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IV. MARIA


S137   Maria, die reine Jungfrau, die Mutter Gottes, übertrifft nicht nur an Armut, Schönheit und Herzengüte, sondern auch an wunderwirkender Kraftfülle alle Heiligen. Mag sie wie eine Schäferin auf der Flur oder im Lichtglanze auf der Stadtmauer erscheinen, Licht ist ihr Wesen. Licht geht auch von ihrem Bilde aus. Doch noch andere Züge hält die Sage fest. Daß sie mit Johannes unter dem Kreuze stand, ist ein so bedeutsamer Augenblick, daß man ihn nicht nur malerisch verewigte, es hat sich dies Zusammensein so tief dem Gedächtnis des Volkes eingeprägt, daß auch beide in gleicher Weise Tränen vergießen, wenn eines ihrer geliebten Heiligtümer zerstört wird.

   Die offizielle katholische Kirche hat das Marienmysterium nicht in seiner vollen Tiefe zu wahren vermocht. Wohl hat sie in der richtigen Erkenntnis, daß die ausschließlich in Männerhände gelegte Seelenbetreuung zu Einseitigkeiten führen müsse, wenn nicht im religiösen Leben das weibliche Element zur Geltung käme, Maria ein hohe Stellung innerhalb der himmlischen Rangordnung zugewiesen. Daß sie damit zugleich das Kernstück heidnischer, auf das Matriarchat gegründeter Kulte herübernahm und seelisch vertiefte, darf ich nicht unerwähnt lassen. Ist es doch fast so, als ob in der Legende, die sich auf die Wallfahrt Drei-Aehren bezieht, noch ein später Abglanz der alten Demeter-Mysterien zu finden wäre. S138

   Die Kirche hat an wunderbare Erlebnistiefen gerührt, wenn sie Maria als den Stern des Meeres preist. Maria verdanken wir die Weltenwende, weil sie den Eva-Fluch aufhob. Im <<Ave>> des Engelsgrußes wollte man die Umkehrung des Eva-Namens erkennen. So sehr man auch auf diese Weise dem sozusagen metaphysischen Wesen der Gottesmutter gerecht zu werden bestrebt war, über die Doppelgestalt, die das Neue Testament kennt, erfahren wir nichts.

   Daß in Künstlerkreisen eine Tradition lebte, die um die Geheimnisse tiefster, der Kirche entweder verborgenen, oder absichtlich zurückgehaltenen Esoterik wußte, muß jedem einleuchten, der aufmerksam die Marienbilder verfolgt, die wir großen Meistern verdanken. Ich will nicht davon sprechen, daß neben dem Jesusknaben nicht etwa bloß Johannes, sondern ein zweiter Knabe erscheint, über dessen Herkunft man in den Zirkeln christlicher Eingeweihter noch Bescheid wußte. Ich will nur auf den Umstand hinweisen, daß zwei Marien-Typen genau unterscheidbar sind. Bald tritt uns die blonde blauäugige Maria entgegen, die uns so gar nicht palästinensisch anmutet. Bald zeigen uns die Künstler eine dunkelhaarige, schwarzäugige Gottesmutter. Scheint die erstere nach den Angaben des Evangelisten Lukas gestaltet zu sein, so hält sich die zweite an das Matthäus-Evangelium, dem Abstammung und Rasse wichtig und wesentlich sind, und dem die Reinheit der semitischen Bluts-Strömung am Herzen liegt.

   In den elsässischen Legenden scheinen beide Typen insofern vorhanden zu sein, als bald die Lieblichkeit der Erscheinung an die lukanische Maria erinnert, bald die ernsten, hoheitsvollen Züge auf die Maria des Matthäus-Evangeliums hinzudeuten scheinen. Immer aber hat man den Eindruck, daß durch das Eingreifen der Maria Wirkungen erzielt werden, die keinem der Heiligen allein möglich gewesen wäre.


ST.MARIA IM SCHAEFERTAL

(Stöber I,84S60ff)

S139   Das Schäfertal liegt zwischen Gebweiler und dem Bade Sulzmatt. Auf frischem Wiesengrunde erhebt sich eine schlichte Kapelle, und dabei ergießt sich ein heller Born in murmelndem Gewässer in einen mossbedeckten hölzernen Trog.

   Maria, die gebenedeite Mutter des Erlösers, so lautet hier die Kunde, wartete einst auf dieser einsamen Trift einer Schafherde. Es war ein schwüler Tag, saftlos und ausgedorrt die Weide und ringsum kein Wasser für die lechzenden Tiere. Das erbarmte die göttliche Schäferin, sie schlug mit ihrem Stab auf die Erde und alsbald sprudelte daraus ein reicher Silberquell, den dürstenden Schafen zur Labe.

   Noch rauscht der Quell und gibt heilsames Wasser für manche Krankheit. Der Genesungshoffende trinkt es gläubig und tritt sodann betend vor das in der Kapelle hangende Gnadenbild, unter welchem folgende Reime stehen:

Kombt, ihr Christen, in's Schäfferthal,

Kombt, ihr lieben Schäfflein allzumahl,

Maria eine Schäfferin hier ist.

Der gute Schäffer ist Jesus Christ,

Das verlohrne Schäfflein er hier suecht

Ohn Unterlaß ihm ganz freundlich ruefft:

Wo bist, mein Schäfflein, ach komm zu mihr,

Hier im Schäfferthal will warten dein.

Förchst mich, so komm zu der Mutter mein,

Sie ist die liebe Schäfferin dein,

Die böse Thier und Wölff treibt sie ab,

Bewahrt die Schäfflein mit ihrer Gnad.

Sie wird dich führen zum guten Hirt,

Bei Ihme dir nichts Leids geschehen wird. S140

Er wird dich tragen in seinen Schaffstall

Aus dem Schäfferthal in Himmelssaal.

Maria die guete Schäfferin

Wird auch sein dein Helferin,

Dann Jesus, ihr Sohn der guete Hirt,

Seiner Mutter nichts abschlagen wird.

   Das Motiv vom Hirten und von den Schafen kommt in der Bibel häufig vor. Jesus Christus greift zu diesem Bilde, wenn er sein Amt und seine Aufgabe der Menschheit gegenüber umschreiben will, und bei der feierlichen Uebertragung der Lenkerrolle an Petrus kehrt das gleiche Bild wieder: <<Weide meine Schafe!>> In unserer Legende schwingen solche Vorstellungen mit, wenn Maria als Schäferin auf der Flur erscheint. In wieweit ein Zusammenhang mit dem Namen Schäfertal vorliegt, soll nicht untersucht werden. Uebersehen wir aber auch nicht, daß das Hirtenmotiv seit der Renaissance aus der antiken Dichtung herüberkam und eine starke Resonanz weckte. Schäfer sein, Schäferin sein war gleichbedeutend mit: dem paradiesischen Urzustand wieder näher gerückt sein. Das wellt bis in Rousseaus Naturanschauung hinein und treibt noch in Goethe seine Spätblüten. Seine Schäferinnen sind natürliche, von der Kultur nicht verdorbenen Wesen; wo sie weilen, ist noch eine Spur des Urzustandes vorhanden, den die Alten in Arkadien lokalisiert glaubten. Et ego in Arcadia: das ist das Motto, das Goethe seiner Beschreibung der italienischen Reise ursprünglich mitgeben und mit dem er andeuten wollte, daß sein Wunsch- und Glückstraum in Erfüllung ging.

   Das Oelgemälde von 1979, unter dem die oben zitierten, ganz im Barockstil gehaltenen Verse stehen, ist aus der geistigen Atmosphäre und Stimmung herausgeboren, die - besonders seit dem 17. Jahrhundert - in Europa das Schäferdasein als das idealste auffaßten, die auch in der Musik in den sogenannten Pastoralen das S141 Unschuldvolle, Einfache und Ländlich-Harmlose als ein Verlorengegangenes oder Neuzuerstrebendes wie einen Nachhall paradiesischer Reinheit und Seligkeit zum Ausdruck zu bringen suchte.


WIE GEBWEILER GERETTET WIRD

(Stöber I,72S57)

   <<Es schmeckhete disen Frantzösischen undt Engelländtischen Völckherren der Elsässer Wein, den sie genuegsam ohne Geld khauffen khundten, also wohl, daß sie gedachten noch länger darin zu verbleiben; aber ehe sie sich in die Winterquartier begaben, kamen die Schinder in das Elsaß hinundter, verharent eine Zeit lang zu Entzisheimb, als dan kamen sie undt nahmen Ruffach ein, Hattstadt, Herlesheimb, Heilig-Creutz, das Schloß und Stättlin Kestenholtz; Sant-Pilt hat sich noch gewehret, undt zwei Stürm abgeschlagen; lestlichen als man ihnen getrauwet, so sie das dridte Mal solten stürmen, niemandten zu verschonen, so haben sie sich endtlichen auch mit Beding ergeben miessen.>>

   <<Gebweiler mieste endtlichen auch an den Tantz undt zwar unvermuethendter Weis, weil man geglaubet sie hielten sich ietzundt still in dem Winterquartier, so kamen sie urblitzlichen mit 40000Mann, undt lägerten sich unweith unser Frauwen Capellen undterthalb auff Schenckhen Wuest genanndt. Nach deme der Delphin mit seinen Generalen und Kries-Obristen Rath gehalten, zoch er an Sanct Valentini Abendt (13. Februar 1445) für dise Statt, undt nach Mitternacht um die drey Uhren gegen den Tag, kamen sie und legten Leitheren an die Ringmauwern auswendtig gegen der hinderen Badstuben, undt stigen auff die Mauwren; und als die Mauwr mit Stein S142 belegt ware, da fielen die Stein auff das Gerüst, das es ein grosses Geboldter und Getös von sich gabe, ab welchem die Wächter erwachten (dan sie hatten sich in die Badstuben in die Wärme gelegt, weilen es selbige Nacht sehr kalt ware); die Wächter fiengen an zu schreüwen und machten einen grossen Lärmen, also das die Leith aus dem Schlaf erwacheten, und luffen alle dem Geschreüw zu.>>

   <<In dessen aber war ein wackhers Weib in der Statt, mit Namen Bridt Schikhin; sie ließ ihr das Heil der Statt wohl angelegen seyn; die selbige nahm etlich Wellen Stroh undt luff auff den Prediger Gang, zündete dasselbige Stroh an, wurffe solches mit grossem Geschreüw über die Mauwren hinaus in den Stattgraben, ab welchem ein solcher Forcht und Schräckhen undter den Feind kame, das er eiligst widerumb zurückh, den Schindberg hinauf undt die Flucht nahme, nicht ohne eine sonderbare Schickhung Gottes.>>

   <<Dan als just selbiger Zeit gar vill Volkh in der Statt ware, haben sie nicht ohne grosse Verwundterung gesechen, das die glorwürdigiste Mueter Gottes, undt der ehilige Bischoff undt Martyrer Valentinus auff der Ringmauwren mit einem großen Glantz umbgeben hin undt här spatziereten, anzuzeigen, das sie die Statt undt dero Inhaber undte ihrenr Schutz undt Schirm genommen haben.>>

   <<<Da es am Morgen Tag ware, undt man die Thor auffthäte, hat man noch etliche Leither von sonderbarer Invention, theils von Strickh, theils von Holtz gemacht, die man zusammen legen khundte, an der Ringmauwren hangendt gefundten, die man zur ewigen Gedächtnus in der Pfarkhürchen allhier auffgehenckht. Es giengen auch etliche Männer hinaus auff Schenkhen-Wuest in das Läger wo sich der Feind auffgehalten; fundten aber niemandt mehr, dan die S143 Feindliche waren alle darvon geflohen mit Hinderlassung viller Pferdt undt anderer Sachen, welches alles die Burger in die Statt gebracht und gross Gueth hiemit gewunnen haben.>>

   <<Die Feind, die den Schinberg hinauff geloffen waren (wurden etliche darvon gefangen), sagten und bekendten offendlich, das ihnen allen nicht anders ware, als wan ein solche grosse Schaar ihnen nacheileten; ia es hat sie gedunckhet es luffe das gantze Landt ihnen nach: ohne Zweiffel wird ihnen die seligiste Mueter Gottes, so mit dem heiligen Valentio auf den Mauwren erschinen, eine übernatürliche Forcht undt Schräckhen eingeiagt haben, welche in der Wahrheit sich also erschröckhlich erzeiget, als wie ein wolgeordnetes Kriegsheer.>>

   Zur Erinnerung an diese wundervolle Begebenheit wird seit jener Zeit in Gebweiler zu Ehren des heiligen Valentinus eine Messe, und zu Ehren der Mutter Tottes ein Fron-Amt gesungen.


MARIA IN DER EICH

(Stöber I,58S39)

   Es waren einst Knaben auf der Weide, im Walde, welcher sich zwischen Wittenheim und Rülisheim hinzog, und von welchem jetzt nur noch ein sehr kleiner Teil übriggeblieben und dem letztern Dorfe angehörig ist. Da sahen sie plötzlich gegen Abend, in einiger Entfernung von ihnen, einen alten Eichbaum in hellen Flammen stehen. Der brannte hinab bis auf den untern Teil des Stammes, aus welchem sich ein Marienbild erhob. Die Stätte wurde alsbald für heilig erklärt und eine Kapelle über den Eichenstamm mit dem wunderhaften Gnadenbilde gebaut. Zu demselben nehmen Kranke aller Art, besonders aber Frauen ihre Zuflucht, welche um eine S144 glückliche Entbindung flehen. Ex voto aus Eichenholz hängen in Menge in der Kapelle.


MARIA ZUR EICH

(Stöber II,27S25)

   Ein Ritter jagte einst im Walde bei Plobsheim. Da sah er plötzlich zwei wilde Tauben, welche zuerst einigemale im Kreise über seinem Haupte hinflogen, dann ihren Flug in einer gewissen Richtung hin fortsetzten. Blieb er stehn, so kamen sie zurück und flogen, wie anfangs, um ihn herum; ging er weiter, so verfolgten sie dieselbe Richtung, die sie schon früher genommen. Da sie dies mehrere Male wiederholt hatten, so fiel es dem jagenden Ritter auf. Er folgte ihnen eine Zeit lang durch das Gebüsch und sah, daß sie sie endlich auf einer großen Eiche niederließen. Als er näher hinzutrat, erblickte er im hohlen Stamme derselben ein Marienbild mit dem Jesusknaben. In dieser wundersamen Begebenheit erkannte er sofort ein Zeichen des Himmels; fiel andächtig auf die Kniee und gelobte der heiligen Maria, an der Stelle eine Kapelle bauen zu lassen. So entstand die nachmals berühmt gewordene Wallfahrtskapelle Maria zur Eich oder bloß zur Eich genannt, welche bis in die neueste Zeit von einem Waldbruder bewacht und von dem Pfarrer von Plobsheim bedient wird.


DIE WALLFAHRT UNSRER LIEBEN FRAUEN ZUR EICH IN GOERSDORF

(Stöber II,240S168)

   <<Von einer Wallfahrt zu Unsrer Lieben Frau zur Eich bei Gerstorff (Görsdorf), in der Grafschaft Hanau-Lichtenberg, wird berichtet, S145 daß Anno 1518 ein Hirt daselbst gewesen sey, der angegeben, Unsre Liebe Frau bekäme ihm Abends und ginge hernach in eine hohle Eyche; darauff suchte man in der Eychen, fand allda eine Wachs Kertz und Taffel auf welcher Unser Liebe Frau gemahlet war. Hierauf fiel das gemeine Volk zu, und richtete eine Wallfahrt zu Unsrer Lieben Frau zur Eichen an.>>

   <<Solche Wallfahrt zu befördern und ein gut Werk zu thun, hab Graff Reinhard von Zweibrücken und Bitsch mit Hülffe vieler darzu contribuirender Leute eine schöne herrliche Kirch dahin erbauet und haben ged. Graff Reinhard zusammen mit seiner Gemahlinn Anna, gebohrner Rhein-Gräffin und seinem ältesten Sohn Graff Simon Wecker auf Petri und Paul den ersten Stein daran geleget. Sie ward mit schönen Gewölbern und 14 Pfeilern oder Säulen versehen, daß man weit und breit keine schönere Kirch fand. Die Eyche ließ man in der Kirche stehen und setzte Unsrer Lieben Frauen Altar daran mit einem schönen hohen Chor und gewaltig hohen Thurn. Darauf ist eine solche Wallfahrt angegangen, so nicht zu beschreiben ist, und gefielen große Opffer. Hernach als Graff Jacob der letzte von Bitsch starb, fiele die Herrschaft an Graff Philippßen den Jüngeren von Hanau, der ließ als ein Evangelischer Herr, weil des Laufens kein Ende war, Anno 1580 diese Kirch abbrechen und die Abgötterey einstellen und aus den Maursteinen die Kirch zu Morßbrunn bauen. Lang hernach ist noch Volck aus Teutsch- und Welschland gekommen und geopffert, so die Bauern aufhuben und behalten.>>

   Im Jahre 1736 wurde die Kirche wieder hergestellt und einigen Franziskanern zur Bedienung übergeben. In den letzten Zeiten lebte ein Waldbruder darin. Jetzt ist die Kirche, nebst den dazu gehörigen Nebengebäuden, sowie einem Wohnhause, ein Privateigentum. S146


DIE WALLFAHRT DREI-AEHREN

(Stöber I,120S88)

   1. Ein frecher Geselle, dem nichts heilig war, hatte sich eines Tages in die Kirche von Nieder-Morschweiler geschlichen und daselbst die silberne Monstranz gestohlen. Er floh damit den Berg hinauf und warf die Hostie im Vorübergehen in ein nahes Aehrenfeld. Sie blieb an drei dicht neben einander stehenden Halmen hangen, und siehe, alsbald flog ein wilder Bienenschwarm mit melodischem Summen herbei und umgab die Halme, als wollte er sie schützen und dem Leibe des Herrn Ehre erweisen.

   Die Leute, welche vorüberzogen, sahen dem seltsamen Treiben der Bienen zu und fielen vor der wundervollen Hostie nieder und priesen die göttliche Macht, welche sich daran offenbarte.

   Bald wurde das Wunder nah und fern bekannt. Man baute an der heiligen Stäte ein Kloster und eine Wallfahrtskirche, Drei-Aehren genannt, und wenn die Landsleute in dieser Gegend ihr Getreide säen wollen, so versäumen sich nicht, ein wenig Staub aus der Kirche unter ihre Aussaat zu mischen, damit sie desto besser gedeihe.

   2. Außer dieser von Pilgern berichteten Begebenheit wird noch folgende Sage erzählt: Ein Schmied von Urbeis, namens Dietrich Schöre, begab sich den 14. September 1491 zu Pferd aus seinem Orte nach Niedermorschweier, um auf dem Markte dort Getreide zu kaufen. Da gelangte er, oben auf der Bergfläche, zu einem alten Eichbaume, in dessen mächtigem Stamme das Bild der <<schmerzhaften Mutter>> aufgestellt war. Bei seinem Anblick stieg der fromme Mann vom Pferde, kniete nieder und sprach ein herzliches Gebet für die Seele eines armen Mähders, der in demselben Jahre an dieser Stelle durch einen Schlangenbiß ums S147 Leben gekommen war, und zu dessen Andenken jenes Bild von dessen Freunden und Verwandten gestiftet worden war. Siehe, da füllte sich der Raum um die Eiche plötzlich mit rosenlichtem Glanzee, und vor ihm stand die Himmelskönigin selbst, in weißem, strahlendem Gewande. In der rechten Hand hielt sie einen Fruchtstengel, aus dem drei Aehren sich erhoben; in der linken einen Eiszapfen. Mit sanften, eindringlichen Worten belehrte Maria den Mann über die Bedeutung der sinnbildlichen Zeichen, die sie in den Händen trug: Fruchtbarkeit und Segen aller Art verkünden die drei Aehren den Umwohnern, wenn sie ihre Sünden bereuen und sich zu besserem Lebenswandel bekehren wollen; der Eiszapfen aber bedroht sie mit Krankheiten, Hagel und Mißwachs, im Falle sie unbußfertig in ihren Sünden beharren. <<Gehe dahin>> setzte sie hinzu, <<verkündige den Leuten drunten was du gesehen und gehört, ermahne sie zur Reue, zu guten Werken und Bittgängen.>> Mit diesen Worten verschwand die Erscheinung.

   Schöre ritt in Gedanken über sie versunken und über den Auftrag den er erhalten, langsam den Berg hinab.

   In Niederschmorweier angelangt, begab er sich auf den vielbesuchten Markt, allein er getraute sich nicht, jemanden von seiner Erscheinung und von dem aufgetragenen Befehl zu sprechen, aus Furcht, man möchte ihm keinen Glauben beimessen und seiner spotten.

   Er kaufte sein Getreide und schickte sich an, den vollen Sack auf sein Pferd zu laden, wie er dies immer getan. Allein trotz aller Kraft, die er anwandte, konnte er den Sack nicht von der Erde bewegen. Er rief einen Bekannten, dann mehrere andere zu Hilfe; auch ihren vereinten Anstrengungen wollte es nicht gelingen, den Sack emporzuheben. S148

   Jetzt aber durchfuhr ihn plötzlich der Gedanke an die Erscheinung auf dem Berge und an den Befehl der heiligen Jungfrau, den er aus Menschenfurcht verheimlicht hatte. Er fiel auf seine Kniee nieder, bat Maria inbrünstig um Vergebung und verkündete allem Volke, was er gesehen und gehört, und rief alle zur Buße auf. Nun trat er wieder zu seinem Pferde und siehe, der Sack ließ sich wie sonst mit leichter Mühe aufheben und getrost ritt Schöre seinem Wohnort zu.

   Seine Erzählung wurde nach und nach in der ganzen Umgegend bekannt; Buß- und Bittgänge wurden in allen Dorfschaften gehalten. An der Stelle, wo der Eichbaum mit dem Gnadenbilde gestanden, erhob sich bald nachher eine Kapelle, die der heiligen Jungfrau zu den drei Aehren geweiht wurde und später die Erbauung einer Kirche und eines Klosters veranlaßte.


DAS MUTTERGOTTESBILD IN MONSWEILER

(Stöber II,126S94)

   Die Wallfahrtskirche zur Muttergottes von Monsweiler wurde den 10. Januar 1622 von einer mansfeldischen Schaar geplündert und in Brand gesteckt. Nachdem sie in Feuer aufgegangen war, fand man unverletzt mitten im Aschenhaufen das uralte, hölzerne Muttergottesbild, welches in der Kirche aufgestellt gewesen. Letztere erhob sich bald wieder aus ihren Trümmern, das Bild erhielt einen neuen Anstrich und seine alte Stelle hinter dem hohen Altar; zur Erinnerung an seine wunderbare Erhaltung ward folgende Inschrift angebracht: S149

<<Alß man zählt 1622 Jahr,

Im Jenner sich begeben fürwahr,

Daß der Mansfelder Zabern die Stadt,

Mit großem Ernst belägert hatt,

Davon aber mit Schand abgezogen

Und seinen Zorn allhie geflogen;

Dann er diese Kirch und drey Altar

Verbrennet und zerstört gantz und gar;

Diß Bilt ist auf dem Kirchhof noch verborgen

Mit Erd und Aesch bedeckt gefunden worden,

Darumb dann zu Lob Gott dem Herren -

Auch Maria seiner Mutter zu Ehren, -

Hat diß Bild also eingefassen

Und durch den Mohler ziehren lassen

Ertz Herzog Leopoldi officier

Fridrich Gallienus bombardier.

Laß dier, o Maria befohlen sein

Zabern die Statt, die Burger insgemein

Mich, dein Diener, die gantze Christenheit,

Daß wir dir leben in Ewigkeit.>>


DAS MUTTERGOTTESBILD ZU ROSENWEILER

(Stöber II,57S50)

   Während des Schwedenkrieges fielen die Feinde in das Dorf Rosenweiler, plünderten es und steckten es in Brand. Auch die Kirche wurde vom Feuer ergriffen. Nur der Chor der Kirche, in dem das Bild der Muttergottes stand, blieb vom Feuer verschont, trotzdem die Feinde das Feuer beständig schürten. Auch versuchten sie ihn niederzureißen, nicht einen Stein konnten sie abbrechen. So oft sie sich an das Bild wagten, wurden sie von unsichtbarer Hand mit unwiderstehlicher Macht zurückgeschlagen. Da schleppten sie das Gnadenbild um es zu S150 verbrennen, aus der Kirche. Ein Soldat führte mit dem Schwerte einen Hieb nach demselben, stürzte aber sofort tot zu Boden. Dadurch entsetzt, gaben die Schweden ihren Vorsatz auf und verließen bald darauf das Dorf. Als die verjagten Einwohner zurückkehrten, suchten sie vergebens nach dem Gnadenbilde, die Feinde hatten es vergraben. Schon glaubte man es verloren, da sprudelte am Fuße eines Lindenbaumes, der sich unweit der Kirche befindet, vor aller Augen ein silberklares Börnlein aus der Erde, man grub nach und stieß in kurzer Zeit auf das Bild, das unter allgemeinem Jubel in den unversehrten Chor getragen wurde. Schnell verbreitete sich das Wunder weit umher im Lande und brachte die Wallfahrt zu großem Ansehen. Die vom Säbelhiebe verursachte Spalte am Halse des Muttergottesbildes kann man noch sehen. Sie bleibt zum ewigen Andenken immer offen; der Kitt, mit dem man sie schon mehrmals zu verstopfen suchte, ist jedesmal kurz nachher von selbst wieder herausgefallen. Auch die Quelle ist nie versiegt, sie versieht noch heute zwei Rohrbrunnen mit reichlichem Wasser.


DAS MARIENBILD IN DER KAPELLE ZU MARLENHEIM

(Stöber II,82S66)

   Ein frecher Dieb war nachts in die Kapelle gedrungen, welche auf dem Rebhügel oberhalb Marlenheim steht, um das kostbare Halsband zu stehlen, welches die heilige Maria schmückt. Als er aber den Arm darnach ausstreckte, um es zu ergreifen, blieb ihm derselbe in der gehobenen Richtung stehen, bis des andern Morgens Leute kamen, den Uebeltäter festnahmen und dem Gerichte überlieferten. S151


DAS MUTTERGOTTESBILD IN NEUNKIRCHEN

(Stöber II,11S11)

   Im Walde von Friesenheim fand einst ein Hirte eine die Muttergottes vorstellende Statuette, welche er der Pfarrkirche seines Dorfes zum Geschenk machte. Allein den folgenden Tag war das Bild aus der Kirche verschwunden, und derselbe Hirt fand es wieder an demselben Orte im Walde, wo es zuvor gewesen. Er nahm es alsbald und brachte es in die Kirche zurück. Es blieb jedoch nicht da, sondern wurde zum neunten Male im Walde gefunden. Dies sah man als ein Zeichen des Himmels an und baute an dem Gnadenorte, den sich das Bild ausersehen, eine Kirche, Neunkirchen genannt, wohin, ob der vielen hier vollbrachten Wunder zahlreiche Pilger zogen. Noch heutzutage ist Neunkirchen ein sehr besuchter Wallfahrtsort.


DAS MUTTERGOTTESBILD IN SEWEN

(Stöber I,61S41)

   Als zu Anfang des fünften Jahrhunderts die Horden barbarischer Völker das Elsaß durchzogen, flüchteten sich einige christliche Familien in das obere Masmünstertal, und bauten an dem Orte, wo später das Dörflein Sewen entstand, der heiligen Jungfrau eine Kapelle, zum Dank für den ihnen verliehenen Schutz. Das Altarbild derselben wurde bald durch die Wunder und Zeichen, die ihm zugeschrieben wurden, in der Nähe und Ferne berühmt und zog viele Wallfahrer herbei. Als aber nach und nach die Kapelle für den stets wachsenden Andrang der Gläubigen zu klein wurde, baute man auf einer andern Stelle des Dorfes eine geräumigere Kirche und stellte das Muttergottesbild darin auf. Zum grossen Erstaunen der S151 Bewohner stand aber das Bild schon den folgenden Tag wieder an seinem alten Orte, in der Kapelle. Und nachdem man es später noch zweimal in die Kirche gebracht hatte, kehrte es abermals, unsichtbarer Weise, in die Kapelle zurück und blieb seitdem darin und zog immer mehr Pilger herbei.

   Graf Maso ließ auch eine Reliquie des heiligen Leodegarius dahin bringen, und viele Ritter und Herren des Landes opferten der heiligen Jungfrau von Sewen reichliche Gaben, so daß der Wallfahrtsort einer der beliebtesten im ganzen Lande ward.


a) DER HIRZSPRUNG

(Stöber I,148S106)

   Auf der Straße von Rappoltsweiler nach Markirch, unweit der Abzweigung der Altweier Straße, liegt der vierzig Fuß hohe Fels, Hirzsprung genannt. Folgender Begebenheit verdankt er seinen Namen.

   Als Graf Anselm II. von Rappoltstein (gestorben ums Jahr 1314), ein leidenschaftlicher Jäger, eines Tages einen prächtigen Hirsch verfolgte, kam er plötzlich mit seinem Pferde an den Rand des über den Abgrund ragenden Felsens. Er konnte das Pfert nicht mehr zurückhalten, und mit dem Rufe; <<Maria, hilf!>> schwang er sich in die Tiefe. Er kam unversehrt unten an und baute, zum Dank für seine wunderbare Rettung, eine der beiden Kapellen von Dusenbach.


b) DIE GRUENDUNG VON DREIKIRCHEN ODER DUSENBACH

(Stöber I,149S107)

   Ein Herr von Rappoltstein hatte, mit dem Marquis Balduin von Montferrat und dem blinden S153 Dogen Dandolo von Venedig, den Kreuzzug mitgemacht, der den Lateinern Byzanz und den dortigen Kaisertron auf einige Zeit sicherte.

   Mehr noch als die reichen Schätze an Gold und Kleinodien, welche den Siegern bei der Eroberung von Konstantinopel zuteil wurden, lockten sie die zahllosen Reliquien und Heiligtümer, welche die Kaiserstadt aufbewahrte. Auch dem Herrn von Rappoltstein war es geglückt, in den Besitz eines solchen Heiligtums, eines uralten wundertätigen Marienbildes, zu gelangen.

   Sorgsam verwahrte er den teuern Schatz, um ihn unversehrt in seine Heimat zu bringen. Allein bevor er die Reise dahin antrat, zog es ihn nach Jerusalem, der heiligen Stadt, um die Orte alle zu sehen, wo der Heiland gewandelt, und an seinem Grabe um Gnade und Vergebung seiner Sünden zu beten.

   Das heilige Grab und der Kalvarienberg hatten einen besonders tiefen Eindruck auf die Seele des frommen Ritters gemacht. Kaum war er in das Schloß seiner Väter zurückgekehrt, als er in dem felsigen Tale des Dusenbaches ein Kloster und Kirchlein erbauen ließ, welches dem heiligen Grabe getreu nachgebildet war. Er stellte hier das teure Marienbild zur öffentlichen Verehrung auf. In der Nähe erhebt sich ein rauhes, mächtiges Gestein. Dort ließ er sodann einen Kalvarienberg aufrichten mit den Bildern des betrübten, betenden Heilandes und der schlafenden Jünger.

   Das Marienbild wirkte bald zahllose Wunder, und von nah und fern zogen Scharen von Pilgern herbei, um es zu verehren. In kurzer Zeit wurde das Kloster Dreikirchen, von dem sanft tosenden Waldbache auch Dusenbach genannt, einer der besuchtesten Wallfahrtsorte im ganzen Lande. S154


DIE WALLFAHRT SCHAUENBURG

(Stöber I,93S69)

   Ein elsässischer Rittersmann war von seiner Pilgerschaft zum heiligen Grabe in Jerusalem zurückgekommen und hatte das Gelübde getan, zur Ehre der heiligen Jungfrau, welche ihn auf seiner Reise beschützt hatte, eine Kapelle zu bauen. Er ging in der Absicht, eine taugliche Stelle in der Nähe von Rufach zu finden, am mittlern Abhang des Gebirges hin und konnte sich lange Zeit nicht über die Wahl derselben entscheiden. Da hörte er plötzlich auf einem Hügel, zwischen Geberschweier und Pfaffenheim eine Stimme, welche ihm zurief: <<Schau den Berg!>> Zu gleicher Zeit erhob sich auf demselben eine Flamme, und als er auf dem Gipfel des Hügels angekommen war, fand er ein Marienbild, welches aus der Erde stieg, ringsum von Flammen umgeben, ohne von denselben verzehrt zu werden. An diesem Orte ließ er eine Kapelle bauen, und später entstand da die weitberühmte Wallfahrt Schauenberg.


DIE BILDER DER MUTTERGOTTES

UND DES EVANGELISTEN ST.JOHANNES VERGIESSEN TRAENEN

(Stöber I,128S94)

   Als im Jahre 1466 das Feuer die Kirche von Sigolsheim verzehrte, vergossen die Bilder der Muttergottes und des Evangelisten St.Johannes reichliche Tränen. S155

   Diese Bilder kamen später nach Kienzheim, wo sie sich noch jetzt befinden, und wo besonders dasjenige der heiligen Jungfrau, als wundertätig, zahlreiche Pilger anzieht.

   Im Jahr 1473 kam Kaiser Friedrich III. mit großem Gefolge nach Kienzheim, besuchte die Bilder und ließ als Opfergabe seinen ungarischen, mit Gold und Silber verbrämten Hut zurück. Derselbe kam erst während der großen Revolution abhanden.


DIE REDENDEN BILDER CHRISTI UND MARIAE

(Stöber II,127S94)

   In der Kapelle zu St.Johann, nördlich von Zabern, unweit dem Dorfe Eckartweiler, befand sich vor Zeiten ein hölzernes Christusbild, auf dem Schoße der Jungfrau ruhend. Nun geschah es im September des Jahres 1626, daß man mehrere Nächte nacheinander in der Kirche, die doch leer und verschlossen war, reden hörte. Endlich faßte man den Entschluß, die Türe zu öfnnen, und nun hörte alles Volk mit Erstaunen, wie die heiligen Bilder Christi und Mariä ein Gespräch miteinander führten, wobei der Erlöser sagte, daß er die sich immer mehr anhäufenden Sünden der Welt mit Krankheiten und anderen Plagen strafen müsse. Darauf fing das Bild an, Blut zu schwitzen. Das Volk, das in die Kirche getreten war, fiel aber auf die Knie nieder und betete. Die folgenden Tage bekehrten sich alle, zogen in die Kirche, beteten und beichteten ihre Sünden, um das angedrohte Unheil von sich abzuwenden. S156


a) DIE SILBERNE ROSE

(Stöber I,155S110)

   Der Berggeist, der in den Silberwerken von Markirch waltet, verkehrte einst viel mit den Menschen und tat ihnen Liebes und Gutes, erntete aber dafür nichts als Undank.

   Als er eines Tages die schöne Tochter eines Bergmanns gesehen hatte, bat er sie um ihre Liebe; allein sie verschmähte ihn, und seit jenem Tage verschloß er sich ins Innere des Berges und verschüttete alle Gruben, so daß die Bergwerke still standen.

   Nur ein einziges Mal zeigte er sich noch, gab dem Mädchen eine künstlich in Silber gearbeitete Rose und verschwand dann für immer.

   Die silberne Rose, welche bis auf den heutigen Tag im Besitze der Nachkommen des Mädchens sein soll, von ihnen aber als ein Geheimnis verwahrt und niemanden gezeigt wird, öffnet sich jedesmal, wenn der Familie ein Glück zuteil werden, und schließt sich, wenn sie ein Unglück treffen soll. Es wird hinzugesetzt, daß man den Geist noch oft im Berge hämmern höre, und daß er einst die reichen Silberadern wieder öffnen werde.


b) WARUM DIE MARKIRCHER SILBERMINEN NICHTS MEHR ABWERFEN

(Stöber I,156S111)

   Vor Zeiten zählten die Markircher Silberbergwerke zu den an Silber reichhaltigsten in Europa. Damals ließen die frommen Bergknappen, um ihren S157 Dank gegen die Mutter Gottes, ihre Beschützerin, zu bezeugen, ein Marienbild aus gediegenem Silber anfertigen, und die Ausbeute ihrer Gruben ward immer ergiebiger. Da kamen Krieg und Hungersnot über das Land, und in ihrem Elend nahmen die Bergleute das Bild von der heiligen Stätte und ließen Geld daraus prägen. Von dieser Stunde an wurden die Silberadern täglich ärmer, so daß es sich in jetziger Zeit nicht mehr lohnt, dieselben auszubeuten.

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