I.9 Das Böse im Dienste des Guten

   Überblickt man die dreistufige Zeit der Seelenentwicklung: Empfindungsseelenzeit in der ägyptisch-chaldäischen Epoche, Verstandes-Gemütsseelenentwicklung in der griechisch-römischen Epoche, Bewußtseinsseelenentwicklung seit dem 15. Jahrhundert, dann umfaßt diese Zeit die Geburt des Ich in der Seele des Menschen. Bis zum gegenwärtigen Augenblick war es eine Entwicklung zum irdischen Selbstbewußtsein. Nun in der zweiten S36 Stufe der Entfaltung der Bewußtseinsseele soll das Ich selbst in der Seele entdeckt werden. Sie beginnt mit der Mission des Michael. Diese ganze Zeit der dreistufigen Ich-Entwicklung wird besonders eindrucksvoll, wenn man sich vergegenwärtigt, daß in ihr nicht nur die Inkarnation des Christus stattfand, sondern auch die des Luzifer und später auch die des Ahriman: "Gerade wie einmal im Osten eine Inkarnation Luzifers stattfand und dann in der Mitte der Weltevolution die Inkarnation Christi, so wird im Westen eine Inkarnation Ahrimans stattfinden" ("Die geistigen Hintergründe der sozialen Frage" Bd.III, GA191). Die Inkarnation Luzifers fand im Beginn des dritten Jahrtausends v.Chr. im Osten statt, also im Beginn der Empfindungsseelenzeit, die Inkarnation Christi in der Verstandes- und Gemütsseelenzeit, die Inkarnation Ahrimans wird im Beginne des dritten Jahrtausends n.Chr. stattfinden, also in der Bewußtseinsseelenzeit.

   Es ist ein außerordentlich eindrucksvolles Bild, welches sich dem Betrachter dieser dreistufigen Ichgeburt in den Seelengliedern des Menschen darbietet: Christus in der Mitte zwischen Luzifer und Ahriman, ein Bild, das uns sofort an die Statue in Dornach erinnert: Der Menschheitsrepräsentant zwischen Luzifer und Ahriman. Was kann uns das sagen? Die Ich-Entwicklung, die der Sinn der Erdenentwicklung ist, ist nicht möglich ohne Mitwirkung der Gegenmächte! Immer wieder werden wir dem physischen Leib und damit den Erdkräften zu stark verfallen, und immer wieder haben wir den Blick auf Christus, das Menschheits-Ich, zu richten, der uns die Kraft gibt, uns aufrecht zu erhalten gegenüber beiden Mächten.

   Es ist ein merkwürdiger Anblick, den man gerade in Kalifornien von den großen Versuchungen der Menschheit gewinnen kann. Im vorigen Jahrhundert wurde in Nordkalifornien Gold gefunden. Menschen kamen von allen  Gegenden Amerikas und von außerhalb nach San Francisco und Sakramento, um noch rechtzeitig zu den großen Goldfunden zu kommen. Ein ahrimanischer Goldrausch ergriff die Menschen. Im Gold sahen sie die Macht, alle irdischen Güter der Welt zu gewinnen, zu genießen, andere Menschen für sich arbeiten zu lassen. Im Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden in Südkalifornien, in Hollywood, das zu Los Angeles gehört, die großen Traumfabriken der Lichtbilderwelt, um den Menschen über die ganze Erde hin eine durch und durch illusionäre Welt auf die Leinwand zu zaubern, die sie mit durstigen Seelen aufsogen, ums sich über die harte Welt des äußeren Geschehens für einige Zeit zu erheben. Eine luziferische Flucht von der Erde in ahrimanischer S37 Verzerrung! Kein anderes Land Amerikas ist dem Osten innerlich und geographisch so nah, wie Kalifornien. Es ist der größte Staat Amerikas mit einer starken westlich-industriellen Wirtschaft. Es ist ein Kind der Gegensätze, welches nach der Kraft des Gleichgewichtes ruft. Aber hier im Westen der Welt ist Ahriman dominierend. Wir wollen versuchen, ein objektives Bild dieser antichristlichen Weltmacht zu gewinnen.

   Ich kann ein Kristallgebilde betrachten in seinen wunderbaren Formen. Ich kann mich fragen, welche Kräfte haben es gestaltet? Ich versenke mich in die bildenden Gestaltungskräfte, welche die exakten, mathematischen, geometrischen Formen hervorbringen konnten, die gleichschenkeligen Dreiecke, die Rechtecke, die verschiedenen Fünfecke, das Wunder der glatten Flächen, die sechskantigen Kristallkörper, das noch viel größere Wunder der Stoffdurchsichtigkeit in der verdichteten Substanz. Es ist kein Leben in den Kristallen wie bei einer Pflanze, keine Bewegung wie beim Tiere. Sie sind erstarrt für unendliche Zeiten. Es offenbart sich in den exakten mathematischen Formen, in der Durchsichtigkeit - als eine Frucht solcher Meditation - eine verzauberte Weltendenkkraft. Solange diese Denkkraft noch eine Formkraft in der ätherischen Welt ist, noch nicht hineingebannt in eine erstarrte, materielle Welt, kann sie unendlich verschiedene, stets wechselnde Formen gestalten ("Anthroposophie, eine Einführung" GA9?).

   Wenn jedoch diese kosmische Denkkraft von Ahriman ergriffen wird, dann tötet er ihr Leben und ihre Beweglichkeit ab und hält sie in der verkrusteten Stoffeswelt gefangen. Aber ohne diese von Ahriman verdichtete Erde könnte die Menschheit sich nicht entwickeln, nicht ihr gegenwärtiges Selbstbewußtsein gewinnen.

   Wenn wir und vorstellen, dieses alles erstarrende, todbringende Macht Ahrimans würde nun auf die Pflanzenwelt übergreifen, um dort auch Erstarrung und Tod zu bringen, wie in der anorgansichen Welt, dann würde sie böse wirken. An ihrem Platz sind die Gegenmächte berechtigt; greifen sie jedoch auf andere Gebiete über, dann müssen sie zurückgewiesen werden. Erst im Kampf mit ihnen kommt das Richtige, das von der geistigen Welt Gewollte heraus. Deshalb sagt die Anthroposophie: "Auch die zurückgebliebenen Geister haben sehr gute Seiten und alles, ob Fortschreiten oder Zurückbleiben, ist göttlicher Natur" ("Hereinwirken der geistiger Wesenheiten in den Menschen" GA102).

   Man kommt mit seiner Betrachtung über den Westen nicht zurecht, wenn man nicht diese Charakterisierung vor sich hat. Es bereitet sich im Westen S38 Bedeutsames für die menschliche Evolution vor. Man kann das nur erkennen, wenn man sich bemüht, eine möglichst objektive, unsentimentale Haltung gegenüber dem Geschehen hier zu erwerben, besonders gegenüber den Schattenseiten, dem Wirken Ahrimans. Es gibt ein sehr wichtiges und aufschlußreiches Wort darüber. Es kommt darauf an, so heißt es: "das sie (die Widersacher) nicht Besitz von uns ergreifen, sondern daß wir uns in der rechten Weise den realen Mächten gegenüberstellen und wissen, daß wir nicht nur Luzifer zu meiden haben, sondern die Kräfte Luzifers zu erobern haben für die fortschreitende Menschheitskultur, daß wir nicht nur Ahriman zu meiden, sondern die Kräfte Ahrimans zu erobern haben für die fortschreitende Menschheit" ("Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit" GA171). Verstehen wir diese Worte recht, dann sagen sie, daß wir die Kräfte Luzifers und Ahrimans brauchen, daß wir sie uns zu erobern haben, anzueignen haben, um sie dann im richtigen Sinn der Entwicklung einfügen zu können, so daß sie nicht auf Gebiete übergreifen, wo sie Zerstörung und Tod bringen. Heute stehen wir vor der Aufgabe, die zweite Stufe der Entwicklung der Bewußtseinsseele einzuleiten durch die Spiritualisierung der Denkkräfte. Das wollen die ahrimanischen Wesen verhindern. Sie wollen bei der ersten Stufe dieser Entwicklung stehenbleiben. Sie sind so durchdrungen von dem Wert und der Notwendigkeit der weiteren Ausbildung der intellektuellen Verstandeskräfte, daß sie eine Spiritualisierung der Erkenntniskräfte unter allen Umständen verhindern wollen. Damit würde aber die gesamte Kultur der Menschheit durch die antisoziale, zersplitternde Kraft dieses Denkens zerstört und jede Aufwärtsentwicklung unmöglich gemacht.


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in der Zeit von 1841 bis 1879 auf Erden (Europa, Amerika)