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Anthroposophie        =           Dreigliederung

Impuls - Reaktion - Inkarnation   1919 - 1969 - 2019    Geschichte - Quellen - Material

I
Die erkenntnistheoretischen Ausgangspunkte
und die Anknüpfung an Goethe


   Aus den vorangehenden einleitenden Bemerkungen geht wohl hervor, daß die Anthroposophie Rudolf Steiners nicht zufällig in unsrer Zeit auftritt, sondern aus den tiefsten Lebensforderungen der Gegenwart und der nächsten Zukunft herausgeboren ist. Will man daher die eigentümliche Art verstehen, in der sie diesen Forderungen gerecht zu werden versucht, so muß man zunächst Grundcharakter des modernen Geisteslebens in einer präzisen Weise ins Auge fassen.


   Dieser hat sich ja in seiner Eigenart erst herausgebildet seit der tiefgehenden Umwandlung, die das menschliche Seelenleben im Beginne der Neuzeit erfahren hat. Während dieses im Mittelalter noch wie träumend in sich selbst webte und der göttlich-geistigen Welt hingegeben war, die sich durch dieses träumende Weben in seinem Innern ankündigte, erwachte es im 15., 16. Jahrhundert für die sinnliche Außenwelt und wandte seitdem seine Aufmerksamkeit, seine Betätigung immer mehr dieser zu. Das Eigentümliche an diesem Erwachen bestand nun aber darin, daß die menschliche Seele jetzt in Wissenschaft und Kunst nicht etwa den ganzen Umfang dessen auszusprechen begann, was sie im Verkehr mit der Außenwelt erlebte, sondern nur einen bestimmten Teil davon. Die Empfindung nämlich, aus einem früheren träumerischen Erleben zu einem bewussteren erwacht zu sein, lebte so stark und so beglückend in ihr, da sie vor allem diejenigen Erlebnisse gegenüber der Aussenwelt pflegt und aussprach, in denen sie die errungene Wachheit am stärksten erleben konnte. Das sind aber die Vorstellungserlebnisse. Denn diese erleben wir zunächst mit einem höheren Grade von Bewußtheit als unsere Gefühls- und Willenserlebnisse. Ja, in ihnen allein sind wir eigentlich vollwach, während (S18) wir unsere Gefühle, selbst im sogenannten Wachbewußtsein, immer mehr oder weniger verträumen. Auf alles Un- und Halbbewußte sah damals aber der Mensch mit Geringschätzung und Mißtrauen herab. Er wollte ganz wach sein, und dies führte ihn allmählich zu einer immer einseitigeren Pflege des Vorstellungslebens und namentlich desjenigen Teiles desselben, der innerhalb des Vorstellungslebens selbst wiederum der wacheste ist: des mathematischen Vorstellens. Dadurch verkümmerten aber die übrigen Vorstellungskräfte, und vor allem die anderen Seelenkräfte, Fühlen und Wollen immer mehr, und bereits am Ende des 18. Jahrhunderts sah sich der Mensch durch diese einseitige Art seiner Seelenbetätigung in einen tragischen Zustand hineingeraten, in bezug auf seine Stellung innerhalb der Welt. Durch die Kantische Philosophie ist diese Situation damals rückhaltlos ausgesprochen worden: Das menschliche Vorstellen war, weil es nur nach der mathematischen Richtung hin geübt worden war, in seiner Totalität so verarmt und geschwächt, daß es sich nicht mehr mit dem vollen Wesen der äußeren Welterscheinungen verbinden konnte. Es vermochte nurmehr, allerdings in höchster Exaktheit, die mathematischen Verhältnisse derselben zu erfassen; aber diese sind nur ein Teil der Gesamtwirklichkeit und zudem ihr alleräußerlichster. Nurmehr an der Oberfläche der Dinge also konnte der moderne Mensch mit seinem Denken hingleiten, aber nicht mehr in ihre Tiefen dringen. Aber nicht allein das Innere der Dinge hatte sich diesem nur mathematischen Vorstellen verschlossen, sondern auch das Innere der menschlichen Seele selbst. Auch in ihre Tiefen konnte es nicht mehr hinuntersteigen. Diese hatten sich zu einem undurchdringlichen Dunkel verfinstert, und die Welt, die früher in diesen Tiefen als eine objektive Geistwelt vernommen werden konnte, ward zu einem unerreichbaren Jenseits. Als begrenzt musste daher Kant die menschliche Erkenntnisfähigkeit erklären, nach außen, aber auch nach innen. So hatte das moderne wissenschaftliche, d.h. einseitig mathematisch orientierte Denken den Menschen losgerissen sowohl von der Welt der äußeren Dinge, (S19) als auch von der Welt, in der seine eigene Seele wurzelt. Zwar fühlte er noch, daß es solche, seinem Wissen entschwundene Weltengebiete gebe, und daß er, wenn auch nicht dem Bewußtsein, so doch dem Sein nach mit ihnen zusammenhänge. Und so suchte Kant, was dem Wissen verlorengegangen war, für den Glauben zu erhalten. Aber die einmal eingeschlagene Entwicklung ging im 19. Jahrhundert noch weiter. Hatte Kant nur dem Denken die Fähigkeit absprechen müssen, in das Innere der Dinge einzudringen, so schritt das 19. Jahrhundert zu der Behauptung fort, daß schon unsere Sinne uns von dem Äußeren derselben falsche Bilder malen. Licht, Ton, Wärme usw. gibt es so, wie wir sie erleben, draußen gar nicht. Die Welt sieht nicht so aus, wie wir sie wahrnehmen. Wie sie ist, können wir überhaupt nicht wissen, da wir nun einmal aus unserer Haut nicht heraus können. Darüber sind nur Vermutungen möglich. Damit sah sich die Seele nun nicht nur mit ihren Gedanken, sondern auch mit ihren Sinneswahrnehmungen in sich selbst eingeschlossen, und keine Möglichkeit mehr gab es für sie, mit der Wirklichkeit der Dinge in Berührung zu kommen. Sie war von der Außenwelt, für die sie erst recht erwacht zu sein glaubte, gänzlich abgeschnitten. Aber auch von ihren eigenen unterbewußten Tiefen und der Welt, in der sie nach dieser Seite hin wurzelt, wurde ihr Bewußtsein im 19. Jahrhundert vollends losgerissen. Wenn Kant hier eine Verbindung mit einer objektiven Welt wenigstens noch fühlte, indem er die in der Seele lebenden moralischen Impulse als Ausdruck ihres Zusammenhanges mit einer ansichseienden geistig-moralischen Welt empfand, die selbst zwar als unerkennbar von ihm bezeichnet wurde, so schwand im 19. Jahrhundert auch das letzte Gefühl von dieser Bedeutung des Moralischen dahin, und man erklärte es für ein Produkt bloßer Konvention oder für eine Maßregel purer Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit. Aber nicht genug damit, daß man die Seele so von ihrem Mutterboden losriß, der ihr als moralischem Wesen allein Halt verleihen und Lebenskräfte spenden kann, und das Fundament ihres Daseins, die Sittlichkeit, auf den schwankenden Grund (S20) der Konvention stellte - man ging vollends dazu über - was ja nur folgerichtig war, wenn man einmal die Existenz einer geistigen Welt als der Bewirkerin des Moralischen im Menschen leugnete - auch der Seele selbst die Existenz abzusprechen. Denn, wenn es kein objektives Seelisch-Geistiges in der Welt gibt, woher sollte dann ein solches im Menschen kommen? Die moderne Psychologie wies in der Tat darauf hin, daß Seelisches überall, wo es auftritt, an eine physisch-materielle Organisation gebunden sei, und daß Verletzung oder Zerstörung dieser physischen Organisation auch Störung oder Verschwinden des Seelischen zur Folge habe. Man habe daher kein Recht, vom Seelischen als einer selbständigen Wirklichkeit zu sprechen, solange nicht ein leibfreies Seelisches aufgewiesen werden könne. Damit hatte die menschliche Seele nun vollends den Todesstreich erhalten. Und der moderne Mensch stand am Ende des 19. Jahrhunderts so in der Welt, daß er sich sagen mußte: Blicke ich hinaus in die Welt, so muß ich mir bewußt sein, daß, was da als Inhalt meiner Wahrnehmungen und Gedanken erscheint, in Wirklichkeit nur ein Täuschespiel meiner Sinne und ein Gespinst meines Gehirnes ist. Die wirkliche Außenwelt werde ich nie erfassen können. Blicke ich aber in mein Inneres hinein, auf mein moralisches Streben, auf mein Schicksal, so muß ich mir darüber klar sein, daß "Ich" in Wirklichkeit gar nicht existiere. Gewisse Vorgänge in dieser mir unbekannten Leiblichkeit spielen sich ab; sie bringen die Täuschung des Ichbewußtseins hervor, sie erzeugen die Illusionen des Moralischen, sie bewirken mein Schicksal. Mit der Zerstörung dieser Leiblichkeit aber wird dieses Ichbewußtsein aufhören, werden diese moralischen Ideale zerstieben, wird dieses Schicksal ein Ende haben.


   Solche Gedankengänge mögen für wissenschaftliche Spekulationen gehalten werden, um die sich das wirkliche Leben doch nicht kümmere. Allein, wer die tausend Kanäle kennt, durch die wissenschaftliche Ansichten in das allgemeine Zeitbewußtsein einfliessen, er weiß, daß, was in einer Generation Gedanke ist, in der nächsten Leben wird.


(S21)   Und die Lebenswirkungen dieser wissenschaftlichen  Anschauungen des 19. Jahrhunderts sind denn auch in der modernen Zivilisation alsbald in Erscheinung getreten. In dem Seelengefängnis, in das das Erkenntnisstreben zunächst theoretisch eingesperrt worden war, ist bald jeglicher Erkenntnismut erstorben. Seine Ohnmacht, die erst eine Theorie war, ist eine Tatsache geworden,  die jeden Versuch eines freien Gedankenaufschwunges gelähmt oder verpönt hat. Aus dem sittlichen Leben ist der Halt und die Schöpferkraft, die ihm zunächst in der Theorie entzogen wurden, bald auch in der Praxis geschwunden. Die überkommenen moralischen Ideale haben sich rasch aufgelöst, neue konnten nicht geschaffen werden, da die Quelle der sittlichen Produktivität zugeschüttet  war, und so verkommt unsere Gegenwart in sittlicher Haltlosigkeit und Korruption. Die allgemeine Selbstzerstörung und Auflösung unserer Zivilisation hat im zweiten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts mit der Weltkriegskatastrophe eingesetzt, und sie macht seither schnelle Fortschritte. Vielen ist der  "Untergang des Abendlandes" eine Tatsache geworden, die weder bezweifelt noch aber auch aufgehalten werden kann.


   Solchen Anschauungen fand sich nun Rudolf Steiner gegenübergestellt, als er im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aufwuchs, und in solche Perspektiven sah er hinein, wenn er in die Zukunft blickte. Wie wenige auch damals schon diese Perspektiven erkennen mochten, vor seiner Seele standen sie schon in voller Deutlichkeit, und zwar aus einem bestimmten Grunde.


   Er war 1861 als Sohn eines österreichischen Südbahnbeamten geboren, hatte dann in den siebziger Jahren die Realschule in Wiener Neustadt besucht und darauf, zum Zwecke eines naturwissenschaftlichen Studiums, die Technische Hochschule in Wien bezogen. Elternhaus - durch den Beruf des Vaters -, Bildungsgang und wissenschaftliches Studium hatten sich also vereinigt, um ihn tief hineinwachsen zu lassen in die moderne Naturwissenschaft und in alles dasjenige, was diese an technischen Errungenschaften für die moderne Zivilisation, aber auch in die oben geschilderten (S22) Konsequenzen, die sie für Philosophie und Weltanschauung mit sich gebracht hatte.


   Aber all diesem stand schon seit früher Jugend in seiner Seele ein Anderes gegenüber. Es war ihm nämlich - so erzählt er in seiner Selbstbiographie - seit etwa seinem sechsten Lebensjahre ein übersinnliches Erleben eigen, durch das eine geistige Welt in seine Seele hereinleuchtete. Dies war zunächst einfach eine Tatsache, die in seinem Seelenleben vorlag. Indem er nun aber, zum Knaben und Jüngling heranwachsend, sich bemühte, über Wesen, Art und Bedeutung dieses seines übersinnlichen Erlebens sich selbst Rechenschaft zu geben und sie in der Begriffssprache der erkenntnistheoretischen Anschauungen seiner Zeit zu kennzeichnen und zu bestimmen, mußte er erkennen, daß diese Anschauungen gar nicht die volle Wahrheit über die menschliche Erkenntnis umfassten, sondern lediglich eine Beschreibung derjenigen Bewußtseinsverfassung darstellten, die eben diejenige der überwiegenden Mehrheit der damaligen Menschen war. Denn, wenn in diesen erkenntnistheoretischen Auseinandersetzungen seiner Zeit der Beweis geführt wurde, daß die wahre Wirklichkeit der äußeren Dinge dem menschlichen Erkennnen unerreichbar sei, so mußte er diesem die Tatsache gegenüberstellen, daß er diese Wirklichkeit erlebe; wenn in ihnen die Annahme ausgesprochen wurde, daß diese Wirklichkeit eine materielle sei, so konnte er dieser das Wissen entgegenstellen, daß sie geistiger Natur sei; und wenn eine reale geistig-moralische Welt geleugnet und das Sittliche als ein Produkt der Konvention erklärt wurde, so sah und erlebte er, wie es ursprünglich einmal in diese Konvention aus der geistigen Welt eingeflossen ist und auch heute in das menschliche Dasein einfließen kann. Aus diesem immer wiederholten Gegenüberstellen und Vergleichen seines eigenen tatsächlichen Erlebens mit den erkenntnistheoretischen Feststellungen seiner Zeit wurde ihm aber auch klar, wie sehr das Menschenleben verarmen und veröden, und wie es zuletzt notwendig in sich ersterben müßte, wenn das Bewußtsein der Menschen von den geistigen Welten für immer abgeschnürt wäre, in (S23) denen er ihn seinem ganzen Sein nach verwurzelt sah. Aus der Betrachtung der modernen Zivilisationsentwicklung ersah er nun aber, daß die Menschheit in ihrem Bewußtsein schon seit langen Zeiten den unmittelbaren Zusammenhang mit den übersinnlichen Welten verloren habe, daß jetzt aber auch die Traditionen und Kulturgüter, die aus einem früheren Erleben der geistigen Welt einstmals herausgeflossen sind und in denen sich seither wenigstens ein mittelbarer Zusammenhang mit den Lebensquellen der geistigen Welt erhalten hatte, aus dem die Menschheit bisher noch ihre geistige Nahrung sog, ihre letzte Lebenskraft erschöpft haben. So sah er die Menschheitsentwicklung an einem Punkt angekommen, von dem an sie, wenn nichts weiter geschähe, einem geistig-seelischen Hungertode entgegengehen müsste. Und daraus ergab ich ihm die dritte Einsicht, die ihm zugleich zum Entschluß wurde und sich ihm als seine Lebensaufgabe darstellte, daß er Zeitpunkt gekommen sei, da der Menschheit die geistige Welt wieder eröffnet werden müsse.


   Wenn er nun aber erwog, wie dies geschehen könne, so mußte er sich zunächst die Frage beantworten: Was liegt denn in dieser ganzen modernen Bewußtseinsentwicklung eigentlich vor? Hat sie neben all den tragischen Wirkungen, wie sie im vorangehenden geschildert wurden, nicht auch einen positiven Sinn? Ja, sind alle diese ihre gefährlichen Folgen nicht vielleicht nur die negative Kehrseite bestimmter positiver Eigenschaften? Und er mußte diese Frage durchaus bejahen. Wir haben ja in unserer Schilderung auf diese positiven Ergebnisse der modernen Geistesentwicklung schon hingedeutet. Sie liegen in dem immer höher steigenden Grade der Bewußtheit des Seelenlebens, der Exaktheit des Denkens und im Zusammenhang damit des inneren Selbständigkeits- und Freiheitsgefühles der menschlichen Persönlichkeit. So wie der einzelne Mensch zu Selbständigkeit und Selbstbewußtsein nur dadurch gelangt, daß er aus der ursprünglichen Geborgenheit im heimatlich-elterlichen Hause heraustritt und als Einsamer in eine fremde Umgebung versetzt wird, so hat die Gesamtmenschheit dadurch, daß sich ihr Bewußtsein aus einer ursprünglichen (S24) Verbundenheit mit ihrer heimatlichen Geistmutterwelt Stück für Stück losriß und sich in der "Fremde" der materiellen Welt in sich selbst eingeschlossen und vereinsamt fand, allmählich innere Selbständigkeit und Selbstbewußtheit erlangt. Und diese Bewußtheit, Exaktheit, Klarheit ihres Erlebens entwickelte sich ja, wie wir andeuteten, vor allem durch die Ausbildung des mathematisch orientierten wissenschaftlichen Denkens. Sollten aber jetzt, nachdem diese Fähigkeit erworben war, die gefährlichen Folgen, die ihre Entwicklung mit sich gebracht, indem sie den Menschen zunächst aus allen Zusammenhängen mit der  Weltwirklichkeit herausriß, verhütet werden dadurch, daß ihm der Zugang zur Weltwirklichkeit wieder eröffnet wurde, so durfte dies, wenn es dem ganzen Sinn der modernen Geistesentwicklung nicht zuwiderlaufen sollte, nur so geschehen, daß dem Menschen dadurch nicht nur nichts von dem erreichten Grade der Bewußtheit verlorenging, sondern auch ein ungestörter weiterer Fortgang der Bewußtseinsentwicklung gewährleistet wurde. Da aber sein heutiges Bewußtsein und dessen weitere Entwicklung innigst verknüpft ist mit der Pflege und Weiterbildung des wissenschaftlichen Denkens, so hieß dieses so viel wie daß die Wiederverbindung des menschlichen Bewußtseins mit den geistigen Weltengründen für dieses zugleich den Weg zur weiteren Entwicklung seines wissenschaftlichen Denkens bilden müsse. An das wissenschaftliche Denken unserer Zeit als das positive Ergebnis der modernen Geistesentwicklung mußte also angeknüpft und gezeigt werden, wie seine Entfaltung, nachdem sie das menschliche Bewußtsein zunächst aus der Weltwirklichkeit entwurzelt hat, es in ihrem weiteren Fortgang wieder mit ihr verbinden kann. Von seiner augenblicklichen Bewußtseinsverfassung ausgehend, mußte dem modernen Menschen ein Weg zum Erleben der geistigen Welt gebahnt werden. Dies war zunächst die eine Seite der Aufgabe, die Rudolf Steiner vor sich sah.


   Die andre Seite betraf die Darstellung der übersinnlichen Welt selbst. Wie der Weg in dieselbe zum Ausgangspunkt nehmen (S25) mußte das gegenwärtige wissenschaftliche Bewußtsein, wenn es den Willen der modernen Entwicklung nicht verleugnen sollte, so mußte die Darstellung der übersinnlichen Welt in die Begriffssprache dieses Bewußtseins gekleidet werden, wenn sie das Verständnis der modernen Menschheit finden sollte. Denn das Erleben der übersinnlichen Welt geschieht in einer Art, die von dem in Wahrnnehmen und Vorstellen verlaufenden Erleben des gewöhnlichen Bewußtseins gänzlich verschieden ist. Hätte Rudolf Steiner daher die geistige Welt unmittelbar in der Form schildern wollen, in der er sie selbst erlebte, so hätte die moderne Menschheit mit diesen Schilderungen gar nichts anfangen können. Dieser Form stand ja noch nahe die Art, wie in den Mythologien der alten Völker und in den religiösen Urkunden älterer Zeiten von der geistigen Welt und ihren Wesen gesprochen wurde. Aber von diesen überlieferten Zeugnissen eines früheren Geisterlebens sah ja Rudolf Steiner, daß sie von der modernen Menschheit nicht mehr verstanden und deshalb als Phantasterei oder Aberglauben abgelehnt wurden. Er mußte also danach streben, seine übersinnlichen Erlebnisse in eine begriffliche Sprache zu übersetzen. Und dieses Umgießen seiner Geisterkenntnisse in begrifflich-philosophische Ausdrucksform war die andere Seite der Aufgabe, die er sich gestellt sah.


   Die erste der angedeuteten Aufgaben hat er nun im wesentlichen durch sein erkenntnis-theoretischen Schriften gelöst, die zweite durch seine Anknüpfung an die naturwissenschaftlichen Begriffsbildungen Goethes.


   Das wesentliche Ziel von Steiners erkenntnis-theoretischen Schriften "Wahrheit und Wissenschaft" (1892), "Die Philosophie der Freiheit" (1894) u.a. ist, das folgende zu zeigen: Im Beginne der neueren Zeit erwachte das gegenwärtig als wissenschaftlich geltende Denken. Mit einem natürlichen Vertrauen wurde es zunächst auf die verschiedenen Gebiete der Welterscheinungen gerichtet. Nachdem man diese bis zu einem gewissen Grade durchforscht hatte, war es naturgemäß, daß man das (S26) Denken zuletzt auch auf sich selbst richtete und, wie man bisher über die äußeren Erscheinungen nachgedacht hatte, jetzt über das Denken selbst nachzudenken begann. Durch manche Erkenntniserfahrungen nämlich mißtrauisch gegen das Denken geworden, fragte man sich jetzt: Bin ich denn eigentlich auch berechtigt, das Denken auf die Dinge zu richten? Muß ich nicht vielmehr erst untersuchen, ob es mir überhaupt das wirkliche Wesen der Dinge erschließen kann oder ob seine Resultate nicht vielleicht nur meine Hirngespinste sind? Und solche Prüfung seiner Fähigkeit, die zum erstenmal von Kant angestellt wurde, schien diesem und der ganzen auf ihn folgenden Philosophie zu ergeben, daß das Denken in der Tat nicht imstande sei, das wirkliche Wesen der Dinge zu erfassen, sondern daß alle seine Begriffe und Ideen nur aus unserer eigenen Seele herausgesponnen und den Dingen als ein Begriffsnetz übergeworfen seien. Und dieses Resultat führte dann im 19. Jahrhundert zu der Verzweiflung am Denken, wie wir sie eingangs geschildert haben. Aber, so zeigte nun Steiner, Kant und alle seine Nachfolger haben in Wirklichkeit gar nicht, wie sie vorgaben, über das Denken nachgedacht, sondern immer nur über bestimmte Resultate desselben, Begriffe und Kategorien. Diese haben sie bei ihrer Prüfung als etwas Letztes und Endgültiges zugrunde gelegt, anstatt daß sie in den lebendig gegenwärtigen Strom der Denktätigkeit selber untergetaucht wären  und sich ohne jede festgelegte Voraussetzung gefragt hätten: Was  ist dieses Denken, und was kann durch Entwicklung aller seiner Möglichkeiten aus ihm herausgeholt  werden? Steiner zeigte nun weiter, daß den Menschen und selbst den Philosophen ihre tatsächliche Denktätigkeit gar nicht zum Bewußtsein kommt, weil ihre ganze Aufmerksamkeit immer auf deren Resultate, die Begriffe, gerichtet ist - daß aber die erkenntnistheoretische Frage nach dem Wesen und den Fähigkeiten des Denkens doch nur dadurch gelöst werden könne, daß die Denktätigkeit selber ins Bewußtsein gehoben und angeschaut werde. Und dieses gänzlich vorurteilslose Sichselbsterfassen des Denkens und Anschauens seines eigenen Wesens (S27) sei der einzig möglich und absolut sicher Ausgangspunkt für die Bildung einer Weltanschauung. Aber nun zeigte Steiner, daß dieses lebendige, wirkliche Selbsterfassen des Denkens nichts Geringeres bedeute, als ein nochmaliges Aufwachen des Menschen zu einer höheren Stufe des Bewußtseins, wie er sich im Beginne der Neuzeit durch ein erstes Aufwachen aus einem früheren träumerischen Erleben zum heutigen Wachbewußtsein erhoben habe. Und wie er durch jenes erste Aufwachen die äußere Sinneswelt bewußt zu erleben begann, so kann er durch dieses zweite höhere Aufwachen seine eigene Erkenntnistätigkeit bewußt erleben. Und es ist dieses zweite Aufwachen ein Schritt, der sich im Laufe der Entwicklung als durchaus folgerichtig ergibt nach dem ersten Schritt, den jenes erste Aufwachen im Beginne der neueren Zeit darstellt. Aber dieses Erwachen zur Wahrnehmung der eigenen Denktätigkeit ist nur dadurch möglich, daß die letztere zuerst in ihrer Intensität verstärkt wird. Erst dadurch wird sie der inneren Beobachtung wahrnehmbar. Und diese Verstärkung wiederum ist nur zu erreichen durch bestimmte, regelmäßige Denkübungen, so etwa, wie die Muskelkraft unserer Arme durch ein regelmäßiges turnerisches Üben erhöht werden kann. Und zwar bestehen diese Denkübungen darin, daß gewisse Denkakte, die sonst nur ausgeführt werden, wenn sich aus dem Leben heraus ein Anlaß dazu ergibt, aus dem freien Willen heraus in regelmäßiger Wiederholung verrichtet werden. Wird aber die Denktätigkeit in dieser Art verstärkt, so erfährt sie dadurch zugleich eine Umwandlung. Sie wird nicht nur intensiver, sie wird auch anders. Die Gedanken, die früher bloß abstrakt-schattenhaft waren, werden bildhaft angeschaut als etwas, das ein selbständiges Sein und Leben in sich hat. Man erlebt sich durch sein Denken teilnehmend an einem Kosmos lebendiger Gedankenwesenheit, der durchaus in sich selbst ruht. Und schaut man jetzt mit diesem zum Schauen gesteigerten Denken hinaus in die Welt, so sieht man, wie ihre Dinge und Vorgänge in diese flutenden Gedankenkosmos gewissermassen schwimmen und ihre Formen sich aus ihm (S28) herauskristallisieren. Man schaut das Denken als objektive Weltwesenheit, aus der die Dinge ihr gestaltetes Dasein empfangen und die dem Menschen durch sein Denken zum Bewußtseinsinhalt werden kann.   Damit war nun das moderne Bewußtsein in seinem Erleben bis an die Schwelle der geistigen Welt heran -, ja schon den ersten Schritt in die übersinnliche Welt hineingeführt, und zwar dadurch, daß seine Entwicklung durchaus im Sinne ihres bisherigen Ganges fortgesetzt worden war. Und der Weg war für den modernen Menschen gebahnt aus seiner Weltvereinsamung heraus zur Wiederverbindung mit den geistigen Weltwirklichkeiten.


   Und hier war es nun, wo Rudolf Steiner seine Darstellung dieser geistigen Welt selbst anknüpfen konnte an die wissenschaftlichen Darstellungen einer Persönlichkeit der neueren Zeit, deren Bedeutung auf wissenschaftlichem Felde ja eine gewisse Anerkennung gefunden, deren Name aber jedenfalls auf allgemein-kulturellem Gebiete den besten Klang, ja eine autoritative Bedeutung erlangt hatte: an Goethe. Goethe hatte als Naturforscher dieses schauende Denken bis zu einem gewissen Grade ausgebildet und tatsächlich geübt. Von Jugend auf empfand er lebhaft, wie Natur und Menschendasein von lebendiger Gedankenweisheitswesenheit durchflutet und gewissermaßen das lebendige Kleid seien, das von dieser göttlichen Weltenweisheit unaufhörlich gewoben und gewirkt werde. Durch ausdauernde Naturbeobachtung und Übung seines Denkens errang er sich dann allmählich die Fähigkeit, dieses Gedankenweben in den einzelnen Erscheinungen konkret anzuschauen. In seinen Ideen der Metamorphose, der Urpflanze, des Urtiers usw. hat er die Begriffsformen geschaffen, in denen dieses wirkende, bildende und verwandelnde Weben des Übersinnlichen an den Gestaltungen des Sinnlichen dargestellt werden kann. Deshalb sind seine Ideen schon von seinen Zeitgenossen, ganz besonders aber von dem materialistischen 19. Jahrhundert, so vielfach mißverstanden worden. Was war für ihn die "Urpflanze"? Nicht, wie Haeckel meinte, eine wirkliche sinnliche Pflanze, die als der Stammvater des Pflanzengeschlechtes in Urzeiten einstmals vorhanden war, sondern eine (S29) "Idee". Aber eine Idee nicht als ein menschliches Denkprodukt, sondern als ein objektiv in der Welt wirkendes Wesen, dass in jeder einzelnen Pflanze lebt und sie eben zur Pflanze macht, und das vom menschlichen Denken nur wahrgenommen, nachgebildet wird. So übte Goethe dieses schauende Denken, aber er war sich ursprünglich der Eigenart seines Erkennens gar nicht bewußt. Erst Schiller brachte ihn darauf, als er in jenem berühmten Gespräch, Juni 1794, in dessen Verlauf ihm Goethe ein schematisches Bild der Urpflanze auf ein Blatt Papier zeichnete, ihm von seinem kantischen Standpunkt aus entgegnete: "Aber das ist keine Erfahrung, sondern eine Idee!" Da antwortete Goethe: "Das kann mir sehr lieb sein, wenn ich Ideen habe, ohne es zu wissen und sie sogar mit Augen sehe!" Im Verkehr mit Schiller, und mit dessen Hilfe gelang es ihm dann, sich die Eigentümlichkeit seines Erkennens allmählich zum Bewußtsein zu bringen, ihre Eigenart zu kennzeichnen und sie als bewußte Methode weiterzubilden.


   An diesen Anfang einer Darstellung der Wirksamkeit des Geistigen im Physischen konnte nun Rudolf Steiner anknüpfen, und er suchte zu zeigen, wie die Goethesche Art, die Natur zu betrachten, wenn sie, wie Schiller es zuerst versucht hat, zur bewußten Methode ausgebildet wird, zum Ausgangspunkt einer neuen Epoche naturwissenschaftlicher Erkenntnisentwicklung werden kann. Dies ist das Ziel seiner grundlegenden Schrift: "Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, mit besonderer Rücksicht auf Schiller" (1886). Und in seinen ausführlichen Einleitungen zu der von ihm besorgten Ausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners Deutscher Nationalliteratur, in seinem Buche "Goethes Weltanschauung" und vielen anderen Arbeiten über Goethe suchte er im einzelnen die Goethesche Forschungsmethode und die hauptsächlichsten von ihr geschaffenen Begriffe, den Lichtbegriff, den Metamorphosebegriff, den Begriff des Urphänomens, der Urpflanze usw., in ihrer Berechtigung und Bedeutung zu würdigen und sie zu Darstellungsmitteln für seine eigenen viel weiter gehenden (S30) Geisterlebnisse auszugestalten. Und so sind diese von Goethe zum erstenmal geschaffenen Begriffe die Gedankenformen geworden, in die in ihrer weiteren Ausgestaltung und Fortbildung eigentlich alles das hineingegossen worden ist, was später dann durch Rudolf Steiner an mannigfaltigsten und umfassendsten Tatbeständen der übersinnlichen Welt dargestellt wurde.


   So also fand Rudolf Steiner für das, was er von eigenen Ausgangspunkten aus sich errungen hatte, in dem Naturforscher Goethe eine ersten historischen Vorläufer und Inaugurator, und das war der Grund, warum er seine eigenen Anschauungen zunächst in inniger und doch ganz freier Anknüpfung an Goethes Naturanschauungen darstellen konnte, und warum er auch in viel späterer Zeit dann der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach, in der er der Anthroposophie eine Pflegestätte gründete, den Namen "Goetheanum" gab. Er hat in Goethe zeitlebens den ersten Wegbereiter einer neuen Epoche der menschlichen Geistesentwicklung gesehen, und in seinen Naturanschauungen etwas, das die heute geltenden überdauern und zur Grundlage einer künftigen geistgemäßen Welterkenntnis werden kann.

  

   Damit war nun einerseits dem modernen Bewußtsein ein Weg zu seiner weiteren Entwicklung bis an die Schwelle der übersinnlichen Welt gebahnt, und anderseits waren innerhalb der Errungenschaften dieses modernen Bewußtseins die Begriffsformen aufgefunden und zubereitet, in denen nun mit der Darstellung der übersinnlichen Welt begonnen werden konnte. Und es durfte gehofft werden, daß diese Darstellung in dieser Form das Verständnis des modernen Menschen finden und den Weg zu ihrer Erlangung ein jeder von ihnen selbständig werde beschreiten können. Und nicht eher, als bis er sich dessen gewiß sein durfte, glaubte Rudolf Steiner mit der Offenbarung der geistigen Welt selbst hervortreten zu dürfen.