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Anthroposophie        =           Dreigliederung

Impuls - Reaktion - Inkarnation   1919 - 1969 - 2019    Geschichte - Quellen - Material

Die weltgeschichtliche Bedeutung
der Erkenntnistheorie Rudolf Steiners
und ihr Zusammenhang mit seiner Anthroposophie

   Die Erforschung der übersinnlichen Welten in der Form einer Geistes-Wissenschaft, die Rudolf Steiner in unsrer Zeit mit seiner Anthroposophie begründet hat, wird heute noch von vielen Kreisen aus den verschiedensten Gründen abgelehnt. Als einer der hauptsächlichsten Gründe für diese Ablehnung wird namentlich von wissenschaftlich gebildeten Persönlichkeiten immer wieder angeführt, daß die ganze philosophisch-erkenntnistheoretische Forschung der letzten vier Jahrhunderte wenn irgend etwas, so wenigstens dies mit Sicherheit erwiesen habe, daß eine übersinnliche Welt, wofern ihr Dasein nicht überhaupt ein bloßer Traum ist, jedenfalls unserm menschlichen Erkennen nicht zugänglich ist. Man weist da namentlich immer wieder auf die Ergebnisse hin, zu denen der einflußreichste Denker der neueren Zeit, Immanuel Kant, durch seine erkenntniskritischen Untersuchungen geführt worden ist: daß unsre Erkenntnis nur so weit reiche, als unsre Erfahrung gehe, daß aber Gegenstand unsrer Erfahrung nur zu werden vermöge, was in den Formen von Raum und Zeit von uns aufgenommen werden könne. Damit aber, so sagt man, sei die Frage nach einer übersinnlichen Erkenntnis ein für allemal erledigt.

   Nun hat aber Rudolf Steiner die sachlichen Einwände, die von irgendeinem Standpunkt aus gegen seine Anthroposophie erhoben werden können, niemals einfach zurückgewiesen, sondern sich zeitlebens immer wieder und wieder aufs hingebungsvollste mit ihnen auseinandergesetzt. Ganz besonders eingehend, ja man darf wohl sagen, weitaus am eingehendsten von allen aber hat er sich mit jenem angedeuteten Einwand befaßt, der aus der neueren (S59) Erkenntnistheorie heraus gemacht werden kann. Ja, es ist sogar so, daß vor der Begründung der Anthroposophie, die ja erst in sein beginnendes Alter fällt, durch mehr als zwei Jahrzehnte erkenntnistheoretische Untersuchungen geradezu im Mittelpunkte all seiner geistigen Tätigkeit gestanden haben (wie denn auch die meisten und wichtigsten Schriften aus seiner "voranthroposophischen" Zeit erkenntnistheoretischer Natur sind), und daß, als er dann mit der Anthroposophie hervortrat, diese geradezu als eine Frucht aus seinen erkenntniskritischen Bemühungen hervorging.

   Diesem Tatbestand steht nun allerdings der andere gegenüber, daß gerade solche Persönlichkeiten, die sich als wissenschaftliche Beurteiler und Kritiker über seine Anthroposophie hermachen, im allgemeinen seine erkenntnistheoretischen Arbeiten dabei nicht zu berücksichtigen pflegen. Man entschuldigt sich da gewöhnlich mit der Ausrede: "Es kommt mir jetzt nicht auf die Erkenntnistheorie an, die Steiner vor der Begründung der Anthroposophie einmal vertreten hat, sondern eben auf diese Anthroposophie selbst." So hat z.B. der Berliner Psychologe Max Dessoir, als er vor einer Reihe von Jahren in seinem Buche "Vom Jenseits der Seele" ein Kapitel der Darstellung und Kritik von Steiners Anthroposophie widmete, dessen ganze erkenntnistheoretische Bemühungen mit einer einzigen Anmerkung abgetan.

   Nun soll nicht geleugnet werden, daß es zwar durchaus möglich ist, Anthroposophie auch aus den rein geisteswissenschaftlichen Schriften Steiners kennen zu lernen. Und es soll niemand das Recht abgesprochen werden, je nachdem, ob er sich durch das, was er in diesen Schriften dargestellt findet, angezogen oder abgestoßen fühlt, die Anthroposophie anzunehmen oder abzulehnen. Aber ein anderes ist doch solche persönliche Stellungnahme, ein anderes eine wissenschaftliche Charakteristik und Beurteilung der Anthroposophie. Diese könnte für unsre Zeit was immer für eine Bedeutung haben, eine wissenschaftliche gewinnt sie allein durch ihre erkenntnistheoretisch-methodologische Fundierung. Sie ruht als Wissenschaft auf dieser so fest, wie nur ein Haus auf (S60) seinem Fundamente ruht. Wer daher als Wissenschafter Anthroposophie studieren und beurteilen will, dem kann es nicht erlassen werden, sich mit der erkenntnistheoretischen Grundlegung derselben auseinanderzusetzen.
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   So richtig nun die Behauptung ist, daß die Anthroposophie als Geistes-Wissenschaft auf den erkenntnistheoretischen Arbeiten Rudolf Steiners ruht, so darf sie doch nicht etwa in dem Sinne aufgefaßt werden, als ob Rudolf Steiner etwa, nachdem er an einem gewissen Punkte seiner erkenntnistheoretischen Überlegungen zu dem Ergebnis gelangt war, eine übersinnliche Welt müsse als existent und dem menschlichen Erkennen erreichbar angenommen werden, nun mit dem Versuch begonnen habe, eine übersinnliche Forschung zu entwickeln. Die übersinnliche Welt wurde von ihm vielmehr - wie wir aus seiner Selbstbiographie wissen - schon als Kind tatsächlich erlebt. Die erkenntnistheoretischen Untersuchungen hatten für ihn also eine andre Bedeutung, - eine Bedeutung, die man nur versteht aus der Art und Weise, in der er - wie gesagt: schon als Kind - die übersinnliche Welt erlebte. Er erlebte nämlich zunächst seine Gedanken als Offenbarungen der geistigen Welt auf dem Schauplatze seiner Seele. Nun galten ja aber nach den allgemeinen erkenntnistheoretischen Anschauungen seiner Zeit die Gedanken als etwas nur vom Menschen Erzeugtes, mit dem er daher auch vollkommen in sich selbst bleibe. Man gab aus diesen Anschauungen heraus nicht zu, daß der Mensch sich durch die Gedanken mit einer von ihm unabhängigen Welt verbinde. Und der junge Rudolf Steiner konnte ja zunächst an der Richtigkeit dieser durch Lehrer und Bücher mit dem Anspruch eines unumstößlichen Dogmas an ihn herankommenden Lehre nicht zweifeln. Ihr stand aber in seiner Seele doch gegenüber die in seinen Gedanken erlebte Offenbarung einer übersinnlichen Welt, ohne die ihm die sinnliche als eine Finsternis erschienen wäre, ohne die er seelisch (S61) nicht hätte leben können, von deren Mitteilungsmöglichkeit ihm seine geistige Existenz abzuhängen schien. Er fand sich daher bald und immer intensiver die Frage gestellt: Kann das Denken seiner Natur nach die Offenbarung einer geistigen Welt in der Seele sein, oder kann es dies nicht sein? bzw. Ist es möglich zu zeigen, daß das Denken die Offenbarung einer geistigen Welt in der Seele sein kann? Und behufs Beantwortung dieser Frage sah er sich veranlaßt, immer wieder und wieder, gleichsam in innerem Erlauschen dessen, was in der Denktätigkeit eigentlich vor sich geht, das wahre Wesen des Denkens zu untersuchen. "Wo und wann," so erzählt er von seiner Schulzeit, "ich meine Ferienspaziergänge machte: ich mußte mich irgendwo still hinsetzen und mir immer von neuem zurechtlegen, wie man von einfachen, überschaubaren Begriffen zu Vorstellungen über die Naturerscheinungen kommt."

   Auf diese Art also kam Rudolf Steiner, schon als Knabe, in erkenntnistheoretische Untersuchungen hinein. Er sah sie sich aufgezwungen, weil er sich sagen musste: was er tatsächlich erlebte als eine durch Gedanken in seiner Seele sich offenbarende geistige Welt, werde er nicht aussprechen können, bevor er nicht gezeigt habe, dass das Denken seiner eigentlichen wahren Natur nach das Sich-Offenbaren der geistigen Welt in der menschlichen Seele sei. Und in diesem Sinne konnte, wenn er dann später mit der Verkündigung einer übersinnlichen Forschung hervorgetreten ist, diese von ihm aus den Ergebnissen seiner erkenntnistheoretischen Forschung heraus begründet werden.

   Aus dem Vorangehenden geht nun aber zugleich hervor, dass Rudolf Steiner mit unendlich viel größerer Intensität in erkenntnistheoretische Untersuchungen hineingetrieben wurde als irgendein Philosoph der neueren Zeit. Denn für ihn hing von ihrem Ergebnis, wie wir andeuteten, geradezu seine geistige Existenz ab. Aus seiner Selbstbiographie haben wir ja nun auch erst erfahren, von welcher Intensität dieses Ringen in seiner Seele nach Durchleuchtung der wahren Natur des Denkens war. Dieses (S62) Ringen war für ihn nicht etwas, was sich gewissermaßen nur in einer Ecke seines Seelenwesens abspielte. Es machte das eigentliche und ganze Leben seines inneren Menschen aus. Und sein inneres Leben war das Leben in diesem Ringen. Was für andere ihre äußeren Lebensschicksale, das bedeuteten für ihn die Widerstände und die Siege, durch die er in diesem Ringen hindurchging. Die neuere Geistesgeschichte hat keinen zweiten Geisteskampf von ähnlicher Größe gesehen.

   Wenn er nun aber auch von so ganz besonderen, in seiner eigentümlichen Veranlagung gelegenen Voraussetzungen aus in erkenntnistheoretische Untersuchungen hineingeführt wurde, so hatten die Wege, die er in ihnen beschritt, und die Ergebnisse, zu denen sie ihn führten, doch nicht nur eine lediglich für seine Person gültige Bedeutung. Und er blieb dadurch auch keineswegs etwa in einer isolierten Stellung gegenüber den erkenntnistheoretischen Forschungen der zeitgenössischen Philosophie. Im Gegenteil: er wurde gerade durch die so bestimmt formulierte Frage, die er sich durch seine erkenntnistheoretischen Untersuchungen zu beantworten aufgegeben sah, dazu geführt, den springenden Punkt in der klarsten und genauesten Weise zu erfassen und herauszuarbeiten, um den es sich im Grunde in der ganzen neueren Erkenntnistheorie handelt. Und so wuchs er mitten in die erkenntnistheoretischen Bemühungen seiner Zeit hinein. Ja: so konnte gerade er erst diese ganzen neueren erkenntnistheoretischen Untersuchungen auf den Gipfelpunkt hinaufführen, auf welchem das Zentralproblem, das sich allmählich immer deutlicher für sie herausgebildet hatte, und mit dessen Bewältigung sie alle, bisher aber vergeblich gerungen hatten, seine Lösung erfahren hat.
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   Welches nun aber dieses Zentralproblem der neueren Erkenntnistheorie war, kann nur klar werden durch einen Rückblick auf die Geschichte der Philosophie, oder genauer gesagt: auf (S63) die Geschichte der Bemühungen, die die Erforschung des menschlichen Erkenntniswesens zum Ziele hatten. Wir sagten oben: die neuere Zeit habe keinen zweiten Kampf um die Durchleuchtung des menschlichen Denkens gesehen, der von ähnlicher Größe und Intensität gewesen wäre wie derjenige, der sich in der Seele Rudolf Steiners abspielte. In der Tat: man muss weit zurückgehen in der Geschichte der Philosophie - über die Anfänge des neueren Denkens hinaus -, bis man wieder einen ähnlichen Gipfelpunkt antrifft in dem Ringen nach Klarheit über die menschliche Erkenntnis. Ja, man findet eigentlich überhaupt nur zwei Punkte in der Geschichte der Philosophie, an denen die Besinnung des erkennenden Menschengeistes über seine eigene erkennende Tätigkeit einen ähnlichen Grad der Intensität erreicht hat: zunächst auf dem Höhepunkte der Scholastik in Albertus Magnus und Thomas von Aquino, und dann wieder auf dem Gipfelpunkt der antiken Philosophie in Plato und Aristoteles. Und man kann im Grunde auch die ganze Geschichte des Bemühungen um die Ergründung des menschlichen Erkenntniswesens in ihrem Fortschritt am klarsten überschauen und darstellen, wenn man nebeneinanderstellt die Ergebnisse der Aristotelischen Philosophie, diejenigen des Thomas von Aquino und diejenigen von Rudolf Steiners erkenntnistheoretischen Bemühungen. Denn in den Einsichten, die diese drei Denker über das Wesen der menschlichen Erkenntnis errungen haben, hat man im Grunde die Summe alles dessen zusammengefasst, was an positiven Erkenntnissen über das Wesen der Erkenntnis selbst die Menschheit im Laufe ihrer philosophischen Entwicklung sich erworben hat. Denn ebenso, wie wir im folgenden zeigen werden, dass Rudolf Steiner das Fazit der gesamten neueren erkenntnistheoretischen Forschungen gezogen hat, ebenso ist bekannt, dass in der aristotelischen und in der thomistischen Philosophie die reifsten Früchte des antiken und des mittelalterlichen Denkens zusammen gefasst worden sind.
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(S64)  Die ganze griechische Philosophie von den Ioniern über die Eleaten, Sophisten, Sokrates und Plato bis zu Aristoteles stellt das fortschreitende Bemühen dar, sich in das Denken einzuleben. Wie ein Werkzeug, das ihr zugewachsen ist, lernt die Menschheit im alten Griechenland das Denken gebrauchen. Sie übt und untersucht die verschiedenen Funktionen, die mit diesem Instrumente ausgeführt werden können; sie bringt im Verlaufe dieser Übung den ganzen Schatz der Begriffe hervor, die mit ihm erzeugt werden können. Beides kommt in der Philosophie des Aristoteles zum umfassenden Abschluss: In seinem weltumspannenden System hat er für alle Gebiete des Daseins die Begriffe erarbeitet, mittels welcher der Mensch sie geistig durchleuchten kann; in seiner Logik hat er von den verschiedenen Funktionen des Denkens eine so vollständige zugleich und fehlerlose Beschreibung gegeben, dass Kant noch am Ende des 18. Jahrhunderts den Ausspruch tun konnte: zu den Aufstellungen der Aristotelischen Logik habe in den seither verflossenen zwei Jahrtausenden etwas Wesentliches weder hinzugefügt noch von ihnen weggenommen werden können. Man könnte dasselbe aber von dem ganzen Schatze der Begriffe sagen, den die griechische Philosophie geschaffen hat. Die Menschheit hat zu den von den Griechen aufgestellten Begriffen seither keine neuen mehr hinzuerworben. Die Begriffe, mit denen wir heute arbeiten, sind alle von den Griechen geschaffen worden. Die Entwicklung, die das Denken über das Griechentum hinaus genommen hat, liegt auf ganz anderm als auf begriffsschöpferischem Gebiete. In welcher Richtung sie zu suchen ist, geht sogleich aus dem folgenden hervor: Für den Griechen war das Denken etwas, was durchaus der objektiven Welt angehörte. Dessen Erzeugnisse, die Begriffe, empfand er daher nicht als seine eigenen Hervorbringungen, sondern als Erzeugnisse des objektiven Weltverstandes. Er fühlte sich nur als der Wahrnehmer der vom Weltdenken erzeugten Begriffe. Daher auch sein naives Vertrauen, seine - man möchte sagen - unbedingte innere Gehorsamkeit gegenüber den Aussagen des Denkens. Die logischen Kategorien (S65) waren ihm Seinskategorien. Daher gibt es in der griechischen Philosophie noch keine strenge Scheidung zwischen Logik und Metaphysik; ja es gibt eigentlich überhaupt noch keine Metaphysik in dem Sinne, wie wir heute das Wort verstehen. (Dieses Wort ist bekanntlich auch erst später gebildet worden.) Der Grieche wollte die Begriffe kennen lernen und ihre Zusammenhänge, das Denken und seine verschiedenen Funktionsweisen. Aber indem er dies wollte, war es für ihn selbstverständlich, dass er damit etwas der objektiven Welt Angehöriges kennen lerne. Zur Frage (die ja bekanntlich auch verschieden beantwortet worden ist) wurde ihm höchstens, wie die Begriffe der Welt angehören, niemals aber, dass sie es tun.
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   Diese letzte Frage aber ist es nun, durch deren Aufrollung zunächst die mittelalterliche Philosophie über die griechische hinausgeschritten ist, und durch deren endgültige Beantwortung in den Anschauungen Alberts des Großen und des heiligen Thomas sie erst wirklich neue positive Erkenntnisse zu denjenigen hinzugefügt hat, die sich die Menschheit durch die griechische Philosophie über das Wesen des Denkens und der Erkenntnis errungen hatte. Wodurch aber war es im Mittelalter zu dieser Frage gekommen, ob die Begriffe der Welt angehören oder nicht? Dadurch, dass das Denken sich inzwischen mit der menschlichen Persönlichkeit zu verbinden begonnen hatte. Der Mensch fühlte dadurch die begriffsbildende Tätigkeit nicht mehr als eine der Welt angehörige, sondern als seine eigene. Damit musste er nun aber naturgemäß zu der Frage kommen; in welchem Verhältnis steht das, was ich selbst hervorgebracht habe, zur Welt? Hat es auch in ihr, oder hat es nur für mich allein Bedeutung? Wie das Wesen und der Zusammenhang der Begriffe an sich die Grundfrage der antiken, so war das Verhältnis der Begriffe zur Welt die Grundfrage der scholastischen Philosophie. Man kann auch sagen: die Grundorientierung der antiken Philosophie (S66) war eine logische in des Wortes weitestem Sinne - diejenige der scholastischen eine metaphysische. Und diese Grundfrage der mittelalterlichen Philosophie erfuhr eine reifste, endgültige, umfassende Antwort in der zuerst von Albertus aufgestellten, von Thomas dann ausgebauten Lehre von den drei Arten der Universalia. Die Begriffe werden zuerst vom göttlichen Intellekte gedacht als universalia ante res; dann durchdringen sie formend die Materie, wodurch die verschiedenen Dinge entstehen; in diesen sind sie dann vorhanden als univeralia in rebus. Und aus ihnen holt sie der Mensch endlich in der Erkenntnis durch die Kraft seines Intellekts heraus als universalia post res. Was in diesen vorhanden ist, lebt dann freilich nur als in der Menschenseele anwesendes bloßes Bild; aber als Bild, das einen Bezug auf eine Wirklichkeit hat.
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   Die immer weiter fortschreitende Verbindung des Denkens mit der menschlichen Persönlichkeit hat in der neueren Zeit endlich eine dritte Frage entstehen lassen, in deren Zeichen nun die gesamte moderne Philosophie steht. Es ist die Frage nach dem Verhältnis der Begriffe zur menschlichen Persönlichkeit selbst. Sie kommt zum Ausdruck in der erkenntnistheoretischen Orientierung der neuzeitlichen Philosophie. Die Logik ist im wesentlichen mit Aristoteles abgeschlossen; die Metaphysik hat mit dem Absterben der scholastischen Philosophie ihr Ende gefunden. Was in der modernen Philosophie wirklich lebendig ist, ist allein die Erkenntnistheorie, die Erkenntniskritik. Ihre Grundfrage aber lautet: was bedeuten die Begriffe für den Menschen selbst? Was geschieht mit ihm und für ihn dadurch, dass er sie denkend hervorbringt? Es ist nun auf der einen Seite nicht abzuleugnen, dass die Bemühungen aller neueren Philosophen, angefangen von Descartes, über Spinoza, Hume, Kant, Fichte, Schelling, Hegel bis zu den modernen Erkenntnistheoretikern im Grunde die Beantwortung dieser einen Frage zum Ziele hatten. (S67) Auf der andern Seite ist aber ebensowenig abzuleugnen, dass keine von all diesen bisher gegebenen Antworten eine wirklich voll befriedigende war. Zum Beweise für diese Behauptung genügt es ja schon, auf die mannigfaltigen unvereinbaren Widersprüche hinzuweisen, die zwischen diesen verschiedenen Beantwortungen bestehen. Woher kommt aber diese Unzulänglichkeit aller bisherigen Beantwortungsversuche der Grundfrage der neueren Philosophie? Sie kommt daher, dass kein einziger von den modernen Philosophen bisher die Frage, um deren Beantwortung es sich eigentlich handelt, in aller Klarheit und mit vollem Bewusstsein in ihrer richtigen Gestalt zu stellen und damit seine Untersuchung in diejenige Richtung zu führen vermocht hat, in welcher ihre Antwort allein gefunden werden kann. Und warum vermochten sie dies nicht? Weil sie in Wahrheit alle sich mit ihrem Forschen noch immer in der Richtung weiterbewegen, welche die durch die mittelalterliche Fragestellung geforderte war. Denn die neue Frage fordert die Umkehrung des forschenden Blickes nach der gerade entgegengesetzten Richtung. Welches aber ist diese? Deutlich genug weist die neue Frage, richtig gestellt, nach derselben hin. Wenn gesagt soll werden können, was das Hervorbringen der Begriffe für die menschliche Persönlichkeit selbst bedeute, oder anders ausgedrückt, welches Verhältnis diese Begriffe zu der sie erzeugenden menschlichen Persönlichkeit selbst haben, so kann das nur dadurch geschehen, dass man den Blick auf dasjenige richtet, was die Verbindung zwischen den Begriffen und der menschlichen Persönlichkeit herstellt: die von der letzteren vollzogene denkende Tätigkeit. Man muss von den Erzeugnissen der Erkenntnis hinweg zur ihrer Erzeugung den Blick wenden. Dies ist dasjenige, was - weil es für die Beantwortung der mittelalterlichen Fragestellung nicht notwendig war - von seiten der neueren Philosophen, die noch immer in die alte Richtung schauen, noch niemals, von Rudolf Steiner aber in seinen erkenntnistheoretischen Untersuchungen zum erstenmal, und zwar mit aller Entschiedenheit, ins Auge gefasst worden ist. Dadurch aber hat er die (S68) Antwort auf die Grundfrage der neueren Philosophie gefunden. Und in dieser Antwort, die nun im folgenden kurz charakterisiert werden soll, liegt die epochale Bedeutung begründet, die seinen erkenntnistheoretischen Untersuchungen innerhalb der Geschichte des menschlichen Denkens zukommt.
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   Rudolf Steiner hat in seinen erkenntnistheoretischen Schriften zunächst darauf hingewiesen, dass man zu einer Lösung des erkenntnistheoretischen Problems, d.h. zu einer Beantwortung der Frage, was das denkerische Hervorbringen der Begriffe für den Menschen bedeute, nur kommen könne, wenn man diese begriffeerzeugende d.h. denkende Tätigkeit als solche d.h. als Tätigkeit innerlich zu erleben in der Lage sei. Dieses innere Erleben dessen, was mit dem Menschen im Denkvorgang eigentlich geschieht - abgesehen von der Gewinnung der Begriffe, die er im gewöhnlichen Erleben als dessen einziges Resultat betrachtet - nannte er das Leben im reinen Denken. Und er zeigte nun, dass dieses Leben im reinen Denken zu der Einsicht führe, dass der Mensch durch das Denken in die objektive Weltwirklichkeit wieder hineinwachse, aus der er sich zunächst in eine subjektive herausgestellt hat, durch das Bild, das ihm seine Sinne von der Welt liefern. Nicht also ist die erste Gestalt, in der die Welt dem Menschen erscheint, deren objektive, und was er durch denkerische Verarbeitung dann aus dieser macht, eine subjektive; sondern umgekehrt: wie die Welt seinen Sinnen erscheint, ist durch seine Organisation bedingt, d.h. subjektiv; je mehr er aber diesen Sinneseindruck denkerisch verarbeitet, desto mehr überwindet er die Subjektivität und arbeitet sich an die objektive Gestalt der Welt heran. "An die erste Gestalt" - schreibt Steiner in einem Aufsatz über "Die Geisteswissenschaft als Anthroposophie und die zeitgenössische Erkenntnistheorie", den er 1917 in der Zeitschrift "Das Reich" veröffentlicht hat - "an die erste Gestalt, in welcher dem Menschen sein Weltbild gegeben ist, kann sich im (S69) Menscheninnern ein Geistesvorgang anschließen, der dieses Weltbild insofern verwandelt, als er ihm seinen subjektiven Charakter bestimmt und das Erkennen in der Objektivität untertauchen lässt.

   Man kann nun allerdings der Meinung sein, dieser Vorgang sei nur eine Fortsetzung, eine Art gedanklicher oder methodischer Überarbeitung des gegebenen Weltbildes. Ist man dieser Ansicht, dann wird man in allem, was innerhalb des Bewusstseins auftreten kann, nichts anderes zu sehen vermögen als eine Art Bewusßseinswirkung der jenseits des Erkennens bleibenden wahren Wirklichkeit. Ich bemühte mich, zu zeigen, dass das Erkennen in seinem weiteren Fortschreiten die Gestalt überwindet, welche dem Weltbild bei seinem ersten Auftreten durch die menschliche Organisation gegeben ist. Allerdings muss das Erkennen, um ein Bewusstsein von dieser Tatsache zu haben, zu einer Betätigung gelangen, die ich diejenige im reinen Denken genannt habe." Und weiter: "Meine erkenntnistheoretische Forschung führte zu dem Ergebnis, dass der Mensch durch seine Organisation sich zunächst aus der wahren Wirklichkeit eine unvollständige gewissermaßen herausschneidet, und dass er im weiteren Fortgang seines Erkennens, in der Erhebung zum reinen Denken, sich in diese wahre Wirklichkeit wieder hineinstellt. Meine Bücher wollen zeigen, dass das menschliche Erkennen unbegriffen bleibt, wenn man es wie ein dem objektiven Weltprozesse gleichgültiges Abbild ansehen möchte und sich dann doch gestehen muss, dass es ein solches nicht sein kann. Das Erkennen zeigte sich mir als ein im Wesen des Menschen begründeter Entwicklungsvorgang, der dieses Wesen von einer Stufe zur andern führt. Der Mensch erlebt in seinem erkennenden Verkehr mit der Aussenwelt sein eigenes Wesen zunächst unvollständig, indem er sich durch seine Organisation ein unvollständiges Bild der Wirklichkeit vor die Wahrnehmung stellt. Er verwandelt im weiteren inneren Erfahren die erste Gestalt seines Weltbildes, das ein unvollendetes Abbild der Aussenwelt ist, so, dass er mit seinem inneren Erleben in der wahren Wirklichkeit steht." (S70)

   Man kann, um dazu anzuregen, zu erleben, wie erst durch die Entfaltung der Denktätigkeit der Mensch sowohl zum vollständigen Erleben seiner eigenen Organisation gelangt als auch in die volle Wirklichkeit der Welt hineinwächst, darauf verweisen, probeweise einmal durch eine bestimmte Zeitdauer sich in sein alltägliches Erleben so hineinzustellen, dass man sein Denken vollkommen ausschaltet und nur erlebt, was einem durch seine äußeren und inneren Wahrnehmungen gegeben ist. Man wird, was man dann erlebt, etwa mit dem vergleichen können, was man erlebt, wenn man mit verbundenen oder geschlossenen Augen durch einen Raum hindurchgeht. Wie man da, ohne zu wissen, auf welche Art man sich eigentlich durch den Raum bewegt, an den Gegenständen, ohne zu wissen, was für welche es eigentlich sind, nur ihre Härte oder Weichheit, ihre Glätte oder Rauhigkeit fühlend, sich entlang tastet, so tastet man sich an den einzelnen Eindrücken gleichsam in der Zeit entlang, ohne zu wissen, was diese Eindrücke eigentlich sind und wie man mit seinem eigenen Wesen zu ihnen steht. Rudolf Steiner führt in seinen "Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung" eine Stelle aus dem Buche "Erfahrung und Denken" von Johannes Volkelt an, an welcher ein solches durch Ausschaltung des Denkens zustandekommendes rein wahrnehmungsmässiges Erleben beschrieben wird: "Jetzt hat z.B. mein Bewusstsein die Vorstellung, heute fleissig gearbeitet zu haben, zum Inhalte; unmittelbar daran knüpft sich der Vorstellungsinhalt, mit gutem Gewissen spazieren gehen zu können; doch plötzlich tritt das Wahrnehmungsbild der sich öffnenden Türe und des hereintretenden Briefträgers ein; das Briefträgerbild erscheint bald handausstreckend, bald mundöffnend, bald das Gegenteil tuend; zugleich verbinden sich mit dem Wahrnehmungsinhalte des Mundöffnens allerhand Gehöreindrücke, unter andern auch einer, dass es draußen zu regnen anfange. Der Briefträger verschwindet aus meinem Bewusstsein und die Vorstellungen, die nun eintreten, haben der Reihe nach zu ihrem Inhalte: Ergreifen der Schere, Öffnen des Briefes, Vorwurf (S72) unleserlichen Schreibens; Gesichtsbilder mannigfachster Schriftzeichen, mannigfache sich daranknüpfende Gesichtsbilder und Gedanken" usw. Ist nicht, was hier geschildert wird, in der Tat wie eine Art blinden Sichentlangtastens der Seele durch einen gewissen Zeitraum hindurch an den einzelnen Eindrücken entlang, die sie der Reihe nach "berühren", ohne dass sie aber weiß, wie ihr eigenes Wesen mit denselben verbunden ist? Setzt sie aber nun mit dem Denken ein, so "sieht" sie gleichsam mit einem Schlage, was sie in diesen Eindrücken eigentlich berührt hat, sie kann nach rückwärts und vorwärts die mannigfaltigen Beziehungen überblicken, in denen ihr eigenes Wesen zu diesen Eindrücken steht. Es ist, um im Bilde unsres obigen Vergleiches zu sprechen, wie wenn sie plötzlich die Augen aufschlüge und die Dinge sähe, die sie früher nur ertastete, und nun wüsste, wie sie sich selbst durch den Raum hindurchbewegt hat.

   In einem Punkte allerdings hinkt der von uns gebrauchte Vergleich: darin nämlich, dass das Aufschlagen der Augen nur ein einmaliger Akt ist, der, wenn er einmal vollzogen ist, nicht weiter gesteigert werden kann. Wir können das Auge nicht noch mehr aufschlagen, und wir sehen, wenn wir es einmal geöffnet und auf etwas hingerichtet haben, in der zweiten Minute nicht mehr als in der ersten. Das seelische Augenaufschlagen: das Denken, durch das wir in einem höheren, wesenhaften Sinne die Dinge "sehen", ist nicht ein solcher einmaliger Akt, sondern ein ins Unendliche steigerbarer Prozess. Wir können durch den Erkenntnisprozess in einem immer höheren und umfassenderen Grade in die Weltwirklichkeit hineinwachsen. Den Anfang damit machen wir aber durchaus schon auf seiner untersten Stufe, - wenn auch uns dessen bewusst zu werden uns erst auf einer höheren Stufe möglich ist.
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   Die Antwort, die Rudolf Steiner auf die Grundfrage der modernen Erkenntnisentwicklung: das erkenntnistheoretische Problem gefunden hat, kann somit dahin formuliert werden, dass das (S72) denkerische Hervorbringen der Begriffe für den Menschen die Bedeutung hat, dass er dadurch mit seinem inneren Erleben in die objektive Weltwirklichkeit hineinwächst. Allerdings hatte Steiner zugleich damit auch erklärt, warum diese Antwort nicht durch das gewöhnliche Erleben, sondern nur durch die Herstellung eines seelischen "Ausnahmezustandes" gefunden werden könne. Im gewöhnlichen Erleben wird nämlich zu sehr auf die fertigen Produkte des Denkens: die Begriffe hingesehen und auf den praktischen Nutzen, den diese für unser äußeres Leben in der Welt haben. Neben diesem wird jene feinere, nur in den Tiefen der Seele zu erfühlende Veränderung übersehen, die in Bezug auf das Verhältnis des Menschen zur Welt in ganz realer Weise durch jeden Erkenntnisakt vor sich geht. Für denjenigen aber, der diese wahre Bedeutung des Erkennens für den Menschen einmal erfasst hat, entsteht dadurch das tiefe Bedürfnis, es in ihrem Sinne immer weiter und weiter zur Entfaltung zu bringen. Denn er sieht dasjenige, was man gewöhnlich für das Wesen des Erkennens hält, was aber nur das Resultat einer aus dem Mittelalter noch bewahrten, denn jedoch ins Materialistische umgebogenen Betrachtungsweise ist: dass es ein bloßes (für unser Leben nützliches) Nachbild der äußeren Welt im Menscheninnern erzeuge, zu dem wahren Wesen des Erkennens in einem so äußerlichen Verhältnisse stehen, dass dieses geradezu durch den Vergleich veranschaulicht werden kann, den Rudolf Steiner in dem bereits oben erwähnten Aufsatze gebraucht: "Man kann die substanzielle Natur der Getreidepflanze untersuchen mit Bezug darauf, inwiefern sich Getreide durch die in ihm enthaltenen Stoffe zum menschlichen Nahrungsmittel eignet. Diese Untersuchung kann sehr wissenschaftlich getrieben werden Und doch kann man von einem gewissen Gesichtspunkte aus sagen: eine solche Untersuchung besagt nichts für das Wesen der Pflanze, insofern sich dieses in den Vorgängen auslebt, die zum Wachsen, Blühen und Fruchttragen führen. Das innere Wesen der Pflanze offenbart sich aber in diesen Vorgängen. Und was die Pflanze als menschliches Nahrungsmittel (S73) wird, ist in gewissem Sinne eine aus dem Pflanzenwesen herausfallende Nebenwirkung. Der menschliche Erkenntnisvorgang ist seinem Wesen nach ein Glied der menschlichen Entwicklung. Was durch ihn geschieht, hat seine Bedeutung innerhalb dieser Entwicklung. Dass auf einer gewissen Stufe dieser Entwicklung in der Gedanken- und Ideenbetätigung auch ein Abbild der Aussenwelt zutagetritt, ist dem Erkenntnisvorgang in einem ähnlichen Sinn nicht ureigentümlich, wie das Eintreten des Getreides in die menschliche Ernährung." Aus diesem Grunde also wird es dem, der die wahre Natur des Erkennens erfasst hat, dadurch nun geradezu zum Bedürfnis und zur Aufgabe, es in der Richtung weiter zur Entfaltung zu bringen, die durch dieses sein wahres inneres Wesen gewiesen wird. Was sich auf diesem Wege aber einstellt, von dem zeigte Rudolf Steiner, dass es zu dem Erleben einer übersinnlichen Welt führt, das er als die Quelle seiner anthroposophischen Darstellungen für sich in Anspruch nimmt. Damit aber hatte er zugleich die erkenntnistheoretische Begründung der anthroposophischen Geistesforschung gegeben. Denn wenn die Betätigung der Seele, durch welche diese im Sinne der Anthroposophie die übersinnliche Welt erlebt, in der Tat nur eine gesteigerte, entwickeltere Form derjenigen ist, die auf ihrer untersten Stufe als Denken auftritt, dann gilt auch für sie, ja sogar noch in höherem Grade, was Steiner schon für das gewöhnliche Denken erwiesen hatte: dass der Mensch mit ihr nicht in seiner Subjektivität verbleibt, sondern sich mit einem objektiven Wirklichkeitselement verbindet.

   "Wenn ich", so heißt es wiederum in dem erwähnten Aufsatz, "in meinen geisteswissenschaftlichen Schriften diejenigen Erkenntnisvorgänge darstelle, welche durch geistige Erfahrung und Beobachtung zu Vorstellungen führen über die geistige Welt, ... so durfte dieses nach meiner Auffassung nur dann als wissenschaftlich berechtigt hingestellt werden, wenn der Beweis vorlag, dass der Vorgang des reinen Denkens selbst schon sich als die erste Stufe derjenigen Vorgänge erweist, durch welche übersinnliche (S74) Erkenntnisse erlangt werden. Diesen Beweis glaube ich in meinen früheren Schriften erbracht zu haben." Und: "Ich lehne für den Bereich der geistigen Erkenntniskräfte jede menschliche Verrichtung ab, die unter das reine Denken herunterführt und erkenne nur eine solche an, die über dieses reine Denken hinausgeleitet."
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   Was aber bedeutete diese Begründung und Entwicklung der Anthroposophie aus den charakterisierten erkenntniskritischen Einsichten heraus eigentlich?

   Wir hatten oben gesagt, dass Rudolf Steiner erst die Grundfrage der neueren Erkenntnisentwicklung: das erkenntnistheoretische Rätsel gelöst habe. Wir konnten dann die von ihm gefundene Lösung dieses Rätsels so formulieren: In bezug auf sein Verhältnis zum Menschen stellt sich das Denken als die Tätigkeit dar, durch die dieser mit der Weltwirklichkeit fortschreitend zusammenwächst. Nun muss aber beachtet werden, dass diese Seite des Denkens, die es da in seinem Verhältnis zum Menschen offenbart, seine wichtigste ist, ja sein eigentliches inneres Wesen ausmacht, da sie ja auf die innerlichste Art: indem es sich nämlich selber in sich erfasst, zur Offenbarung kommt. Dadurch aber können wir nun die Bedeutung von Steiners erkenntnistheoretischen Arbeiten in weltgeschichtlichem Sinne noch genauer so charakterisieren: Sie bezeichnen den Punkt in der Entwicklung des menschlichen Denkens, auf dem dieses, nachdem es zuerst in der griechischen Zeit gewissermaßen von außen in seinen verschiedenen Funktionen beschrieben, im Mittelalter dann in seinem Verhältnis zur Welt bestimmt worden war, nun mit der Beantwortung der Frage nach seinem Verhältnis zum Menschen zugleich sein innerstes Wesen enthüllt hat.

   Indem sich dieses dabei nun aber als eine der Triebkräfte der menschlichen Entwicklung entpuppt hat, hatte diese Enthüllung für die Menschheit eine unermesslich bedeutungsvolle Folge: Es kann nämlich das Denken von diesem Augenblick (S75) an der Menschheit von sich aus den Dienst nicht weiter leisten, den es ihr leisten konnte, solange seine Wesenheit unerkannt in ihr wirkte. Von nun an muss der Mensch es bewusst, aus eigener Kraft und eigenem Wollen in dem Sinne weiter betätigen, der in seinem Wesen liegt, und in dem es bisher ohne des Menschen Bewusstsein und Absicht gewirkt hat. Nichts anderes als dies ist aber das Wesen und Wollen der Anthroposophie. So wird also verständlich, warum Rudolf Steiner als der Enthüller des wahren Wesens des Denkens zum Inaugurator der Anthroposophie werden musste.

   Das gilt in bezug auf die Zukunft. Aber auch in bezug auf die Vergangenheit wird etwas durchaus Neues notwendig dadurch, dass die wahre Bedeutung des Denkens für den Menschen darin erkannt worden ist, dass es ihn in seiner Entwicklung von Stufe zu Stufe weiterbringt. Und dieses Neue ist zugleich auch dazu notwendig, um nun das konkrete Wie der Betätigung des Denkens zu verstehen, die im Sinne von dessen wahrer menschheitserzieherischer
Mission die Anthroposophie gerade vom gegenwärtigen Zeitpunkt an weiterhin zu entfalten für die Menschheit als notwendig betrachtet. Eine solche Betrachtung der Vergangenheit nämlich wird jetzt zur Aufgabe, die sich nicht mehr der Meinung hingibt: wenn in einem bestimmten Zeitpunkte der Menschheitsentwicklung eine bestimmte Art der Naturbetrachtung z.B. diejenige der modernen Naturwissenschaft ausgebildet worden ist. so sei dies deshalb der Fall gewesen, weil einzig diese Betrachtungsweise gleichsam die von der Natur selbst geforderte sei, - sondern die zu der Einsicht vordringt, dass dies deshalb so war, weil das Denken, um in dem betreffenden Zeitabschnitte die Menschheitsentwicklung weiterzubringen, diese Gestalt annehmen musste. Eine solche Betrachtung, die eine völlige Umkehrung der Fragen bedeutet, die bisher an die Geschichte gestellt worden sind, führt zu der Erkenntnis, dass das Denken selber im Laufe seines menschheitserzieherischen Wirkens wiederholte Metamorphosen durchgemacht hat. Als deren Ausdruck ist das wahre (S76) Wesen z.B. jener Unterschiede zwischen der antiken, der mittelalterlichen und der modernen Philosophie zu verstehen, die wir oben geschildert haben. (Damit fällt von dieser letzten Erkenntnis über das Denken zugleich auch noch ein erhellendes Licht zurück auf die von uns oben geschilderten früheren Erkenntnisse über dasselbe, die im Altertum Aristoteles, im Mittelalter Thomas von Aquino errungen hatten. Nicht in dem Sinne, als ob diese in bezug auf ihre Inhalte dadurch überholt oder korrigiert würden. Sondern in dem Sinne, dass jetzt die in den Entwicklungsnotwendigkeiten der Menschheit liegenden Gründe dafür verständlich werden, dass zu der einen Zeit diese, zur anderen jene Frage in bezug auf das Denken gestellt und beantwortet wurde.) Es stellt sich für diese Betrachtungsweise nämlich heraus, dass das Denken in Erfüllung seiner menschheitserzieherischen Aufgabe erst in einem gewissen Zeitpunkte aus der geistigen Welt in das Menschenwesen eingezogen ist. Der Mensch nimmt dadurch einen Teil von etwas in sein Wesen auf, das früher ganz in der geistigen Welt gewesen ist. Die so grandiose Entwicklung der Philosophie in Griechenland bietet in Wahrheit nichts anderes dar als das Schauspiel dieser Eingliederung des Denkens in das Menschenwesen. Erhebend ist es von diesem Gesichtspunkte aus die Anstrengungen zu verfolgen, durch die die Menschen sich des Denkens mehr und mehr bemächtigen. Aber doch bleibt bis ans Ende der griechischen Philosophie das Gefühl vorhanden, das wir oben charakterisierten, dass eigentlich das Denken eine objektive Weltentätigkeit sei. In der nachchristlichen Zeit verschmilzt dann das Denken immer mehr mit der menschlichen Persönlichkeit. Aber dieses Verschmelzen ist zugleich wie ein Hineinsterben in das Menscheninnere. Wie die Pflanze ihr reichentfaltetes Leben im Herbste gleichsam hineinverschwinden lässt in die Frucht, in welcher konzentriert es zunächst für eine Zeitlang ein verborgenes Dasein führt, so stirbt der reiche Weltinhalt, der in dem Denken desto großartiger lebte, je weiter wir in die Vergangenheit zurückgehen, allmählich hinein in die Entfaltung der verinnerlichten, vermenschlichten Denkkraft. (S77) Er muss da für eine Zeitlang in die Verborgenheit versinken. Der Ausdruck hierfür ist die Entwicklung der modernen Naturwissenschaft. In ihr musste die eigentliche Wesenheit des Denkens in den Untergründen der menschlichen Seele schlummern bleiben. Sie ist ja nach einem Worte Machs "das Denken der Welt nach dem Prinzipe des kleinsten Kraftmasses". Sie strebt nach einer Naturerklärung, für deren Erfassung das kleinstmögliche Mass von Denkenergie aufgewendet werden muss. Aber aus diesem Todesschlaf ist das Denken in unserer Zeit im Begriffe, zu neuem Leben aufzuerstehen. Hierbei kommt nun aber - und dadurch unterscheidet sich der Geschichtsprozess von dem zum Vergleich herangezogenen Naturprozess, indem er in seinem Verlaufe immer Neues hervorbringt, während dieser sich stets nur in der gleichen Weise wiederholt - hier kommt nun zugleich seine eigentliche Wesenheit endlich für den Menschen zur Enthüllung. Dadurch wird der Mensch aufgerufen zum Mitwirker an dieser Auferstehung. Denn durch ihr Eintreten in sein Bewusstsein hört die Wirksamkeit des Denkens auf, in der bisherigen naturhaften Weise sich weiter "von selbst" zu vollziehen. Sie findet ihren weiteren Fortschritt nunmehr nur nach Maßgabe des freien menschlichen Mithelfens. Diese Auferweckung des Denkens haben wir in Rudolf Steiners erkenntnistheoretischen Bemühungen sich vollziehen sehen. Dadurch aber konnte sich nun aus dem zu neuem Leben aufblühenden Denken alles das wiederentfalten, was einstmals in ihm gelebt, und was dann eine Zeitlang im Grabe der menschlichen Seele hatte ruhen müssen. Denn nichts anderes als das, was in den verborgenen Untergründen des Denkwesens gewaltet hatte, ist dasjenige, was dann in dem anthroposophischen Weltbilde zur Ausgestaltung gekommen ist. In ihm steht die Weltenweisheit, die in Urzeiten einstmals da war, aus dem Menschen heraus neugeboren, in ihrer ganzen Großartigkeit wieder da.
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   Aus diesen Darlegungen hat sich nun ein konkret-inhaltliches Bild von dem ergeben, was Rudolf Steiner mit der Lösung (S78) des erkenntnistheoretischen Problems und der Begründung der Anthroposophie vollbracht hat. Wir verstehen diese jetzt als die Auferweckung des Denkens vom "Tode" und die Ausgestaltung dessen, was in ihm, zu neuem Leben aufgerufen, an Inhalten sich entfalten kann. Und wir verstehen jetzt, wie beides: die Auferweckung des Denkens und die Begründung einer lebendigen geistigen Welterkenntnis notwendig miteinander zusammenhängt. Es lag die letztere wie ein der Entfaltung harrender Zukunftskeim in demjenigen verborgen, was die neuere Zeit als Denken kannte. Diese Tatsache ist aus der Art und Weise ersichtlich, wie sich Rudolf Steiners Lebenswerk entfaltet hat. Sie zieht sich als ein für dessen Ausbau bestimmender Grundgesichtspunkt durch dieses sein Lebenswerk hindurch. So konnte Rudolf Steiner denn auch, als er zum Abschlusse desselben in einer Reihe zunächst für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft gegebener Vorträge und Aufsätze die innerste Natur seiner anthroposophischen Lehre enthüllte, diese als dasjenige charakterisieren, was wir im Vorangehenden als die Entwicklung des wahren Denkwesens, als den Weg der "kosmischen Intelligenz" durch das Menschenwesen hindurch geschildert haben. So hat er in einem seiner letzten Aufsätze dieses Leitmotiv seines ganzen Wirkens in monumentalen Sätzen charakterisiert: Nachdem er am Anfang dieses Aufsatzes die ganze fundamentale Umkehrung in der Betrachtung des Denkens aufzeigt, die er mit seiner Erkenntnistheorie inauguriert und aus der er dann die ganze Anthroposophie herausgestaltet hat, schreibt er: "Da denkt man: draußen ist die Natur mit ihren Vorgängen und Wesen; im Innern, da sind die Ideen. Diese stellen Begriffe von Naturwesen dar, oder auch sogenannte Naturgesetze. Es kommt den Denkern dabei vor allem darauf an, zu zeigen, wie man die Ideen bildet, die das rechte Verhältnis zu den Naturwesen haben, oder die wahre Naturgesetze enthalten. Man legt dabei wenig Wert darauf, wie diese Ideen zu dem Menschen stehen, der sie hat. Und doch wird man, worauf es ankommt, nur einsehen, wenn man vor allem die Frage aufwirft: Was erlebt der (S79) Mensch in den neueren naturwissenschaftlichen Ideen?" Und nun zeigt er, wie der heutige Mensch sich selbst als den Ausbildner seiner Ideen in so hohem Grade erlebt, dass er die objektive Weltbedeutung derselben zunächst nicht empfinden kann, - im äußersten Gegensatz zu früheren Zeiten der Menschheitsentwicklung, in denen man die Gedanken als etwas empfand, das eine Weltintelligenz erzeugt, und das diese einem dann nur offenbart.

   Im Anschluss daran schildert er, wie die hierin zum Ausdruck kommende Entwicklung vier deutlich zu unterscheidende Etappen durchlaufen habe. In einer ersten wurden die Gedanken noch als in der rein geistigen Welt seiende geistige Wesenheiten erlebt. In einer zweiten als seelische Offenbarung von geistigen Wesenheiten, in einer dritten nurmehr als lebendige Kräfte, und in der vierten (gegenwärtigen) endlich nurmehr als tote Schattenbilder. Gleichzeitig aber zeigt er, wie der Mensch dadurch um ebensoviele Stufen aufgestiegen sei in seiner Entwicklung zur Freiheit gegenüber der geistigen Welt. Solange er in seinen Gedanken noch die Tätigkeit geistiger Wesenheiten empfand, fühlte er sich ihnen gegenüber unfrei. Erst als sie zu Schatten erstorben waren, als deren Hervorbringer er sich selbst erlebt, erwarb er sich ihnen gegenüber die volle Selbständigkeit. Erweckt er sie nun aber durch seine eigene Kraft wieder zum geistigen Leben, dann verbinden sie ihn durch diese ihrer eigene geistige Lebendigkeit wieder mit dem Leben der Geistwelt, aber als ein Wesen, das nun ein schaffend-erzeugendes ist, wie die Wesen der Geistwelt schaffende sind. Das ist die Richtung, in der die Zukunft der Menschheitsentwicklung liegt, das ist dasjenige, was Rudolf Steiner durch die Anthroposophie anbahnen wollte.
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Rudolf Steiners Leben und Lehre