I,5. Das Denken in seiner antisozialen Auswirkung


   Ich hatte den Ausspruch Rudolf Steiners angeführt, daß die amerikanische Kultur im wesentlichen aus Intellekt und Willen gestaltet wird, nicht aus den Kräften des mittleren Menschen. Was im Willen wirkt, haben wir uns kurz vergegenwärtigt; nun haben wir einen Blick auf das intellektuelle Denken zu werfen, und dann können wir besser ihr Zusammenwirken im Leben erkennen. Es ist unmöglich, das äußere Geschehen unserer Zeit zu verstehen, ohne die Kraft zu sehen, welche ihm das Gepräge gibt. Und das ist das Denken! Das Denken, welches sich seit dem 15. Jahrhundert entwickelt und die erste Stufe der Bewußtseinsseelen-Entwicklung heraufführte. Es wandte sich immer stärker der Erforschung der Erde zu, brachte die moderne Naturwissenschaft herauf mit ihren großen Entdeckungen, entwickelte die Technik und führte zur modernen Industrie. Dieses Denken änderte vollkommen das Gesicht der Zeit. Es schnitt aber auch den Menschen durch den sich entwickelnden Intellekt von seinem geistigen Ursprung ab. Er ist nicht fähig, das Geistige in der Welt zu erkennen. Das ist die Kehrseite des heutigen S15 abstrakten Denkens. Es hat die Kraft, durch die Entfaltung eines neuen Selbstbewußtseins den Menschen zu seiner Persönlichkeit zu führen, aber es individualisiert ihn so stark, daß es antisozial wird, damit gemeinschaftsauflösend, die Menschen trennend.

   Nehmen wir einen solchen uns wohlbekannten Ausspruch von Rudolf Steiner aus dem Jahre 1919: "Lassen Sie drei Jahrzehnte noch so gelehrt werden, wie an unseren Hochschulen gelehrt wird; lassen Sie noch dreißig Jahre so über soziale Angelegenheiten gedacht werden, wie heute gedacht wird, dann haben Sie nach dreißig Jahren ein verwüstetes Europa" (GA194,11.Vortrag,S197). Was ist das Frappierende an diesem Ausspruch? Daß Rudolf Steiner die Art unseres Denkens in unmittelbaren Zusammenhang bringt mit den sozialen Ereignissen, daß er es wagt, daraus eine solche Voraussage zu machen, und daß sie stimmt! Dreißig Jahre später, 1949, lag gerade der zweite Weltkrieg hinter der Menschheit, der Europa in einen Trümmerhaufen verwandelt hatte und Ursache wurde zu all den Ereignissen, die wir heute als Gewalt- und Terrorakte in steigendem Maße in der Welt erleben.

   Es ist auf sozialem Felde nicht viel damit geschehen, wenn man theoretisch weiß, daß das sich ändernde Bewußtsein Ursache aller Wandlungen in der Außenwelt ist. Man muß sich selbst einen Weg zu solcher Erkenntnis bahnen, die so entscheidend in das äußere Geschehen eingreift. Gerade das moderne Denken, von dem Rudolf Steiner sprach, übernahm auch der Marxismus und wandte es in einer bestimmten Art auf die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse an, die sich in der Neuzeit herausgebildet hatten. Er kam dadurch zu einer entgegengesetzten Anschauung, nämlich daß dem denkenden Bewußtsein keine die Welt umschaffende Wirklichkeit innewohnt, daß es nur einen ideologischen Charakter hat. Die das soziale Leben umwandelnden oder bestimmenden Faktoren sah er in der Vererbung und in den wirtschaftlichen Besitzverhältnissen der Zeit. Trotzdem wir heute in einer Zeit leben, wo wir es mit den erstorbenen Gedanken zu tun haben, kann der Mensch ihnen doch eine wirkende Kraft verleihen. Das beweist sogar der Marxismus selbst! Zuerst war er als eine Theorie, ein Gedankengebilde, von Marx und Engels geschaffen, vorhanden, dann lebte er sich in viele Tausende von Arbeitern ein, die diese Gedanken, die nicht leicht zu fassen waren, immer wieder durchdachten und damit stärkten. Diese Gedanken breiteten sich aus, wurden eine Kraft, welche nach Verwirklichung drängte. Sie wurden Wirklichkeit 1917 in Rußland. So war der Marxismus zuerst als Gedanke da, dann S16 erst wurde er eine geschichtliche Tatsache. Entgegengesetzt seiner eigenen Anschauung, beweist der Marxismus, daß alles geschichtliche Werden im Denken seinen Anfang nimmt. Wer dieses sich einmal ganz klar gemacht hat, der ist absolut sicher, daß alles Geschehen, auch das soziale und wirtschaftliche, vom Denken, d.h. vom Geist des Menschen, ausgeht.

   Zur selben Zeit wie Marx lebte in Frankreich der Philosoph und Soziologe August Comte. Aus einer inneren Verbundenheit mit dem Geist behauptete er das Gegenteil von Karl Marx. Er sagte: Es ist der Geist des Menschen, welcher das Leben auf Erden gestaltet. Mit Geist meinte er allerdings das positivistische Denken, das Denken, welches positiv zur äußeren Wahrnehmungswelt steht, das Denken, welches sich seit dem 15. Jahrhundert entwickelt hatte. Er sprach von drei Stadien der Entwicklung. Zuerst gab es das Stadium eines rein theologischen Denkens, dann folgte das mittlere Stadium eines metaphysischen Denkens und schließlich das Stadium des positivistischen Denkens. Jede Art des Denkens prägt das Gesicht seiner Zeit. In der Gegenwart, sagte er, ist es das positivistische Denken, welches unsere Zeit formt. Und er fragt nach dem Gesetz, welches bewirkt, daß sich das jeweils neue Denken gegen alle Widerstände durchsetzt, bis das Zeitgeschehen eine Manifestation dieses Denkens ist. Alle äußeren Ereignisse sind dann, sei es in der Wissenschaft, der Kunst, der Religion, der Erziehung, der Wirtschaft, dem sozialen Leben, eine getreue Offenbarung, ein Symptom der allem zugrunde liegenden einen Denkart. Trotzdem Comte die geschichtsbildende Kraft des menschlichen Bewußtseins klar erkannte, erlag er doch einer Illusion. Er hatte die Überzeugung, daß, wenn das positivistische Denken sich in der Menschheit durchsetzen, sie durchdringen würde, dann könnte von ihm eine die Menschen harmonisierende, die Seelen verbindende Kraft ausgehen. Es könnte daraus eine Art von universeller Menschheitsreligion hervorgehen.

   Heute durchschauen wir deutlicher, daß dieses Denken keine harmonisierende, die Menschen sozial-verbindende, moralische Kraft spenden kann, sondern eine den Menschen individualisierende, isolierende Kraft, eine Kraft, die ihn in sich selbst einkapselt, ihn dadurch von den anderen Menschen trennt. Wir haben die Fähigkeit verloren, uns mit der anderen Seele soweit zu einen, daß wir sie von innen her verstehen können, sonst würde es nicht soviel Streit und Auseinandersetzungen, ja Kampf zwischen den Menschen und den Völkern geben. Das Denken atomisiert die Menschheit, zersplittert sie in lauter nur an sich selbst denkende Völker und in unendlich viele egozentrisch denkende und handelnde Einzelwesen. Diese Entwicklung hat schon S17 Christus vorausgesehen: "Ihr werdet zerstreut werden, ein jeder in das Seine und mich allein lassen" (Johannes-Evangelium 16.32).

   Diese antisoziale, Streit und Auseinandersetzung erregende Macht des heutigen Denkens erkannte später ein anderer Franzose; Gabriel Marcelle. Er schrieb ein Buch "Die Erniedrigung des Menschen", auf welches auch Albert Steffen einmal hinwies. Marcelle erkannte besonders die Wirkung, die in der Abstraktheit des heutigen Denkens liegt, durch die wir niemals zum einzelnen, wirklichen Menschen geführt werden, zu dem, was in seiner Seele vorgeht, sondern immer nur zu einem abstrakten Bild des Menschen. Wir sprechen von dem Engländer, dem Russen, dem Deutschen, dem Amerikaner. Aber es gibt nirgends den Engländer, den Russen, den Norweger. Es gibt nur einzelne individuelle Menschen mit besonderen individuellen Eigenschaften und Begabungen. Niemand hat den Engländer, den Amerikaner je gesehen. Es ist eine Abstraktion. So leben wir in lauter Abstraktionen. Wir sprechen von dem Christen, dem Mohammedaner, dem Kommunisten, dem Katholiken, den Protestanten. Diese Abstraktionen trennen den Menschen von der Wirklichkeit. Marcelle sagt, daß dieses abstrakte Denken die Ursache unserer gegenseitigen Entfremdung, unseres antireligiösen Lebens ist, vor allem aber die Ursache des Antisozialen, des Streites, des Kampfes zwischen Völkern und Menschen.

   Was sagt nun Rudolf Steiner in dieser Beziehung von unserem Denken? Zunächst sagt er vom Menschen: "Der Mensch ist vor allen Dingen auch in sozialer Beziehung kein einfaches Wesen. Er ist gerade in sozialer Beziehung - man kann schon sagen - ein Wesen, das er unendlich gern nicht sein möchte; er möchte unendlich gern anders sein als er ist. Man kann sagen: der Mensch hat sich ja eigentlich ungeheuer gern. Und durch diese Selbstliebe ist es, daß der Mensch Selbsterkenntnis zu einer Quelle von Illusion macht. So möchte sich der Mensch nicht eingestehen, daß er eigentlich nur zur Hälfte ein soziales Wesen ist, daß er zur anderen Hälfte ein antisoziales Wesen ist" (GA186 "In geänderter Zeitlage"). Eine Grundforderung im menschlichen Zusammenleben ist deshalb, daß jeder Mensch erkennt, daß er ein antisoziales Wesen in sich trägt. Jeder Mensch! Und das hängt mit seinem Denken zusammen: "Vor allen Dingen muß man sich in bezug auf das Denken klar sein, daß in diesem Vorstellen, in diesem Denken ein unendlicher Quell des antisozialen Wesens des Menschen liegt. Indem der Mensch denkt, ist er antisozial" (GA186). Man muß daraufhin die Menschen, vor allem auch sich selbst, beobachten, und man wird von der Wahrheit dieses Wortes vollkommen überzeugt werden. Mit einem gewissen S18 Schrecken entdeckt man in sich das Wirken einer antisozialen Macht, die bei weitem zunächst alles Soziale überwiegt.

   Es hat das aber auch seinen tiefen Sinn, denn durch das gegenwärtige antisoziale Denken individualisiert sich der Mensch, und damit beginnt seine Entwicklung zum selbständigen Menschen, zu seinem Selbstbewußtsein, das sich heute in jedem Menschen entwickeln muß. Daß wir unsere Selbständigkeit, unsere individuelle Persönlichkeit durch die Entwicklung eines Bewußtseins erkaufen müssen, welches antisoziale Kräfte ausstrahlt, gehört zur Tragik der Menschheitsevolution. Man kann deutlich verfolgen, wie das Denken im Kopfe des Menschen zur abfälligen Kritik des anderen Menschen führt, die diesen dann in sich selbst zurückwirft; wie das Denken im Fühlen die Antipathie erregt, die den anderen Menschen verletzt, wie es im Willen den Haß erzeugt, der zum Mord, wie bei Kain, führen kann. Im Gegensatz dazu steigt aus den Tiefen des Willens, wenn er nicht verfälscht wird, die Liebe auf, welche im Fühlen, im mittleren Menschen zur Sympathie, und im Kopfmenschen zur positiven Anerkennung des anderen Menschen wird. Der Wille in uns ist immer sozial. In den schlafenden Tiefen unseres Willens sind wir stets, auch am Tage, wenn auch unbewußt, mit dem Weltengeist verbunden, sind in Liebe vereint mit allen Wesen. Im Schlafe gleichen wir alle unsere Ungerechtigkeiten, die wir am Tage ausgeführt haben, aus. Aus dem Willen kommt das soziale Streben der Menschenseele.

   Wer dafür ein Organ hatte, konnte das ganz deutlich in der mitteleuropäischen Arbeiterschaft erleben, wenn die Arbeiter unter sich waren, und man kann das heute auch in Amerika erfahren: nämlich die of erstaunlich menschlich-selbstverständliche Verbundenheit. Man spürt eine keimhaft vorhandene soziale Urkraft, die noch nicht volle Wirklichkeit geworden ist, weil sie noch nicht vom Bewußtseinslicht erhellt wird. Welch wirklich echte soziale Kraft war am Anfang in der Arbeiterschaft vorhanden, doch je mehr sie sich durch den Marxismus ins Denken hineinarbeitete, desto mehr gewannen andere Kräfte die Überhand.

   Es gibt in Amerika neue, starke religiöse Bewegungen unter jungen Menschen, z.B. die Jesus People, die katholische Pentacostbewegung, die östlichen Religionen, die okkulte Strömung, eine jüdisch-religiöse Bewegung. Blicken wir einmal auf die "Jesus People" als auf ein Beispiel. Schaut man auf das, was sie anstreben, dann ist man erstaunt, wie klar sich auch auf religiösem Felde der Wille in seiner sozialen Wesenheit offenbaren kann. Sie wollen Liebe betätigen, sie wollen anderen Menschen mit warmer Sympathie S19 begegnen, sie wollen nicht den Splitter im Auge des anderen sehen, ihn nicht abfällig kritisieren, sie wollen nicht allein und isoliert nur für sich leben, sondern in Gemeinschaften. Sie wollen Religion leben, die Bibel studieren. Sie haben aber eine Abneigung, zu stark ins denken zu kommen, als wenn sie eine instinktive Furcht hätten, daß sich dann leicht Anerkennung in negative Kritik, Sympathie in Antipathie, Liebe in Selbstliebe und zum Haß gegen andere Menschen kehren könnte. Sie haben Angst vor dem Bewußtsein!

   Nun wird einem das Antisoziale des Denkens noch viel deutlicher, wenn man sich erinnert, was Rudolf Steiner noch darüber ausgeführt hat. Es hat zuerst wirklich etwas Schockierendes, weil Unerwartetes, nämlich daß im Zusammenleben der Menschen miteinander einer versucht, den andern einzuschläfern, nicht sein Fühlen und Wollen, sondern sein Denken: "Indem Sie als ein Vorstellender, denkender Mensch einem anderen gegenüberstehen, liegt das Eigentümliche vor, daß einfach durch das gegenseitige Verhältnis, das sich zwischen Mensch und Mensch bildet, in Ihrem Unterbewußtsein das Streben vorhanden ist, durch den anderen eingeschläfert zu werden. Sie werden geradezu durch den anderen in Ihrem Bewußtsein eingeschläfert. Sehen Sie, das ist das normale Verhältnis von Mensch zu Mensch, daß, wenn wir miteinander zusammenkommen, daß der eine immer - das Verhältnis ist natürlich gegenseitig - bestrebt ist, das Unterbewußte des anderen einzuschläfern. Und was müssen Sie als denkender Mensch tun? Das Ganze, was ich jetzt erzähle, geht selbstverständlich im Unterbewußtsein vor sich... Jetzt müssen Sie, wenn Sie ein denkender Mensch bleiben wollen, sich dagegen wehren. Sie müssen Ihr Denken aktivieren. Sie müssen zur Abwehr übergehen gegen das Einschlafen."

   Weshalb wollen wir den anderen einschläfern? Weil uns sein Denken entgegensteht, denn das Denken ist antisozial, ist kritisch, ist voller Antipathie und ist aggressiv. Diesen Menschen wollen wir ausschalten, damit der soziale Mensch in ihm, der soziale Wille in ihm auflebt und uns zustimmen kann und tut, was wir wollen. Das vollzieht sich zwar unbewußt, aber wenn man darauf aufmerksam wird, kann man das überall beobachten, wo Menschen zusammen sind, als Freunde, als Ehegatten, als Arbeitskollegen, als Diskutierende. Überall findet, vom Denken kommend, ein unbewußter Kampf statt. Auch in den großen sozialen Zusammenhängen kann man das beobachten. In Diktaturen natürlich besonders deutlich. Mit suggestiv wirkenden Reden, mit lauter Propaganda, die rücksichtslos ständig wiederholt wird, soll das Bewußtsein der Menschen eingeschläfert werden. Wie S20 würde in dieser Beziehung eine sozialistische Republik aussehen? "Aber diese sozialistische Republik wäre eine große Schlafstätte für das menschliche Vorstellungsvermögen. Man kann begreifen, daß Sehnsuchten vorhanden sind nach so etwas."

   Das ist das Erstaunliche, daß die meisten Menschen in solchen Verhältnissen eine Neigung haben, sich einschläfern zu lassen. Sie brauchen dann nicht gegen etwas zu sein, brauchen keine eigene Meinung zu vertreten, können in Frieden schlafen. Natürlich gibt es auch viele andere Persönlichkeiten, die sich jedem Versuch von Einschläferung entgegenstellen. Wenn man sich nun diesen verborgenen Kampf zwischen den Menschen vorstellt, dann wird man gewahr, daß ein Soziales, die Menschen Verbindendes, nie vom heutigen Denken ausgehen kann, sondern nur das Gegenteil, eine die Gemeinschaft zerstörende Macht, bewirkt durch stetig wachsende, zersetzende Kritik, durch Feindschaft erzeugende Antipathien und Haßkräfte, welche zu Gewalttaten drängen, durch Kampf um Selbstbehauptung von Menschen, Menschengruppen, von Völkern und Völkergruppen. Das ist das Bild unserer Zeit! Kann man so nicht die Aussage von Rudolf Steiner voll verstehen, die ich schon anführte: "Lassen Sie drei Jahrzehnte noch so gelehrt werden, wie an unseren Hochschulen gelehrt wird. Lassen Sie noch dreißig Jahre so über soziale Angelegenheiten gedacht werden, dann haben Sie nach dreißig Jahren ein verwüstetes Europa vor sich." - Jetzt aber greift die Verwüstung auf die ganze Welt über! Er fuhr dann fort: "Sie können noch soviele Ideale auf diesem oder jenem Gebiete aufstellen. Sie können sich die Münder wund reden über Einzelfragen, die aus dieser oder jener Menschengruppe hervorgehen, Sie können in dem Glauben reden, daß mit noch so eindringlichen Forderungen etwas getan werde für die Menschenzukunft - alles wird umsonst sein, wenn nicht die Umwandlung geschieht aus dem Fundamente der Menschenseele heraus: Aus dem Denken der Beziehung dieser Welt zur geistigen Welt. Der Mensch muß ein neues Denken entwickeln." Und weiter: "...denn die Schäden unserer Zeit gehen aus unserem verkehrten Geistesleben hervor ("Die Welt des Lichtes, Raumes..." GA194,S917).

   Kann man das mit innerer, selbsterarbeiteter Überzeugung sagen, dann steigt eine Empfindung in der Seele auf: Jetzt stehe ich auf festem Grund; von diesem festen Grund aus kann ich versuchen, die Zeit sozial zu verstehen. Ich weiß mit Sicherheit, daß kein Heil für die Menschheit entstehen kann, wenn man nicht den Hebel dort ansetzt, wo der Quell der heutigen Auflösung liegt: im gegenwärtigen Denken. Allerdings muß man sich auch klarmachen, daß das heutige Denken dem Menschen die Freiheit brachte. Er darf nicht mehr, wie S21 in vorchristlichen Zeiten, durch von außen wirkende Mächte bestimmt werden. Ja, selbst den antisozialen Kräften, die uns von den anderen Menschen trennen, verdanken wir die Entwicklung zum Eigenwesen. Wir isolieren uns von anderen Menschen, wir schließen uns in uns selber ein, wir werden individualisiert, müssen uns anderen Menschen gegenüber, die uns kritisieren, Feindschaft und manchmal auch Haß uns gegenüber entwickeln, behaupten. Es ist eine manchmal recht harte Schulung zur eigenen, freien und starken Persönlichkeit. Die antisozialen Kräfte in der Welt sind, von einer gewissen Seite aus gesehen, so notwendig für die rechte Entwicklung der Menschheit, wie die sozialen. Würden wir auf Erden, in der Zeit der Bewußtseinsseelen-Entwicklung, nur die sozialen Kräfte betätigen wollen, dann würden wir einschlafen. Es muß ein Gleichgewicht hergestellt werden zwischen den sozialen und den antisozialen Kräften.

   Von hier aus möchte ich noch einen Blick auf einen anderen Teil, den revolutionären Teil der amerikanischen Jugend werfen, um an einem bekannten, konkreten Geschehen das Erhellende des vorher Geschilderten zu veranschaulichen. In den heutigen jungen Menschen, besonders auch in den Studenten, leben starke soziale Impulse, welche unbewußt aus den Tiefen ihres geistverbundenen Willens aufsteigen. Auf der anderen Seite lebt in ihnen das Denken, welches sie auf den Universitäten aufnehmen. So leben sie in dem Zwiespalt zwischen sozialen und antisozialen Kräften. Gerade die sozialrevolutionären Studenten, die nicht immer marxistisch zu sein brauchen, erleben das Unsoziale, das Unmenschliche der gegenwärtigen Zivilisation sehr stark, weil sie mit ihrem sozialen Empfinden auf eine Welt stoßen, die in all ihren Einrichtungen, in allem Geschehen, eine Manifestierung des antisozialen Denkens ist. Dieses Denken, so bedeutsam es auf der einen Seite ist, kann, wie wir gesehen haben, nicht anders als antisozial sich auswirken.

   Jeder in Amerika kennt Patty Hearst, die Tochter eines Zeitungsverlegers in San Franzisko. Die Hearst-Familie gehört zu den bekanntesten und reichsten Familien in Amerika. Patty Hearst studierte an der Universität in Berkeley und wohnte dort in einem kleinen Haus. Eines Tages wurde sie gekidnapt von einer sozialrevolutionären Gruppe, die selbst bekannte, einen bekannten Schulleiter in Oakland aus politischen Gründen erschossen zu haben. Die Entführung Patty Hearst's erregte ganz Amerika. Jeder dachte nun, die Gruppe würde ein hohes Lösegeld fordern, um die eigenen revolutionären Ziele zu fördern. Sie bestand, wie sich später herausstellte, zur S22 Hauptsache aus nichtmarxistischen, aber revolutionären Studenten aus guten Familien. Sie verlangten eine ungeheure Summe, um die arme Bevölkerung in Kalifornien mit Lebensmitteln zu versorgen! Würde die Hearst-Familie nicht darauf eingehen, dann würde ihre Tochter umgebracht werden. Sie selbst bat auf einer übermittelten Sprechplatte, die auch durch das Fernsehen übertragen wurde, ihre Eltern, die Forderung zu erfüllen, um ihr Leben zu retten. Man einigte sich dann auf mehrere Millionen Dollar. Diese Lebensmittelaktion fand an verschiedenen Orten Kaliforniens statt. Tausende strömten zu den Verteilungsstellen. Nun sollte Patty Hearst entlassen werden. Und dann geschah das ganz Unerwartete, für viele Bestürzende, daß Patty Hearst gar nicht entlassen, sondern ein Mitglied dieser revolutionären Gruppe werden wollte. Auf einer neuen Platte, die auch veröffentlicht wurde, legte sie ihre Gründe dar. Sie wollte fortan die heutige Gesellschaftsordnung Amerikas bekämpfen und für die Opfer dieser Gesellschaft eintreten, für alle, die sich nicht selbst helfen konnten. Sie sagte sich von ihren Eltern los, wollte nichts mehr von ihrem Reichtum wissen. Sie nahm einen neuen Namen an und wurde aktives Mitglied dieser Gruppe. Sie war dann nicht dabei, als einige Wochen später die sechs wichtigsten, führenden Mitglieder dieser Gruppe in einem Hause in Los Angeles eingeschlossen wurden und in dem Kampf mit der Polizei entweder erschossen wurden oder in dem in Brand geratenen Haus verbrannten. Seitdem hält sich Patty Hearst verborgen.

   Man kann durch ein solch tragisches Ereignis einen tiefen Blick in das Geschehen unserer Zeit werfen und in das Seelenleben der Jugend: Es steigen starke soziale Impulse aus den Tiefen des Willens auf; sie werden verdrängt, übertäubt oder verfälscht vom aufgenommenen Denken. Die jungen Menschen wollen aus echten sozialen Impulsen helfen, sehen aber keinen anderen Weg als den der Gewaltanwendung, des Terrors und des Mordes. Sie können die wahren Ursachen der gegenwärtigen sozialen Mißstände nicht sehen. Sie erkennen nicht, was in den Tiefen ihres Willens wirkt, nicht, daß das heutige Denken gewandelt werden muß, daß der rhythmische Herzensmensch in ihnen mehr oder weniger in dieser Kultur zerrieben wurde.

   Was geschieht, wenn das umgewandelte Denken und der Wille, der seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt vergessen hat, aufeinanderstoßen ohne die harmonisierende Kraft des Herzens? Darauf gibt Amerika selbst eine anschauliche Antwort. Die Gebirge in Amerika laufen alle vom Norden nach dem Süden, deshalb können die von der Arktis einströmenden kalten Winde ungehindert bis in den heißen Süden Amerikas vorstoßen und sich mit der nach S23 Norden strömenden heißen Luft im Golf von Mexiko treffen. Dort, wo sie aufeinanderprallen, entstehen die furchtbaren Wirbel, die Hurrikans, die Tornados mit ihren verheerenden, alles zerstörenden Gewalten. Es darf der Kältepol des intellektuellen Denkens nicht ungehindert auf das Feuer des Willens prallen, sonst entstehen soziale Wirbel von verheerender Gewalt.

   Rudolf Steiner sah das kommen! Er sagte in den Vorträgen "Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist" (GA205/06) etwas Erstaunliches über das Ende des Jahrhunderts: "Wenn man die Dinge laufen läßt, wie ich sie unter dem Einfluß der in begreiflicher Weise heraufgekommenen Weltanschauung im 19. Jahrhundert für das 20. Jahrhundert entwickelt habe, so werden wir am Ende des 20. Jahrhunderts stehen vor dem Krieg aller gegen alle." Es ist deshalb erstaunlich, weil er sonst dieses Ereignis für eine viel spätere Zeit angesetzt hat. Daß er diese Worte auch für das Ende des Jahrhunderts benutzt, zeigt den Ernst der Lage: "Da mögen die Menschen noch so schöne Reden halten, noch so viele wissenschaftliche Fortschritte gemacht werden, wir würden stehen vor diesem Krieg aller gegen alle." Es fehlt der mittlere, der rhythmische Mensch. Wie im Jahreskreislauf der Rhythmus von Winter und Sommer, von Tod und Leben zu einem fruchtbaren Werden zusammengefügt werden, so ist es die Aufgabe des mittleren, des rhythmischen Menschen, die beiden Pole von Tod im Denken und Leben im Willen zu einem heilsamen harmonischen Ineinanderwirken zu bringen. Das geht aber nicht, wie in Natur und Leibesrhythmus, von selbst; dazu muß im Menschen eine neue Kraft geboren werden, die stark genug ist, Gleichgewicht, Rhythmus, Harmonie zu erzeugen. Das ist das Ich im Menschen. Wo können wir im Westen das Ringen um Bewußtwerdung des wahren Ich finden?

Nächste Seite:  I,6 Der Kampf um die Bewußtwerdung des Ich im Westen