I,2. Lebensfragen des Westens


   Ein Gedanke Rudolf Steiners, der mir sehr wichtig erscheint, und uns als eine Art Leitbild durch diese Ausführungen begleiten kann, ist: "Es wird in der amerikanischen Kultur ein immer größerer Gegensatz auftreten zwischen dem Mannestum und dem Frauentum. Was anglo-amerikanisches Geistesleben ist, das wird durch das Frauentum auf die Nachwelt kommen; während das, was in männlichen Körpern leben wird, solchen Idealen zustreben wird, wie ich es geschildert habe" ("Gesunder Blick für heute" in GA181, 15.-21.Vortrag). Rudolf Steiner hatte ausgeführt, daß das "Mannestum" in Amerika durch seine einseitige Veranlagung im Intellekt und im Willen eine rein materialistische, eine sich immer mehr mechanisierende Zivilisation heraufführen und alles Gemüts- und Geistesleben nach und nach ersticken wird. Die Frauen jedoch, die in Amerika eine große S7 Rolle spielen, werden durch ihre Veranlagung im rhythmischen Menschen, im Herzen, die Fähigkeit entwickeln, sich leichter dem geistig-kulturellen Leben zu öffnen. Sie werden dadurch die Möglichkeit erlangen, die amerikanische Kultur im spirituellen Sinne zu beeinflussen, und so den geistigen Pol zu dem materialistischen, irdisch-mechanistischen hinzuzufügen.

   Es werden damit zwei Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt. Die erste, welche durch das "Mannestum" aus Intellekt und Wille kommt. Eine zweite Möglichkeit kann vom Frauentum, d.h. vom mittleren, vom rhytmischen Menschen kommen, wenn das Herz spiritualisiert wird und heilende Kräfte erzeugen kann. Die männliche Bevölkerung kann zu stark mit der Erde verwachsen, so daß sie den Leib ganz der Erde zugehörig empfindet und instinktiv erlebt: "Ich bin auch die Schwerkraft, die durch meine Beine geht, ich bin auch das Gewicht, das meine Hand, meinen Arm belastet" ("Gesunder Blick für heute" GA181 s.o.).

   Man kann so durch das Mannestum und das Frauentum auf zwei Lebensströme blicken, die einem zum Bilde werden können, und je länger man sie anschaut, desto sprechender werden. Blitzartig kann in diesem Bild die innere Situation des Kontinents aufleuchten. Man schaut auf den tragischen, inneren Kampf, der unbewußt in den Seelentiefen Amerikas tobt zwischen Erdfesselung und Geistessehnsucht. Im Grunde genommen ist es der Kampf, der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts überall auf der Erde tobt zwischen den Michaelskräften, die das spirituelle Herzdenken zum Durchbruch bringen wollen, und den ahrimanischen Gegenmächten, die seit dieser Zeit, stärker als früher, das intellektuelle Kopfdenken und den instinktiven Triebwillen einseitig auf die Erde richten wollen.

   In den Vorträgen 1922 in Wien: "Westliche und östliche Weltgegensätze" (GA83) spricht Rudolf Steiner über die innere Seelenveranlagung des Ostens, der Mitte und des Westens. Im Osten ist der Geist, in der Mitte die Seele, im Westen der Leib bestimmend. Während der Osten den Geist für die eigentliche Realität der Welt hielt und die sinnliche Welt für Maya, hält heute der Westen die physische Welt für real und den Geist für Ideologie, die Mitte steht zwischen beiden. In den Wiener Vorträgen sprach er auch über die Verwandtschaft der Amerikaner mit dem Proletariat, wenn auch auf einer höheren Stufe. In der ersten Zeit der Dreigliederungsbeweung, die gleich nach dem ersten Weltkrieg begann, führte Rudolf Steiner aus, wie das Bürgertum im Kopf-Nerven-Sinnessystem S8 veranlagt ist, also im Denken, wie der Adel seine Veranlagung im rhythmischen System hatte und damit mehr im Fühlen, wie das Proletariat mit seiner Willensveranlagung im Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen verankert ist. Und diese Veranlagung haben auch die westlichen Menschen. Sie leben vorzugsweise im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem. Es lag Rudolf Steiner viel am rechten Verständnis des Arbeiters, weil er in ihm einen Repräsentanten des willensbetonten Menschen der Zukunft sah. Oft sagte er in dieser Zeit, man solle nicht  über  das Proletariat denken, sondern mit ihm denken. Was heißt das, mit dem Proletariat denken? Man soll nicht als Zuschauer dem Arbeiter gegenüberstehen, sondern aus seinem Inneren heraus denken. Ich glaube, dieses Wort hat auch Gültigkeit gegenüber den Menschen im Westen. Man soll nicht über Amerika denken, sondern aus seinem inneren Wesen heraus. Das ist eine ganz andere Art des Erkennens. Dieses Erkennen geht in die Tiefe.

   Das führt zu einer wichtigen Frage: Wie findet der Stoffwechsel-Willensmensch seinen Weg in die geistige Welt? Das ist keine theoretische Angelegenheit, nicht nur eine Erkenntnisfrage, sondern eine Lebensfrage. Ich möchte das mit einem Wort aus den Mysteriendramen ("Vier Mysteriendramen" GA14) deutlicher machen. Um Strader sind im 4. Drama Benediktus, Maria und Ahriman versammelt. Strader geht ja einen mehr westlichen Weg. Er hat bittere Wahrheiten zu hören bekommen. Doch dann sagt Maria zu ihm:

"Es härtet Vater Felix sich die Waffen,

die ihm Gefahren tilgen - andere braucht,

wer deiner Seele Wege wandeln muß.

Und was Capesius als Schwert sich formt,

den Kampf mit Seelenfeinden mutig führend,

für Strader wandelt sich's zum Schattenschwert."


   Das heißt, daß Strader seinen eigenen Weg gehen muß. Wollte er den Weg Felix Baldes oder Capesius' gehen, dann würde für ihn alles wirkungslos bleiben. Darum geht es im Tiefsten, daß man im Westen kein Schattenschwert in der Hand hat, wenn die entscheidenden Ereignisse an der Jahrhundertwende beginnen. Der Westen muß sich aus dem, was in ihm lebt und dem, was die Geisteswissenschaft ihm bieten kann, sein eigenes Schwert schmieden.


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