II,4 Das wichtigste Ereignis nach Golgatha:

Die ätherische Wiederkunft des Christus

   Von den Toten, die das Christusbewußtsein des Engelwesens in der ätherischen Welt auslöschten, sagte Rudolf Steiner: es sind "die Toten, die seit dem 16. Jahrhundert durch die Pforte des Todes gegangen sind", diese Toten "stellten sich dem Christus gegenüber". Seit dem 16. Jahrhundert, besonders aber seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, bereitet Ahriman sein Wirken im Beginne des dritten Jahrtausends mit verstärkten Mitteln vor. Nachdem es diesen ahrimanischen Wesen durch die Toten nicht gelungen war, das Christusbewußtsein in diesem Engelwesen endgültig auszulöschen, denn es leuchtete ja in der Welt der Menschen wieder auf, versuchen sie alles, um es in den Seelen der Menschen bis zur Jahrhundertwende, die ja gleichzeitig eine Jahrtausendwende ist, zu ersticken. Das versuchen sie durch die gewaltigen Vorbereitungen, welche das persönliche Eingreifen Ahrimans ermöglichen sollen. Dadurch sollen die Menschen so präpariert werden, daß sie unfähig werden, spirituelle Ideen aufzunehmen und zu verarbeiten oder sich zu der ätherischen Erscheinung des Christus zu erheben. Nichts fürchtet Ahriman mehr, als eine reale Verbindung des Menschen mit dem Christus, denn sie könnte vieles von seinen Absichten durchkreuzen.

   Es ist deshalb eine Notwendigkeit, sich der Bedeutung der ätherischen Wiederkunft Christi in unserer Zeit voll bewußt zu werden. Diese Bewußtwerdung könnte die größte Hilfe für die Realisierung dieses bedeutsamen Ereignisses sein. Erinnern wir uns: "Anfangs wenige, dann eine wachsende Anzahl von Wesen wird im 20. Jahrhundert fähig sein, die Erscheinung des ätherischen Christus wahrzunehmen, d.h. den Christus in der Gestalt eines Engelwesens" ("Ereignis der Christuserscheinung" GA118). Als einen wichtigen Beginn dieses neuen Schauens des Christus in der Ätherwelt hat Rudolf Steiner die Jahre 1933, 1935, 1937 bis 1940, seltener bis 1945 angegeben: "Da werden sich am Menschen ganz besondere Fähigkeiten als natürliche Anlage finden." Es ist bedeutsam, daß er von diesen "besonderen Fähigkeiten" als von einer natürlichen Anlage spricht. Es werden sich also in der Menschheit der Gegenwart besondere Fähigkeiten zeigen, die er "neue" Fähigkeiten nennt. "Die ersten Anzeichen von diesen neuen Seelenfähigkeiten, die werden sich in vereinzelten Seelen schon verhältnismäßig bald bemerkbar machen. Und sie werden sich deutlicher zeigen in der Mitte der dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts, ungefähr in der Zeit zwischen 1930 und 1940". S20 Auf der anderen Seite warnte er schon 1924 vor dem Aufsteigen des apokalyptischen Tieres im Jahre 1933. Er sah voraus, was sich auf dem äußeren Felde der Geschichte abspielen würde. Durch die Ergreifung der Staatsmacht 1933 in Deutschland kam der Nationalsozialismus zur Herrschaft. Er stürzte die ganze Welt in den furchtbarsten Krieg, den es je in der Menschheit gegeben hat. In den Unterdrückungen und Verfolgungen Andersdenkender, in dem Auf und Ab der Kriegswirren, in dem Wehgeschrei und Jubel bei den wechselnden Niederlagen und Siegen, in den Grausamkeiten und Tötungen von Millionen Juden, in dem Zusammenbrechen ganzer Städte im Bombenhagel der feindlichen Flugzeuge wurde das erste Aufflammen der neuen Anlagen und Fähigkeiten verhindert. Damit wurde weitgehend die Möglichkeit unterdrückt, sich zur Schau des ätherischen Christus zu erheben: "Aber zweierlei kann geschehen. Das eine ist, daß die Menschen zwar die Anlage zu dem Hellsehen haben, daß aber für die nächsten Jahrzehnte der Materialismus siegt und die Menschheit in dem materialistischen Sumpf versinkt... Oder es könnte der andere Fall eintreten, daß die Geisteswissenschaft nicht niedergetreten wird" (Stuttgart 6.3.1910 GA118). Die Folge davon wäre, daß die neuen Anlagen und Fähigkeiten erkannt und gepflegt würden. In den von ihm genannten Jahren von 1933 bis 1940 oder 1945 war die Anthroposophie in Mitteleuropa verboten. So werden es wohl nur wenige Menschen auf Erden gewesen sein, die eine Begegnung mit dem ätherisch erscheinenden Christus schauend finden konnten.

   Man kann die Frage aufwerfen, und sie ist vielfach aufgeworfen worden: Ist durch dieses tragische Geschehen dieses bedeutsamste Ereignis an der Menschheit vorbeigegangen? Für die Menschheit vielleicht. Jedenfalls für die erwähnte Zeit, und das hat seine schlimmen Folgen gehabt. Wie ist es aber mit der Gesellschaft? Ist es an ihr vorbeigegangen? Nein! Wir wissen, es können auch die Verstorbenen die Erscheinung des Christus in der Engelgestalt haben: "...diejenigen aber, die dann nicht mehr leben, die sich jedoch vorbereitet haben durch geisteswissenschaftliche Arbeit, die werden ihn dann noch schauen im Äthergewande zwischen dem Tod und einer neuen Geburt" ("Jeshu ben Pandira" 4.11.1911 GA130). Seit 1911, als dieser Vortrag gehalten wurde, sind viele Menschen durch den Tod gegangen, welche sich durch die Geisteswissenschaft vorbereitet haben, oft bedeutende Persönlichkeiten. So mögen in dieser Weise viele Persönlichkeiten nach ihrem Tode die Erscheinung des Christus als ätherisch Wiederkommender in der Engelgestalt gehabt haben. Aber auch durch Rudolf Steiner selbst, der sich bei der Weihnachtstagung mit der Gesellschaft einte, ist dieses große Ereignis S21 nicht an der Gesellschaft vorbeigegangen. Sie ist im Gegenteil zum wichtigsten Gefäß der Wirksamkeit des wiedergekommenen Christus auf Erden geworden.

   Warum ist das wichtig? An der Menschheit ist in der genannten Zeit dieses Ereignis durch den Eingriff ahrimanischer Mächte vorbeigegangen; vielleicht sind dort die neuen Fähigkeiten für eine lange Zeit lahmgelegt, aber in der anthroposophischen Bewegung, die sich in der Gesellschaft ihren Leib geschaffen hat, nicht. In ihr liegt die Möglichkeit, dieses Ereignis doch für die Menschheit fruchtbar zu machen. Dazu muß man sich vergegenwärtigen, daß Rudolf Steiner nicht nur von den neuen Fähigkeiten und Anlagen sprach, die in natürlicher Weise in jedem Menschen heranreifen, sondern auch von der bewußten Entwicklung neuer hellsichtiger Fähigkeiten durch eine esoterische Schulung: "Wir müssen unterscheiden das künstliche Hellsehen und dasjenige Hellsehen, welches als natürliches Hellsehen sich ergeben wird" (Stuttgart 6.3.1910 GA118). Aber das Hellsehen, welches durch eine anthroposophische Schulung entsteht, hat doch einen inneren Zusammenhang mit der Tatsache, daß in der ganzen Menschheit neue hellsichtige Fähigkeiten sich zu entwickeln beginnen: "Durch das, was wir esoterische Schulung nennen, werden diese hellsichtigen Fähigkeiten noch viel besser erreicht werden können" (S.o. GA118). Die neuen Anlagen und Fähigkeiten, die zur Schau des ätherisch erscheinenden Christus führen, können durch eine anthroposophische Schulung bis zu einer bewußten Schau des Christus in seiner Äthergestalt führen. Es wird eine Zeit geben, in der das einmal eintritt und dadurch der Menschheit eine neue Gelegenheit gegeben wird nachzuholen, was sie versäumt hat.

   Ich glaube, man sollte sich über die "natürlichen Fähigkeiten" eines neuen Hellsehens klare Anschauungen verschaffen, damit man sich nicht eine unrichtige Meinung bildet. Es handelt sich ja nicht, soweit ich es verstehe, um alte Fähigkeiten, welche die Menschen noch hier oder da haben, sondern um neue, jetzt im lichten Zeitalter heraufkommende Fähigkeiten. Das geht auch aus folgendem Ausspruch hervor: "Da wird es eine Anzahl von Seelen geben, die das merkwürdige Ereignis erleben werden, daß sie das Ichbewußtsein haben werden, aber neben diesem wird es für sie sein, wie wenn sie in einer anderen Welt lebten, die eigentlich eine ganz andere Welt ist als diejenige ihres gewöhnlichen Bewußtseins, wie schattenhaft, wie eine Ahnung, wie wenn ein Blindgeborener operiert wird" ("Das Ereignis der Christuserscheinung" GA118). Es handelt sich also um neue spirituelle Kräfte, die sich in S22 natürlicher Weise entfalten. Man kann nicht ohne weiteres, wie ich es einmal in einem Buche las, einen Unterschied machen zwischen Menschen in der Außenwelt mit natürlichen Fähigkeiten und Menschen innerhalb der Gesellschaft mit einer esoterischen Schulung, denn die natürlichen Fähigkeiten, die heraufkommen wollen, sind in jedem Menschen vorhanden, können aber durch eine bewußte Schulung im Menschen sehr gefördert werden. Man kann sich eine konkretere Anschauung über diese neuen natürlichen Fähigkeiten verschaffen, die gleichsam von selbst, d.h. ohne besondere Schulung, in der Seele des Menschen frei werden, wenn man daran denkt, daß durch das Mysterium von Golgatha eine Neubelebung des Ätherleibes möglich wurde, der dadurch eine Eigenkraft gewinnen kann, die ihn unabhängiger vom physischen Leib macht. Er kann sich dadurch wieder vom Leibe lösen und über seine Grenzen hinausstreben.

   Am Ende der atlantischen Zeit, in ihrem letzten Drittel, kam der Ätherleib des Menschen, der bis dahin eine lockere Verbindung mit dem physischen Leib hatte, über ihn hinausragte und dadurch die alte Hellsichtigkeit sich bewahren konnte, zur Deckung mit dem physischen Leib; besonders das Ätherhaupt des Menschen wurde eins mit dem physischen Kopf des Menschen. Dazu erfahren wir im Kasseler Zyklus über das Johannesevangelium (GA112): "Nun war der Ätherleib, solange er außerhalb des physischen Kopfes war, in einer anderen Lage als nachher. Es war so, daß er von allen Seiten mit Strömungen verbunden war, mit anderen geistigen Wesenheiten; und was da aus- und einströmte, das gab diesem menschlichen Ätherleib in den atlantischen Zeiten die Fähigkeit des Hellsehens." Dann trat am Ende der atlantischen Zeit die Deckung zwischen Ätherleib und physischem Leib ein: "Während sich im Verlaufe dieses Zeitraumes bis in unsere Zeit hinein das Gefüge zwischen Ätherleib und physischem Leib immer mehr gefestigt hat, immer innerlich fester und gebundener wurde, schreitet gegen die Zukunft zu der Mensch einer Periode entgegen, wo sich der Ätherleib nach und nach wieder lockert und selbständig wird. Der Weg wird wieder zurück gemacht. Es gibt heute schon Menschen, die viel lockerere Ätherleiber haben als die anderen. Dieses Lockern ist nur dann richtig für den Menschen, wenn er durch die verschiedenen Verkörperungen während jener Kulturepochen, von denen wir gesprochen haben, soviel in sich aufgenommen hat, daß sein Ätherleib, wenn er wieder herausgeht, richtige Früchte aus der physisch-sinnlichen Erdenwelt mitnimmt, Früchte, die geeignet sind, dem physischen Ätherleib, der immer selbständiger wird, einverleibt zu werden" ("Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten in den Menschen" GA102). Es ist wichtig zu sehen, daß diese Lockerung und Belebung S23 des Ätherleibes mit Christus zusammenhängt: "In dem Moment, wo der Christus erschien, da fing der Ätherleib wieder an zurückzugehen, und heute ist er schon bereits weniger mit dem physischen Leib verbunden, als zur Zeit der Anwesenheit des Christus. Der physische Leib ist dadurch noch gröber geworden. - Der Mensch gehen also einer Zukunft entgegen, in der immer mehr und mehr sein Ätherleib sich wieder heraushebt, und er wird allmählich wieder einmal an einem Punkt ankommen, wo wieder sein Ätherleib ganz so weit draußen ist, wie in der atlantischen Zeit" (Das Johannesevangelium, Kassel GA112).

   In diesem Augenblick wird ein neues Hellsehen in der Menschheit möglich werden. Diese Lockerung des Ätherleibes geschieht für alle Menschen, besonders für die, welche in ihren vergangenen Erdenleben "sich die Früchte der Erde im richtigen Sinn angeeignet haben", in denen die Wirkungen des Christusereignisses auf der Erde Früchte getragen haben. Und man kann sich vorstellen, daß bei denjenigen, welche einen esoterischen Weg gehen und das in der Ätherwelt ersterbende Christusbewußtsein nicht nur einfach in ihre Seele aufnehmen, sondern in ihr Bewußtsein, der Ätherteil des Menschenhauptes sich noch in einem stärkeren Maße vom physischen Leib lösen kann, um dadurch zu einem schauenden Wahrnehmen des ätherisch erscheinenden Christus aufzusteigen; und daß dadurch in denen, welche zunächst die neuen Christuskräfte nur in ihre Seele aufnehmen können, das Erwachen der neuen natürlichen und hellsichtigen Kräfte gestärkt werden kann. Solche Seelen werden noch lange die Möglichkeit haben, dem Christus zu begegnen, aber auch den Weg zu finden zu einer geistig - bewußten Begegnung mit dem Wiedererscheinenden. So konnte Theodora in den Mysterienspielen (GA14), in der diese Kräfte stark waren, den ätherischen Christus schauen, bevor sie einen spirituell bewußten Weg ging. Aber sie wurde auf geradem Weg zu der Stätte geführt, wo sie die Möglichkeit fand, den Christus auch in ihr Bewußtsein aufzunehmen. Was vordem in ihr wirkte, war bereits die Christuskraft.


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