II,2 Die heilenden Kräfte des Hygienischen Okkultismus

   Hier möchte ich noch einmal auf den "Hygienischen Okkultismus" zurückkommen, weil die Entwicklung geistiger Heilkraft für die Gesundung unserer Kultur entscheidend wichtig ist. Wir sahen, daß aus den Anlagen der mitteleuropäischen Menschen diese Fähigkeit sich entfalten kann. Sie wird für die ganze Welt von Bedeutung sein. Was sagt die Anthroposophie über die Möglichkeit, den Hygienischen Okkultismus in der Menschenseele zu entwickeln? Einmal muß man durchschauen lernen, wie Bewußtsein im Menschen nur durch Abbau und Zerstörung im physischen Organismus möglich ist, und wie damit die Krankheit des Menschen zwischen Geburt und Tod zusammenhängt. Auf der anderen Seite muß man die aufbauenden Kräfte, die gesundenden Kräfte, Wachstum und Leben erkennen, also die heilenden Kräfte des Menschen: Sie sind, wie wir sahen, den Willenskräften verwandt. "Die dem menschlichen Organismus innewohnende Heilkraft in Erkenntnis umgewandelt, gibt eben okkulte Erkenntnis." Sie ergibt eine Erkenntnis, die von den Heilkräften de menschlichen Organismus immer stärker durchdrungen wird. Man kann aus dieser Beschreibung deutlich sehen, daß es sich um eine Kraft handelt, die bisher in der Menschheit noch nicht entwickelt war. Der Mensch mußte erst sein heutiges Bewußtsein entfalten, es mit geistigem Licht durchleuchten, um durch eine Bewußtseinserhöhung sich diese heilenden Kräfte erwerben zu können. Man kann aber auch sagen, daß einfach durch die Wandlung der Erkenntniskräfte, durch ernsthaftes anthroposophisches Arbeiten, sich diese Kräfte entfalten: "Diese hygienische, okkulte S13 Fähigkeit ist auf guten Wege und wird verhältnismäßig nicht lange auf sich warten lassen" ("In geänderter Zeitlage" GA186).

   Wenn das vom Willen belebte, erkraftete Denken und der vom geistigen Denken erleuchtete Wille sich im Herzen des Menschen treffen, dann erblüht das spiritualisierte Herz und sendet heilende Ätherströme aus durch Wort und Tat des Menschen. Um diese heilende Bewußtseinskraft zu entwickeln, dürfen im Menschen keine Antipathien oder gar Haßempfindungen anderen Menschen oder Völkern gegenüber aufsteigen. Sie würden seine okkulte Heilkraft zerstören. Er muß frei von Antipathien oder Sympathien ihnen als Erkennender gegenüberstehen, dann steht er ihnen in geistiger Liebe gegenüber. Gerade diese erkennende Liebe läßt die heilende okkulte Kraft im Menschen wachsen. Hygienischer Okkultismus wird, wie wir sahen, die geistig orientierte Medizin durchdringen. Er wird reifen durch die aufopfernde Tätigkeit der Menschen, die mit seelenpflegebedürftigen Kindern arbeiten. Er wird durch das schöpferische Wort und das gestaltende Tun der künstlerisch Tätigen, der auf sozialem Gebiet Wirkenden, der pädagogisch Lehrenden fließen und harmonisierende, aufbauende, heilende Geisteskraft ausströmen. Wir stehen heute erst am Anfang dieser Entwicklung, aber einmal wird sie stärker wirksam werden. Eurythmie wird in Amerika eine große Rolle spielen, weil der Amerikaner ein Leibes-Gliedmaßen-Mensch ist und die Bewegungen und Tätigkeiten der Glieder liebt, was der Sport genügend beweist. Und gerade in jungen Amerikanern - was wir hier durch Jahre hindurch erfahren haben - lebt eine Sehnsucht und starke Neigung, sich nicht nur sportlich körperlich zu bewegen, sondern rhythmisch, künstlerisch in bewußt gestalteten Bewegungen. Eine größere Anzahl von ihnen such in der Erlernung der Eurythmie und später in der lehrenden und künstlerischen Eurythmie eine Lebensaufgabe. Nicht nur die Heileurythmie wird heilende Kräfte erzeugen, sondern von der künstlerischen Eurythmie wird heilende Kraft fließen. Es wird der Unterricht oder eine Aufführung gesundend und heilend auf die Menschen wirken. Auch von einem neuen, zeitgemäßen Kultus wird einmal eine starke heilende Kraft ausströmen, wenn die handelnden Priester immer intensiver ihren inneren-meditativen Weg gehen, wenn sie sich mit Anthroposophie immer stärker durchdringen.

   Nun ist es wichtig zu sehen, daß der Osten, der Westen und die Mitte nicht nur befähigt sind, ihre eigenen Anlagen reifen zu lassen, sondern auch die der anderen. Dann müssen sie jedoch bewußt entwickelt werden. Sie wachsen nicht von selbst, nicht aus eigen veranlagter Kraft. Sie müssen erworben werden. Das ist besonders wichtig für den Westen, wo die Kräfte des S14 ahrimanischen Doppelgängers das intellektuelle Denken und den erdgerichteten Willen stärken, aber die Herzenskräfte verkümmern lassen. Hier ist keine Anlage vorhanden, die heilende Kraft des spiritualisierten Herzens zu entwickeln. Im Westen muß sie bewußt entwickelt werden. Das ist möglich, wenn im Westen immer mehr Stätten entstehen, wo Anthroposophie gepflegt wird, wie heute schon an verschiedenen Orten, um dadurch die Kraft des heilenden Okkultismus reifen zu lassen. Anthroposophie ist nicht nur ein spirituelles Lehrgut, sondern eine heilende Medizin für die Nöte und Gefahren, die im Westen wirksam sind.

   Wäre das Mysterium von Golgatha nicht vollzogen worden, so sagte Rudolf Steiner, dann würden die Doppelgänger der Menschen längst die Herren der Erde geworden sein. Daraus kann man ablesen, welche Hilfe der Westen braucht, denn aus der Kraft des Mysteriums von Golgatha kann das Herz des Menschen spiritualisiert, vergeistigt werden, kann es Heilkräfte entwickeln, Heilkräfte, welche auch die unheilvolle Wirkung des Doppelgängers beschränken, überwinden können. Die Christuskräfte wurden auch der westlichen Hemisphäre, wie wir bei den mexikanischen Ereignissen sahen, eingeprägt. Sie sind als eine Anlage im Westen vorhanden! Nun gehen wir dem Wiedererscheinen des Christus entgegen. Kann dieses Ereignis dem Westen eine entscheidende Hilfe bringen?


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