III. DIE HEILIGEN

   Das ist das Gebiet, auf dem das Christliche sich durchzusetzen bemüht. Die Gemütskräfte, die sich durch die Eingeschränktheit des Gesichtskreises - noch ist Europa fast nur auf sich selbst angewiesen, und der Verkehr von Land zu Land bereitet außergewöhnliche Anstrengungen und Mühsale - dem Religiösen mit besonderer Inbrunst zuwenden konnten, umfaßten die Glaubenslehren in der Weise, daß für das eigentlich denkerische Erkennen, für die Weckung der tieferen spirituellen Schaukräfte nur in den seltensten Fällen hinreichend Raum verblieb. Die Heiligen waren exemplarische, in die breite Sicht gehobene Belege für die Erfolge der kirchlich sanktionierten Glaubenskraft. Und so spinnt die Legende um die Gestalten der Heiligen die Wunderranken, die zum Teil alt- oder neutestamentiche Erzählungen zum Vorbild haben. Doch ist das Fundament, auf dem dieses Legendengebäude ruht, nicht immer christlichen Ursprungs. Bei manchem Heiligen - das gibt auch die streng katholische Forschung zu - ist Heidnisches einfach herübergenommen und christlich umgemodelt worden. Züge der vorchristlichen Götter- und Heroensagen werden unbedenklich dem Bild des christlichen Heiligen eingefügt, ja sie bilden zuweilen die Dominante für die Persönlichkeitsbestimmung. Vielleicht sind sie es wohl gar, die zur Auffindung eines christlichen Trägers drängen, da doch die Kirche so etwas Herrliches, das dem Heidentum eigen war, unmöglich missen oder unbenutzt lassen dürfe. Inwieweit dies für den heiligen S48 Georg zutrifft, soll hier nicht untersucht werden. Der heilige Georg spielt im Elsaß eine gewisse Rolle - er ist z.B. der Schutzpatron Molsheims - aber die Gestalt war bereits von der Kirche fertig geformt, als er Molsheims Schutzheiliger wurde.

   Elsässische Sagen, die sich mit St.Georg befassen, gibt es nicht. Dagegen hat ein Heiliger, der, wie einwandfrei erwiesen ist, eine historische Persönlichkeit war, in der elsässischen Sage eigenartige Spuren hinterlassen. Es ist dies Maternus.

   In die vorchristliche Zeit wird die Sage verlegt:

DER HEIDEN-GOTT VON EHL

(Stöber II,17S15)

   Zu der Römer Zeiten soll in Ehl ein berühmter heidnischer Tempel gestanden haben, in welchem ein Götzenbild von Mannsgröße von massivem, reinem Golde angebetet wurde. Manche wollen sogar dieses Bild mit diamantenen Augen geschmückt sehen. Als die Barbaren über den Rhein kamen und diese Gegend überfielen, gedachten die Heiden dieses kostbare Kleinod in Sicherheit zu bringen, aber in der Schnelligkeit der Flucht ließen sie es in einem Sumpf versinken und hatten nicht die Zeit, dasselbe wieder herauszuziehen. Noch jetzt haftet der Glaube an diesen verborgenen Schatz fest im Volke, und derselbe wird noch immer gesucht.


DIE LEGENDE DES HEILIGEN MATERNUS

(Stöber II,18S15)

   <<Um das Jahr 60 nach Gottes Geburt, da Sankt Peter, der oberste unter den zwölf Boten, den S49 päpstlichen Stuhl inne hatte zu Rom, kam Sankt Paulus zu ihm und beide predigten zu Rom und in der Umgegend den christlichen Glauben. Die anderen Zwölfboten predigten ebenfalls den christlichen Glauben in andern Landen, wie sie der heilige Geist wies.>>

   <<Da nun Peter in dem Geist erkannte, daß die Zeit seiner Marter zu nahen beginne, versammelte er alle seine Jünger, die ebenfalls Verlangen hatten, das Evangelium zu verkünden, zu Rom und sprach zu ihnen: "Liebe Brüder, unser Herr Jesus Christus hat mich und seine andern Jünger in die Welt gesandt, wie Schafe unter die Wölfe, um zu wirken und zu mehren die Frucht und den Samen, den er gesät und gepflanzt hat. Also will ich euch senden in die Welt, alle, die ihr es begehret.>>

   <<Und er gab ihnen Gewalt zu binden und zu entbinden und Zeichen zu tun, und er sandte sie aus in manches Land. Er schickte St.Appollinar gen Ravenna, und St.Marcial gen Aquitania, und St.Clemens gen Metz, und die andern in andere Lande. Also ward St.Maternus mit seinen zwei Gefährten Eucharius und Valerius, die Priester waren, von St.Peter gesandt in die deutschen Lande, an den Rhein.>>

   <<Da nun St.Maternus und seine zwei Gesellen von Rom kamen bis in das obere Elsaß, fingen sie an, dem Volke den christlichen Glauben zu predigen.>>

   <<Da nun das Volk, welches heidnisch war, die Zeichen und die Wunder sah, die St.Maternus und seine Begleiter vollbrachten, - denn sich machten Tote auferstehn, heilten Besessene und befreiten manchen Menschen von seinen Siechtagen, - ließ es sich taufen und nahm den Christenglauben an.>>

   <<Da nahm St.Maternus das Volk zu sich, das er bekehrt hatte, und kam zu dem heidnischen Tempel zu Ebersheimmünster und zerbrach der S50 Abgötter Bildnisse und machte aus dem Tempel eine Kirche; und machte aus dem Volke, das er bekehret hatte, einige zu Priestern und Pfaffen, die sollten zu derselben Kirche gehören und sollten das Volk in der Gegend erweisen und belehren im Christenglauben; so wie sie auch taten>>

   <<Hierauf ging St.Maternus in die Stadt Straßburg und predigte da Gottes Wort und den Christenglauben. Doch die Bürger kehrten sich nicht daran und spotteten, "wan in den stetten let sich das volk nüt alsobalde underwisent also in den dörfern, do das volk einvaltig ist." St.Maternus strafte die Bürger um ihres Unglaubens und ihrer Verstocktheit willen und wollte aus den heidnischen Tempeln zu Straßburg Kirchen machen, wie er es zu Ebersmünster getan hatte. Da wurden die Bürger zornig und schlugen ihn mit seinen Gefährten und vertrieben ihn mit großer Schmach.>>

   <<Dies litten sie gar geduldig und kehrten wieder gen Ebersheimmünster, zu ihrer Kirche, die sie neulich gebaut und zu dem Volke, das sie bekehrt hatten.>>

   <<Und als sie unterwegs waren und nahe bei Benewelt (Benfeld) kamen, stieß St.Maternus ein großer Siechtag an, daß er an der Stätte starb. Da wurden seine zwei Gefährten Eucharius und Valerius sehr betrübt, und sie nahmen den toten Leib und trugen ihn über die Ill an eine heimliche Stelle, wo niemand wohnete, und begruben den Leib mit großem Wehklagen ("mit großem schrigende"); davon heißt dieselbe Stelle Eley, das heißt "ein groß Geschrei">>

   <<Da nun die zwei ihren Meister und Herrn begraben hatten, fürchteten sie sich vor der Grimmigkeit der Heiden zu Straßburg und flohen und gingen wieder gen Rom zu St.Peter, und sagten und klagten S51 ihm, wie ihr Meister St.Maternus tot wäre, und alle Dinge, wie es gegangen wäre.>>

   <<St.Peter sah sie fröhlich an und sprach zu ihnen: "Wisset ihr nicht, was ich euch oftmals vorhergesagt habe, als ihr von mir schiedet, daß ihr viel erleiden müßtet um Christi Namen, um in das ewige Reich zu kommen? So wisset auch, daß unser Bruder Maternus schläft. Nehmet darum meinen Stab und geht bald wieder zu der Stätte, da ihr ihn begraben habt, und legt ihm den Stab in seine Hände und sprechet zu ihm: Bruder Materne, St.Peter, der Zwölfbote, entbietet dir, daß du in dem Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes aufstehest und das Amt, das dir befohlen ist zu predigen, vollführest.>>

   <<Da nahmen die zwei St.Peters Stab und seinen Segen, und schieden fröhlich, und kamen in fünfzehn Tagen von Rom wieder ins Elsaß. Und sie versammelten hierauf die gläubigen Menschen und zeigten ihnen St.Petri Stab und sagten ihnen, was St.Peter sie geheißen. Sodann gingen sie zu St.Materni Grabe und mit ihnen eine große Schar Christenvolkes, die St.Maternus vorher belehrt hatte. Auch kamen da etliche Heiden von Straßburg, die sehen wollten, wie es erginge. Da sie also zum Grabe kamen, gruben ("dulbent") Eucharius und Valerius, das Grab auf und fanden St.Materni Leib noch da, frisch und "wolsmackende". Und sie legten ihm St.Petri Stab in die Hände und sprachen, wie ihnen St.Peter zu tun befohlen hatte. Da tat St.Maternus die Augen auf und erstand und ging mit dem Stab aus dem Grabe. Da schrie das Volk vor Freude und lobten alle Gott ob dieses Zeichens. Da hieß St.Maternus das Volk schweigen und sprach: "Ich war, wie ihr wohl wisset, von diesem elenden Leben geschieden und in die ewige Ruhe gesetzt. Nun bin ich aber durch S52 St.Peters Gebet wieder in das Leben gekommen und soll noch so viele Jahre leben und bei euch sein, als ich Tage in diesem Grabe gelegen". Er war aber wohl dreißig Tag im Grabe gelegen.>>

   <<Nach dieser Rede war großes Lob und große Freude unter dem Volke, und die Heiden, die anwesend waren, ließen sich alle taufen.>>

   <<Diese Kunde kam bald nach Straßburg und in andere Städte und Dörfer, und viele Leute begehrten gläubig zu werden. Deswegen sandte St.Maternus nach Straßburg und tat große Zeichen und bekehrte die Bürger zum Christenglauben. Mit ihrer Hülfe baute er eine Kirche außerhalb der Stadt, zu St.Peters Ehre, dieweil St.Peter noch lebte. Und dieselbe Kirche heißt zum alten St.Peter und ist die erste Kirche, die zu Straßburg erbauet ward...>>

   <<So ward Straßburg von St.Materno und von seine Gefährten zum Christenglauben bekehrt, da man zählte nach Gottes Geburt vierundsechzig Jahre.>>

   <<Darnach, auf Bitten des Volkes in den Dörfern, bauete St.Maternus eine Kirche bei Molsheim, auch zu St.Peters Ehre und nannte die "noch Welscher sprochen Dompeter, das ist gesprochent in Tütsche Peters hus>>...

   Hierauf ordnete St.Maternus Priester und Pfaffen dem Volke zu Straßburg und in dem Lande, damit sie das Volk unterwiesen und in dem empfangenen Christenglauben bestätigen, und ordnete alle Dinge aufs beste und fuhr da weg gen Trier mit seinen Gefährten; denn es war die Hauptstadt in deutschen Landen und bekehrte sie auch zum Christenglauben, und die von Köln und von Tungern, und war in diesen drei Städten Bischof, dreißig Jahre, bis zu seinem Tod. "Und was zeichen er do det und in wele wise er sü bekerte, das losse ich do durch der kürtz willen underwegen".>> S53

   Daß der Hl:Maternus das Elsaß zum Christentum bekehrt hat, ist eine weitverbreitete Anschauung. Damit wäre das Erstrecht Roms auf das Elsaß entschieden, und es träte die iro-schottische Mission in den Hintergrund. Was von der letztern ausginge, wäre als ein Akzessorisches zu betrachten, das neben der römischen Grundsteinlegung nicht die Bedeutung haben kann, die ihr doch von Rechts wegen zukommt. Römisch-katholisch und Iro-schottisch sind Gegensätze, über die alle Harmonisierungsversuche der Kirche nicht hinwegtäuschen können. Wenn protestantische Forscher wie F.Loofs in seinem Werke: De antiqua Brotonum Scotorumque ecclesia 1882, den Riß nicht entdeckt, der zwischen beiden Richtungen besteht, so folgt er eben den Dokumenten, die bereits von der Kirche eigens präpariert und sanktioniert sind, und zwar in einer Zeit, die verhältnismäßig nah an den fraglichen Ereignissen liegt.

   Bei der Wichtigkeit des Gegenstandes halte ich es für nötig, einen Exkurs über das iro-schottische Christentum einzuschalten. Erst wenn es uns gelingt, das Geröll zu entfernen, mit dem eine spätere Zeit diese bedeutsame Epoche elsässischer Vergangenheit zugedeckt hat, wird uns auch die Urstruktur hervorragender Sagengestalten besser erkennbar wein. Eine Spiritualität wird aufleuchten, von deren Existenz weite Kreise bisher keine Ahnung hatten. Wir tauchen unter in eine Aura, in der sublimste und feinste Geistesblüten wie die Gralsbewegung und das Rosenkreuzertum erstanden. Nur Keime und Ansätze sind freilich zunächst nachweisbar. Aber die Wachstumsgesetze, die sich in der vollentwickelten späteren Konfiguration darleben, sind bereits erahnbar, ja zum Zeil schon erschaubar. S54


DAS IRO-SCHOTTISCHE CHRISTENTUM.

DIE BESCHAFFENHEIT DER QUELLEN:

   Was wir über diese Form des Christentums wissen, entstammt späteren Quellen, die darauf ausgehen, die ursprüngliche Diskrepanz zwischen dem iro-schottischen und dem römischen Christentum zu beseitigen oder doch als unerheblich hinzustellen. Es sind Autoren, die vom römisch-katholischen Geist so erfüllt und durchdrungen sind, daß sie für das Andersartige kein Verständnis mehr haben und es - falls sie noch Spuren hiervon entdecken - als etwas Schädliches und Gefährliches nicht für mitteilenswert halten. Wir haben also ein Silentium, das entweder aus der Einseitigkeit und Unfähigkeit des römischen Geistes oder seiner Unduldsamkeit hervorgeht. Rom übermittelt die einzig annehmbare Form des Christentums: Das klingt durch alle Darstellungen der iro-schottischen Glaubensboten. Diese sind im Dienste der römischen Kirche nach dem Festlande gezogen und haben in ihrem Sinne gewirkt.

   Das wäre unbestreitbar, wenn sich nicht in den Dokumenten selber Spuren noch fänden, die eine andere Auffassung rechtfertigten. Begreiflicherweise sind es nur geringe und halb verwischte Spuren. Aber wenn man die Wesensart der alten Mysterien in Betracht zieht, wird das, was auf solche Weise verräterisch durchschimmert, als Beleg gewertet und verwendet werden müssen für eine der offiziell kirchlichen entgegenstehende Auffassung von der Frühzeit der iro-schottischen Gläubigkeit.

   In Betracht kommen hauptsächlich:

   1. die Confessiones des heiligen Patrick,

   2. die Historia ecclesiastica des Beda venerabilis

   3. Adamnani vita S.Columbae

   Ueber die Echtheit der Confessiones kann für den Abbé Riguet (<<Les Saints>>, Saint Patrice. Paris, Librairie Victor Lecoffre) kein Zweifel bestehen. Doch glaubt Zimmer auf S55 Grund eines sorgfältigen Studiums ihrer Struktur, in ihr eine Legende des VII. Jahrhunderts erblicken zu müssen. Man wird in der Hauptsache Zimmer Recht geben müssen, ohne daß man darum nicht doch mehr oder minder gut erhaltene Bestandteile aus der Zeit des Patrick in ihnen vermuten darf. Dazu rechne ich vor allem jenen eigenartigen Passus des 9. und 10. Kapitels, der den Erklärern bisher so viele Schwierigkeiten bereitet hat. Patricius spricht von der göttlichen Stimme, die er vernahm und die ihm mitteilte, daß er nur zwei Monate mit den heidnischen Kaufleuten, seinen Herren zusammensein werde. Wir übergehen den Bericht, nachdem die Karawane in wunderbarer Weise auf das Gebet des Patricius hin ernährt worden war, und richten unser Augenmerk lediglich auf den Traum, der in folgender Weise erzählt wird:

(Migne,S.L.53,c805

IX. Eadem vero nocte eram dormiens, et fortiter tentavit me satanas, cujus memor ero quamdiu fuero in hoc corpore. Et cecedit super me veluti saxum ingens, et nihil membrorum meorum praevalens. Sed unde mihi venit, ignoro, in spiritum ut Helam vocare. Et inter haec vidi in coelo solem oriri; et dum clamarem: Heliam! Heliam! totis viribus meis, ecce splendor solis decidit super me,

et statim discussit a me omnem gravitudinem. Et credo quod a Christo Domino meo (subventus sum et Spiritus ejus jam tanc) clamabat pro me, et spero quod sic erit in die pressurae meae sicut in Evangelio inquit (In illa die) Dominus (testatur). Non vos ertis qui loquimini, sed Spiritus Patris vestri. qui loquitur in vobis (Matth.X,20).


X. Et iterum post annos (non) multor adhuc capturam dedi.)

   In ebenderselben Nacht schlief ich, und da versuchte mich der Satan sehr, an den ich, solange ich in diesem Körper bin, denken werde. Und es fiel über mich etwas wie ein ungeheurer Felsblock, und ich besaß keine Kraft mehr in meinen Gliedern. Aber ich weiß nicht, woher mir der Sinn kam, Helias zu rufen. Und sofort sah ich am Himmel die Sonne aufgehen, und während ich mit allen meinen Kräften rief: Helias! Helias!, fiel der Glanz der Sonne auf mich herab und nahm alle Schwere von mir sofort S56 hinweg. Und ich glaube, daß ich von Christus, meinem Herrn, unterstützt wurde, und sein Geist damals für mich rief, und ich hoffe, daß es so sein werde am Tage meiner Bedrängnis, wie im Evangelium an jenem Tage der Herr sagt: <<Denn Ihr seid es nicht, die da reden, sondern der Geist Eures Vaters ist es, der durch Euch redet.>> (Matth.X,20).

   Und zum zweiten Male nach vielen Jahren kam ich in die Gefangenschaft.

   Helias, an den sich Patricius in seiner Not wendet, ist wohl zunächst mit dem alttestamentlichen Propheten Elias zu identifizieren, von dem berichtet wird, daß er in einem Sonnenwagen gen Himmel fuhr und den leiblichen Tod nicht erlebte. Die balkanischen Staaten verehren noch heute in ihm einen Heiligen, der mit den atmosphärischen Erscheinungen, mit Blitz und Donner, in Verbindung steht: So sehr hat sich die Erinnerung an die im Aetherischen waltende Wesenheit erhalten. Die alten Perser nannten denjenigen, der die vorletzte Einweihungsstufe erlangt hatte, einen Sonnenläufer, Heliodromos. In dem Wort Helios haben wir eine ähnliche Bildung vor uns wie im Helias, und die Perser dachten gewiß beim Nennen ihrer Einweihungsstufe an einen Menschen, der sich aus der Verflochtenheit mit dem Irdischen so herausgearbeitet hatte, daß er sich wie auf einem Sonnenwagen im Kosmos bewegte. Der Text, den wir oben zitierten, erwähnt ja auch gleich nach der Namensnennung des Elias das eigenartige Phänomen eines Sonnenaufgangs, und wie sehr durch spätere Unzulänglichkeit auch manches verhärtet oder verschoben wurde, der Christus wird in diesem Zusammenhang genannt. Man hat den Eindruck, als hätte sich doch durch alle römischen Dogmen hindurch ein letzter Rest der alten Anschauung bewahrt, daß der Christus mit der Sonne zusammenhängt. Wie ein erratischer Block liegt diese Notiz zwischen den von römischen Anschauungen beherrschten Bemerkungen.

S57   Man mag über Patricius denken, wie man will, man mag ihn mit Palladius für identisch erklären (wie Zimmer es tut), man mag alles, was über ihn berichtet ist, für eine spätere Zurechtmachung halten, um von vornherein die iro-schottische Kirche als nicht romfeindlich oder mit Rom differenzierend hinzustellen; aber man wird diese Notiz doch irgendwie mit dem frühesten Zustand des Christentums in Irland in Verbindung bringen müssen. Man wird die später darüber gelagert petrinische Schicht zerschlagen müssen, um zu dem eigentlichen Bestand vorzudringen. Alles sogenannte Dokumentarische wird daraufhin anzusehen sein, ob es nicht irgendwo und irgendwie Hinweise auf jenes Aeltere birgt. Und dieses Aeltere ist gerade in der Historia ecclesiastica des Beda venerabilis nur in schwachen Spuren zu finden. Ganz besonders verräterisch ist der Bericht des Beda über die Synode von Streaneshalch. Hierüber hat Johannes Werner Klein in <<Die Christengemeinschaft>> 3. Jahrgang/10-Januar 1927, (<<Die untergegangene Kirche des Nordens>>) Zutreffendes gesagt. Er hat sich im großen und ganzen an Ebrards vielfach angegriffenes und angefeindetes Werk <<Die iro-schottisch Missionskirche des VI., VII. und VIII. Jahrhunderts>> angelehnt. Wie sehr auch Ebrards Behauptungen im einzelnen einer Korrektur bedürfen, wie sehr auch der Verfasser da und dort sachliche Unrichtigkeiten nachgewiesen werden können, so ist doch unbestreitbar, daß er den Geist der iro-schottischen Kirche mit bewundernswerter Einfühlungsfähigkeit erfaßt hat. Seine Gegner, die den Finger auf die Dokumente legen, können sich nur auf etwas berufen, was aus dem Geiste der römischen Kirche heraus später über das ursprüngliche Gebilde der iro-schottischen Kirche gelegt wurde. Es ist auffallend, wie hier der Protestantismus mit dem Katholizismus so einig geht: Beide haben von dem Wert der Dokumente eine zu hohe Vorstellung. Beide erblicken in dem fixierten Wort mehr, als eine wirkliche Geschichtsbetrachtung darin erblicken darf. S58

   Die Legenden, die ja gewiß ebenfalls aus dem Geiste der Zeit heraus geboren sind, haben sich jedoch eine größere Beweglichkeit und Fluidität bewahrt, und so könnten sie Dinge mitteilen, die historischer sind als die sogenannten historischen Berichte.

   Wenn man so zum Beispiel an das Werk des Adamnanus, des neunten Abtes auf der Insel Jona, über das Leben des Heiligen Columba herantritt, kann man von dem Wesen des iro-schottischen Christentums mehr erfahren, als bei dem Gelehrten Beda venerabilis; eins nur vorausgesetzt, daß man sich die Fähigkeit angeeignet hat, in jenes Leben und Weben der historischen Bildekräfte selbstlos, voraussetzungslos einzutreten.

   Im ersten Kapitel des dritten Buches dieses Heiligen-Lebens wird von dem Traum gesprochen, den die Mutter des Columba hatte, kurz bevor sie ihrer Niederkunft entgegensah:

   Ein Engel erschien ihr und überbrachte ihr ein Gewand von wunderbarer Schönheit (quoddam mirae pulchritudinis peplum). Auf dem Tuche waren die prächtigen Farben gleichsam aller Blumen gemalt. (in quo veluti universorum decorosi colores florum depicti). Nach einer kurzen Zeit verlangte er das Gewand wieder zurück, es immer höher tragend und in den leeren Luftraum ausbreitend, ließ er es verschwinden. Der Mutter, die hierüber sehr betrübt war und ihn fragte, weshalb er das glänzende Gewand ihr so schnell wieder nehme, entgegnete der Engel: <<Du wirst es nicht länger behalten können, weil es einem gehört, der großer Ehre würdig ist>>. Hierauf sah die Mutter das Gewand immer länger werden an Größe, die Ackergebreite übertreffen, ebenso die Berge und Waldschluchten an Ausdehnung überragen. Und eine Stimme drang zu ihr: <<Weib, sei nicht traurig, Du wirst dem Manne, mit dem Du verheiratet bist, einen so blühenden (floridum) Sohn gebären, welcher unter S59 die Propheten Gottes gezählt werden wird, und der bestimmt ist, der Führer zu sein für unzählige Seelen zum himmlischen Vaterland.

   In diesem Traum lebt noch eine Erinnerung an die aus dem Kosmos heraus erfolgende Geburt des Menschenwesens. Dem Gewand, das sich menschlichen Verhältnissen anpaßt, erlangt die ursprünglichen Größenverhältnisse wieder, wenn es in die kosmische Heimat zurückkehrt. Es ist nichts anderes als das, was man in okkulten Kreisen den Aether-Leib nannte. Das ist eine Wahrheit, die hier freilich nicht in ihrem ganzen Umfange zum Ausdruck kommt; aber sie bleibt als ein Rest der Anschauungen aus früheren Tagen dennoch beachtenswert. Doch für die Beurteilung des iro-schottischen Christentums ist noch erheblich wichtiger das Folgende: Columba wird Floridus genannt. Wir haben es in unserer Uebersetzung mit <<blühend>> wiedergegeben, aber damit keineswegs seine Bedeutung erschöpft. Was verbirgt sich dahinter? Der Inspirator der iro-schottischen Kirche war ein Eingeweihter, der den Namen Flos (Blume) führte. Wenn hier Columba Floridus genannt wird, so soll damit gesagt werden, er ist einer, der aus der Mysterienschule des Flos hervorgehen wird.

   Die Blume als das Zeichen der Initation ist für die irische Volksseele charakteristisch. Sie ist das Zielbild menschlicher Entwickelung. Ihre Reinheit und ihre Keuschheit werden in den Mysterien immer wieder als vorbildlich hingestellt. (Wer Goethes Schrift über die Metamorphose der Pflanzen mit der richtigen Resonanz liest, wird entdecken, daß dem Ganzen eine Seelenhaltung zu Grunde liegt, die eine große Aehnlichkeit mit einer solchen Einstellung aufweist. Selbst in die ursprünglich von völlig anderen Tendenzen beherrschte Welt Schillers ist ein Hauch dieses Geistes gedrungen: Suchst du das Höchste, das Größte? Die Pflanze kann es dich lehren. Was sie willenlos ist, sei du es wollend - das ist's). Ihr Kelch sit das Symbol, das später im Grals-Kelch wiederkehrt. In Richard Wagner ging an einem S60 Karfreitag-Morgen bei der Betrachtung der Pflanzenwelt das Erlebnis auf, das er in seiner Gralsdichtung in Wort und Ton verherrlicht hat. Dieses Erlebnis gemahnt an Anschauungen, wie sie früher im iro-schottischen Kreise gepflegt wurden.

   Wo wir Namen begegnen, in denen das Wort Flos enthalten ist, soll damit auf einen Zusammenhang mit dem iro-schottischen Eingeweihten dieses Namens zurückgedeutet werden. (Vergessen wir nicht, daß die Namengebung einst nicht so oberflächlich und unsachlich wie heute erfolgte, daß insbesondere nach einer Einweihung - was ja in abgeschwächter Form noch heute in der katholischen Kirche bei der Aufnahme in einen Orden der Fall ist - der Name nach der Art der Eignung gewählt wurde). Das trifft zum Beispiel auch zu für diejenige Persönlichkeit, die als Bischof von Straßburg wirkte und sich zuvor in die Einsamkeit von Haslach zurückgezogen hatte. Daß wir es mit einem Heiligen zu tun haben, der tief in der esoterischen Vergangenheit wurzelt, erhellt schon aus der Tatsache, daß sich Karl IV. bei seinem Aufenthalt im Elsaß und auf der Suche nach Resten eines esoterischen Christentums nach Haslach zum Grabe des Heiligen begab. Wenn in einem Dokument, das des Florentius Uebernahme des Straßburger Episkopats schildert, die Worte stehen: Florens florigerens aram Florentius cepit, so wird hiermit - von einem <<Wissenden>> auf die Beziehungen des Heiligen zu der Flos-Bewegung hingedeutet.

   Die Blume (Flos) - darauf muß schon in den iro-schottischen Mysterien nachdrücklich hingewiesen worden sein - erstrahlt bald im schneeigen Weiß unschuldvoller Reinheit, bald im blutähnlichen Rot der Liebe. Lilie und Rose werden zu Richtung weisenden Symbolen unter dem Einfluß der iro-schottischen Geistigkeit. Noch im Märchen vernehmen wir die Wendung <<weiß wie Schnee und rot wie Blut>>. Die unglückliche Frau spricht mit diesen Worten ihre Sehnsucht nach einem Kinde aus (das Märchen vom S61 Machandelboom). Und das gleiche Motiv erscheint auch später in der Parzival-Bearbeitung des Wolfram von Eschenbach. Schon dieser Umstand sollte den Kritikern einen Fingerzeig geben, die Stoffquelle nicht ausschließlich im Osten, in Persien zu suchen.

   Wenn wir von diesem Standort aus die Legende des Maternus betrachten, kommt sie uns wie eine von Rom unternommene Konstruktion vor, die den Zweck hat, die Priorität der römischen Mission als eine absolut sichere Tatsache hinzustellen. Es ist der römischen Kirche nicht gelungen, alle Quellen zu verstopfen, die auf die iro-schottische Vergangenheit zurückweisen. Die esoterischen Institutionen haben überdies die Verpflichtung des Schweigens der Außenwelt gegenüber erst gebrochen, als ein Verfall hereinbrach. Was dann in die Oeffentlichkeit drang, waren meist entstellte und unzutreffende Berichte. Diese sind insofern nicht ganz wertlos, als sie nicht nur das Vorhandensein esoterischer Zirkel verraten, sondern auch die Art der dort gepflegten Geistigkeit, wenngleich im Zerrbild oder, wie Nikolaus Lenau sagt, <<im zerbrochenen Spiegelglas>> erkennen lassen. Schwache und verwehte Spuren zeigen sich XIII. und XIV. Jahrhundert in den kirchlich nicht approbierten Engelspapstlegenden, wie sie in den Kreisen gewisser Franziskaner und kirchenfeindlicher Elemente auftauchen. Wohl hat man im Görres-Jahrbuch wenigstens das Material zugänglich gemacht, das einen Blick in diese versunkene Welt verstatten könnte, aber aus dem Liber de Flore sowie aus den veröffentlichten Prophezeiungen und Papstlegenden hat man noch nicht die Schlüsse zu ziehen vermocht, die man daraus hätte ziehen sollen. Mit Flos ist wohl Joachim de Fiore, der von apokalyptischen Hoffnungen getragene Sehe, gemeint, aber zugleich wollte man auf jene geheimnisvolle Persönlichkeit hindeuten, die als der Inspirator hinter der iro-schottischen Bewegung steht und in der nachhaltigsten Weise für ein auf johanneischen, nicht römisch-petrinischen Anschauungen ruhendes, in S62 Mysterienzusammenkünften die spirituelle Urkraft sich wahrendes Sonnenchristentum eintrat.

   Wie man noch in der Zeit, als der Spiritualenflügel der Franziskaner in immer entschiedenere Opposition zum Papsttum und zur herrschenden Kirche gedrängt wurde, auf Grund durchgesickerter Nachrichten etwas von solchen Zusammenhängen ahnte, kann noch aus der Tatsache erschlossen werden, daß man den durchaus christlich gedeuteten Mysterienbereich des Königs Artus heranzog und auf Prophezeiungen hinwies, die aus dem Artus-Kreise stammen sollten. Jedenfalls erblickte man in den eigentlichen Zentren der iro-schottischen Mission die Quellen eines Christentums, das in wohltuendem Gegensatz zu der als degeneriert gewerteten Papstkirche stand.

   In die Frühzeit der iro-schottischen Mission versetzt uns die Erzählung, die Stöber dem versunkenen Kloster zu Rheinau gewidmet hat. Ich möchte vor allem hervorheben, daß die Kirche der Niederlassung dem Christus- und Sonnenboten Michael geweiht war. Umgeben von den ihrem Innenleben noch in der vollen Geistigkeit erfaßbaren Elementen: dem Wasser, der Luft und der wärmenden Sonnenkraft, konnte man ein Christentum predigen, das in dem Johannes-Texte seine eindrucksvollste Formung fand: <<Im Urbeginne war das Wort... Alle Dinge sind durch das Wort gemacht... In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.>>


DAS VERSUNKENE KLOSTER ZU RHEINAU

(Stöber II,12S12)

   Auf einer zwei Stunden unterhalb Straßburg gelegenen, zuvor öden Rheininsel, Honau genannt, hatten sich zu Anfange des 8ten Jahrhunderts schottische oder irländische Mönche niedergelassen und S63 hier unter Anleitung des Abtes Benedikt eine Kirche erbaut, welcher sie den Namen St.Michael gaben. Sie beschäftigten sich anfänglich teils mit Handarbeiten, teils mit Bekehrung der Heiden.

   Eine von Schilter, im Anhang zu Königshoven mitgeteilte Urkunde führt jedoch die Stiftung auf Chlodwig, im Anfang des sechsten Jahrhunderts zurück. Es heißt daselbst: <<Zum ersten ist zu wissen das zu den ziten do Clodoveus der erste Cristen Künig von Frankreich regieret, das ist do man zalte von Christi geburt 504 jor, do zoch derselb Kunig in Schottenlant und gewann das. Und di<< wile dasselbe lant noch nit Cristen was, do warent aber vil guter und göttlicher lüte darinne, die zugent mit Clodoveo und sinem volck in dis lant uff das sie mochtent Cristen glouben behalten, Also unter andern do kommt derselben etwie vil in die insel Honouwe und woltent do ihr wesen haben und buweten do ein Kirch und wohnungen, und hies do vil jore und lange zitt der Schotten Münster.>>

   Die Söhne des elsässischen Herzogs Attich, der Odilias Vater war, beschenkten das Kloster reichlich, sie gaben demselben <<die ganze Insel, wunne, weide, wälde, wasser, grunt, bodeme, acker, matten, huser, gebuwe, lüte und alle herrlicheit, also da uswisent ir giffte brieffe (Schenkungs-Akte), und dieselbe gifft hant sie geton in eren Sant Michel der Stifft Patron und Herre.>>

   Das Kloster wurde dadurch sehr reich; die Zahl der Mönche nahm immer mehr zu, und unter der Regierung des Abtes Beatus wurden mehrere Kolonien abgesandt, welche andere Klöster stifteten. Gegen Ende des 11. Jahrhunderts wurde die Abtei in ein Domherrenstift umgewandelt.

   Allein im 13ten Jahrhundert riß der Rhein nach und nach das Dorf Honau, so wie einen Teil der Güter S64 des Stiftes Honau weg, so daß die Domherren, mit Erlaubnis des damaligen Bischofs Konrad von Lichtenberg und mit Beibehaltung aller ihrer bisherigen Gerechtigkeiten, ihren Sitz nach Rheinau im Elsaß verlegten.

   Auch hier ließ sie der Rhein nicht ruhig. <<Donoch aber über vil jor also men zalte noch Gottes geburte Mcc und Ixxxxij.jor. do as der Rin dasselbe Closter und stifft gerwe (ganz) abe. und wart von Honowe gezogen gein Rinowe do dasselbe stift und dumherren nu sint. und tut in der Rin aber gar we und het ein gros teil von der stat gessen und isset in kurtzer zit gerwe abe, das villichte nüt geschehe, werent sü selige münch blieben also jr vordern.>>

   Bei niederem Wasserstand, wie es 1749, 1859 und 1882 der Fall war, sah man die Trümmer der alten Anlage emporragen. Und noch jetzt sollen zu nächtlikcher Zeit lange Züge von geisterhaften Mönchen, Bußlieder singend, am Ufer des Flusses hinwandeln.

   Von Florentius, den wir in den Strom der Esoterik hinein stellten, der von Flos ausging, kennt das Elsaß folgende Legende.

SANKT FLORENTIUS.

(Stöber II,71S60)

   Sankt Florentius fing jung an, Gott zu dienen. Er verließ Schottland, seine Heimat, mit vier Gefährten: Arbogast, Fidelis, Deodatus und Hidolfus.

   Als sie nun ins Elsaß gekommen waren und in das schöne Tal, welches die Breusch durchströmt, gefiel der Orte dem heil.Florentius so wohl, daß er zu seinen Gefährten sagte, da wolle er bleiben. Sie schieden also von ihm.

   Florentius aber nahm seinen Stab und schritt durch die Wälder am Haselbache hinaus, und da, wo S65 später das Dorf Ober-Haslach gebaut wurde, machte er sich eine Hütte, grub die Bäume aus und pflanzte Korn und Kraut zu seiner Notdurft. Allein die wilden Tiere, die damals in der Gegend hausten, Rößlein, Eber, Bären und Elentiere, fraßen ihm sein Korn und sein Kraut ab. Da steckte er vier Gerten um sein Feldstück und gebot dem Wild, nicht über dies Ziel hinaus zu gehen und sie ließen davon ab. War er von der Arbeit erhitzt, so zog er seinen Linnenmantel aus und hängte ihn an einen Sonnenstrahl auf.

   Zu diesen Zeiten hatte der fränkische König Dagobert II. (gest. 716) eine Tochter, die war blind geboren und auch stumm. Da nun der König von Florentius hörte und von seiner Heiligkeit und seinen Wundertaten, sandte er ehrenwerte Boten zu ihm und ein Roß mit vergüldetem Gedecke, daß er zu ihm käme. Die Boten trafen den Heiligen in seiner Hütte, vor der allerlei wildes Getier, regungslos wie gebannt stand.

   Aber St.Florentius war demütig und wollte das Roß nicht nehmen, säumte sein Eselein und ritt zu dem Könige.

   Und da er noch ferne von der Burg war, tat die Königstochter die Augen auf und begann zu reden, und ihre ersten Worte waren: <<Sehet alle, wie St.Florentius dort herkommt; seiner Heiligkeit wegen hat mich Gott sehend gemacht.>>

   Da erschraken der König und die Königin vor Verwunderung und vor Freuden, und alles Volk lief dem heiligen Manne entgegen und empfingen ihn gar ehrfürchtig und fielen ihm zu Füßen, wegen des Zeichens, das Gott durch ihn gewirkt hatte.

   Und Dagobert schenkte dem Heiligen das Gelände und die Stäte, wo Florentius wohnte und nun Haslach steht und gab ihm noch sein Besitztum zu Kirchheim.

   St.Florentius bat aber den König, er möge ihm S66 sein Eigentum begrenzen, damit er wisse, wie weit und breit es ihm gehöre.

   Da sprach der König: <<Was du mit deinem Eselein magst umreiten, bis ich aus dem Bad komme und meine Kleider anlege, das soll alles zu dir und deiner Wohnung gehören..>>

   Nun wußte Florentius wohl, wie lange der König im Bade zu sitzen pflegte und eilte hinweg mit seinem Eselein und ritt über Berg und Tal, viel weiter, als einer mit einem schnellen Pferde in zweimal so langer Zeit getan hätte. Und kam nun wieder zum Könige in der Zeit, als es abgeredet war.

   Und als nach dieser Zeit St.Arbogast, der Bischof zu Straßburg gestorben war, wurde St.Florentius einhellig von allem Volk, Laien und Pfaffen, zum Bischof erwählt, und vollbrachte viel gute Werke und lenkte sein Volk zu aller Tugend. Und starb zuletzt in Straßburg, im Jahr 676. (7.November.)


DIE HEILIGE ODILIE

   In den Wirkungskreis der iro-schottischen Bewegung muß auch die Persönlichkeit gestellt werden, die unter dem Namen der heiligen Odilie im Elsaß bekannt und verehrt ist.

   Es gilt hier, durch die kirchlich tradierte und als unantastbar angesehene Tradition zum eigentlichen historischen Kerne vorzustoßen. Das Problem ist so kompliziert als es heikel ist. <<Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben>>, heißt es im Faust, und das drückt auch meine Haltung und Stimmung bei der Behandlung der Odilienlegende aus. Doch darf eine möglichst unbefangene, dem historischen Geschehen in selbstloser Hingabe sich öffnende Betrachtung nicht von vornherein als glaubensfeindlich hingestellt werden. Das Recht zu irren ist jedem gewährleistet, S67 wenn ihn nur der aufrichtige Drang nach der Aufhellung einer bis jetzt nicht befriedigend gelösten Aufgabe beseelt.

   Die Frage, ob Odilie überhaupt gelebt hat, wurde bereits gestellt und von zwei Forschern (Roth und W.Levison) mit einem glatten Nein beantwortet. Pfister hatte sich zunächst in seinem Buche: Le Duché mérovingien d'Alsace et la légende de Sainte Odile (Nancy, Berger-Levrault 1892) für einen positiven Bescheid eingesetzt. In seiner letzten Veröffentlichung (Pages alsaciennes, 1927) aber bekennt er sich zu der Auffassung Levisons. Stöber hat sich um dieses Problem nicht gekümmert. Ihm lag es vor allem daran, die im Elsaß umlaufenden, übrigens schon seit geraumer Zeit von Gebwiller, Peltre und andern schriftlich fixierten Sagen zu sammeln. Sie enthalten die kirchlich approbierte Fassung. Der Schutzwall oder, wenn man will, der Grenzhag, den die Kirche um den Legendenkomplex zog, muß für die Forschung zum ernsten Hindernis werden: Sie versperrt den Blick in das Vorher und auch in das unmittelbare Nachher. Besonders das Vorher durfte schon deshalb nicht unberücksichtigt gelassen werden, weil hier bisher nicht gesehene Tatsachenzusammenhänge - zum mindesten - einer genaueren Untersuchung bedürfen, weil Früher-Vorhandenes vorliegt, das eine auffallende Strukturähnlichkeit mit dem uns bekannten Spätern aufweist.

   Wir haben bereits von einer vorchristichen Trinität gesprochen. Wenn man die Namen, die sich auf diese Dreiheit beziehen, genauer ansieht, entdeckt man, daß es die Namen sind, die in der am Ende des IX. oder zu Beginn des X. Jahrhunderts entstandenen Vita sanctae Otiliae virginis zur Herkunftsbestimmung der Heiligen verwandt wird. Der Vater heißt Atticus (später Etticho genannt; die Form Adalricus findet sich). Man erkennt unschwer das germanische Wurzelwort Atta = Vater. Die Mutter heißt Bereswinde. Der erste Bestandteil des Worts: Ber, Bar wird in unserm Trinitätsschema der zweiten Person zugewiesen. Man muß nur bedenken, daß Ber, Bar auch S68 mit <<gebären>> verwandt ist und so für die Mutter passend zu sein schien. Die Bezeichnung für das dritte Glied der Trinität Odhil läßt keinen Zweifel mehr zu: Odilia, der Name der Heiligen, weist in die vorchristliche Zeit zurück. Da liegt der Gedanke nahe, daß die christliche Legende Altheidnisches, das sie vorfand, als ein Rinnsal für ihre Zwecke benutzt hat. Die Gestalt, die in der Legende Odilie heißt, muß, gleichviel, welchen Namen sie wirklich gehabt hat, gelebt haben, und es muß in ihr ein Geistiges in hoher Potenz sich konzentriert haben. Um so auffallender ist es, daß die katholische Kirche sie nahezu zweihundert Jahre völlig ignoriert und sie mit einem Male als <<Odilie>> und als eine <<Heilige>> präsentiert, wo doch keine einzige Quelle, kein einziges Dokument etwas von ihrer Existenz weiß. Worin ist das begründet?

   Die Frau, die auf Hohenburg - so hieß der Odilienberg im frühen Mittelalter - segensreich gewirkt haben muß, hat offenbar eine Form des christlichen Glaubens vertreten, die von der römisch-katholischen abwich und die man später als nicht existent ansehen wollte. Nach dem, was wir oben entwickelt haben, kann kein Zweifel darüber bestehen, welche Form dies war. Man muß sich, was auch die katholische Kirche nicht leugnen kann, wie sehr sie sich auch bemüht, die Unterschiede zwischen beiden Richtungen als unerheblich und nebensächlich zu bezeichnen, mit aller Deutlichkeit vergegenwärtigen, daß das Elsaß von iro-schottischen Mönchen christianisiert wurde, und daß sich die Spuren dieser Christianisierung nicht so leicht wegwischen ließen, weil sie in das tiefste Wurzelgefüge der Volkssubstanz eingriff. Iro-schottisches Christentum muß auf Hohenburg lange lebendig geblieben sein. Im damals unwegsamen, <<wilden>> Wasgenwalde konnte sich manches, ohne daß Rom davon Kenntnis hatte, festsetzen und auch in späterer Zeit, als Rom bereits von dem Elsaß Besitz ergriffen hatte, leichter halten als sonstwo. Nehmen wir ruhig an: Diese Frau sei eine Tochter S69 Adalrichs, des Herzogs im Elsaß, gewesen. Was aber weiter von ihr erzählt wird, ist mit der größten Vorsicht aufzunehmen. Dazu gehört in erster Linie: Die Blindheit bei der Geburt, die Verstoßung und Unterbringung in ein Kloster, das Sehendwerden bei der Taufe. Hier geht es meines Erachtens um Dinge, die in ursprünglich andersgearteten Zusammenhängen standen.

   Für die richtige Beurteilung der ältesten Fassung der Odilien-Legende ist eine Tatsache heranzuziehen, die man in ihrer vollen Tragweite und Bedeutung erfassen muß: Es ist das 8. ökumenische Konzil von Konstantinopel, das im Jahre 869 stattfand. Hier wurde der Geist als Geist in der Tat abgeschafft. Wenn man später noch von einem trinitarischen System redete, das Vater, Sohn und Geist umspannte, so ist es doch nur eine Formel, mit der man die nicht mehr angenommene reale Existenz des Geistes zudeckte. Geistiges war künftighin nur im Seelischen vorhanden, ja mit diesem geradezu identisch, und so tritt auch an die Stelle der Trichotomie: <<Körper, Seele, Geist>> eine dualistische Auffassung, die sich verschiedener terminologischer Fassungen und Prägungen bediente und schließlich als <<Leib und Seele>> ihre Triumphe solange feierte, bis sie von einem monistischen Materialismus, der immer im Hintergrund lauerte, abgelöst wird.

   Man muß diese einschneidende Maßnahme der Kirche als eine folgenschwere Niveausenkung der Geistigkeit betrachten. Geistiges, das früher in einzelnen Kreisen eine beachtliche Höhe noch erreichen konnte, durfte sich offen nicht mehr zeigen. Und so ist es denn auch begreiflich, daß die anerkanntermaßen außerkirchliche Gralsbewegung aufkommen konnte und dem Geist zu seinem Rechte - nach Kräften - zu verhelfen suchte.

   Die Vita, die ein Mönch - vielleicht in der Nähe des Odilienbergs, in Hohwald - niederschrieb, zeigt durchaus das Gepräge der nun richtig gleichgeschalteten d.h. römisch-katholischen Kirche. Wenn die Trinitätslehre in S70 Kapitel XV (s.oben S13ff) hineinspielt, so handelt es sich hier, wie wir schon andeuteten, um eine Auseinandersetzung mit vorchristlichen Vorstellungen und um die Wahrung eines formelhaft Gegebenen. Der Tenor der Erzählung, die Linienführung des Ganzen entspricht durchaus der Seelenhaltung, die nach dem 8. ökumenischen Konzil allgemein geworden war.

   Ich lasse zunächst in gedrängter Uebersicht den Inhalt der einzelnen Kapitel folgen.

   I. <<Zur Zeit des Kaisers (soll heißen: Königs) Childerich lebte ein Herzog mit Namen Adalricus, der auch Etich hieß, er war von fränkischer Abstammung und aus vornehmstem Geschlecht...>> Er wollte als Laie ein gottwohlgefälliges Leben führen und suchte nach einem Orte, der sich zum Gottesdienst besonders eignete... Jäger fanden einen solchen auf dem Gipfel des Berges, der um seiner Höhe willen Hohenburg heißt. Dem Herzog gefällt die Stätte und er erbaut dort eine Kirche und die übrigen Gebäude, die den Christo Dienenden (Christo militantibus) nötig sind.

   II. Mit Adalrich vermählt war Persinda (=Bereswinde), eine Verwandte des heiligen Leodegar (wie die meisten versichern). Und dieser Ehe entsproß eine blinde Tochter. Der Vater, der die Blindheit des Kindes als ein Unglück betrachtete, das über ihn eines Verschulden wegen verhängt sei, will trotz der Einsprache der Mutter das Kind töten lassen.

   III. Der Mutter gelingt es, das Kind zu retten, indem sie es bei einer früheren, um eines Vergehens willen verstoßenen Dienerin unterbringt mit den Worten: <<Dir übergebe ich es zum Ernähren und empfehle es meinem Herrn Jesus Christus>>.

   IV. Ein Jahr lang ist hier das Kind sicher; doch das immer lauter werdende Gerede der Leute beunruhigte die Amme. Sie setzt ihre Herrin hiervon in S71 Kenntnis und erhält den Auftrag, das Kind nach dem Kloster Palma (=Balma) zu bringen, wo eine Freundin der Herzogin sich der Kleinen annehmen werde. Hier wird sie erzogen, <<bis der Herr einem Bischofe aus Bayern namens Erhard in einem Gesichte (in visione) den Befehl erteilte: Gehe zu einem Kloster, das Palma heißt, und Du wirst hier ein Mädchen finden, das von der Geburt an blind ist. Taufe sie im Namen der dreifaltigen Majestät auf den Namen Otilia, und sofort nach der Taufe wird sie sehend werden>>. Erhard tat, wie ihm befohlen war. Er tauchte das Mädchen in die geheiligte Quelle hinein (in fontem sanctificatum immersit), <<und als er es aus der geheiligten Quelle wieder emporhob (elevare) und seine Augen mit dem Chrisma bestrich, wurden plötzlich deren Bande gelöst, und das Mädchen schaute hellen Blickes in des Bischofs Antlitz>>.

   V. Die Jungfrau Christi (virgo Christi) wird von den Nonnen zur Meditation der Heiligen Schrift erzogen. Sie will nur dem leben, dessen Dienst (militia) sie sich geweiht hat.

   VI. Der Vater erfährt durch eine himmlische Offenbarung und durch einen Boten des Bischofs das, was sich mit seiner Tochter zugetragen hatte.

   VII. Otilia schreibt vom Kloster aus an ihren Bruder und bittet ihn, sich ihrer zu erinnern. Der Bruder tritt vor den Vater und richtet an ihn die Bitte, die Tochter aus dem Kloster zurückzurufen. Der Vater befiehlt ihm barsch, von dieser Angelegenheit nicht mehr zu reden. Der Jüngling, voll Mitleid mit dem Schmerze der Schwester, läßt diese ohne des Vaters Wissen nach Hause kommen.

   VIII. Der Herzog sitzt mit seinem Sohne an einem höher gelegenen Punkte der nach ihrer Lage benannten Hohenburg und sieht einen Zug daherkommen: eine Menge Volkes schart sich um einen Wagen, in S72 dem eine Jungfrau sitzt. Er fragt den Sohn, was dies zu bedeuten habe, und dieser gesteht, was er getan. Adalrich schlägt, zornentbrannt, mit einem Stabe den Jüngling, daß dieser an den Folgen der Verletzung stirbt. Den Vater erfaßt die Qual der Reue, und er verbleibt bis an sein Lebensende im Kloster, besucht mit zerknirschtem Herzen und zerfleischtem Leibe die Stätten der Heiligen und erfleht ihre Fürbitte.

   IX. Jetzt erst erinnert er sich an die Verstoßung der Tochter und läßt sie zu sich kommen. <<Er wollte etwas milder gegen sie sein, überwies sie einer Nonne aus Britannien>> und gab ihr den täglichen Unterhalt einer Magd.

   X. Der Tod der Amme:

   XI. Eines Tages sieht Adalrich, wie seine Tochter ein wenig Mehl den Armen bringen will. Er übergibt ihr - voller Rührung - das Kloster mit allem Zubehör (monasterium coum omnibus appendiciis) und bittet sie, mit ihrer Genossenschaft eifrig für sein Seelenheil zu beten.

   XII. Der Vater stirbt, und Otilia erlangt in ihrer Zelle nach langem Fasten, Wachen und Beten, vom Himmel die Zusicherung, daß ihr Gebet Adalrich die Vergebung seiner Sünden erwirkt habe.

   XIII. Sie lebt im Kloster mit etwa hundertdreißig Nonnen. Sie nimmt außer an Festtagen keine andere Nahrung als Gerstenbrot und Gemüse zu sich. Als Bett dient ihr ein Bärenfell, als Kopfkissen ein Stein.

   XIV. Otilia erbaut mit Einwilligung ihrer Nonnen am Fuße des Berges eine Kirche, die sie dem heiligen Martin weihte, und eine Herberge für Arme: So ist den Kranken und Schwachen die Mühe des Aufstiegs genommen, der sogar den Gesunden beschwerlich ist. Den Schwestern gefällt der Ort, der an Wasser Ueberfluß hatte, während man oben an Wasser Mangel leidet, so gut, daß sie Otilia bitten, hier ein Kloster zu bauen. Sie tut es. (Das ist das Monasterium inferius S73 = Niedermünster - im Gegensatz zum Monasterium superius, das eigentlich Obermünster heißen müßte, das man aber kurzweg: Hohenburg nannte, genauer freilich: das Niedere Hohenburg oder Niedermünster zu Hohenburg.)

   XV. Während man mit dem Bau beschäftigt ist, bringt ein Mann drei Lindenruten. Er bittet die Herrin, sie zu ihrem eigenen Andenken zu pflanzen. Sie läßt drei Vertiefungen graben, doch da kommt eine Schwester und erhebt Einspruch: Pflanze sie nicht, diese Ruten, weil häufig an diesem Baume böse Würmer sich bilden (tiliae - vermes). Otilia läßt sich nicht beirren: Sie pflanzt die drei im Namen der Dreifaltigkeit, und noch heute spenden die breit ausladenden Bäume in der Sommerhitze kühlen Schatten.

   XVI. Otilia pflegte zur frommen Zwiesprache in ihr Kloster (ad sanctam conversationen) Pilgerinnen aus Schottland und Britannien aufzunehmen (tam de Scotia quam etiam de Britannia). Auch fromme Männer aus den verschiedensten Gegenden finden Zutritt, und einige unter ihnen werden auf der Aebtissin Verlangen zu Priestern geweiht. So wird das Klosterleben nach der von den Nonnen selbst gewählten kanonischen Regel (canonica regula) eingerichtet. <<Otilia wuchs auf den Stufen heil'ger Tugenden wie eine edle Tanne in die Höhe.>>

   XVII. Otilia verehrt Johannes den Täufer mit besonderer Andacht, weil sie in der Taufe das Gesicht erlangt hat. Ihm zu Ehren will sie eine Kirche bauen. Johannes erscheint ihr mit großem Glanze und offenbart ihr selbst den Ort, an dem die Kirche stehen soll, sowie die Maße für die Länge und Breite.

   XVIII. Ochsen, die einen mit Steinen beladenen Wagen zum Kirchenbau fahren sollen, stürzen von einer Höhe von etwa 70 Fuß in die Tiefe. Johannes rettet sie. S74

   XIX. Otiliens Bruder Adalbert hat drei Töchter: Eugenia, Atala und Gundelinde. Sie begeben sich ins Kloster zu Otilia.

   XX. Der Bruder wird ermordet. Otilias Gebet, Gott möge den Mörder bestrafen, wird erhört. Die Kinder aus seinem Geschlecht sind mit Gebrechen behaftet.

   XXI. Der Wein droht an einem Fasttag auszugehen. Otilia weist voll Vertrauen auf Gottes Allmacht hin. Und das Faß (gallisch Vuogin genannt) ist voll, als man sich ihm wieder nähert.

   XXII. Otilia geht, als sie ihr Ende herannahen fühlt, in die Kirche Johannes' des Täufers, versammelt die Schwestern um sich, ermahnt sie und entläßt sie wieder. Die Seele löst sich vom Leib. Ein Geruch verbreitet sich, als wäre der ganze Bau mit wohlriechenden Gewürzen erfüllt. Als die Schwestern zurückkehren, sind sie sehr betrübt, werfen sich zum Gebete hin und flehen zu Gott, er mögen den heiligen Engeln, die Otilias Seele entführt hätten, befehlen, diese wieder in den Leib zurückzubringen. Und dies geschieht. Otilia setzt sich auf (residit) und spricht von ihren Erlebnissen in der übersinnlichen Welt: sie sei in die Gesellschaft der heiligen Jungfrau Lucia versetzt worden und habe erlebt, was sie nicht beschreiben könne. Die Schwestern machen geltend, sie hätten so gehandelt, weil sie nicht der Nachlässigkeit geziehen werden möchten, daß Otilia ohne den Leib des Herrn von hinnen gehe. Da läßt sich Otilia den Kelch bringen, in dem der Leib und das Blut des Herrn sich befinden, nimmt ihn mit eigener Hand, empfängt die heilige Kommunion und gibt vor aller Augen den Geist auf. Der Kelch wird zum Gedächtnis an diese Begebenheit heute noch aufbewahrt. Die Schwestern bestatten den Leichnam in der Johanneskirche, auf der rechten Seite vor dem Altar. Der S75 liebliche Geruch hält 8 Tage an. Wunder geschehen, wie man erzählt. Der Todestag ist der 13. Dezember.>>

   Ich habe in meiner Schrift <<Die Heilige Odilie, ein Führer durch Legend und Geschichte>> die Züge herauszuheben gesucht, die in dieser petrinisch-katholischen Uebermalung auf die iro-schottischen Einflüsse zurückweisen. Da wir es hier in erster Linie mit der Legende als solcher zu tun haben, brauche ich wohl nicht eigens diese Elemente herauszuheben. Wichtiger ist für uns die Frage, wie aus solchem Kernbestand die weitere Entwickelung erfolgte, welche neuen Bestandteile anschossen. Weisen diese Elemente auf eine ältere und tiefere Tradition?

   Ich gebe zunächst die in der Vita nicht erzählte Fluchtlegende. Sie taucht zum ersten Mal in den Schriften des Praemonstratensers Hugo Peltre auf (1699,1700,1701). Hugo Peltre schöpft aus einer in lateinische Verse gebrachten Bearbeitung des Lebens der Odilia. Nach der Auffassung der einen handelt es sich um ein Werk, das im XI. Jahrhundert entstanden ist. Nach der Auffassung der andern hätten wir es mit einem verhältnismäßig jungen Erzeugnis eines Jesuiten aus Freiburg im Breisgau zu tun. Man kann zwischen der poetischen Formgebung, Ausschmückung, ja Weiterführung und einem alten überlieferungsmäßig gegebenen Kern unterscheiden. Es soll auch keineswegs übersehen werden, daß für die Ausgestaltung der Legende ein gewisses lokales Interesse mitspielt. Das alles darf aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß hier Motive in Erscheinung treten, die in erheblich bedeutendere Tiefenschichten hinabweisen, als sie gewissen Jahrhunderten erreichbar waren.


PELTRES BERICHT

   Adalrich wollte seine aus dem Kloster zurückgekehrte Tochter mit einem Herzog aus Deutschland vermählen. Odilia weigerte sich, die Braut eines andern S76 zu werden, da sie Christus, den König der Könige, zum Bräutigam erwählt habe. Da Odilia wußte, daß man sie mit Gewalt zwingen wollte, verließ sie heimlich und, um nicht erkannt zu werden, als Bettlerin das Haus, ließ, einer höheren Eingebung des Heiligen Geistes folgend, sich über den Rhein setzen und schlug den Weg nach Freiburg im Breisgau ein. Der Herzog erfuhr ihre Flucht und kam, vom Instinkt oder vom Zufall beraten, auf ihre Spur. Die Heilige sah schon die Rosse der nachsetzenden Leibwache ihres Vaters in nächster Nähe. Da flehte sie zu Gott. Und <<der Felsen nimmt die heranfliegende Taube auf>>. Odilia befindet sich in der Höhle dieses Felsens in solcher Sicherheit, wie einst <<Jona in dem Bauche des Walfischs>>. Der Vater sieht schließlich sein Unrecht ein und gestattet Odilia, nach ihrem Willen zu leben.

   Mit dem Motiv <<der Taube>> und mit dem Hinweis auf <<Jona>> werden Zusammenhänge berührt, die außerhalb des streng kirchlichen Jesuiten Horizontes liegen. Columba = die Taube weckt die Erinnerung an die Träger der iro-schottischen Mission: Columba und Columban. Es darf an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, daß das hebräische Wort für die Taube <<Jona>> lautet, und zugleich der Name der Insel ist, die als das Zentrum der iro-schottischen Bewegung betrachtet werden muß. Jona, der bekannte alttestamentliche Prophet, wird schon im Neuen Testament (Matth.12,39-42) zur Bezeichnung einer bestimmten Form der Einweihung verwandt. Die drei Tage, die er nach der alttestamentlichen Erzählung im Bauche des Walfisches verbrachte, faßte man als einen bildhaften Hinweis auf die Tatsache, daß der Einzuweihende drei Tage in einen lethargischen Schlaf versenkt wurde, um bestimmte Erfahrungen in der übersinnlichen Welt zu machen. Die erste, wirklich spirituelle Zeit des Christentums, die noch nicht in den petrinischen Formen der Kirche erstarrt und versteinert war, hat in den Katakomben die Taube und das S77 Jonas-Erlebnis oft in farbiger Veranschaulichung festgehalten. Wir konstatieren an dieser Stelle der Fluchtlegende ein in eigenartiger Abwandlung und Abschattung sich kundgebendes Hereinwirken dessen, was in der Gralssage, im eigentlichen Gralsmotiv zu sieghafter Kraft durchgedrungen ist.

   Soviel dürfte aus dem bisher Gesagten erhellen, daß die Odilienlegende aus verschiedensten Quellen gespeist wurde, und daß es nicht immer ganz leicht war, die verschiedenen Fassungen miteinander in Einklang zu bringen. Ich möchte nur auf die zwei Hauptquellen aufmerksam machen: auf eine lothringische und eine burgundische Quelle. Lothringen d.h. insonderheit derjenige Landstrich, der auf der Westabdachung der Vogesen liegt, kennt Tatsachen, die, wie sich wahrscheinlich machen läßt, der Urform näher stehen. Burgund hingegen beugt sich hier wie auch sonst ganz der kirchlichen Autorität. Man ist fast versucht, von einer esoterischen und einer exoterischen Wendung der Legendenmotive zu sprechen und diese Duplizität in eine Parallele mit der Gralssage zu bringen. Jedenfalls gehört Graf Philipp von Flandern, der Chrestien de Troyes den Gralsstoff übermittelte, in den Verwandtschaftskreis der Odilie und repräsentiert die lothringische Linie des Etichonen-Geschlechts. Auf die näheren Einzelheiten kann hier nicht eingegangen werden, es sei nur erwähnt, daß die burgundische Quelle den Ort, an dem Odilie getauft wurde, nach Baume-les-Dames in Burgund verlegt. Nach der lothringischen Quelle wurde Odilie in Medianum Monasterum getauft, das ist Moyenmoutier, Maymünster.

   Stöber schöpfte nicht direkt aus der Vita Sanctae Odiliae, er benutzte in erster Linie die Darstellung des Hieronymus Gebwiller, die bereits die Differenzen in den verschiedenen Fassungen der Legende miteinander zu harmonisieren bestrebt ist. Zu seiner Verfügung standen auch: Peltre, La vie de Ste Odile vierge, Première abbesse du S78 Monastère d'Hohembourg, Strasbourg 1719 und Dionysius Albrecht <<History von Hohenburg, oder St.Odilienberg, Schlettstadt 1751>>, sowie Jean Ruyr.Silbermann und Ehrenfried Stöber waren ihm natürlich bestens bekannt.


a) DIE LEGENDE DER HEILIGEN ODILIE,

PATRONIN DES ELSASSES

(Stöber II,45S35ff)


Zu den Zeiten des Königs von Frankreich Hildericus oder Childerichs II. wurde (um das Jahr 666 oder nach andern 670) das Elsaß zu einem Herzogtume erhoben, und wurde zum Herzoge ernannt Adalrich, gewöhnlich Attich, oder nach älteren Urkunden Eticho, ein austrasischer Edelmann. Zu seiner Verwaltung gehörte noch der Sundgau, der Breisgau, so wie Teil von Schwaben und der Schweiz. Er nahm seinen Sitz in Oberehnheim, und es stand sein Schloß auf der Stelle, wo späterhin der Stadt-Werkhof erbaut wurde. Einige Stunden davon lagen die Pfalzen von Marlenheim und Kirchheim, wo die austrasischen Könige ihr Hoflager und ihre Gerichtssitzungen zu halten pflegten.

   Herzog Attich vermählte sich mit Bereswinde, die nach einigen Geschichtsschreibern Childerichs Schwägerin, jedenfalls aber die Mutterschwester des hl:Leodegarius oder Lutgars, des Bischofs von Autun, war, der, während der Minderjährigkeit Chlotars III. und noch einige Zeit lang unter der Regierung Childerichs II., die höchsten Staatsämter inne hatte.

   Mit ihr lebte Attich teils auf seinem Schlosse zu Oberehnheim, teils aber, und wie es scheint, vorzugsweise auf Hohenburg, Altitona, woselbst, nach der Historia Lombardica, <keyser Maximianus vor langen ziten (zu) enthaltungen (Verteidigung) vor den figenden (Feinden) ein hus gebuwen.>> S79

   Beide Gatten wünschten sehnlich einen Erben zu erhalten; Attich, ihm einst seine Würden und Güter zu hinterlassen; die fromme Bereswinde, um ihn zur Ehre Gottes zu erziehen.

   Endlich gebar die Herzogin eine blinde Tochter. Als dies der Vater vernahm, ward er darob so erzürnt, daß er das Kindlein zu töten begehrte, und sprach zur Mutter: <<Nun bekenne ich, daß sonderlich wider Gott gesündiget haben, daß er mir widerfahren läßt, was noch keinem meines Geschlechts geschehen ist.>>

   Da sprach Bereswinde: <<Herr, du sollst dich um diese Sache nicht so sehr betrüben, denn du weißt wohl, daß Christus von einem Blindgeborenen sprach: Dieser ist blind geboren, nicht um seiner Vorfahren Missetat willen; er ist blind geboren, daß Gottes Macht an ihm offenbar werden solle.>>

   Diese Worte beruhigten jedoch des Herzogs wilden Sinn nicht; alle seine Begierde ging darauf, daß das Kind getötet würde, und er sprach abermals zu seiner Frau: <<Schaffe, daß das blinde Kind von einem unserer Freunde getötet werde oder so ferne von uns komme, daß wir es vergessen, anders werde ich nimmer froh>>.

   Ueber dieses Gebot betrübte sich Bereswinde gar sehr und bat Gott mit Andacht um Rat und Hülfe in dieser Sache. Es gab ihr Gott in den Sinn, daß sie gedachte an eine Frau, die ihre Dienerin gewesen war. Nach dieser sandte sie und sagte ihr des Herzogs Anschlag wider das blinde Töchterlein. Da tröstete sie die Dienerin und sprach: <<Ihr sollt euch nicht so sehr darum betrüben; denn Gott, der dem Töchterlein diese Plage geschickt, vermag es auch wieder sehend zu machen.>>

   Die treue Dienerin brachte das Kind nach Scherweiler, bei Schlettstadt. Da aber S80 Bereswinde befürchete, ihr Gemahl möchte das Kind an einem so nahe gelegenen Orte entdecken, ließ sie es nach dem Kloster Palma (Baume-les-Dames), in Hochburgund bringen, woselbst ihre Schwester Aebtissin war.

   In diesen Zeiten war ein heiliger Bischof zu Regensburg in Bayern, Erhardus genannt. Dem kam ein Gebot vom Himmel, daß er über den Rhein fahren solle in das Kloster Palma, da sei ein Mägdlein, von Geburt blind, das solle er taufen und Odilia nennen, so würde es durch die Taufe sehend.

   Erhardus folgte dem Rufe des Himmels und zog mit Hidulf, seinem Bruder, der den bischöflichen Stuhl von Trier verlassen hatte, um sein Leben in einem Kloster zu beschließen, über den Rhein nach Palma.

   Als nun Erhardus das Kindlein taufte, schloß es seine Augen auf und sah den Bischof an. Da sprach dieser: <<Nun begehr' ich, liebe Tochter, daß wir einander in dem ewigen Leben müssen ansehn.>>

   Es offenbarte der Bischof sodann auch der Aebtissin und den Klosterfrauen, wie ihm dies alles vom Himmel verkündet worden sei, und er empfahl ihnen das Kind und fuhr wieder heim in sein Land.

   Nun erzogen die Klosterfrauen das Kind mit vieler Zärtlichkeit und unterwiesen es in der heiligen Schrift. Und das Mägdlein Odilia befliß sich mit großem Ernst aller Tugenden und verschmähte alle Hoffart allein dem zu dienen, der sie erleuchtet hatte.

   Da nun St.Erhardus wieder in sein Land gekommen war, schrieb er dem Herzog Attich alle diese Geschichten und bat ihn, er möge das Kind wieder in Gnaden empfangen, das ohne seine Schuld in seine Ungnade gefallen war. Darauf aber antwortete der Herzog nicht. S81

   Nun erfuhr Odilia, da sie zu einer eben so frommen als überaus schönen Jungfrau herangewachsen war, daß sie einen Bruder mit Namen Hugo habe, der an seines Vaters Hof in Huld stand. Dem schrieb sie einen Brief und bat ihn, er möge ihr Gnade bei ihrem Vater erwerben, damit sie ihn doch einmal mit Freuden ansehen dürfe.

   Da der Bruder diesen Brief empfing, trat er vor seinen Vater und sprach: <<Gnädiger Vater, ich begehre, daß du die Bitte deines Sohnes erhören wollest.>> - Herzog Atticha antwortete darauf: <<Bittest du unziemliche Dinge, so ist es unbillig, daß ich dich erhöre.>> - Da sprach der Sohn: <<Es ist eine ziemliche Bitte, denn ich begehre nichts anders, als daß deine Tochter, meine Schwester, die in der Fremde lang ohne Trost gewesen ist, nun wieder von dir huldvoll empfangen werde und bei dir leben dürfe.>> - Darauf gebot ihm der Vater zu schweigen.

   Allein Hugo hatte großes Mitleid mit seiner Schwester und ließ heimlich ein Wägelein bereiten mit allem Nötigen und sandte es seiner Schwester.

   So geschah es denn eines Tages, daß der Herzog mit seinem Sohne und seiner Ritterschaft auf Hohenburg saß und einen geschmückten Wagen daherkommen sah. Als er fragte, wer da komme, sagte ihm der Jüngling frei heraus, daß es seine Tochter Odilia sei. Darüber ergrimmte Attich dergestalt, daß er rief: <<Wer ist so frevelhaft und töricht, daß er sie ohne mein Geheiß dahergerufen?>>.

   Hugo, welcher wohl sah, daß es nicht verhohlen bleiben könnte, antwortete: <<Herr, ich, dein Sohn und Diener, hielt es für eine große Schande, daß sie in solcher Armut lebe, und habe sie aus großem Mitleid hierher beufen und bitte um deine Gnade.>> S82

   Da hub der Vater vor Zorn seinen Stab auf und schlug den Jüngling so heftig, daß er an den Folgen starb.

   Herzog Attich erschrak alsobald über seine Missetat, ging in sich und sandte nach seiner Tochter Odilia <<und enpfalch (empfahl) sü einer ander closterfrowen und hieß jr nit me geben denne einer megde pfrune, do mitte lies sü sich wohl benügen.>>

   Zu dieser Zeit starb ihre Amme, und sie gedachte der Liebe und Sorgfalt, mit der sie ihrer in ihrer frühesten Kindheit gepflegt <<und begrub sü selber mit ihren henden>>; und als man dreißig Jahre nachher einen andern Menschen an dieselbe Statt begraben wollte, fand man den Leib der Amme, der war ganz verwest, nur die rechte Brust, womit sie St.Odilia gesäugt, war unversehrt geblieben.

   Odilia nahm immer mehr zu an Weisheit und Frömmigkeit und der Ruf ihrer Schönheit, so wie des Glanzes, welcher an ihres Vaters Hof herrschte, drang nach allen Landen. Bald kamen angesehene Freier von allen Seiten herbei, welche um der edeln Fürstentochter warben. Allein, so sehr auch ihr Vater und seine Höflinge in sie drangen, daß sie sich vermähle; sie blieb bei ihrem Gelübde, allein Gott zu dienen und dem Bräutigam ihrer Seele, ihrem Heiland und Erlöser Jesu Christo. Diese Treue und Standhaftigkeit in ihrem Vorsatze erbitterte den Vater aufs neue wider sie, und endlich wollte er sie mit Gewalt zwingen, einem reichen angesehenen Fürstensohne aus Deutschland ihre Hand zu reichen.

   Da nun die fromme Jungfrau sah, daß ihr Vater unwiderruflich auf seinem Willen beharre, gedachte sie, aus dem Schlosse zu entfliehen. Sie entkam durch ein Pförtchen der Burg, stieg ins Tal hinab, legte ihre fürstlichen Kleider ab und vertauschte sie mit einem ärmlichen Pilgergewande und floh zu Fuß bis an den S83 Rhein, wo sie ein Schiffer alsobald in seinem Nachen ans andere Ufer brachte. Von da floh sie dem Gebirge zu.

   Allein Herzog Attich hatte ihre Flucht bemerkt und stieg mit dem jungen Fürstensohne, Odilias Freier, und mit einem Gefolge von Rittern und Knechten, zu Pferde, um der Flüchtigen nachzueilen. Er hatte auch bald durch die Kundschafter, die er im ganzen Lande umhergesandt, erfahren, welchen Weg sie eingeschlagen, und folgte ihr in starkem Ritte auf dem Fuße nach.

   Von der beschwerlichen Wanderung, die sie bis in eine dicht mit Wäldern bedeckte Gegend geführt hatte, wo jetzt die Stadt Freiburg steht, ermüdet, hatte sich die heilige Pilgerin einige Augenblicke niedergelassen, um auszuruhen. Da hörte sie von ferne das Getrabe  von Pferden und Klirren der Waffen ihrer Verfolger. Eilig raffte sie sich zusammen und eilte den Berg hinauf, ein Versteck gegen ihre Dränger zu suchen. Sie fiel aber endlich vor einem Felsstück kraftlos nieder, als dieselben schon hart an ihr waren.

   In ihrer Verzweiflung und voll lebendigen Glaubens an den Schirmer der Unschuld, breitete sie ihre Arme gen Himmel und flehte ihn um Erbarmen an. Siehe, da öffnete sich die Felswand, nahm sie auf und schloß sich alsobald wieder zu.

   Von diesem Wunder ergriffen, rief sie der reuevolle Vater bei ihrem Namen und gelobte ihr, daß er ihr nun vollkommene Freiheit verstatten wolle, ihrem heiligen Berufe zu leben.

   Hierauf tat sich der Fels auf, und Odilia trat im Glanze ihrer Unschuld und Heiligkeit vor die Schar der sie bewundernden Reiter.

   Die Felsenhöhle blieb aber von Stund an offen, und aus derselben sprang eine klare Quelle ins Tal herab, die noch jetzt heilkräftig auf kranke Augen S84 wirkt. Ueber derselben erhebt sich eine der Heiligen geweihte Wallfahrtskapelle, welche der Stadt Freiburg zugehört und von den Gläubigen und von allen Freunden der Einsamkeit und der schönen Natur fleißig besucht wird.

   Herzog Attich schenkte seiner Tochter sein Schloß Hohenburg und gab ihr alles, was sie zur Stiftung eines Klosters brauchte, deren erst Aebtissin sie wurde. Im Verlauf von mehreren Jahren stieg die Zahl der Chorfrauen, die sich, von Odilias Frömmigkeit und Weisheit angezogen, um sie versammelt hatten, auf hundert und dreißig.

   Bald darauf starb der Herzog. Da erkannte Odilia in ihrem Geiste, daß ihr Vater im Fegefeuer in großer Pein wäre, um seiner Sünden willen, die er auf Erden noch nicht ganz abgebüßt hätte. Und sie empfand darob viele Schmerzen und hielt mit Wachen, Beten und Fasten so lange um die Seligkeit ihres Vaters an, bis sie einst einen lichten Schein gewahrte und eine Stimme vernahm, die sprach: <<Odilia, du auserwählte Dienerin Gottes, peinige dich nicht mehr um deinen Vater, denn der allmächtige Gott hat dich erhört, und die Engel fuhren mit deines Vaters Seele in den Himmel.>> Da rief sie dankbar und reiche Tränen vergießend aus: <<Herr, ich danke dir, daß du mich Unwürdige erhöret hast, in deiner milden Güte und nicht nach meinem Verdienst!>>

   Die Kapelle im Klostergarten, in welcher Odilia Tag und Nacht um die Seele ihres Vaters geweint und gebetet hatte, heißt noch jetzt die Zährenkapelle; vor dem Altare auf dem Stein ist noch eine Vertiefung zu sehen, welche, nach den Angaben der gläubigen Pilger, die Spur ihrer Kniee zurückgelassen hat.

   Odilia war das Vorbild ihrer Klosterfrauen, nicht nur durch ihre Heiligkeit, sondern auch durch ihren S85 einfachen und strengen Wandel: <<jre spise was girsten brot (Gerstenbrod), jr bette eines beren hut, vnd jr küssin ein herter stein.>>

   Da die Zahl der Pilger, namentlich auch der Kranken, die man daherbrachte, um sie Odilias Gebet und weitgerühmten Wunderkräften zu empfehlen, täglich zunahm, ließ sie, auf der halben Höhe des Berges in einem frischen Wiesentale, welches sich gegen St.Nabor, sanft absteigend, hinzieht, ein Spital für Kranke und Gebrechliche erbauen, denen es zu schwer würde, den hohen Berggipfel zu ersteigen. Ihre damals noch lebende, fromme Mutter Bereswinde gab zu dessen Errichtung die sämtlichen Güter und Einkünfte her, welche sie in dem Flecken Börsch besaß, der in älteren Urkunden Bersa, Berse hieß und ihr seinen Namen verdanken soll. Neben dem Spital wurde die Kapelle St.Niklaus gebaut, welche Odilias Oheim, der h.Leodegar, selbst einweihte.

   Später, als die Zahl der Klosterfrauen abermals zugenommen hatte, gründete Odilia in der Nähe des Spitals ein zweites Kloster, welches sie Niederhohenburg oder Niedermünster nannte, und gab ihm die Hälfte der zur obern Abtei gehörigen Güter mit, behielt aber, so lange sie lebte, die Oberaufsicht über beide Stifte.

   Da Odilia, so erzählt die Sage, um diesen Bau bekümmert war, kam zu ihr ein Mann, der brachte ihr drei Zweige von einer Linde, damit sie dieselben vor das Kloster setzte, zu ihrem Gedächtnisse.

   Also hieß sie drei Gruben machen und setzte, mit eigener Hand, den ersten Zweig im Namen Gottes des Vaters, den zweiten im Namen des Sohnes, den dritten im Namen des heiligen Geistes. Die drei Zweige wuchsen zu mächtigen Bäumen heran, deren Stämme stets geblieben seien und wieder von neuem ausgeschlagen S86 haben sollen. Noch jetzt stehen drei Linden an demselben Orte.

   Odilia hatte oft Gesichte, in welchen sie mit den Geistern der Seligen verkehrte. So erschien ihr einst nachts St.Johannes der Täufer, für den sie eine große Verehrung hatte, in der Gestalt, in welcher er Christus getauft hatte.

   Ihre Wunder waren nah und fern bekannt. Als sie einst im Gebete lag, kam die Kellermeisterin und klagte, daß sie nicht genug Wein habe. Da sprach Odilia: <<Der Gott, der mit fünf Broten und fünf Fischen fünftausend Menschen speiste, der mag auch uns mit dem wenig Wein tränken. Gehe hin und vollbringe deine Andacht in der Kirche, und nachdem Christus geboten hat, suchet zum ersten das Reich Gottes, so sollen euch alle zeitlichen Dinge nach eurer Notdurft zufallen>>. Da nun die Zeit kam, da die Kellermeisterin das Essen aufstellen sollte, da fand sie das Faß voll Wein, das doch vorher leer gewesen war.

   Einmal, während des Baues der Kirche, fielen vier Ochsen mit einem mit Steinen beladenen Wagen über einen siebzig Fuß hohen Felsen hinab; die wurden aber durch St.Odilias Gebet unsersehrt erhalten, so daß sie zu derselben Stunde noch die Steine zum Bau der Kirche brachten.

   Als sie einst von Hohenburg nach Niedermünster hinabsteigen wollte, fand sie an einem Felsen einen armen Pilger liegen, der mit der übeln Misselsucht behaftet war und vor Durst verschmachtete. Da schlug sie mit ihrem Stab an den Felsen, und alsobald sprang daraus eine frische Quelle, woraus sie den Pilger erquickte.

   Ueber dieser Quelle, die unter einem steinernen Kreuze heraus in einen Trog läuft, erhob sich ein Häuschen (1722 erbaut, vor einigen Jahrzehnten S87 abgetragen) in Form einer Kapelle, woselbst die Gläubigen beten, sich die Augen waschen und von dem heilkräftigen Wasser in Gefässe füllen und mit sich nehmen.

   Da nun Odilia empfand, daß die Zeit ihrer Hinfahrt herannahe, begab sie sich in St.Johannis Kapelle und ließ alle ihre Frauen zu sich kommen und ermahnete sie, daß sie immerdar Gott vor Augen behielten und seinen Geboten getreu lebten, und daß sie für ihre Seele, sowie für ihre Vorfahren fleißig beteten.

   Hierauf hieß sie alle Frauen in eine andere Kapelle treten und daselbst im Psalter lesen. Inzwischen fuhr ihre selige Seele aus ihrem Leibe in die ewige Freude. Da verbreitete sich ein so süßer Geruch, daß ihn die Frauen in ihrer Kapelle empfanden. Und als sie kamen, fanden sie ihre selige Mutter Odilia tot auf den Knieen liegen. Darüber betrübten sie sich so sehr, besonders auch, daß Odilia ohne die hl.Sterbesakramente gestorben war, daß sie die Gnade des Herrn anriefen, er möge doch seinen Engeln gebietn, daß sie die Seele in den Leichnam zurückführten. Da ward Odilia wieder lebendig und sprach: <<O ihr lieben Schwestern, warum habt ihr mir solche Unruhe gemacht, daß ich aus der seligen Gesellschaft St.Luciä wieder in diesen armseligen Leib kommen mußte?>> Sie ließ sich einen Kelch reichen mit dem heiligen Sakrament, nahm es selber, und sodann fuhr ihre Seele wieder in den Himmel. Der Kelch, den ihr nach einigen Legendenschreibern ein Engel des Himmels gebracht hatte, wurde lange Zeit in der Kirche aufbewahrt (Ueber das Kelchsiegel des Klosters, siehe S8).

   An die Erzählungen, die sich in der apokryphen Evangelien-Überlieferung um die Kindheit Jesu ranken, erinnert die Legende S88

b) DIE HEILIGE ODILIA IN SCHERWEILER

(Stöber II,6S7)

   Nachdem der grausame Attich sein Töchterlein Odilia verstoßen hatte, lebte dieselbe während eines Jahres in Scherweiler bei einer Amme und wurde von da erst nach dem Kloster Palma gebracht. In Scherweiler ist noch eine ihr geweihte Kapelle.

   Eine andere Sage meldet, Odilia sei in einer Kiste ins Wasser gesetzt worden; als dieselbe aber gegen die jetzige Odilienmühle zu schwimmen kam, standen die Räder still. Der Müller kam heraus, fand das Mägdlein in der Kiste und erzog es.

   Während die hl.Odilia als Kind bei dem Müller zu Scherweiler lebte, kam sie einmal zu einem Zimmermann, der machte ein gar grämliches Gesicht, denn er hatte einen Balken um einen Schuh zu kurz geschnitten und sich dadurch in Schaden gebracht. Das heilige Kind hatte Mitleid mit ihm und sagte zu dem armen Manne: <<Zieh du an dem einen Ende, ich will an dem andern ziehen.>>

   Der Zimmermann, der das wunderbare Kind wohl kannte, tat, wie es ihm sagte, und siehe, der Balken zog sich in die gewünschte Länge.


   Ich lassen einen Bericht folgen, den die <<Badische Presse>> am 19.Mai 1942 veröffentlichte:


MUEHLENRAD STREIKT ZUR KINDESRETTUNG

   Prag. In der Ortschaft Kosteletz stürzte das kleine Kind des Müllers beim Spiel in den Mühlgraben und wurde vom reißenden Wasser fortgetragen. Bevor das Kind in die Schaufeln des Rades gelangen konnte, blieb die Mühle - ohne daß später ein S89 Fehler festzustellen war - stehen. Hierdurch wurde man erst auf die schreckliche Gefahr aufmerksam, in der das Kind geschwebt hatte. Es konnte aus dem Wasser gezogen und wieder zum Bewußtsein gebracht werden.

   Was diese Mitteilung von der Odilienlegende trotz aller frappanten Aehnlichkeit wesentlich unterscheidet, ist die Tatsache, daß Odilie - in <<eine Kiste gesetzt wurde>>. Dieses <<In-eine-Kiste-setzen>> ist - in allen Sagen und Legenden - das unverkennbare Bild für eine Einweihung. Ich erinnere bloß an die alttestamentliche Moses-Geschichte. Es kann wohl kaum ein Zweifel darüber bestehen, daß in gewissen Kreisen, denen wohl auch der Legendenübermittler angehörte, noch eine Ahnung davon lebte, daß Odilie in einem weit umfassenderen spirituellen Erlebniskreis darinnen stand, als die sozusagen offizielle Erzählung der katholischen Kirche mitzuteilen geneigt war oder für nötig fand.


ATTALA

   Dem Kreis der Odilien-Legende gehört auch die Attala-Legende an. Als die Tochter des Ettichonen Adalbert und somit als die Nichte der Heiligen Odilie steht die Heilige Attala in der Ueberlieferung da. Man hat das Dunkel, das über ihrem Leben ruht, etwas aufzuhellen gesucht. Ganz ist das freilich nicht gelungen.

   Die älteste Form der Legende, die uns über die Heilige Attala berichtet, fällt etwa in die 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts. Als eine Hildegard von Bingen das Buch <<Scivias>> schrieb und ihre mystischen Offenbarungen hatte, als Mächthild von Magdeburg vom <<fließenden Licht der Gottheit>> durchschauert war, als Eckhard in Sachsen oder in Straßburg geboren wurde, oder wohl schon auf den Bänken der Klosterschule saß, zeichnet ein humilis (ein Demütiger) S90 Diaconus C. (= Konradus) die Legende der Heiligen Attala auf. Während bei den Mystikern ein sprühendes Leben, ein Untertauchen in eine Geistigkeit, die an sublimer Schönheit kaum überbietbar ist, beobachtet werden kann, klammert sich dieser Kleriker an gläubig verehrte Ueberreste eines Körpers, erbaut sich an Wundern, die den von andern Heiligen erzählten wie ein Ei dem andern gleichen.

   Die Volksphantasie, die in striktem Gehorsam innerhalb der kirchlichen Umfriedung und Umschränkung verbleibt, kann nur die Wege gehen, auf die sie die Kleriker in Wort und Schrift immer verwiesen. Man muß die Innigkeit der Gefühle bewundern, die sich in solchen Legenden ausspricht, und doch andererseits bedauern, daß das Verehrungsbedürfnis auf Persönlichkeiten fiel, die wohl Hingabe und Opferbereitschaft in hohem Maße zeigten, aber doch ideell in claustro d.h. im eingeschlossenen engen Raum verharrten.

   Zur Zeit des Königs Childerich wurde im Elsaß Attala geboren. Ihr Vater hieß Adalbert, die Mutter Gerlindis, beide aus altadligem Geschlecht. Adalrich, der Vater der Heiligen Odilie, war ihr Großvater. Da ihr Vater und ihre Mutter fromm waren und in allen Geboten und Satzungen des Herrn untadelig wandelten, hielten sie ihre Tochter Attala und deren Schwester Eugenie und Gundelinde an, das Wort Gottes gern zu hören, sich in allen guten Werken zu üben und die Augen von den Verführungen der Welt abzuwenden. Als Attala und ihre Schwestern hörten, daß Odilie ein gottesfürchtiges Leben führte, und wie sie das Kloster auf Hohenburg in Zucht und Ordnung hielt, wollten sie nach ihrem Beispiel ein gottwohlgefälliges Leben in Demut und Bedürfnislosigkeit führen. Attala wie Odilie widmeten sich den Nebenmenschen, in Reinheit und Liebe ihnen dienend. Attala bat ihren Vater, er möchte in treuer Nachfolge seines Vaters, der auf Hohenburg zur Ehre Gottes und der Mutter S91 Gottes ein Kloster erbaut hatte, ebenfalls ein KLoster erbauen. Adalbert erfüllte ihre Bitte und errichtete ein Kloster in der Stadt Straßburg neben der Breusch. (So im lateinischen Text: secus fluenta Bruschae fluminis. In Wirklichkeit ist es die III.) 30 Nonnen und 4 Domherren sollten in dem Kloster sein und Gott dienen. Er weihte es dem heiligen Stephanus, stattete es mit Gütern mannigfachster Art aus und gab ihm die erforderliche Macht König und Fürst gegenüber. Attala begab sich, von Odiliens frommen Wünschen begleitet, nach St.Stephan und wurde gegen ihren Willen einstimmig zur Gebieterin und Aebtissin des Klosters gewählt. Sie suchte allen Schwestern eine demütige Dienerin zu sein und übte sich unablässig in Fasten und Gebeten. Sie verschmähte jede Ueppigkeit. Zu gleichem Wandel ermahnte sie die Schwestern und lehrte sie, wie sie mit Gesang und Gebet Gott dienen sollten.

   Als ihre Mutter starb, ließ sie den Leichnam ehrwürdig in St.Stephan bestatten, wie sie es auch verdiente. Nach geraumer Zeit verheiratete sich Adalbert zum zweiten Male und zwar mit Bathilde, und beide lebten so glücklich miteinander, daß alle Welt sie darum lieb gewann. Bald darauf wurde der Herzog von einem seiner Diener auf Anstiften böser Hintermänner am Kopfe verwundet. Zuerst hielt er die Verletzung für unerheblich, doch bald zeigte es sich, daß die Wunde tödlich war. Als der Herzog sein Ende herannahen fühlte, vermachte er, was er besaß, mit Zustimmung seiner Gattin dem Kloster. Man bestattete ihn mit allen Ehren im Kloster. Bald darauf starb auch Bathilde und wurde neben Attalas Mutter, Gerlinde begraben. Als Odilie in die ewige Ruhe einging, war Attala mit ihren zwei Schwestern auf Hohenburg anwesend und blieb da bis zum Begräbnis der Tante. (Bei Schilter-Königshoven eine kleine Verkürzung als S92 Variante.) Sie war so voller Demut in ihrem Kloster; obwohl sie Aebtissin war und das Kloster mit allen Gütern von ihrem Vater stammte, wurde sie nicht hochmütig und wollte stets die Geringste unter allen sein. Sie war den Frauen in jeder Hinsicht ein leuchtendes Vorbild.

   Sie versammelte ihre Frauen und ließ sie selber die Wahl treffen, nach welcher Regel das Klosterleben zu gestalten sei: ob nach strenger Klosterregel oder nach freier Kanonissen-Regel. Alle erklärten, sich nach freier Anordnung richten zu wollen. Da entschied sich Attala mit Rücksicht auf die leibliche Schwäche der weiblichen Natur für die freie Kanonissen-Regel. Das fand allgemeinen Beifall. Die Aebtissin nahm an allen Tugenden zu und übte sich in Gottes Werken. Daran sollte sie nur durch den Tode gehindert werden. Als sie fühlte, daß sich die Seele vom Körper lösen wollte, nahm sie das Abendmahl und ging ein in die ewige Freude. Fünf Wochen blieb der Leichnam in der Kirche zu St.Stephan aufgebahrt. Werendrud, die Aebtissin von Hohenburg, die mit Attala innig befreundet gewesen war, wünschte sich ein Stück von dem Leib der Toten, deren Heiligkeit für sie außer Zweifel stand, um mit Hilfe dieser Reliquie ihrer ewigen Seligkeit um so sicherer zu sein. Sie entsandte einen Boten mit Namen Werner nach St.Stephan, der nähert sich nachts der Bahre, auf der der Leichnam lag, warf die darüber gebreitete Decke herunter. Da bot sie ihm die rechte Hand; er nahm sie und hieb so fest darauf ein, bis er sie abgeschnitten hatte. Er verbarg die Hand, eilte aus der Kirche und schickte sich an, nach Hohenburg zurückzukehren. Als er so voller Verwirrung lief, bis man zur Mette leutete, kam er, ohne es zu wissen, wieder nach St.Stephan, glaubte aber, auf Hohenburg zu sein, zeigte die abgeschnittene Hand allen und sagte: Seht, die Hand die Ihr begehrtet S93, haben wir jetzt. Als die Frauen von St.Stephan dies sahen, waren sie voller Verwunderung. Man nahm den Dieb fest und legte die Hand wieder zu dem Leichnam. Beim Verhör erfuhr man, daß er im Auftrage der Aebtissin von Hohenburg gehandelt habe, und daß er sich vom Wege verirrt habe. Man ließ den Dieb wieder frei. Denn wer aus Liebe ein Heiligtum stielt, soll straffrei ausgehen. Nan Ablauf der fünf Wochen wurde Attala begraben, sie, die 20 Jahre Aebtissin gewesen war und ein Alter von 54 Jahren erreicht hatte.

   Ueber dem Grabe der Heiligen geschahen Zeichen und Wunder. Ein Mann war 15 Jahre blind gewesen und wurde an ihrem Grabe wieder sehend. Ein Kind, das ertrunken war, wurde auf das Grab der Heiligen gelegt und wurde wieder lebendig. Ein Gelähmter (claudus), der auf Schemeln zu ihrem Grabe gerutscht kam, erlangte den aufrechten Gang wieder und konnte seine Schemel wegwerfen. So half die Heilige vielen. Die Kirche des Klosters wurde von den Opferspenden derer, die herbeiströmten, reich und übertraf an Ansehen alle andern. Zu dieser Zeit war Wiederolff (Wiederold, auf den die ganze Erzählung nicht paßt), Bischof von Straßburg. Den schmerzte es sehr, daß die Kirche von St.Stephan einen solchen Zuwachs an Ehren und Geld erfuhr, und daß dieses eine Beeinträchtigung seines Münsters bedeutete. Er gewann 12 Männer, die den Leichnam der Attala rauben und in die Tiefe versenken sollten. Davon bekam der Diakon Trutmann Kunde. Er ging nachts zum Grab, holte den Leichnam und vergrub ihn hinter einem Altare. Als der Bischof und seine Männer den Leichnam nicht mehr fanden, streuten sie das Gerücht aus, sie hätten ihn in die Erde versenkt. Der Bischof fügte dem Kloster großen Schaden zu: Er schloß es und vertrieb die Nonnen. Da kam auch bald Gottes Rache über ihn: Das S94 Fleisch seines Körpers wurde stinkend, und Würmer wuchsen darin. Und was noch schlimmer war, Mäuse und Ratten bissen ihn, ohne daß man sie abwehren konnte. Er flüchtete sich in ein Schiff aufs Wasser. Da schwammen ihm die Ratten und Mäuse nach und nagten an seinem Fleische. Da erkannte er seine Sünde und gestand, daß er durch seine Freveltat an St.Attala es verschuldet habe, daß er von den Ratten und Mäusen gefressen wurde.

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