Grundeinkommen und Freiheit


Hier seien aktuelle Entwicklungen und grundsätzliche Überlegungen zur Entwicklung des Grundeinkommens im Bewußtsein und in der Praxis unserer Zeit vorgestellt und kommentiert.

Im Zusammenhang damit stellt sich die Frage nach der freiheitlichen Verfassung der Gesellschaft.

In der Diskussion vermisse ich bisher einen Gedanken: Der Arbeitsmarkt macht den Menschen zur Ware - der Einzelne muß seine Haut zu Markte tragen. Ist dieser Mensch jung und orientierungslos, kann es ihm passieren, daß er, weil er sich nicht verkaufen will, in eine sektiererische Gruppierung gerät.

Dort ist er dann zwar dem Belzebub entronnen, aber in die Fänge des Teufels geraten.

Das Grundeinkommen garantiert das Recht auf Leben, wie es z.B. im folgenden begründet wird.


Die Stellung des Menschen in der Gesellschaft hat sich geschichtlich entwickelt

Ein polnischer Philosoph des 19. Jahrhundert

(August Cieszkowski: "Vater unser", Urachhaus 1996)

schildert diese Entwicklung im Stile der Hegelschen Dialektik, indem er das

Zeitalter der Antike dem Zeitalter des Christentums entgegensetzt,

aus dem ein drittes Zeitalter die Synthese bringen wird.

Kapitel III

Die Antike und das Christentum stellen die Voraussetzung für die kommenden Jahrhunderte dar.

Welche Rolle muß man dem dritten Zeitalter zuerkennen, beurteilt nach den beiden vorangegangenen?

- Adam, Christus, der Heilige Geist -


Schluß des Kapitels II: So ist also dieser Zeitraum, der so viele gigantische Möglichkeiten entdeckt und geliefert hat, um die Menschheit zu ihren eigentlichen Zielen zu führen, um sie auf einen neuen Stand der Dinge vorzubereiten, dieser Zeitraum, der vor ein paar Jahrhunderten eingetreten ist in die Welt mit dem Schießpulver, der Druckerkunst und dem Kompaß, S100 und der heute seine Bahn beendet mit der Dampfkraft, den Eisenbahnen und dem Elektromagnetismus, er ist zweifellos ein Übergang vom Mittelalter zu den kommenden neuen Jahrhunderten, die Vorbereitung der Wege des Herrn und das Vorspiel zu diesem neuen Stand der Dinge, aber er ist noch nicht ihr Anbruch. Und deswegen ist die Epoche, in der wir heute leben, so kritisch und unorganisch. Sie versucht zu organisieren, aber sie ist noch nicht imstande, es zu tun; sie sucht dauernd den Einklang, aber sie bleibt immer unstimmig.

   Nichtsdestotrotz bleibt diese Ansammlung von Möglichkeiten nicht nutzlos. Allein ihre Ansammlung ist eine Garantie dafür, daß das Ziel erreicht werden wird. Denn schließlich ist es nicht umsonst, daß sich so die Menschen und die Ideen, die Gefühle und die Bedürfnisse auf den dem Menschengeschlecht bisher unbekannten Wegen kreuzen; es ist nicht umsonst, daß die Völker sich untereinander durch moralische und materielle Bande vereinigen; es ist nicht umsonst, daß wir teilnehmen am sichtbaren Übergang von Zeit und Raum; es ist nicht umsonst, daß sich die intellektuelle und industrielle Gemeinschaft der Nationen verstärkt! Augenblicklich solidarisiert sich die Menschheit, sie reift heran und bemächtigt sich solcher Kräfte, von deren Vorhandensein sie bisher keine Ahnung hatte. Also noch eine kurze Zeit, und, was alt war, wird vergangen und alles wird neu geworden sein, und es wird eine neue Ordnung der Jahrhunderte beginnen.

Kapitel III

Wenn es so ist, und wir werden uns bald in jeder Beziehung davon überzeugen können, folgt daraus, daß das Leben der Menschheit bis zu diesem Zeitpunkt in zwei ganz bestimmte Abschnitte aufgeteilt ist und bis heue nur zwei Hauptepochen zählt: Die Antike und das Mittelalter. Was die eigentliche moderne Epoche angeht, so ist diese dritte Abteilung, die aus ihrem gesamten Dasein herausgetreten ist, nur erst ein Versuch ihrer Zukunft und kann nur die Resultate der bisher unternommenen Anstrengungen sein.

   In welcher Beziehung zueinander stehen also diese beiden bestimmten Zeiträume der bereits hinter uns liegenden Geschichte: d.h. die vorchristliche Ära und die christliche Ära? Welches ist die wechselseitige Beziehung dieser beiden Welten, welche trotz der augenscheinlichen Verschiedenheit ihres jeweiligen Zustandes, nichtsdestoweniger die eine S101 wie die andere wahrhaftige Beschlüsse Gottes sind? Und  an zweiter Stelle, welche Schlüsse kann man aus ihrer Beziehung für die Zukunft des Menschengeschlechts ziehen? Mit anderen Worten: Was kann das Schicksal der neuen kommenden Jahrhunderte sein?

   Diese beiden Epochen, in ihren wesentlichen Charakterzügen betrachtet, sind einander diametral entgegengesetzt, und trotzdem entsprechen sie sich im dialektischen Sinne, d.h. sie verhalten sich gegenseitig zueinander wie die Position zur Negation, die These zur Antithese, das Sein zur Idee, der Welt des Jenseits.

   Welche Schlußfolgerung daraus für die dritte Epoche zu ziehen ist, werden wir bald sehen, sobald wir die Prämissen näher untersucht haben.

   Als absolute Position betrachtet, war die antike oder vorchristliche Welt, im ganzen genommen, der primitive Zustand, oder der erste Augenblick der Welt; er war der Zustand der natürlichen Beziehungen, die sich auf natürliche Art umformten oder bemerkbar machten. Es war die Welt des Seins in seinem angeborenen, direkt gegebenen Zustand, die sich nach ebenfalls gegebenen Gesetzen entwickelte, denen sie unterworfen war, mit einem Wort, es war die Periode des Lebens des Menschengeschlechts im Naturzustand.

   Der Naturzustand, im genauen Sinn des Wortes genommen, den man manchmal mißbräuchlich anwendet, ist aber derjenige Zustand, in dem jeder Geit sich anfänglich befindet, in dem seine Fähigkeiten unbewußt schlummern, aber aus dem heraus der Geist betimmt ist, sich weiterzuentwickeln durch seine eigene Arbeit, sich loszulösen durch seinen spontanen Fortschritt, sich freizumachen durch seine individuelle Anstrengung, sich selbst zu gewinnen, um endlich er selbst zu werden durch seine eigene Tatkraft, diejenigen Ziele zu eerreichen, die seiner Natur gemäß sind, und dasjenige Leben zu leben, das ihm entspricht. Der Naturzustand folglich - und wir sprechen nicht von jenem hypothetischen Naturzustand, den die Philosophen des 18. Jahrhunderts erträumten, nachdem sie ihn erfunden hatten, weil ihre Sache das verlangte, und als Grundlage ihrer einseitigen Theorien, aber dieser wirkliche Zustand des primitiven Lebens der Menschheit, in Gestalt der von der Natur bestimmten Beziehungen, offenbart durch die Denkmäler und die Überlieferungen alter Völker, hat nicht aufgehört, das Menschengeschlecht zu beherrschen, trotz seiner fortschreitenden Vergeistigung auf allen Stufen der antiken Welt. Es ist wahr, die Aspekte dieser Beherrschung sind sehr verschiedenartig; es ist sicherlich ein weiter Bogen vom blindlings substantiellen Gefühl der Völker des Orients zur praktischen Tatkraft der Römer oder der plastischen Phantasie der Griechen, und trotzdem sind das alles Zustände aus derselben Familie, S102 sämtlich charakterisiert durch das mehr oder minder tiefgreifende Aufgehen des Geistes in den Elementen der Natur, in der Sphäre der Sinne und der unmittelbaren Sensibilität, die im Gegensatz dazu keinerlei Wesensverwandtschaft mit dem sozialen Stand der christlichen Epoche hatte.

   Diese Beherrschung der natürlichen Elemente hielt ohne Unterbrechung während der ganzen Epoche der Natur an, aber sie wurde nach und nach immer mehr abgeschwächt, vom ersten Augenblick an, wo der Mensch sich selbst in der Welt zur Kenntnis nahm, bis zu demjenigen, wo er sich endgültig von der Welt loslöste. Nun, dieses Loslösen ist einzig und allen nur das Werk des Chistentums. Nur es brachte ihm die absolute Negation und die Verleugnung der gegebenen Welt und unterbrach infolgedessen endgültig den primitiven Verlauf der Geschichte, zerbrach die natürlichen Kräfte der Welt, gestaltete ihren Aspekt und stellte eine zweite Welt, die Welt des Gedankens, der ersten gegenüber; und diese neue Welt sollte dauern und ohne Unterlaß die primitive Welt des Seins bekämpfen, bis schließlich eine dritte Welt, diejenige der Tat, kam und ihre gegenseitige Vereinigung brachte und die wechselseitigen Ansprüche der einen und der anderen erfüllte. Nun, der erste und natürliche Mensch, von dem an das unmittelbare Bewußtsein des menschlichen Geistes in der Welt zu rechnen beginnt, heißt in der Überlieferung Adam; und der zweite, der himmlische und wiedererstandene Mensch, von welchem an der Mensch sich nach und nach von der Welt loslöste, heißt in der Geschichte: Christus. Zwischen diesen beiden Polen, zwischen dem von der Erde geborenen Menschen und dem vom Himmel gekommenen Menschen, hat der menschliche Geist nichts getan, als aus dem Schlummer der Natur aufzuwachen, als nach und nach seine Individualität zu festigen und sein inneres Wesen zu entdecken, bis zu dem Augenblick, wo, nachdem diese Entdeckung endgültig von dem zweiten Adam vollendet wird, dieser Geist vollkommen in sich selbst eintritt, und infolgedessen aus der äußeren Welt herausgeht, sein Heil durch den Tod, das Leiden findet, die Welt verleugnet und sich selbst verleugnet, und während eine ganzen Zeitspanne mit sich selbst wie mit der Welt ringt, um danach, nach einem ganzen Dasein voll schwerer Anstrengung und Zerrissenheit, dahin zu kommen, sich zu besänftigen, sich ebenso mit sich selbst wie mit der Welt in Einklang zu bringen, aber dieses Mal auf eine bewußte und objektive Art, und endlich ein drittes Leben zu beginnen, das eigentliche Leben des Geistes, und das durch den dritten Adam, durch denjenigen, der in der Offenbarung heißt: der Fürsprecher.

   Es ist in diesen drei Richtungen: Ineinanderaufgehen, Loslösung und Miteinander-in-Einklang-Bringen, es ist in diesen drei Stadien von Adam, von Christus und vom Fürsprecher, es ist schließlich in diesen S103 drei göttlichen Namen vom Vater, vom Sohn und vom Heiligen Geist, daß sich die ganze Geschichte der Menschheit kurz zusammenfassen läßt...


"S123...Was dagegen das zeitliche Leben und die gegenwärtigen weltlichen Verhältnisse betrifft, so trat mit dem Christentum erst an die Stelle der antiken Sklaverei die mittelalterliche Leibeigenschaft... S124Mitte Und doch ist diese selbst da, wo sie vollständig beseitigt, durch eine anderweitige, nicht mehr rechtliche, sondern faktische Abhängigkeit wieder ersetzt worden, die oft ebenso verhängnisvoll wie ihre Vorläuferin ist. Denn es genügt nicht, ein nacktes Recht erhalten zu haben, man muß auch die Mittel besitzen, das erhaltene Recht in seinen unmittelbaren Konsequenzen zu verwirklichen..."


    Rudolf Steiner nennt diese 3 Stadien: Sklavenmarkt, Leibeigenschaft, Arbeitsmarkt. (Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Entwicklungsnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft, GA23, 1919). In der soziologischen Entwicklung geht es um 3 Stufen der Befreiung des Menschen: die leibliche, die seelische, die geistige. Im Christentum geht es um die 3. Attacke des Ahriman nach der Taufe am 6. Januar (Steiner GA148), deren Beantwortung in unserer Neuzeit ansteht: "Brot aus Steinen".


Ein von demselben Philosoph angeregter Gedanke S131:

"...Die Antike kannte die Erde. Was den Himmel anbetraf, diesen der Erde absolut entgegengesetzten Himmel, so kannte sie ihn überhaupt nicht. Tatsächlich war ihr Himmel auch irdisch, der Erde verwandt, von gleicher Art wie die sichtbare Welt; der heidnische Tartarus war nur ein Abgrund der sichtbaren Welt. Alles ereignete sich da auf irdische Weise. Alles dort war nur ein blasser oder düsterer Reflex des einzigen Lebens, des Lebens hier unten. Sehnten sich nicht sogar die glücklichsten der Schatten, die auf den Elysäischen Feldern umherschweiften, nach dem Aufenthalt auf der Erde, weil für sie alles nur Eitelkeit, Schein oder Illusion war im Vergleich zum Glanz, der Fülle und der Wahrheit des irdischen Lebens?

Achilles: Lieber ein Bettler auf Erden als ein König im Reiche der Schatten!


Das Christentum kam, um diesen leeren Raum des Jenseits zu erfüllen; diesen leblosen Zweifel, es verwandelte ihn in lebendigen Glauben; diese Gleichgültigkeit, es machte aus ihr den Opferwillen; dieses Nichts jenseits des Grabes machte den Gedanken an die Seligkeiten des zukünftigen Lebens Platz, und im Gegensatz dazu betrachtete das Christentum das jetzige Leben, das Leben bis zum Grabe, als ein Nichts und ein wertloses Ding, und nannte es ein Tränental....


Die alte Welt, die in den letzten Zügen lag, konnte mit ihrem Caesar auf dem Totenbett ausrufen: Omnia fui et nihil expedit - Alles bin ich gewesen und nichts ist dabei herausgekommen - und das Christentum bewies ihr, daß tatsächlich alles, was bisher gewesen war, nichts war und daß im Gegenteil alles, was in Wirklichkeit irgendwie Gewicht oder Wert hat, daß alles, was irgendwie von Wichtigkeit ist, erst in der anderen Welt beginnt. Alles, was man in diesem Leben nicht erreichen konnte, verschob man auf das zukünftige Leben, was diesen posthumen Zustand endgültig und wesentlich machte, während das Leben vor dem Tode nur vergänglich und scheinbar war. So sah man also in der Antike das Leben als wesentliches Leben und den Tod als wahren Tod an; das ist da nach allem eine natürliche Betrachtungsweise, und darum auch war sie der Epoche der Natur eigen.


Das Christentum dagegen kehrte diese Beziehung um; es versetzte das wahre Leben in die Zeit nach dem Tode; in bezug auf das jetzige Leben selbst sah es darin nur einen fortwährenden Tod; dieses jetzige Leben verachtete es als ein wertloses Ding, und statt dessen erhob es das antike Nichts zur Würde des ewigen Lebens. Wir müssen zugeben, daß die antike Welt wohl dunkel eine Unsterblichkeit des Geistes geahnt hatte, aber es war kaum mehr als eine Ahnung, und niemals hatte sie ernsthaft daran gedacht; es ahnte sie noch eher voraus, als daß sie es wirklich ahnte. Für den Menschen der Antike waren ja kaum die Götter wirklich unsterblich, während das Christentum allen Menschen die Unsterblichkeit zusprach...."


Der Gedanke der Anthroposophie bringt die Symbiose:

Im alten Mysterienwesen lernten die Adepten zu leben, als wenn sie schon vor dem Tode (dem Irdischen ab-)gestorben wären. Und das lernen sie auch heute - aber mitten im Leben stehend. Damit erhalten beide Daseinsweisen - die irdische und die himmlische - gleiches Gewicht und der Mensch wird zu einem Gast auf der Erde, der im Gegensatz zum Caesar ausrufen kann:

Nihil fui et omnia expedit

- Nichts bin ich gewesen und alles ist dabei herausgekommen! -

Oder, um mit dem "Grundsteinspruch" zu sprechen:

- In Christo morimur -

"In dem Christus wird Leben der Tod"

Das gilt für auch für das Leben vor dem Tod!


 

„Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken

es ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist.“

Röm.14.17

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Damit ist die Menschenwürde vollendet und das Recht auf Leben bekleidet im Sinne des polnischen Philosophen - Grundeinkommen pur!

Dazu ein Gedanke aus dem Neuen Testament:

Lukas 12.22-34

Er weiß genau, was ihr alles braucht

22 Seine Jünger ermutigte Jesus: «Macht euch keine Sorgen um euern Lebensunterhalt, um Essen, Gesundheit und Kleidung. 23 Leben bedeutet mehr als nur Essen und Trinken, und der Mensch ist wichtiger als das, was er anzieht. 24 Seht euch die Raben an! Sie säen nichts und ernten nichts, sie haben keine Vorratskammern und keine Scheunen; aber Gott versorgt sie doch. Meint ihr nicht, dass er sich um euch noch viel mehr kümmert? 25 Und wenn ihr euch noch so viel sorgt, könnt ihr damit euer Leben auch nur um einen einzigen Augenblick verlängern? 26 Wenn ihr aber euer Leben nicht einmal um eine Sekunde verlängern könnt, was sorgt ihr euch um all die anderen Dinge? 27 Seht euch an, wie die Lilien auf den Wiesen blühen! Sie können weder spinnen noch weben. Ich sage euch, selbst König Salomo war in seiner ganzen Herrlichkeit nicht so prächtig gekleidet wie irgendeine dieser Blumen. 28 Wenn Gott sogar das Gras so schön wachsen lässt, das heute auf der Wiese grünt und blüht, morgen aber schon verdorrt ist, meint ihr wirklich, er könnte euch vergessen? Seid doch nicht so kleingläubig! 29 Hört also auf, ängstlich danach zu fragen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Macht euch darüber keine Sorgen! 30 Wollt ihr denn leben wie Menschen, die Gott nicht als Vater kennen? Er weiß genau, was ihr alles braucht. 31 Sorgt ihr euch vor allem um das Reich Gottes, dann wird euch Gott alles andere geben. 32 Du kleine Herde, du brauchst keine Angst vor der Zukunft zu haben! Denn dir will der Vater sein Königreich schenken. 33 Verkauft euren Besitz, und gebt das Geld den Armen! Sammelt euch so einen Vorrat, der nicht alt wird und niemals verderben kann, einen Schatz im Himmel. Diesen Schatz kann kein Dieb stehlen, und er behält immer seinen Wert. 34 Wo eure Schätze sind, da zieht es euch auch hin.»

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Zu den Bestrebungen von 1919 + 1968 ein erhellender Gedanke:


"...Anarchie:

Es wäre eine große Täuschung, diese absolute Unabhängigkeit als etwas Vollkommenes oder Lobenswertes anzusehen. Es ist im Gegenteil ein Zustand von beginnendem Mangel, ein Zustand vollkommener geistiger Abstraktion, ein Zustand von Verneinung und von unmittelbarer Potentialität; es ist eine tabula rasa, die darauf wartet, daß auf ihr wieder etwas aufgetragen wird. Auch kann eine derartige rein negative Unabhängigkeit, die nur wegen des Fehlens von Gesetzen besteht, noch nicht den Namen Freiheit tragen; es ist eine Laune, eine Zügellosigkeit. Denn die wahre Freiheit ist im Gegenteil positiv und bejahend; sie unterdrückt nichts, sie nimmt nichts weg, sondern im Gegenteil, sie erhebt und rettet alles. Unter diesem Zeichen, aber nur unter diesem Zeichen, wird man sie immer erkennen..." August von Cieszkowki: Vater unser, Band I, S156.



1919 war, mit der Kapitulation des Deutschen Reiches, die bis dahin bestehende Ordnung zusammengebrochen.

Neue Ideen wurden ignoriert.

In das Vakuum inkarnierten sich die bekannten, rückschrittlichen Kräfte.


1968 war ein Aufruhr einer jungen Generation gegen den "Muff von 1000 Jahren". Auch hier ein Vakuum - es füllte sich mit der Resignation vor den wirtschaftlichen und den politischen Block-Zwängen.


2019 könnte gleichfalls die Abdankung einer quasi kaiserlichen Macht mit sich bringen und den Zusammenbruch des Europäischen Gedankens.

Und wieder stehen alte Kräfte bereit, das Vakuum zu füllen.


Wohin wollen wir?

Demokratie ?

Anarchie? Ochlokratie?



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Und wie ein Vorblick auf den "freien Arbeitsvertrag" mutet an,

was auf die Gedanken über die Anarchie folgt:


"...Nichtsdestoweniger, trotz der verneinenden und negativen Kennzeichen, unter welchen die Germanen ihren Einzug auf der Bühne der Welt hielten, hegten sie doch schon in der Tiefe ihres Geistes lebenskräftige Keime, die sich bald mit aller Kraft, wie es die Vegetation auf jungfräulichem Boden tut, entwickeln und auf jene tabula rasa die Früchte einer reichen Ernte bringen sollten. Und diese Keime, diese moralischen Prinzipien, sind etwas wie eine Vorankündigung für den Ablauf der Jahrhunderte des Mittelalters. Es genügt, einen Blick auf sie zu werfen, um den Charakter dieser ganzen Ära vorauszuahnen.

   In der Tat, weil objektive Gesetzes und Verpflichtungen fehlen, können wir sehen, wie bald subjektive, zugleich innerliche und persönliche in Erscheinung treten, welch letztere eine neue, bisher unbekannte Art von Vereinigungen hervorbringen und beginnen, die neue Gesellschaft zusammenzuschweißen und zu verbessern. Weil die Germanen ihre eigene Subjektivität über ihr ganzes eigenes Ich stellen, verstehen sie daher vor allem ein anderes Ich, die anderen Subjekte in ihrem Wert richtig einzuschätzen. Wenn sie also in irgendeine Begrenzung ihrer alten und eingeborenen Freiheit einwilligen, so geschieht das nur aus ihrem eigenen freien Willen, durch ihren tiefen Glauben und ihre Treue, und sie bewahren diese Treue aus persönlicher Ehre. Aber diese Begrenzung und diese freiwillige Unterwerfung geschieht nicht im Hinblick auf irgendein Gesetz oder irgendeine Vorschrift oder irgendeine objektive Autorität, die sie niemals dulden würden, auf ein greifbares Ziel, das sie nicht erkennen könnten, sondern immer im Hinblick auf ein bestimmtes Individuum. Diese Unterwerfung bezieht sich immer auf ein anderes Subjekt ihresgleichen, auf einen anderen ebenfalls unabhängigen Menschen. Der Mensch gehört also nicht mehr einem anderen Menschen wie ein lebloser Gegenstand, über den man nach Belieben verfügen kann, sondern er erweist ihm eine Gunst als subjektives, lebendes und seiner selbst bewußte Wesen, er unterwirft sich ihm aus geistigem Antrieb.

   Aus dieser Einstellung ist jener freiwillige Dienst des Mittelalters entstanden, ein Ehren- und Lehnsdienst, der die Adelung des Dienens bedeutet. Soweit die Jünglinge nicht den Ritterschlag erhalten hatten, dienten sie ihrem Herrn als Pagen und bereiteten sich so auf ihre zukünftige Stellung als Lehnsleute eines Ritters vor (hervorgehoben von KK).

   Und in diesen Beziehungen war das einzige Band die persönliche Treue, ebenso wie die heilige Verpflichtung gegeneinander, sowohl in ihrem Ausgangspunkt, da sie von dem freien Willen desjenigen kam, der sich unterwarf, als auch in ihrem Erfolg, d.h. für denjenigen, dem man sich unterstellte. Auf diese subjektive Treue nun stützt sich das ganze Gebäude des weltlichen Feudalismus, ebenso wie die große kirchliche Hierarchie auch auf freiwilligen Gelübden, auf einem geistlichen Gehorsam beruht. Diese beiden Hälften der mittelalterlichen Gesellschaft, obwohl voneinander steng unterschieden, durchdrangen sich doch gegenseitig, was schon den Keim eines Konfliktes in sich barg. Man kann hier in Wahrheit keinerlei tatsächliche Abhängigkeit erkennen; man findet keine Spur von physischer Gewaltanwendung, um diese großen Gemeinschaften aufrechtzuerhalten; im Gegenteil überall da, wo die physische Gewalt sich freie Bahn verschafft, geschieht das immer in kurz anhaltenden Stößen und durch Streit, um Unordnung zu schaffen. Aber das, was der Gewalt Einhalt gebietet und sie zur S158 Ordnung ruft, ist eine Idee, ist einzig und allein eine subjektive und innerliche Kraft.

   Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was in den folgenden Jahrhunderten aus Beziehungen dieser Art hervorgehen mußte und was auch tatsächlich daraus hervorging. Es ist nicht schwer daraus zu sagen, daß, während in der Gesellschaft der Antike noch eine gewisse äußere und natürliche Ordnung herrschte, in derjenigen des Mittelalters dagegen nur noch eine innere und übernatürliche in Frage kommen konnte und daß dafür die äußeren Beziehungen einer wahrhaftigen und fortdauernden Unordnung anheimfielen; aber über dieser äußeren Unordnung herrschte andererseits wieder ein übernatürliche Idee, welche diese Unordnung für eine gewisse Zeit hingehen ließ, d.h. bis zu dem Augenblicke, wo sie sich selbst anschickte, Gestalt anzunehmen, um Tat zu werden.

   In der Tat führte der den frühen Germanen angeborene Hang zu Kampf und Raubzügen, jene innere Unruhe des Geistes, bald dazu, daß ein dauernder Zustand vom Krieg aller gegen alle eintrat, welcher Erbteil des Mittelalters war. Wenn die germanischen Völker wie das alte Rom einen Tempel des Friedens gehabt hätten, wäre es ihnen schwer gefallen, im Laufe der Jahrhunderte einen stichhaltigen Grund für seine feierliche Schließung zu finden. Denn ein sogenannter Waffenstillstand, auch wenn man ihn Gottesfriede nennt, kann doch den Frieden nicht ersetzen. Und dennoch konnte sogar das kriegerische Rom, das aus Raubzügen hervorgegangen und durch Eroberungen groß geworden ist, oftmals eine Gelegenheit finden, den Janustempel zu schließen! Denn das römische Volk war ein Volk, mit der Toga bekleidet, das den Krieg als ein Mittel und das Recht als einziges Ziel betrachtete und das versucht, die ganze Welt unter der unendlich großen Majestät des römischen Friedens zu vereinen, während die germanischen Völker ein Volk in Waffen waren, unzertrennlich von ihren Waffen, die das Schwert weder im Hause, noch außerhalb des Hauses, weder bei Tisch, noch auf dem Ruhelager, weder vor Gericht und nicht einmal beim Thing, der feierlichen Volksversammlung, ablegten und erschienen auf der Bühne der Geschichte, um die Verheißung Christi zu erfüllen, um in der Welt die Scheidung herbeizuführen und ihr nicht den Frieden, sondern das Schwert zu bringen.

   Unmöglich, für dieses Werk geeignetere und willigere Arbeiter zu finden! Und sie haben sich im Laufe der Jahrhundert in dieser Hinsicht nicht geändert. Ihre von Launen bestimmte subjektive Freiheit, welcher wir, eben deswegen, weil sie sich nur gedanklich und negativ zeigte und weil sie kein tatsächlich bejahendes Element besaß, die Bezeichnung Laune und Zügellosigkeit gegeben haben, ihre Gewalttätigkeit, kaum im Zaum gehalten durch jenes ganz neue Gefühl, dessen S159 wahrer Name nur in den germanischen Dialekten vorkommt, das Gemüt, artete bald aus. Sie diente zur Befriedigung der Willkür der Feudalherren und brach sich freie Bahn so lange, bis sie selbst zerbrach an dem noch größeren Despotismus der absoluten Herrschaft.

   Und sobald die Rechte und die Pflichten ihre bisherige Objektivität verloren und subjektiv wurden, ergab es sich, daß die Einhaltung der einen und der Schutz der anderen, anstatt wie früher ein Anliegen der Gesellschaft zu sein, nunmehr eine persönliche Sache wurde. Tatsächlich wurde die Schlichtung der bürgerlichen Streitigkeiten vom öffentlichen Forum auf ein privates Feld verlagert, sie wurden künftig nicht mehr durch Verhandlungen vor den Gerichten, sondern durch Duelle entschieden. Was die Sühne von Verbrechen betraf, so ging sie aus den Händen des Richters in jene des Verteidigers über und wurde von jetzt ab durch eine persönliche Rache, durch die Prüfungen des Gottesgerichtes oder sogar durch Vergleich zugunsten des Beleidigten oder seiner Verwandten geregelt.

   Es war also nicht mehr die Gesellschaft, welche das einem Einzelnen zugefügte Unrecht bestrafte, denn ihr selbst konnte ja niemand zu nahe treten, da sie ja kaum existierte, sonder nur in ihren einzelnen Gliedern. Da nun diese einzelnen Glieder manchmal zu schwach waren, um sich ihr Recht zu verschaffen oder Rechenschaft zu verlangen wegen eines ihnen erfahrenen Unrechts, erschienen jetzt die fahrenden Ritter auf der Bildfläche, einsame Helden auf der Suche nach Kampf und Streit, nicht für das Vaterland oder für irgendein gegenständliches Ziel, sondern für irgendeine abstrakte Idee, oder um das Unrecht, das irgendjemandem angetan worden war, wiedergutzumachen, um die beleidigte Unschuld zu rächen, und oft sogar aus reiner Kampfeslust und nur für den Beifall der Damen, der süßeste Lohn für ihre Anstrengungen.

   So sehen wir also damals in allen menschlichen Beziehungen einen fundamentalen Mangel an wirklichem Gemeinschaftsgeist und dafür einen Aufstieg der Macht des Einzelnen, während wir in der Antike das Übergewicht der Gesellschaft über den Menschen erkennen konnten.

   Dort erlaubte der blendende Glanz der gesellschaftlichen Sonne nicht, die einzelnen Sterne wahrzunehmen, hier ist die gesellschaftliche Sonne hinter dem Horizont verschwunden, und Millionen von Sternen haben begonnen zu leuchten. Und wenn auch jeder dieser Sterne einen gleichen, wenn nicht höheren Wert hat als die Sonne allein, so hatten wir doch mit dieser Sonne allein Tag, und mit jenen Millionen Sternen haben wir nur Nacht. Denn diese Sonne strahlt für unsere Welt, während jene Sterne nichts mit unserer Welt gemein haben, sich nicht um unsere Erde kümmern und sich nur Gedanken machen über andere Welten. ..."

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Band 1, S257 bei der Besprechung des nun beginnenden Dritten Zeitalters des Geistes, nach den Zeitaltern des Vaters und des Sohnes:

   "...In diesem Augenblicke nun, wo wir in die Epoche der Tat als solcher eintreten, wirft der Gedanke selbst neue Probleme auf: es steht uns nicht mehr frei, Vermutungen aufzustellen, sondern wir müssen das beweisen und erweisen, was wir bisher ausgeführt haben.   Deshalb kommen wir auch nicht mit einer neuen Offenbarung zu euch und sagen: Glaubet nur an etwas Neues! Sondern wir sagen im Gegenteil: Begreift nur die alte Offenbarung, macht das zu eurem Wissen, was ihr bisher nur geglaubt habt, und ihr werdet genug zu tun haben, um die ganze kommende Weltära auszufüllen..."

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Band II, S66 "Die Kirche - unsere Mutter":

"...So wie aus dem Schoße der heutigen Nationen eine parasitäre Formation hervorgegangen ist, Bürokratie genannt, die mit ihrem unablässigen Wuchern die lebendige Verbundenheit ebendieser Nationen mit der Familie abtötet und, die grünen Auen des Lebens verachtend, lieber am grünen Tisch hockt und aus den leblosen Gliedern der großen Familie die letzten Säfte heraussaugt, welche diese nähren und entwickeln sollten, so sind im Laufe der Jahrhunderte auch aus der universalen Kirche unselige Schmarotzer hervorgegangen, die von den Gemächern der Konsistorien, den Pfründen und leitenden Stellen der Kirche aus das Leben der universalen Familie ersticken und vernichten..."





 "Und so stoßen wir gleich am Anfang dieses Testaments, das in Gestalt von Bitten alle bisherigen Geheimnisse unserer Zukunft enthält, das aber unter dem siebenfachen Siegel dieser Bitten ein mystisches Testament bleiben und der der Mündigwerdung der Kinder Gottes harren sollte, weder auf ein Geheimnis noch auf ein Problem, das wir durch Gedanken und Wort noch zu lösen hätten, sondern auf eine offene Erklärung, die vollkommen zugänglich und einsichtig ist, für jeden verständlich, jeden bis ins Innerste bewegend, enthalten in einem ebenso schichten wie zärtlichen Ausruf, vor dem Gedanke und Wort erstarren und das Herz um Hilfe anrufen.


 ...Im Namen Gottes beginnt es folglich mit dem Namen Gottes, aber keineswegs mit dem dogmatischen Namen (der damals Jahve lautete) oder gar mit dem amtlichen und gebräuchlichen Namen (der damals Adonai, "Herr" lautete), noch auch mit einem mystischen, bis dahin vor der Menge geheimgehaltenen Namen, deren es in den Mysterien der Völker damals wimmelte, sondern mit einem Namen, der besser ist als alle diese Namen, der bis dahin unerhört war oder kaum erahnt wurde und dennoch für uns am leichtesten zugänglich, uns am nächsten und am angenehmsten ist, denn er ist der liebreichste.


...Es ist ja nicht nur das Wort aller Worte, das wir aussprechen - gleich zu Beginn vollziehen wir ja einen wahren Akt der Liebe, denn sobald wir Gott als "unseren Vater" anerkennen, geloben wir ihm unsere kindliche und unserem Nächsten unsere brüderliche Liebe..."


August von Cieszkowski "Vater Unser" IIS20