Anthroposophie        =           Dreigliederung

Impuls - Reaktion - Inkarnation   1919 - 1969 - 2019    Geschichte - Quellen - Material

- Anthroposophie, soziale Dreigliederung, Geschichtsphilosophie -

"Gedanken und seelisches Ringen soll eine allgemeine Angelegenheit werden,

nicht mehr diejenige von Fachgelehrten"

(Rudolf Steiner Gesamtausgabe Nr.335,S101) 
- Résumees eines 68ers - Karl-Heinz Kaesebier -

   In der Wochenschrift "Das Goetheanum" vom 15.10.21/Nr.42 macht Gerald Häfner von der sozialwissenschaftlichen Sektion der Anthroposophischen Gesellschaft die bemerkenswerte Beobachtung eines epochalen Wandels anläßlich des Wählervotums der Deutschen:

"Unbewußt haben sie die Dreigliederung gewählt"

Frage Wolfgang Held:

"Erstmals gibt es nicht eine einzelne starke Kraft bei der Wahl, sondern mehrere im Mittelfeld. Wie bewerten Sie das?"

Gerald Häfner:

"Das ist gut! Es ist nie klug, zu viel Macht in die Hände von zu wenigen zu legen. Ich gehe so weit zu sagen: Die Menschen haben klug gewählt. Sie haben unbewußt die Dreigliederung gewählt! Sie haben, zuerst und vor allem, für mehr soziale Gerechtigkeit gestimmt. Die haben wir in diesem Land und auch weltweit dramatisch vernachlässigt. Das hatte sich die SPD mit dem Ruf nach mehr Respekt gegenüber jedem Menschen und für alle Mitglieder der Gesellschaft auf die Fahne geschrieben. Die Bürgerinnen und Bürger haben zweitens, zugleich für mehr und eine neue globale Brüderlichkeit gestimmt: Das Thema des Klimawandels betrifft nichts anderes als die Erkenntnis, daß wir auf diesem Planeten nicht allein sind. Alles, was wir hier tun, hat Auswirkungen auf alle anderen Menschen, Pflanzen und Tiere, auf die Erde als Ganzes. Da gilt es, den Egoismus zu überwinden. Wir müssen lernen, geschwisterlich mit der Erde umzugehen. Das war das Hauptthema der Grünen! Dieses Thema hatte zu Beginn ja den ganzen Wahlkampf bestimmt. Trockenheit, Waldbrände, sterbende Bäume und reißende Hochwasser unterstrichen dabei die Unausweichlichkeit einer tiefgreifenden Politikänderung in diesem Bereich. Doch nach dem Höhenflug im Frühsommer verloren die Grünen an Zustimmung, weil sie seelisch nicht die ganze Gesellschaft mitnehmen konnten. Das hatte auch mit einer Änderung in Personal und Ton zu tun. Gerade in der Pandemiedebatte wirkten manche Voten hier oberlehrerhaft und kühl, zu sehr nach <Zeigefingerpolitik> und Verordnungen von oben.

Das - und die angesichts der Entwicklung zunehmend weniger verständliche, einseitig auf obrigkeitsstaatliche Maßnahmen setzende Pandemiepolitik - führte dazu, daß ein wachsender Teil der Bevölkerung sich zunehmend sorgte, die Freiheit könnte unter die Räder kommen. Das hat dazu geführt, daß auf der Zielgeraden der Wahl, also in den letzten drei Monaten, eine Partei, die fast abgeschrieben worden war, enorm an Stimmen gewann, die FDP. Man merkte plötzlich: Man braucht auch noch eine Partei, die für die Freiheit eintritt. Auch wenn die Art und Weise, in der diese auftritt und sich äußert, eher die Freiheit der 1990er-Jahre beschwört als die neu zu buchstabierende Freiheit des 21. Jahrhunderts - aber ohne die Freiheit ist auch die bestgemeinte Politik nichts.

So haben die Bürgerinnen und Bürger unbewußt einen neuen Regierungsauftrag geschaffen: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in der Regierung auf der Höhe der Zeit als politische Aufgabe zu verwirklichen. Diesen drei Parteien und den von ihnen benannten Personen haben sie das am ehesten zugetraut. Jetzt ist nur zu hoffen, daß die Verantwortlichen der drei Parteien das selbst begreifen und ihre Rolle darin mutig und zukunftsoffen ergreifen!"


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Mit diesem Wahlergebnis ist unweigerlich der Einheitsstaat infrage gestellt! Die politischen Verhältnisse tendieren wie die sozialen zu einer Differenzierung und Gliederung. Was in der Berichterstattung lange schon gepflogen wird: die Unterscheidung zwischen politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Teil kann jetzt konstitutionell in die Regierungsstruktur einfliessen und dort gestaltend wirken. Man müsste sich nur daran gewöhnen, daß nicht mehr ein "Kanzler" die Oberhoheit über die gesamte Politik hat - die nach menschlichem Ermessen die Kräfte eines Einzelnen auch überfordert, sondern drei gleichwertige Kompetenzzentren die Richtung vorgeben und bestimmen. Goethes "gemischter König" ist brüchig und hinfällig geworden und hält sich nur noch mit aller Macht an der Macht im Zirkeltanz fest, ohne sein Land noch gestalten zu können!

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  Ein Sinn für Wandlungen konstatiert: Unsere soziale Verfassung differenziert sich - Forschung liberalisiert sich, Recht emanzipiert sich und Wirtschaft vernetzt sich. D.h. Kulturschaffende befreien sich von Zwängen, Richter verwahren sich vor Korrumpierung und Wirtschaft optimiert sich in Zusammenarbeit. Als "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" sind diese Prinzipien seit 1789 bekannt, 1919 verortet sie Rudolf Steiner für eine Konstitution der "sozialen Dreigliederung" in freies Geistesleben, demokratisches Rechtsleben und genossenschaftliches Wirtschaften. 1968 entsteht die Forderung, die Gesellschaft zu "entfilzen". Und im Zuge der Globalisierung wird von Produktion, Handel und Konsum mehr und mehr die nationale Grenzen sprengende Kraft des Wirtschaftens Realität. Nur eine rückwärtsgewandte Haltung zementiert die einheitsstaatlichen Verfassungen der Staaten, wo doch längst die Gliederung in den Tatsachen ein Umdenken fordert. Zu gewohnt sind wir, daß in unserem Einheitsstaat die Funktionen verfilzt sind und in unsozialer, kränkender Art durcheinandergewirbelt werden. Die Wirtschaftslobby korrumpiert den Rechtsstaat - die Lobbyregister sind zwar angemahnt, werden aber nicht erstellt. Am 23.4.20 geisselte Anton Hofreiter im Bundestag in der Debatte um die Corona-Pandemie das Recht des Stärkeren als eine vulgäre Form der Freiheit - ein treffender Ausdruck für die Lage, in der die ganze Nation sich befindet!


    Zündende Funken und befriedende Perspektiven erwartet man im neuen Jahrtausend nicht mehr von Philosophen, die in Talkshows, Interviews und Essays nur noch belanglos herumgereicht werden. "Great again" hat Konjunktur, egomane Macher gießen Öl ins Feuer, statt streitende Parteien zu befrieden. Sie dämpfen zu wollen, ist aussichtslos. Sie sind der "Dritte, der sich freut, wenn zwei sich streiten". Wie sonst ist auch das moralische Vakuum im Nahen Osten zu erklären, dessen religiöse Rivalitäten von "beschützenden" geopolitischen Weltmächten noch zementiert werden? Einen Dritten braucht es aber auch für eine konstruktive Befriedung - Streitlust oder Resignation allein helfen nicht weiter, sowenig wie Hegemoniestreben und Isolationismus. Dieser Dritte ist konfliktfähig (Friedrich Glasl), er geht aktiv auf die Probleme zu, zwischen Teufel und Belzebub vermittelnd. Die Konfessionen könnten die Situation outen, wenn sie ihre Augenbinden ablegen würden. Die Gegensätze faßte Rudolf Steiner in ein kosmisches Bild und schuf die Holzplastik des "Menschheitsrepräsentanten" - der zwischen den Menschheitswidersachern vermittelt. Im "Goetheanum" in Dornach/Schweiz ist sie zu besichtigen. Sie repräsentiert die "Ur-Dreigliederung", um die es geht.


  Vermittelnde Aufgaben wies schon Wilhelm von Humboldt 1792 staatlicher Vollmacht zu, zwischen kultureller und wirtschaftlicher Produktivität. Aber er begrenzt sie auch, die auf Kultur und Wirtschaft übergreifend, reformierend nur Symptome kuriert und neue Strukturen erst gar nicht sucht - zu verheißungsvoll winken die alten Pfründe. Eine Revolution wie 1968 bringt einen Entwicklungsschub und öffnet frischer Luft die Fenster, wie Papst Benedikt am 22.9.11 anerkennend den "Grünen" zusprach. Revolutionen erreichen aber eher das Gegenteil, denn das Feuer der Begeisterung erstickt im Strom der Geschichte allzuschnell. "Und es wallet und brauset und siedet und zischt, wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt", so Schiller angesichts der Französischen Revolution. Und: "Gefährlich ist's, den Leu zu wecken..." Er wußte: Organische Entwicklung braucht Zeit und darf nicht von Machern überhitzt oder durch Apparate verwässert werden. Wie Freiheit und Sozialismus walten können, ohne unter das Diktum der Ausschließlichkeit zu fallen, hat Rudolf Steiner 1919 erschlossen in: "Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Notwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft". Neue soziale Paradigmen zu denken, braucht ein Menschenleben, ein weiteres, um im Gefühl anzukommen - und noch ein weiteres, um Realität zu werden. Und so darf konstatiert werden, daß heute nach 3 x 33 Jahren vieles von Steiners konstruktiven Anregungen Wirklichkeit geworden ist. Es droht aber auch eine Kettenreaktion destruktiver sozialer Spaltung in einem Kampf Aller gegen Alle. Dieser hat gleich einem Tsunami weite Gebiete des sozialen Lebens überflutet. Und in dieser Lage ist eine Pandemie, wie sie der Corona Virus ausgelöst hat, bedrohlich für alle weitere Entwicklung. Denn sie führt zu weiteren nationalen Abschottungen und kulturellen und wirtschaftlichen Einbrüchen. Auch der Überwachungsstaat, vor dem Joseph Weizenbaum 1984 anläßlich des Huxley-Jahres gewarnt hat, kommt durch die "Corona-App" womöglich mit hoher Akzeptanz durch die Bevölkerung in unsere Lande. Nur besonnenes und im sozialen Leben angewandtes ganzheitliches Denken und Handeln kann Schlimmeres noch verhindern.


 - Einblicke und Durchblicke in das Leben des Einzelnen, der Gemeinschaftsformen und der Gesellschaft im Ganzen und Grundlagen und Arbeitsmaterial hierfür möchten diese Seiten konstruktiv zu sozialen Bemühungen beitragen -


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