen Jachin und Boas und das gewaltige, auf zwölf Stiergestalten ruhende >Eherne Meer< südlich vom Heiligtum, zwischen dem königlichen Palast und dem Tempel. Diese Symbole stammen aus der heidnischen Mysterienwelt, sie sind nicht den Blicken des Volkes entzogen: >Sie sollen sich wie mächtige Siegel auch in die Seelen derer prägen, die nur ein dunkles, empfindungsmäßiges Ahnen damit verbinden können. Bilder, die auf Fernzukünftiges deuten, sollen an der Seele des Volkes so bilden, daß auch dadurch dem zur Erde herniedersteigenden Gotteswesen der Weg bereitet wird.< (23. s.Anmerkung 14)

  Beide Symbole wiesen auf den Kommenden hin, doch in anderer Weise als die Propheten des Alten Testamentes, durch deren Worte die mahnende Gewitterstimme des Gerichtes klang. Salomo erschaute und entwarf den Plan für den Tempel als Abbild des menschlichen Leibestempels, den Israel durch die Generationen für den Messias zu bauen berufen war. Hieram, der Baumeister und Eingeweihte, schuf die Symbole im Außenbezirk, welche auf das Geheimnis der Auferstehung und Versöhnung der Weltengegensätze durch den Sonnengott deuteten. Was bisher durch die Jahrtausende als zwei Weltenströmungen getrennt voneinander ging, sollte durch die dritte Kraft zu einer höheren Harmonie gebracht werden: die >Sonnenströmung<, welche den göttlichen Geist in der Natur und im Kosmos anbetete, die >Mondenströmung<, die ihn wie das Jahwevolk im Inneren als die göttliche Wahrheit verehrte. Kain und Abel sollten sich durch Christus versöhnen.

  Auf diese Versöhnung der Weltengegensätze, wie sie auch im Menschen bestehen, deutet das Johannesevangelium, wenn der Christus zu der Frau aus Samaria sagt: >Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn in der Kraft des Geistes (Heidentum) und in der inneren Wahrheit (Judentum) anbeten!< (4.24). 

  Was Hieram, der große Baumeister, neunhundert Jahre vC als den großen Versöhnungs- und Auferstehungsimpuls vorbereite, das fand seine Erfüllung im Mysterium von Golgatha an der Zeitenwende. Und dieser Auferstehungsimpuls leuchtet zuerst in der Erweckung des >Lazarus< auf, in dem sich der Schreiber des Johannesevangeliums verbirgt - der wiedererstandene Hieram, der seine Tat fortsetzt: den Tempel des neuen Leibes mitbauen zu helfen!

  "Für die Menschwerdung und die Auferstehung Christi fügt der eingeweihte phönizische Baumeister Hieram aus Erz gegossene messianisch-prophetische Symbole zu dem ernst-strengen salomonischen Tempel hinzu. Lichter des göttlichen Heils, Osterlichter leuchten auf dem Felsengipfel des richtenden Gottes zu Morija auf, den Tempel umspielend, in welchem die Gottheit ihre >Wohnung im Dunkel< hat. Der Zusammenhang zwischen dem Baumeister Hieram und den weit über die Salomozeit hinweisenden Mysterien der Auferstehung ist immer wieder empfunden worden. So hat nach Josephus der griechische Dichter Menander in einer Darstellung der phönizischen Geschichte das Auferstehungsfest des tyrischen Gottes Melkart auf Hieram zurückgeführt und die Aufrichtung des Tempels als Sinnbild für die Auferstehung Gottes bezeichnet. Und noch Friedrich Schlegel, der Romantiker, deutet in seinen späteren christlichen Fragmenten, offenbar im Anschluß an die christlich-freimaurerische Tradition, das Wort Hieram, indem er zeigt, daß es aus den Anfangsbuchstaben derjenigen lateinischen Wörter zusammengesetzt ist, die auf deutsch lauten: Dieser ist Jeus, der von den Toten aufersteht: >Der erschlagene Meister Hieram (hic Jesus est resurgens a mortuis) ist aller Wahrscheinlichkeit nach der in den alten Mysterien bekannte und verehrte sterbende Todesgott des neuen Lebens - Dionysos oder Osiris. Es ist Christus als Idee vor und außer dem Christentum< (23. Waltharius: Das große Mysterium - Adepten, Rosenkreuzer, Alchimisten - Hermann Bauer Verlag Freiburg).

  Auf die Symbolik des >Ehernen Meeres< werden wir noch eingehen. In welcher Art die uralten Symbole der Menschheit entsiegelt und zur geistigen Auferstehung geführt werden können, hat Rudolf Steiner in den >Vier Sprüchen zur Säulenweisheit< in den >Bildern okkulter Siegel und Säulen< dargestellt. (24. ) Die ersten beiden Sprüche beziehen sich auf die in unserem Denken frei hinstrahlende Sonnenkraft (Jachin), die den Gedanken zum Bilde verwandelt, das uns die Pforte erschließt zum Erleben der >schaffenden Weisheit< der Welt:

 

Das Innere eines Großlogen-Tempels mit den beiden Säulen Jachin (links) + Boas (rechts) im Vordergrund. Aus Eugen Lonhoff: Die Freimaurer, Zürich-Leipzig-Wien 1932: 

J

>Im reinen Gedanken findest du das Selbst, das sich halten kann.

Wandelst zum Bilde du den Gedanken, erlebst du die schaffende Weisheit.<

 

  Taucht der Mensch im Sinne des mystischen Mondenweges in die Tiefen seiner Seele, bis ihm aus seiner inneren Welt der Gefühle das geistige Licht aufleuchtet, so beschreitet er den anderen Weg, der ihn bis in sein Stoffwechselsystem hinein zur Kommunion mit dem göttlichen Weltenwillen führt - im Sinne der dunklen Säule der Nacht und des Todes (Boas):

B

>Verdichtest du das Gefühl zum Licht, offenbarst du die formende Kraft.

Verdinglichst du den Willen zum Wesen, so schaffest du im Weltensein.<

 

  Dies ist ein klassiches Beispiel, wie die Symbole uns ihre geistigen Kräfte auch heute noch geben können, wenn wir sie geistig durchleuchten und sie in unser Denken als meditative Kraft- und Richtungsworte aufnehmen. Dann werden sie zu Toren für das übersinnliche Erleben.