I.6 Der Kampf um Bewußtwerdung des Ich im Westen

   Das Urbild des Ich hat Rudolf Steiner in der Statue des Menschheitsrepräsentanten dargestellt, der das Gleichgewicht zwischen oben und unten, Denken und Wollen, zwischen Luzifer und Ahriman, zwischen Osten und Westen halten kann. Gleichgewicht wird nicht, wie bei der Waage, durch Gewichtsverlagerung hergestellt, sondern durch einen innere Reifeprozeß, durch die tätige Wandlung des Denkens, Fühlens und Wollens, durch die Geburt des Ich im Menschen, das Aufgehen einer spirituellen Sonne mit ihrer schöpferischen Wärme und ihrem erhellenden Licht. In jeder Meditation vollzieht sich dieser innere Prozeß. In jeder Meditation arbeitet man daran, das Licht spiritueller Gedanken zu einen mit der wärmenden Lebenskraft des Willens. Sie S24 treffen sich im Herzen. In dem erleuchteten, erwärmten Herzen kann das Ich seine Wirkensstätte finden. Das höhere Ich ist nicht nur das Erlebnis eines Mittelpunktes im Menschen! Es umspannt die ganze Menschheit, ja den Weltengeist. Es hat keine Eigeninteressen, sondern Menschheits- und Weltinteressen. Mitteleuropa hat eine Naturanlage, dieses Ich zu entwickeln. Wie aber ist es mit dem Wesen?

   Was im Osten mehr als ein alt-spirituelles, liebendes Denken lebt, kommt in der Mitte mehr aus dem erleuchteten Fühlen des Herzens; es wird im Westen sich willensbetont offenbaren. Was im Osten aus alter Spiritualität ein Hindernis für die Ich-Entwicklung sein kann, was in der Mitte sich frei entfalten wird, das muß im Westen im Kampf mit einem zu starken Erd- und Leiberleben errungen werden. Hat das Ich im Osten Mühe, sich im starken Erleben von Sympathie und Liebe wachzuerhalten, hat die Mitte zu ringen mit den aufflammenden Sympathien und Antipathien (Leben und Tod), so muß der Westen das Ich entwickeln gegen den anstürmenden Tod. Man erinnere sich an ein Wort aus "In geänderter Zeitlage" (GA186), daß im Osten die Mysterien der Geburt, des Lebens, wirken, in der Mitte das Mysterium von Leben und Tod. Der Westen aber muß das Mysterium des Todes ergründen. Um den Tod erkennen und meistern zu können, muß ihm das Geheimnis der Auferstehung erschlossen werden.

   Ein merkwürdiger Gegensatz besteht zwischen Mitte und Westen in bezug auf das Erleben des Menschheitsgeistes.  In der Mitte kommt man zum Menschheitsgeist auf einem inneren Weg. Die Seele spürt, sie ist Glied der ganzen Menschheit. In Amerika verlangt das Zusammenleben aller Vertreter der Menschheit in einem Volk die Suche nach dem Menschheitsgeist, der sie alle einen kann.

   Am Ende des ersten Weltkrieges brach das alte Österreich-Ungarn, in dem eine Anzahl verschiedener Völker vereinigt waren, auseinander. Rudolf Steiner sagte damals, Österreich hätte die Aufgabe gehabt, eine Gemeinschaft von Völkern zu bilden, in der verschiedene Nationen durch ein höheres Menschheitliches hätten zusammenleben können, ohne ihre Eigentümlichkeiten aufzugeben. Österreich hat es nicht gekonnt, so zerfiel es. Heute gibt es kein Land der Erde, wo die Notwendigkeit für die Realisierung eines über alles Engnationale hinausgehenden, gemeinsamen Geistes so evident ist wie in Amerika. Hier kann nicht, wie schon erwähnt, das gemeinsame Blut das Verbindende sein, nicht, daß man Engländer, Holländer, Deutscher, Schwarzer, Weißer, Gelber, Roter ist, sondern daß man Mensch ist, S25 nichts als Mensch ist! Mensch kann man nur im Ich sein, im anderen, höheren Ich, welches die Menschheit mit umspannt. Findet man in diesem Land, welches ganz auf Technik und Industrie ausgerichtet ist, Spuren des höheren Ich?

   Eine Begegnung mit diesem anderen Ich schildert einmal Louis Bromfield in seinem Buch "Mr. Smith". In diesem Buch beschreibt er das Schicksal eines Menschen, dessen Leben eine Wendung nahm, als er sich eines Morgens beim Rasieren plötzlich mit neuen Augen ansah. Sich selber wie einen Fremden im Spiegel erblickend, dachte er: "Das bist du? Das ist der Mensch, mit dem du für den Rest deines Daseins leben mußt? Wie bist du? Bist du anständig und gut, oder bist du ein Ungeheuer? Was willst du? Wohin willst du? ... Woher kommst du? ... Wozu bist du hier?" Er blieb lange so stehen, sich selbst betrachtend, dann geschah etwas Außergewöhnliches. Es blieb im Raum alles, wie es vorher war, und doch war in ihm alles vollkommen anders. Er sah plötzlich sein bisheriges Leben in einem anderen Licht. Es ging ihm die Leere und Sinnlosigkeit seines Lebens auf: "Wie soll man es benennen? Depression, Eintönigkeit, Nutzlosigkeit, Geistesarmut?" In den nächsten Tagen mußte er immer wieder daran denken. Er mußte sich sagen: "Es war nicht mein Ich, sondern ein anderes Ich, das mich fesselte und das ich zu ergründen versuchte." Bromfield nennt Mr. Smith selbst einen Durchschnittsamerikaner.

   Dieses Erlebnis der Sinnlosigkeit und Leere des Lebens haben immer mehr Amerikaner, besonders auch die Jugend. Viele von ihnen erleben heute die Sinnlosigkeit, die Geistesarmut, die Eintönigkeit der gegenwärtigen Zivilisation mit ihrem Streben nach größerem Wohlleben und Reichtum. Sie spüren etwas tief in ihren Seelen rumoren, was ganz anders ist, was zum Durchbruch kommen möchte, das sie aber nicht zu erkennen vermögen. Sie haben durch die heutige Erziehung keine Gedanken erhalten, die ihnen erleuchten könnten, was da in ihnen rumort. Es ist das andere Ich, das Mr. Smith in sich entdeckt hatte. Mr. Smith grübelte viel darüber nach, was in ihm vorging: "Ich glaube, ich kann es nur beschreiben als ein heftiges Verlangen, das zu erforschen, was in letzter Analyse ich selbst war." Aber er kommt damit nicht zu Rande, er kann nicht zur Klarheit kommen. Es fehlen auch ihm die lichtgebenden Gedanken. Was er dann über die Vergeblichkeit seines Forschens sagt, ist die ungeheure Tragik unserer Zeit und charakterisiert ihre Seelenverfassung. "Nun, so geschah es, und ich rate allen, niemals einen derartigen Prüfungsprozeß anzufangen; denn er hört nie auf, S26 solange man am Leben ist, und es ist ziemlich sicher, daß wir, obwohl der Leib stirbt und verwest, immer noch keine Gewißheit haben, ob der Geist, das Ich, die Seele, oder was es ist, mit ihm stirbt, daß es vielleicht überhaupt kein Ende der Sache gibt. Besser gleich einem Tier leben, genau wie es mein Feldwebel macht, der sich nur um Nahrung und Weiber kümmert und um genügend Geld."

   Erkennt der Mensch nicht, was in den Tiefen seiner Seele rumort, was in ihm zur Geburt drängt und wie es zur Geburt geführt werden kann - und das kann man nur aus spirituellen Gedanken -, dann wird die Folge eine furchtbare Seelenverödung sein, Resignation und Verzweiflung und daraus der Trieb nach Betäubungsmitteln. Der Materialismus wird wachsen und die Seelen werden, anstatt sich mit dem Ich zu durchdringen, immer mehr zusammenwachsen mit den abwärtsziehenden Kräften der Erde. Wir wollen dazu noch eine Stimme aus der Gegenwart hören. Charles Reich, von dem ich schon einen Ausspruch brachte, ist ein jüngerer Professor der Universität in Yale. Er schrieb das Buch: "The Greening of America", welches nicht nur in Amerika in großen Auflagen herauskam. Er sagte einleitend, daß er dieses Buch nicht hätte schreiben können ohne die vielen hundert Studenten, mit denen er diese Fragen immer wieder besprochen und diskutiert hatte. So zeigt sein Buch tiefe Einblicke in das, was heute in den Seelen der jungen Menschen in Amerika vorgeht.

   Er ist der Überzeugung, daß immer das jeweilige Bewußtsein der Menschen für die soziale, politische und kulturelle Struktur einer Zeit maßgebend ist; "Vom Beginne dieses Buches an haben wir gezeigt, daß das Bewußtsein die Hauptrolle spielt". So versucht er die Studenten darauf hinzuweisen, daß nicht gewalttätige Terrorakte oder Revolten irgendetwas in Amerika ändern werden, sondern nur die Wandlung und Revolutionierung des Bewußtseins. Ein neues Bewußtsein, welches er, etwas abstrakt, das Bewußtsein III nennt, wirkt in den Studenten und jungen Menschen. Es lebt als ein zuerst unbewußter, aber starker Willensimpuls in ihnen. Die junge Generation steht einer Welt gegenüber, so empfindet sie, die sie ihres eigentlichen Menschseins berauben will, sie um ihr Ich bringen will. Dagegen muß sie sich wehren. Was für eine Art von Leben führt der Mensch heute? fragt Prof. Reich: "Er führt ein Leben, wie es in den Filmen "Metropolis" und "M" vorausgesagt wurde, ein Roboterleben, das den Menschen seiner Persönlichkeit beraubt und seine Existenz zur bloßen Rolle, Beschäftigung oder Funktion reduziert. Das Ich des Menschen wird getötet..." Er untersucht genau, wie es in Amerika S27 zu diese Situation kam und wie die Jugend dagegen revoltierte. Als das neue Bewußtsein, das Bewußtsein III, in den Seelen erwachte, setzte es sich in Gegensatz zu dem bisherigen Bewußtsein II: "Die Grundlage von Bewußtsein III ist Befreiung... Befreiung bedeutet die Freiheit des Individuums, neu anzufangen, sich seine eigene Philosophie, seine eigenen Werte, seinen eigenen Lebensstil und seine eigene Kultur zu schaffen... Bewußtsein III beginnt mit dem Ich. Im Gegensatz zu Bewußtsein II, das die Gesellschaft, die öffentlichen Interessen und Institutionen als primäre Realität akzeptiert, erklärt Bewußtsein III das individuelle Ich zur einzig wahren Realität." Das lebt heute, so beschreibt er, als der eigentliche Impuls in vielen Tausenden von Studenten und anderen jungen Menschen. Im Korporationsstaat sieht er eine Gefahr für die Ich-Entwicklung. Er führt aus, daß man heute eigentlich nicht mehr von Kapitalismus oder Imperialismus oder einer Machtelite in der Wirtschaft Amerikas sprechen kann: "Diese Formen würden wenigstens noch menschliche Züge tragen. Natürlich gibt es eine Machtelite, die sich am System bereichert, doch die Elite kontrolliert nicht mehr die Situation. Sie profitiert nur mehr von Mächten, die Eigenleben gewonnen haben."

   Es ist erstaunlich, daß er dieses sehen kann. Auch Rudolf Steiner wies darauf hin, daß seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Mächte wirksam wurden, welche eine Art Eigenleben entfalten, so daß die Menschen heute die Kontrolle über die wirtschaftlichen Vorgänge gar nicht mehr selbst ausüben. Die einzelne Persönlichkeit kommt gegen den Mechanismus im Wirtschaftsgetriebe nicht mehr an. Charles Reich sagt, diese Eigenmächte wirken überall in der Welt, aber in anderen Nationen wirkt mehr als nur dieses: "Wir hingegen haben dem System alles überantwortet und einen seelenlosen Apparat zu unserem Herrn gemacht". Wird das Ich, das sich in den Seelen ans Licht ringen will, nicht tief genug erkannt, dann schwindet es und mit ihm alles, was heute an guten Impulsen in den Menschen wirkt. Das gibt auch Charles Reich in bezug auf die Jugend zu, wenn er mit tiefer Trauer auf die Tatsache schaut, daß viele Studenten, wenn sie von der Universität ins Berufsleben hinüberwechseln, bald ihre Impulse und Ideale verlieren. Und doch wird aus seinem Buch sehr deutlich, wie in den jungen Menschen eine tiefe Sehnsucht nach dem Ergreifen des Ich lebt. Nur muß erkannt werden, daß hinter diesem Impuls nicht nur das gewöhnliche, sondern das Ich lebt, welches aus den Seelentiefen heraufkommt. S28

   Ich sprach von Louis Bromfield, der das Heraufwallen des Ich aus den unbewußten Willenstiefen in besonderen Augenblicken erleben konnte, aber doch keinen Weg fand, es zu halten. Ralph Waldo Emerson war in seiner Zeit schon weitergekommen. Emerson kann das Ich, die "höhere Seele" des Menschen, mit treffenden Worten beschreiben: "Alles zielt darauf hinaus zu zeigen, daß die Seele des Menschen nicht ein Organ für sich ist, sondern alle seine Organe belebt und einübt, daß sie nicht eine Funktion ist, wie die Gedächtniskraft, die Fähigkeit zum Berechnen und Vergleichen, sondern diese Funktionen wie Hände und Füße gebraucht; daß sie nicht eine Fähigkeit ist, sondern eine Lichtquelle; nicht Intellekt oder Wille, sondern deren Gebieterin; daß sie der Hintergrund unseres Seins ist, in dem all dieses eingebettet ist als ein Unermeßliches unbesessen und unbesitzbar. Von oder aus dem Hintergrund scheint ein Licht durch uns hindurch."

  Ihm ist der irdische, sichtbare Mensch "nur die Fassade eines Tempels, in dem alle Weisheit und alles Gute wohnt." Das freie unabhängige Ich des Menschen, das im Leibe und seinen Organen schafft, ist auch der Gebieter unseres Denkens und Wollens, ist das schaffende Licht, das aus dem geistigen Wesensgrund des Menschen erstrahlt. Und damit nähert sich Emerson dem wahren schöpferischen Wesen des höheren Selbst. Dieses höhere Ich umfaßt auch den Kosmos mit seinen geistigen Kräften: "Mit Worten nicht zu fassen ist die Vereinigung Gottes und des Menschen in jedem Wirken der Seele. Der Einfachste, der sich Gott mit ungeteiltem Herzen nähert, wird selbst göttlich; doch für immer und ewig ist das Einströmen dieses besseren und allumfassenden Selbst neu und unerforschlich." Wenn der Mensch sich so erheben kann über sein gewöhnliches Selbst, dann wird eine Zeit kommen mit neuen Ideen und neuen Kräften, sagt Emerson: "Mehr und mehr umbranden mich die Wogen ewiger Natur und in all meinen Beziehungen und Handlungen wachse ich in das Allmenschliche hinein. So gelange ich dahin, in Ideen zu leben und Energien zu wirken, die unsterblich sind." Für Emerson war das "Allmenschliche" nicht nur ein Wort, sondern eine Realität. Es ist die Menschheitsseele, die alle einzelnen Menschen zu einer Einheit bildet.

   Die jungen Menschen in Amerika hatten und haben einen besonders starken Zu Walt Whitman. Jeder kennt sein großes dramatisches Gedicht: "Song of Myself". Weshalb griff die Jugend so stark nach Whitman? Weil er etwas sagen konnte über das innere geistige Selbst des Menschen, nicht S29 mit abstrakten Gedanken, sondern aus eigenem Erleben. Das philosophische Gedicht: "Song of Myself" offenbart nicht gleich, was sein tiefster Inhalt ist. Manches deutet darauf hin, daß diejenigen recht haben, welche behaupten, das Gedichtwerk sei aus einer eigenen Geistesschau entstanden. In dem Gedicht beschreibt er das Erwachen des Selbst in der Seele des Menschen, seine Reinigung und Erleuchtung, sein Einssein mit dem Göttlichen der Welt und sein Wiederauftauchen aus dem Geistigen. Walt Whitman offenbart etwas von dem Geheimnis des Willens, der in seinem Ursprung sowohl "Selbst" als auch "Einheit" mit allen Wesen der Welt ist. Es geht aus den folgenden Worten hervor:


"Schnell stieg Friede auf und breitete sich um mich und ein Wissen, welches alles Denken auf der Erde übersteigt,

Und ich weiß, daß die Hand Gottes das Versprechen ist meines eigenen Selbst,

Und ich weiß, daß der Geist Gottes der Bruder ist meines eigenen Selbst,

Und daß alle Männer, die jemals geboren wurden, meine Brüder sind,

Und die Frauen meine Schwestern und liebende Gefährten,

Und daß der Kern der Schöpfung Liebe ist."


   Es ist wichtig zu sehen, daß die großen Impulse nach dem Gewahrwerden der Menschheit und das Ringen um das wahre Selbst, die Forderung nach Spiritualisierung des Willens und des Denkens aus dem Innern des Westens selbst aufsteigen. Damit versuchte ich zugleich, die verborgen wirkenden Michaelkräfte im Westen aufzuhellen.


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