I,3. Was hinter dem Drang nach Westen liegt?

   Es ist eine überraschende Tatsache, wenn man zum ersten Mal nach Amerika kommt und aus eigener Anschauung gewahr wird, daß hier Menschen aus allen Völkern und Kontinenten der Erde zusammengekommen sind. Man hat das natürlich immer gewußt, aber wenn man dann die Vertreter der verschiedensten Völker versammelt sieht in ihren völkischen Differenzierungen, dann ist das, wenn man nicht stumpf und gleichgültig ist, doch etwas ganz Erstaunliches. Es gibt kein anderes Land auf der Erde, das so die ganze Menschheit repräsentiert wie Nordarmerika. Wenn man nur ein wenig offen ist für das Walten und Wirken höherer Schicksalmächte, dann wird einem das zu einer großen Frage. Warum strömt in Nordamerika die ganze Menschheit zusammen? Gewiß wird man eine ganze Anzahl von Gründen angeben können. Innerlich gesehen steht man doch vor einem großen Rätsel Manche haben dafür ein Empfinden gehabt. So schreibt Ferdinand van Cles in seinem Buch "Licht aus dem Westen": "Wie alle großen Wanderbewegungen der Menschheit, entsprang dieser Drang zum Westen nicht so sehr rationalistischen Gründen und Scheingründen, die ihm als Vorwand oder spätere Erklärung dienten, als einer in der unbewußten Triebsphäre wurzelnden Elementargewalt, die wahrscheinlich den Impulsen verwandt ist, die auch im Tierreich wirken und das Ausschwärmen der Bienen, die großen Züge der Vögel und der Fische und die plötzlichen Wanderungen verschiedener Nagetiere und Wiederkäuer auslösen."

   Was er damit sagen will, ist klar: dieser Drang, von allen Orten der Erde nach dem Westen zu streben, kam nicht aus dem Kopf, sondern aus dem unbewußt bleibenden Willen der Menschen, aus der Sphäre, wo der Wille noch wie schlafend, mit dem Geist des Kosmos verbunden ist. Auf diesen Zusammenhang wies auch der Kalifornier John Steinbeck hin, der ein so offenes Herz gerade für die handarbeitenden Menschen hatte und so klar die antisozialen Verhältnisse in Amerika beobachten konnte, verbunden mit einem ahnenden Gefühl für das Walten übersinnlicher Kräfte, wie in seinen Büchern "The Grapes of Wrath" - "Früchte des Zorns" und "To a unknown God" - "Dem unbekannten Gott" besonders deutlich wird. In seinem Buch "The red Ponny" - "Der rote Ponny" läßt er einen alten Westener über die ersten Siedler sprechen, die nach Amerika kamen: "...Es war ein ganzer Haufen von Leuten, der in ein einziges großes kriechendes Tier zusammengewachsen war... Es war der Zug nach Westen. Jeder wollte etwas für sich selbst, aber das große Tier aus uns allen wollte nur nach Westen. Ich war ein Anführer, S10 aber wenn ich nicht gewesen wäre, wäre eben jemand anders das Haupt gewesen. Das Wesen mußte ein Haupt haben." Man erkennt, daß er nicht das, was die einzelnen Menschen persönlich wollten, als das wesentliche ansah, sondern etwas, was nicht mit äußeren Augen anschaubar war, ein nicht sichtbares Tier, ein übersinnliches Gruppenwesen, welches ein "Haupt" auf Erden brauchte. Dieser nach Westen drängende Geist suchte sich in Amerika einen Leib zu schaffen. Das war die Meinung!

   Auf diesen Geist des Westens macht auch F.Zeylmans van Emmichoven aufmerksam: "Diejenigen, die zuerst nach den Vereinigten Staaten zogen, Engländer, Franzosen, Spanier und Holländer gehörten alten, bereits ausgeprägten Völkergruppen an. Wenn die nun hier Kräften begegneten, die sogar auf sie, die Angehörigen älterer Völker einwirkten und aus ihnen ein neues, junges Volk herausprägen konnten, müssen diese ganz besonders tiefgreifende Wirksamkeit haben und auch von anderer Art sein als es die alten Volkskräfte waren. Gewiß lieferten die obenerwähnten Einflüsse des Bodens über und unter der Erdoberfläche einen Teil der Erklärung, aber da kommt noch etwas anderes hinzu" ("Amerika und der Amerikanismus").

   Amerika ist allerdings den alten Völkern gegenüber ein noch junges Land. Es wurde im 15. Jahrhundert entdeckt oder wiederentdeckt, in der Zeit, als die Entwicklung der Bewußtseinsseele begann. England übernahm zunächst die Führung in der Entwicklung der Bewußtseinsseele, während Amerika erst im Entstehen war. Aber die gegenwärtige Weltendreiheit von Ost, West und Mitte entstand erst mit dem Erscheinen Amerikas, mit der Völkerwanderung nach Amerika. Nordamerika wurde das typisch westliche Land, der eigentliche Repräsentant des Westens. England ist ein wichtiges Land des Westens, aber es ist als Volk Europas auch dem Geiste der Mitte angeschlossen. Rudolf Steiner verkündete Wichtiges der Anthroposophie auch in England. Es kommt das noch bei ihm zum Ausdruck, wenn er, wie in Wien 1922, vom Osten, von Europa als der Mitte und von Amerika als dem Westen sprach (GA83).

   Durch das Walten des Schicksals strömten in Amerika Menschen mit einer ausgeprägten Willensveranlagung zusammen, Menschen, die im Stoffwechsel-Gliedmaßensystem stark waren. Auf der einen Seite sind die Vereinigten Staaten ein Volk wie andere Völker, auf der anderen Seite sind sie etwas ganz anderes. Amerika wird nicht als Volk durch ein gemeinsames Blut verbunden. In ihm strömte das Blut vieler Völker zusammen. Hier ist die Menschheit versammelt! Und daraus kann man auch seine Aufgabe ablesen. Es muß sich selbst in seiner Eigenart erkennen, seine Anlagen, S11 seine Möglichkeiten und Gefahren, seine Aufgabe im Ganzen der Menschheit. Es hat einen Weg zu gehen, den Nathanael ging, der durch Philippus zu Christus geführt wurde. Nathanael ging einen inneren Geistweg und war bis zu der Stufe gekommen, wo er zum inneren Geist seines Volkes durchgedrungen war. Da ging ihm die wahre Aufgabe seines Volkes auf. Deshalb konnte Christus ihn einen rechten Israeliten nennen. Stehend vor Christus, dem Geist der Menschheit, erkannte er die Aufgabe seines Volkes im Menschheitsganzen, die Aufgabe, welche die Führenden seines Volkes nicht erkannten (Siehe: Johannesevangelium Hamburg GA103).


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