I,12 Die Bedeutung des Michaelkampfes

   Über die Bedeutung des Michaelkampfes für die Menschheit können wir im "Sturz der Geister der Finsternis" (GA177) lesen: "Wäre der Sieg der Geister der Finsternis 1879 geglückt, dann wäre ein ganz anderer Zusammenhang zwischen den Menschenleibern und den Menschenseelen entstanden, als er bei den nach 1879 Geborenen nunmehr herausgekommen ist." Die Seelen wären dann zu fest mit ihren physischen Leibern verbunden worden und unfähig gewesen, Geistiges in sich aufzunehmen. Bei einem großen Teil der Menschen, dem Teil, der sich zu Michael bekennt, kam durch den Sieg Michaels eine lockerere Verbindung zwischen physischem Leib und dem Seelisch-Geistigen des Menschen zustande, die ein neues geistiges Streben erst möglich machte. In den Vorträgen über das Karma der Anthroposophischen Bewegung (GA237) wird diese Seelenverfassung als die Vorbedingung eines geisteswissenschaftlichen Strebens dargestellt. Sie macht die Anthroposophie auf Erden erst möglich. Auch in dem Zyklus: "Der Sturz der Geister der Finsternis" (GA177) lesen wir: "Das Spirituelle wird die Menschheit ergreifen, weil eben jener Sieg Michaels über den Drachen sich zugetragen hat. Und daß eine Geisteswissenschaft möglich ist, das ist auch nur auf diesen Umstand zurückzuführen. Sonst wären die entsprechenden Wahrheiten in der geistigen Welt verblieben, könnten nicht Wohnung nehmen in menschlichen Gehirnen, wären für die physische Welt nicht vorhanden." Wir können Anthroposophie als Folge dieses Ereignisses aufnehmen. Seit dem Sieg Michaels und dem Sturz der zurückgebliebenen Engel sind diese Geister auf der Erde im Menschen wirksam und versuchen, mit ihren Impulsen, Gedanken und Kräften die menschlichen Seelen zu durchsetzen. Für den wach strebenden Menschen gibt es aber die Möglichkeit, sich ihres Wirkens bewußt zu werden: "Wir müssen Wache halten, damit wir merken, wo sie uns begegnen, damit wir Anschauungen darüber gewinnen, wo sie vorhanden sind. Denn das Gefährlichste in der nächsten Zukunft wird sein: sich unbewußt den Einflüssen auszuliefern, die ja doch da sind" ("Sturz der Geister der Finsternis" GA177).

   So steht eine bedeutsame Aufgabe vor dem Menschen der Gegenwart, nämlich durch den Ablauf des äußeren Geschehens hindurchschauen zu lernen auf das, was geistig hinter diesen Ereignissen wirkt: "Es handelt sich immer darum", sagt Rudolf Steiner in den Vorträgen "In geänderter Zeitlage" (GA186), "die Dinge, S47 die einem in der Welt entgegentreten, als Symptome richtig einzuschätzen, von den Symptomen auf das Dahinterliegende zu schließen, wenn man nicht die Fähigkeit hat, von den Symptomen auf das dahinterliegende Geistige zu sehen." Damit beginnt die Ausbildung eines neuen imaginativen Denkens. Dieses neue Denken haben wir nicht mitbekommen, wie wir das heutige Gehirndenken als eine vererbte Fähigkeit mitbekommen haben. Ersteres muß in jedem Menschen erst entwickelt werden: "Das Denken, welches zu diesem (vererbten) Denken hinzukommt, ist dasjenige, welches wir uns nach der Embryonalzeit noch erwerben. Für gewissen äußeren Gebrauch erwirbt sich der Mensch allerlei Erfahrung, aber er treibt das nicht bis zur wirklichen Umgestaltung des Denkens" ("In geänderter Zeitlage" GA186).

   Das embryonale Denken entwickelte Jahve im jüdischen Volk. Es wirkte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit seinen Kräften nach, dann kamen andere Einflüsse, die eine Wandlung bewirkten: "Nun liegt die eigentümliche Tatsache vor, daß in der Mitte des 19. Jahrhunderts, in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts, gewissermaßen Jahve in seinem Einfluß nicht mehr Herr werden konnte über die widerstrebenden Geister, so daß sie besondere Macht erlangten." So zogen sich die Jahvekräfte, die bis dahin Gutes wirkten, aus dem Blutstrom, aus dem Wirken der Vererbungskräfte im Menschen heraus, und an ihrer Stelle zogen die zurückgebliebenen Engelwesen in das Blut ein, um von dort aus auf der einen Seite das intellektuelle Verstandesdenken in ihrem Sinne zu beeinflussen; und von der anderen Seite fingen sie an, das instinktive Trieb- und Willenswesen des Menschen zu durchdringen. Das charakterisiert auch den großen Umschwung, der in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts sich vollzog und unsere Zeit vollkommen veränderte und weiter verändern wird.


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