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Anthroposophie        =           Dreigliederung

Impuls - Reaktion - Inkarnation   1919 - 1969 - 2019    Geschichte - Quellen - Material

Dritter Teil
3. Erkenntnis und Offenbarung


   Damit komme ich zu einem Letzten. In den vorangehenden Kapiteln wurde immer wieder darauf hingewiesen, wie in alten Zeiten aus göttlich-geistigen Welten der Menschheit Offenbarungen zuteil geworden waren, aus denen die verschiedenen Religionen mit ihren moralischen Gebotsgebungen entstanden, und wie diese Religionen damals das ganze menschliche Dasein beherrschten und bestimmten. Zugleich wurde dargestellt, wie in neuerer Zeit durch die radikale Zuwendung der Menschheit zur materiellen Welt in Naturwissenschaft, Technik und industrieller Wirtschaft die Inhalte der Religionen immer mehr verblaßten und die ihnen entquellenden moralischen Impulsierungen versiegten. Für die abendländische Welt, die seit der Völkerwanderungszeit christianisiert worden war, bedeutete dies, daß in den letzten Jahrhunderten der christliche Glaube und die ihm entstammenden moralischen Imperative sich fortschreitend abschwächten und aushöhlten.

   Allerdings hatte das Christentum sich von den vorchristlichen heidnischen Religionen in dreifacher Weise unterschieden. Da es in einer Zeit und innerhalb eines Kulturkreises: der griechisch-römischen Antike entstanden war, in welcher die Menschheit bereits den Weg zur Einbürgerung in die materielle Welt betreten hatte, ging ihm jene naturhafte Geist-Erfahrung, von der die heidnischen Religionen noch weitgehend gelebt hatten, bald verloren. Seine Inhalte verwandelten sich in einen bloßen Glauben, dessen Vorstellungen die Kirche in Dogmen fixierte, die für wahr zu halten ihre Angehörigen durch grausamste Bekämpfung aller "Irrlehren" aufs strengste genötigt wurden. Ja, bereits die Fixierung der Dogmen (S151) war in den meisten Fällen das Ergebnis langwieriger und zum Teil schärfster Streitigkeiten zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen. Dadurch übernahm das Christentum doch zugleich ein Grundmerkmal aller vorchristlichen Relitionen: die Priesterherrschaft, die Theokratie, nur eben jetzt in Gestalt der Kirchenherrschaft, - und diese wurde viel härter, als jene in den vorchristlichen Religionen gewesen war, da die Kirche in aller Form das religiöse Lehramt für sich beanspruchte. Damit ging ein zweites Hand in Hand, das ebenfalls die vorchristlichen Religionen, besonders im Orient, gekennzeichnet hatte: eine welt- beziehungsweise erdflüchtige Grundhaltung, die sich in allerlei Formen der Askese, des Einsiedler- und Mönchtums darlebte. Dieses Sichzurücksehnen nach der göttlichen Ursprungswelt, das hier ein solches nach dem "verlorenen Paradies", nach Erlösung vom "Sündenfall" wurde, stellte sich schon an sich der Entwicklung zur Freiheit, zur Selbständigkeit entgegen, die ja nur durch die Herauslösung des Menschen aus der Geistwelt erlangt werden konnte, - und diese Tendenz wurde innerhalb des Christentums noch verstärkt durch die Unterdrückung jeder Glaubensfreiheit von seiten der Kirche.

   Ein zweiter Grundunterschied zwischen Christentum und Heidentum lag darin, daß das erstere sich herleitete vom Ereignis der Menschwerdung des Göttlichen als eines historischen, zu bestimmter Zeit an bestimmtem Ort erfolgten Geschehens, wie es keine andere Religion je gelehrt hatte. Einer Menschwerdung, die in der Besiegung der Macht des Todes durch die Auferstehung gipfelte. Dieser Unterschied läßt sich auch so kennzeichnen, daß alle heidnischen Religionen Naturreligionen gewesen waren, während das Christentum die Religion der Geschichte bildet und zwar der Geschichte der Gesamtmenschheit. Es lehrt als den Beginn derselben den Sündenfallk und die Austreibung aus dem Paradies, als ihre Mitte die Erlösungstat des menschgewordenen Gottes und als ihr Ende die Auferstehung aller am Jüngsten Tag zum Weltgericht. Man  könnte deshalb als dritten Unterschied auch diesen feststellen: Gegenüber der inneren Statik, dem Rückwärtsgewandtsein der heidnischen Religionen zum Ursprung der Welt und der Menschheit, wie ihn ihre Göttermythen schilderten, eignet dem (S152) Christentum eine innere Dynamik, die Ausrichtung nach der Zukunft auf die Verwirklichung des Gottesreiches, zu dem durch das Ereignis von Golgatha der Grundstein gelegt wurde. Freilich hat die christliche Kirche auch diese Dynamik weitgehend abgelähmt, indem sie sich selbst schon als die alle Zeiten überdauernde Verwirklichung dieses Gottesreiches verstand.

   Trotz all dieser negativen Momente seiner kirchlichen Repräsentanz darf das Christentum doch als die hauptsächlichste geistige Macht bezeichnet werden, welche die europäische Kultur seit den Zeiten der Völkerwanderung gestaltet und geprägt hat. Seit dem Aufgang der neueren Zeit ist jedoch an ihre Stelle zunehmend jene andere getreten, die durch die Naturwissenschaft, die Technik und die industrielle Wirtschaft repräsentiert wird. Die theokratische Ordnung der Gesellschaft wurde damit durch die plutokratische abgelöst. Als die eigentliche Ursache, die diesen Umschwung herbeiführte, wurde im vorangehenden immer wieder der Umstand bezeichnet, daß die Zuwendung zur materiellen Welt in dieser Zeit ihren äußersten Grad erreichte. Innerlich handelte es sich hierbei um das Ausreifen der Freiheit und es Selbstschöpfertums des Menschen. Und dieses war es, das im Verlaufe dieser neuen Ära dazu führte, daß der Mensch sich durch die genannten drei Errungenschaften zu einer eigenen Welt verselbständigte, die nicht nur den Kampf gegen Gott, sondern zugleich auch den gegen die Natur aufgenommen und dadurch sich völlig in sich selbst abgekapselt hat.

   Indem nun Rudolf Steiner den Agnostizismus, in dem die Naturwissenschaft erstarrte und erstarb, durch die Neugeburt der Erkenntnis überwand, die sich zunächst zu einer Geist-Erkenntnis als Geisteswissenschaft entfaltete, wurde damit in neuer Form die Verbindung mit der Geistwelt wieder erlangt, die in ihrer ehemaligen Gestalt: als göttliche Offenbarum im Lauf der Geschichte verloren gegangen war. Zwar hatte, nachdem die anfängliche, naturhafte Offenbarung des weltschöpferischen Väterlich-Göttlichen hingeschwunden war, in der Menschwerdung des Sohnes-Gottes eine neue Offenbarung des Göttlichen stattgefunden, die sogar im Elemente der sinnlichen Wahrnehmung erfolgte. Aber ihre eigentliche (S153) Bedeutung war zunächst doch ein Mysterium geblieben, das nur Glaubensinhalt werden konnte. Und sie war mit der "Himmelfahrt" Christi zum Abschluß gekommen.

   Jetzt aber: in der Anthroposophie wurde die Welt des Göttlich-Geistigen von neuem aufgeschlossen. Dies läßt sich auch so kennzeichnen, daß eine neue Offenbarung stattfand, - eine Offenbarung allerdings von ganz anderer Art, als es die ehemaligen des Vaters und des Sohnes gewesen waren. Eine Offenbarung nämlich, die zugleich den Charakter der Erkenntnis des Göttlich-Geistigen, einer Geistes-Wissenschaft trägt. Die Welt, die bisher Gegenstand der Religion gewesen war, wurde zum Inhalt der Erkenntnis. Als die Welt des Göttlichen, als Gegenstand der Gottesverehrung, der sie ist, gibt sie dieser Erkenntnis zugleich religiösen Charakter, - jedoch nicht mehr den einer Glaubens-, sondern den einer "Erkenntnis-Religion": nicht mehr den einer Summe von Glaubensdogmen, sondern den eines Organismus von individuell errungenen Erkenntnissen, die in der Seele des Erkennenden, wie im letzten Abschnitt erwähnt, sich in ebenfalls individuell geartete moralische Ideale umwandeln. Man könnte auch sagen: Insofern die Welt des Göttlichen durch diese Erkenntnis offenbar wurde, gab sie ihr den Charakter einer Offenbarung: einer "Erkenntnis-Offenbarung". Hierdurch ist in der Tat von einem letzten Aspekt her Wesen und Bedeutung der Anthroposophie bezeichnet. Auch von daher gesehen, stellt sie etwas absolutes Neues dar.

   Wäre sie bloße Offenbarung, das heißt eine solche von der Art der früheren Offenbarungen, dann gälte von ihr, was Karl Jaspers in seinem geschichtsphilosophischen  Werk "Vom Ursprung und Ziel der Geschichte" ausführt, wo er von den geistigen Möglichkeiten der Gegenwart und Zukunft spricht: "In kommenden Jahrhunderten werden vielleicht Menschen auftreten, die... Wahrheiten verkünden, die erfüllt vom Wissen und Erfahren unseres Zeitalters wirklich geglaubt und erlebt werden. Der Mensch würde wieder im ganzen Ernst erfahren, was es heißt, daß Gott ist, und wieder das Pneuma kennen, das das Leben hinreißt. Dies in Gestalt einer neuen Offenbarung Gottes zu erwarten, scheint jedoch verfehlt. Der Offenbarungsbegriff gehört allein der biblischen Religion. Die (S154) Offenbarung ist geschehen und ist vollendet. Der Offenbarungscharakter wird unlösbar mit der biblischen Religion verbunden bleiben. In der Helle unserer Welt würde eine mit dem Anspruch einer neuen Gottesoffenbarung auftretende Prophetie vielleicht immer als Wahnsinn wirken oder als falsche Prophetie, als Aberglauben, der versinkt vor der einen großen, wahren Prophetie, die vor Jahrtausenden stattfand".

   Vielleicht hatte Jaspers, als er diese Sätze niederschrieb, vor Augen, was sich im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts zugetragen hatte: Genau eine solche Offenbarung, wie er sie hier charakterisiert, nämlich eine neue Menschwerdung jenes übermenschlichen Menschheitslehrers, der - nach den Berichten der Evangelien - in Jesus als Mensch auf Erden wandelte, wurde in den Jahren, da Rudolf Steiner im Rahmen der Theosophischen Gesellschaft wirkte, von der Präsidentin derselben, Annie Besant, als eine neue, in dem damaligen Inderknaben Alcyone als "Krishnamurti" zur erwartende Gottesoffenbarung vorverkündigt und durch Begründung der Gemeinschaft des "Sterns im Osten" vorbereitet. Steiner lehnte dies aufs entschiedenste ab als eine "falsche Prophetie", als "Aberglauben", - was seine Trennung von der Theosophischen Gesellschaft, genauer: seinen Ausschluß aus dieser zur Folge hatte. Gegenüber der "Helle" unserer Welt, das heißt: unserem wissenschaftlichen Zeitalter, mußte er sie als "Wahnsinn" charakterisieren. Am Beginne seines Wirkens hatte das Ringen um eine Erkenntnistheorie und die Begründung einer Erkenntnislehre gestanden, durch welche Erkenntnis als geistiges Sichverbinden mit der vollen Weltwirklichkeit aufgewiesen wurde. Dieser Aufweis erfolgte nich durch logische Argumentationen, sondern durch volle Bewußtmachung des Erkenntnisaktes. Es ging Steiner um Erkenntnis und um nichts als Erkenntnis in dem soeben genannten Sinne - gegenüber dem damaligen Ersterben derselben in Agnostizismus. Das Sichverbinden mit der vollen Weltwirklichkeit bedeutete zufolge dieser Erkenntnislehre die Verbindung sowohl mit ihren sinnlichen Erscheinungen als auch mit ihrem geistigen Wesen. Und durch die volle Bewußtmachung desselben verstärkte es sich zugleich in bezug auf das geistige Wesen der Welt, das gegenüber ihren (S155) sinnlichen Erscheinungen gänzlich ins Dunkel versunken war. So konnte Steiner in weiterer Folge dann der Sinnes- oder Naturwissenschaft als Ergänzung eine übersinnliche Forschung oder Geisteswissenschaft gegenüberstellen. Es ging also um Wissenschaft als wirkliche Erkenntnis, durch die zugleich neue, höhere Erkenntnisfähigkeiten erübt und betätigt wurden. Damit aber entwickelte sich das Erkennen zu einer völlig neuen Art von Offenbarung, durch welche der Inhalt der letzteren zugleich zum Erkenntnisinhalt wurde. Beides schmolz in eins zusammen.

   Hiervon hatte Jaspers keine Kenntnis genommen; sonst hätte er die von ihm zitierten Sätze nicht so formulieren können, wie er es getan hat. Denn außerdem berücksichtigte er auch nicht, daß, wenn schon - wie er behauptet - "der Offenbarungsbegriff allein der biblischen Religion angehört", bereits die Bibel - als ganze genommen - drei verschiedene Offenbarungen unterschied: Wovon das Alte Testament als der paradiesischen Uroffenbarung Gottes an den Menschen berichtet, war die dem Urmenschen naturhaft zuteilgewordene Offenbarung des weltschöpferischen Vagtergottes. Was die vier Evangelien des Neuen Testamentes beinhalten, ist die Offenbarung des Sohnesgottes durch seine Menschwerdung in der geschichtlichen Gestalt Jesu Christi. Zu dieser kommt als dritte Offenbarung die des Heiligen Geistes hinzu, die Christus seinen Jüngern für die Zukunft in Aussicht stellte. Unmittelbar nach seiner Himmelfahrt setzte sie bereits ein im Pfingstgeschehen. Und da das Christentum als die Religion der Geschichte, der Zeit (Oscar Cullmann: Christus und die Zeit) sich wesenhaft auf das Werden der Menschheit bezieht und auf die Zukunft, ja auf das Ende der Geschichte ausgerichtet ist, so war das Pfingstereignis als der Anfang dieser Entwicklung zu verstehen, die erst in der Zukunft ihren Höhepunkt erreichen wird. Wenn oben erwähnt wurde, daß die katholische Kirche die der christlichen Religion innewohnende Dynamik dadurch ablähmte, daß sie das Gottesreich, zu dem das Golgathageschehen den Grund gelegt hatte, als in ihr bereits für immer verwirklicht behauptete, so tat sie ein Gleiches auch dadurch, daß sie sich in ihrem "Lehramt" als vom Heiligen Geiste erleuchtet betrachtete und deshalb für die dogmatischen (S156) Fixierungen ihrer päpstlichen Oberhäupter die Unfehlbarkeit in Anspruch nahm. Dem stellte schon am Beginn des 13. Jahrhunderts Joachim da Fiore auf Grund der von der Heiligen Schrift unterschiedenen drei Offenbarungen die drei Zeitalter des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes entgegen, welche die Menschheit im Verlauf der Geschichte durchschreitet, und prophezeite für eine damals schon nahe Zukunft den Anbruch des dritten Zeitalters. Es werde als die neue, die Offenbarung des Heiligen Geistes ein neues Evangelium, das "evangelium aeternum" bringen, das bis ans Ende der Zeiten fortdauere und deshalb nicht mehr in einer Schrift fixiert zu werden braucht. Und das Medium dieses künftigen Evangeliums werde die "intelligentia spiritualis" sein, - die spiritualisierte Intelligenz, die sich dann zur Fähigkeit der Erkenntnis der Geistwelt erhoben haben wird. Also genau das, was in Rudolf Steiner sich erstmals voll verwirklicht hat.

   Im 19. Jahrhundert griff Schelling in seiner "Philosophie der Offenbarung" diese Gedanken Joachims in etwas veränderter Form wieder auf, indem er innerhalb des Christentums selbst drei Entwicklungsphasen: die petrinisch-katholische, die paulinisch-reformierte und die künftige johanneische unterschied; die letztgenannte charakterisierte er dahin, daß es dann "Gegenstand allgemeiner Erkenntnis geworden, nicht mehr das enge, verschrobene, verkümmert, verdürftigte der bisherigen dogmatischen Schulen, noch weniger das in armselige, das Licht scheuende Formeln notdürftig eingeschlossene, ebensowenig das zu einem Privatchristentum zugeschnitzelte sein wird, sondern erst wahrhaft öffentliche Religion - nicht als Staatsreligion, nicht als Hochkirche, sondern als Religion des Menschengeschlechts, das in ihm zugleich die höchste Wissenschaft besitzt." Schon Jahrzehnte vorher hatte er in einer Abhandlung "Über das Wesen deutscher Wissenschaft" geschrieben: "Wiedergeburt der Religion durch die Wissenschaft, dieses eigentlich ist die Aufgabe des deutschen Geistes, das bestimmte Ziel aller seiner Bestrebungen. Nach der notwendigen Zeit des Übergangs und der Entzweiung nehmen wir dieses durch die religiöse Revolution eines früheren Jahrhunderts begonnene Werk an eben dem Punkte auf, wo es verlassen wurde. Jetzt fängt die Zeit (S157) der Vollführung und Vollendung an." Auch da also wieder die Prophetie einer unmittelbar bevorstehenden neuen Erscheinungsform des Christentums!